Titel
The Fabric of the City. A Social History of Cloth Manufacture in Medieval Ypres


Autor(en)
Stabel, Peter
Reihe
Studies in European Urban History (1100–1800) (59)
Erschienen
Turnhout 2022: Brepols Publishers
Anzahl Seiten
278 S.
Preis
€ 94,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jacqueline Turek, Lehrstuhl für mittlere Geschichte, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

Die zu rezensierende Monographie des an der University of Antwerp lehrenden und forschenden Historikers Peter Stabel reiht sich thematisch nahtlos in seine bereits publizierten Werke zur (Wirtschafts-)Geschichte der Benelux-Staaten im Mittelalter ein.[1] Im Fokus der vorliegenden Publikation steht das bedeutende spätmittelalterliche Textilgewerbe der flämischen Stadt Ypern. Der Untersuchungszeitraum vom Ende des 13. Jahrhunderts bis zu Beginn der frühen Neuzeit um 1500 basiert auf dem Fehlen von früh- und hochmittelalterlichen Quellen und auf Yperns Wirtschaftsgeschichte selbst: Die flämische Stadt galt im 13. und 14. Jahrhundert als europäisches Produktions- und Exportzentrum für wollene Luxustextilien. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts nahm ihre wirtschaftliche Bedeutung aufgrund von konjunkturbedingtem Wandel rapide ab, sodass Ypern am Ende des 16. Jahrhunderts die Rolle eines bloßen Verwaltungs- und Gewerbezentrums für das Hinterland einnahm.

Trotz Yperns wirtschaftlicher Relevanz für die mittelalterliche Textilindustrie in Europa bekam sie bislang wenig Aufmerksamkeit von der geschichtswissenschaftlichen Forschung. Umfangreichere Werke zu Yperns mittelalterlichem Textilgewerbe stammen vornehmlich aus dem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert.[2] Die aktuellere Forschung in diesem Bereich fokussiert sich primär auf Städte wie Gent, Antwerpen oder Brügge und thematisiert vornehmlich kaufmännische Wirtschaftstätigkeit oder die Bedeutung technologischer Innovation für die Textilherstellung.[3] Eine große Forschungslücke besteht daher im Bereich der Sozialhistorie flämischer Textilstädte, welche Stabel mit seiner vorliegenden Fallstudie zu schließen intendiert.

In seinem Werk stellt Stabel Fragen nach der konjunkturellen Anpassungsfähigkeit kaufmännischer sowie unternehmerischer Strategien sowie nach den Beziehungen zwischen den verschiedenen Gruppen von Arbeitnehmenden und Arbeitgebenden. Um die Ergebnisse zu kontextualisieren, nutzt der Autor Verweise auf und Vergleiche mit anderen Textilstädten in Flandern wie auch in Europa. Die zugrundliegende Quellenauswahl zur Beantwortung der Forschungsfragen ist aufgrund der Zerstörung vieler belgischer Archive im ersten Weltkrieg begrenzt und besteht vornehmlich aus spätmittelalterlichen Stadtrechnungen, Steuerlisten, zünftigen und städtischen Reglements sowie lokalen Chroniken.

Zu Beginn gibt Stabel mit einer kurzen Einleitung einen Einblick in Yperns Geschichte als Textilstadt, reißt kurz den aktuellen Forschungsstand an, verweist auf die bereits erwähnte Quellenproblematik und stellt zum Abschluss detailliert sein Vorgehen in den einzelnen Kapiteln im Hinblick auf seine Forschungsinteressen vor. Das erste inhaltliche Kapitel beinhaltet sodann eine detaillierte Beschreibung des Zyklus‘ von Blüte und Verfall des Yperner Textilgewerbes mit besonderem Fokus auf die Neuausrichtung auf Produktion und Export von Luxustextilien im 14. Jahrhundert.

Des Weiteren beleuchtet Stabel zum einen die Einführung des horizontalen Webstuhls als Auftakt zur Produktion von luxuriösen Textilien und als Grundlage für die Verschiebung der Tätigkeit des Webens vom häuslich-weiblichen in den zünftig-männlichen Arbeitsbereich Ende des 13. Jahrhunderts. Zum anderen analysiert der Autor das große soziale Ungleichgewicht, welches mit Aufblühen der zünftigen Textilbranche in Ypern geschaffen worden ist: Eine kleine, vermögende Elite stand einer großen Anzahl von mittellosen, ungelernten Arbeiter:innen gegenüber. Die schmale Mittelschicht bildeten Weber (welche z. T. auch als Tuchhändler:innen tätig waren), Walker und Färber.

Nach diesen grundlegenden ersten Kapiteln widmet sich Stabel konkreten Akteuren innerhalb von Yperns Tuchindustrie, nämlich den Unternehmern, Kaufleuten und Tuchhändler:innen, bis hin zu den ungelernten, unzünftigen Arbeiterinnen. Der Autor stellt in diesem Zuge detailliert und ausführlich den Bedeutungsverlust der vermögenden kaufmännischen Oberschicht in Bezug auf den eigentlichen Produktionsprozess dar. An ihre Stelle traten im Verlauf des 13. und 14. Jahrhunderts die aufstrebenden Tuchhändler:innen, welche die Organisation und Koordination des zünftigen Handwerks übernahmen. Jedoch verweist Stabel darauf, dass Kaufleute und Unternehmer als Finanziers und politische Führungsschicht trotz allem durchgängig einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Gewerbe hatten.

Die folgenden Kapitel dienen der Darstellung und Beschreibung von personalen Strukturen und Beziehungen sowie einzelnen Produktionsstadien. Die Grundlage hierfür bildet die Analyse städtischer und zünftiger Statuten. Besonderes Augenmerk legt Stabel auch hier auf die Rolle der Tuchhändler:innen, welche innerhalb der Tuchproduktion oftmals zwei verschiedene Interessensgruppen zur gleichen Zeit vertreten mussten: Zum einen die der zünftigen Handwerker (stammten sie doch selbst zumeist aus der Weberzunft und betrieben eine eigene Werkstatt), zum anderen die der kapitalistisch-orientierten Händler.

Auch den Tuchhändlerinnen sowie den ungelernten, unzünftigen Arbeiterinnen in der Wollaufbereitung widmet Stabel seine Aufmerksamkeit. Er diskutiert Zugangsmöglichkeiten sowie Limitierung weiblicher Tätigkeit in Textilhandel und -produktion Yperns. Besonders stellt er hier das Berufsethos der Zünfte heraus, welche Frauen nur in prestigelosen Arbeitsprozessen zuließen, die keinen Einfluss auf den Wert des Endproduktes besaßen.

Den Abschluss bildet zum einen eine kleinteilige Analyse der Vielzahl an geringeren und größeren wirtschaftspolitischen Revolten in Ypern im Hinblick auf den Erfolg und Misserfolg der einzelnen Interessengruppen. Die großen Gewinner sind für den Autor die Tuchhändler:innen. Zum anderen schließt Stabel seine Ausführungen mit einem geschichtlichen Ausblick auf den wirtschaftlichen und politischen Bedeutungsverlust Yperns zu Beginn der Frühen Neuzeit. Der Autor stellt diesen in den Zusammenhang mit der Abwanderung der kapitalstarken Oberschicht und der Uneinigkeit zwischen den verbliebenden Akteur:innen der Textilbranche.

Mit diesen Gedanken schließt Stabels Werk zur Yperner Textilindustrie, welches seinem sozialhistorischen Anspruch und seinen Forschungsinteressen in Aufbau und Inhalt gerecht wird und somit einen wichtigen Beitrag zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Benelux-Staaten leistet. Zwar fehlt ein klares Schlussfazit am Ende, jedoch beantworten die jeweiligen Kapitel mit ihrem Schwerpunkt auf einzelnen Akteur:innen die Fragen nach Beziehungsgeflechten, Erfolgen und Strategien innerhalb des sich ständig in Bewegung befindender Textilindustrie. Die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der einzelnen Gruppen sind für Stabel die Basis für Yperns wirtschaftliche Erfolgsgeschichte im 13. und 14. Jahrhundert. Besonders hervorzuheben ist zudem die Leistung des Autors trotz problematischer Quellenlage neue und gehaltvolle Ergebnisse zu erzielen. An mancher Stelle jedoch kommt es zu auffälligen inhaltlichen Redundanzen, welche beim partiellen Lesen einzelner Kapitel von Vorteil sind, beim Rezipieren der gesamten Monographie aber den Lesefluss stören.

Die letzten Seiten des Buches füllt ein umfassendes Quellen- und Literaturverzeichnis, welches zum einen durch seine Multiperspektivität auf die Thematik an sich sowie durch eine Referenzialität auf anderen europäischen Textilmetropolen überzeugt. Besonders hilfreich für fachfremde Interessierte zeigt sich ferner das angehängte Glossar, welches Fach- und Quellenbegriffe aus der Textilindustrie Yperns erläutert und somit den Inhalt der Fallstudie Stabels einfacher zugänglicher macht.

Anmerkungen:
[1] Véronique Lambert / Peter Stabel (Hrsg.), Golden times. Wealth and Status in the Middle Ages in Southern Low Countries, Tielt 2016; Peter Stabel, The Move to Quality Cloth. Luxury Textiles, Labour Markets and Middle Class Identity in a Medieval Textile City. Mechelen in the Late Thirteenth and Early Fourteenth Centuries, in: Bart Lambert / Katherine Anne Wilson (Hrsg.), Europe's rich fabric. The consumption, commercialisation, and production of luxury textiles, Farnham 2016, S.159–180; ders., Guilds in late medieval Flanders: myths and realities of guild life in an export-oriented environment, in: Journal of Medieval History 30,2 (2004), S. 187–212.
[2] Z. B. Napoleon De Pauw, Ypre jeghen Poperinghe angaende den verbonden. Gedingstukken der XIVe eeuw nopens het laken, Brüssel 1899; Isidore Diegerick, Les drapiers yprois et la conspiration manquée. Épisodes de l’histoire d’Ypres (1428-1429), in: Annales de la Sociéte d’Emulation de Bruges 14 (1855–1856), S.285–310; Henri Pirenne, Une crise industrielle au XVIe siécle: la draperie urbaine et la „nouvelle draperie“ en Flandre‘, in: Bulletin de l’Academie royale de Belgique. Classe des Lettres 5 (1905), S.489–521.
[3] Beispielsweise Simone Abraham-Thisse, Le commerce des draps à Bruges au Moyen Âge, in: André Vandewalle (Hrsg.), Les marchand de la Hanse et la banque des Médicis. Bruges, marché déchanges culturels en Europe, Oostkamp 2002, S.65–72; John H. Munro, The Symbiosis of Towns and Textiles: Urban Institutions and the Changing Fortunes of cloth Manufacturing in the Low Countries and England, 1270-1570, in: Journal of Early Modern History 3 (1999), S.1–74; Joroen Puttevils, Merchants and trading in the sixteenth century: the golden age of Antwerp, London 2015.

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