J. Bradley: Voluntary Associations in Tsarist Russia

Cover
Titel
Voluntary Associations in Tsarist Russia. Science, Patriotism, and Civil Society


Autor(en)
Bradley, Joseph
Erschienen
Anzahl Seiten
366 S.
Preis
€ 49,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörg Hackmann, Historisches Institut, Universität Greifswald

Dass der Zusammenhang zwischen freiwilligen Vereinigungen und Zivilgesellschaft auch für Russland eine relevante Forschungsfrage ist, darauf hat Joseph Bradley bereits vor einigen Jahren in einem viel beachteten Aufsatz in der American Historical Review hingewiesen.[1] Sein neues Buch stellt nun ohne jeden Zweifel einen eminenten Beitrag zur russländischen und europäischen Geschichte des langen 19. Jahrhunderts dar. Bradley knüpft darin sowohl an die Renaissance Tocquevilles als auch an die politischen Zuschreibungen an, die nichtstaatliche Assoziationen im östlichen Europa seit den 1980er-Jahren erfahren haben. Im Falle Russlands spricht gegen einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Vereinskultur vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhunderts und zivilgesellschaftlichem Handeln im ausgehenden 20. Jahrhundert allerdings nicht nur das weitestgehende Verschwinden freiwilliger Assoziationen in der Sowjetunion, sondern auch die Einengung des Handlungsspielraums für zivilgesellschaftliche Initiativen in den letzten Jahren.

Insofern liegt es nahe, dass Bradley zunächst traditionelle Einschätzungen referiert wie die von der Schwäche gesellschaftlicher Selbstorganisation im Zarenreich, die sich, eingezwängt zwischen Autokratie und Radikalismus, nicht entfalten konnte. Daraus auf die Nichtexistenz oder Irrelevanz freiwilliger Vereinigungen im Zarenreich zu schließen, führe jedoch, so Bradley, in die Irre. Stattdessen konstatiert er, dass die Fähigkeit zur Unterdrückung der Vereinigungen durch die zarische Administration in der Historiographie übertrieben wurde. Eine gründliche Betrachtung sei selbst für die Hochphase freiwilliger Assoziierung im späten Zarenreich bislang kaum versucht worden. Insofern müsse es zunächst ein Ziel seiner Darstellung sein, die Geschichte der Vereinigungen im Zarenreich vor dem historiographischen Vergessen zu bewahren (S. 2). Dieser Anspruch ist weniger pathetisch, als es auf den ersten Blick scheinen mag, beschreibt er doch die faktische Ausgangslage für die historische Forschung und zugleich einen Ansatz, der auch für andere Regionen im östlichen Europa sinnvoll ist, da Untersuchungen zur Vereinskultur bislang weniger dem gesamtgesellschaftlichem Phänomen galten, sondern aus begrenzten thematischen, ethnischen oder regionalen Blickwinkeln vorgenommen wurden.

Begrenzt ist freilich auch Bradleys Studie; ihr Fokus liegt einerseits auf gelehrten Gesellschaften und andererseits auf den Interaktionen zwischen diesen Assoziationen und staatlichen Institutionen. Dies begründet er damit, dass die Gesellschaften gleichsam „Juniorpartner“ des Staates (S. 13) waren und große Aufmerksamkeit seitens staatlicher Institutionen und Beamten fanden, so dass die Beziehungen zwischen Zivilgesellschaft sowie Staat und Öffentlichkeit dort deutlicher hervortreten als bei anderen Vereinen.

Bradley konzentriert sich auf drei Themenfelder: Wissenschaft und angewandtes Wissen, Patriotismus sowie den Einfluss der Vereinigungen auf die Öffentlichkeit. Er untersucht insbesondere Entstehung, Funktionsweise und Selbstverständnis der Vereinigungen und geht dabei ausführlich auf die Rolle von Vereinsstatuten und ihre Doppelfunktion ein, einerseits die Voraussetzungen zur Genehmigung durch die Obrigkeit zu erfüllen und andererseits Regeln für demokratische Verfahrensweisen im Innern aufzustellen. Dagegen spielen die Spannung zwischen universalem Anspruch und exklusiver Praxis, aber auch Geselligkeit als kulturellem Phänomen jenseits der Vergemeinschaftung von Fachleuten für Bradley nur eine untergeordnete Rolle. Die Entwicklung der Assoziationen periodisiert er mit den Zäsuren 1812, 1855 und 1891, wichtiger ist hier aber noch seine Beobachtung, dass das Vorgehen Alexanders I. gegen Geheimgesellschaften und die Herrschaft Nikolaus’ I. zu keinem Einbruch in der Vereinssphäre führten, sondern gerade gelehrte Gesellschaften sich in dieser Phase entfalten konnten. Diese stehen folglich in höherem Maße als gesellige Vereinigungen oder Freimaurerlogen für die Kontinuität zivilgesellschaftlichen Handelns im Zarenreich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts.

Bradleys Studie gliedert sich in sechs Kapitel. Das erste enthält einen instruktiven vergleichenden Blick auf Russland und Europa im 19. Jahrhundert und arbeitet heraus, dass sich der Umgang staatlicher Behörden mit dem Vereinswesen im Zarenreich nicht prinzipiell von den übrigen Teilen Europas unterschied. Die Frage nach Freiräumen für Vergesellschaftungen unter widrigen, nicht-demokratischen Bedingungen in Europa beschränkt sich somit für das 19. Jahrhundert keineswegs auf Russland. Ähnliches gilt auch für die Frage nach den politischen Wirkungen unpolitischer Assoziationen. Hier betont Bradley, dass sich die Zivilgesellschaft vor allem dann entfaltete, wenn sie politische Aktivitäten vermied, die die staatliche Autorität infrage stellen konnten. Wenn er von mehr als 10.000 Assoziationen im Zarenreich spricht, so scheint das allerdings angesichts der Tatsache, dass sich schon allein in den Ostseeprovinzen etwa die Hälfte dieser Zahl nachweisen lässt, eher symbolischer Natur denn Ergebnis detaillierter Forschung zu sein.

In den vier folgenden Kapiteln konzentriert sich Bradley auf ausgewählte Gesellschaften in St. Petersburg und Moskau. Mit Blick auf die Anfänge des Assoziationswesens hebt er den Einfluss westeuropäischer Vorbilder hervor, etwa der der “Freien Ökonomischen Gesellschaft” (Wolnoe Ekonomitscheskoe Obschtschestwo) und der Russischen Geographischen Gesellschaft (Rossijskoe Geografitscheskoe Obschtschestwo). Eine Mittlerrolle nahmen hier Gelehrte aus den russischen Ostseeprovinzen ein, insofern kann man gewissermaßen von einem „baltischen Weg“ gesellschaftlicher Entwicklung sprechen.

Wenn es in diesen Gesellschaften stets auch um patriotische Einstellungen ging, so führte das ab den 1820er-Jahren zu mehreren Konfliktlinien: Plastisch herausgearbeitet wird das für die “Russische Geographische Gesellschaft”, wo Auseinandersetzungen um eine stärkere russische Orientierung in Debatten über den Einfluss des Vorstandes innerhalb der Gesellschaft ausgetragen wurden. Zudem führte die Politisierung der Arbeit der “Freien Ökonomischen” wie der “Geographischen Gesellschaft” im Umfeld der Reformen Alexanders II. und des Januaraufstands in Polen dazu, dass beide in Konflikt mit den Zentralbehörden gerieten.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreiterte sich die gesellschaftliche Basis gelehrter Assoziationen. Damit verschoben sich auch die Akzente: Es ging nun weniger um eigene Forschungen als vielmehr um die Popularisierung von Wissenschaft und angewandtem Wissen durch Publikationen, Ausstellungen und Museen, wie Bradley am Beispiel der “Gesellschaft der Freunde der Naturkunde” (Obschtschestwo Ljubitelei Estestwosnanija) erläutert. Am Moskauer Polytechnischen Museum, das Bradley als Zusammenspiel von Zivilgesellschaft und Staat darstellt, zeigt sich zugleich, dass die Orientierung an europäischen Vorbildern in der Epoche des Nationalismus und Imperialismus nun zur Betonung des russischen Charakters führten.

In der Tätigkeit der “Russischen Technischen Gesellschaft” (Rossijskoe Technitscheskoe Obschtschestwo), erhielt die Organisation eine Öffentlichkeit, die in der Vortragstätigkeit der Gesellschaft über die Vereinsmitglieder herausging. Insbesondere seit Beginn der 1890er-Jahre hatte dies eine politische Dimension und führte zu zahlreichen Konflikten mit staatlichen Organen, die nun ihrerseits versuchten, das Vortragswesen zu kontrollieren und auf die Ziele der jeweiligen Vereinigung zu fixieren. Ihren Höhepunkt erreichten diese Auseinandersetzungen vor der Revolution von 1905 in den 1861 von Nikolai Pirogow begründeten medizinischen Kongressen. Diese und andere wissenschaftliche Kongresse, die von gelehrten Assoziationen initiiert wurden, erweiterten deren Wirkungsbereich, indem sie die Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft intensivierten und zugleich ein Kommunikationsnetzwerk über das gesamte Zarenreich verbreiteten, das stets auch eine russisch-patriotische Dimension hatte. Diese Partnerschaft zwischen Staat und Zivilgesellschaft freilich beschränkte sich nur auf einen begrenzten Sektor der Zivilgesellschaft im Zarenreich – auf reichsweite Vereinigungen und weniger auf Vereine vor Ort. Namentlich für die westlichen Randbereiche ließe sich zeigen, dass die Distanz zwischen Vereinen und Staat im Laufe des 19. Jahrhunderts zunahm. An die Stelle einer emotionalen Bindung zu Zar und Imperium trat dort ein rationales Ausnutzen und Erweitern der rechtlichen Spielräume für die Entfaltung der Zivilgesellschaft.

Im Schlusskapitel kommt Bradley noch einmal auf die Relevanz des Konzepts der Zivilgesellschaft für Russland zu sprechen. Wichtiger als die Debatte um deren tatsächliche Wirkung sei die Frage nach den Motiven der beteiligten Akteure. Diese verortet er vor allem in der Durchsetzung von Werten wie Autonomie, Selbstverantwortung und Selbstverbesserung. Das führt zu der von Manfred Hildermeier aufgeworfenen Frage, wie weit die Zivilgesellschaft in Russland kam.[2] Gab es einen russischen Sonderweg, auf dem autokratische Intransigenz die politische Wirkung freiwilliger Vereinigungen begrenzte und damit eine revolutionäre Entwicklung erst einleitete? Die Ansicht, dass die Vereinskultur in Russland vor 1917 eine quantité négligeable sei, kann Bradleys Studie auf eindrucksvolle Weise widerlegen. Folglich kann sich die Antwort für Russland an der Debatte über den deutschen Sonderweg orientieren, wie Bradley in Anschluss an Geoff Eley andeutet (S. 271): Wenn die These eines deutschen Sonderwegs wegen der in Deutschland fehlenden Zivilgesellschaft letztlich nicht zu halten ist, so trifft ähnliches auch für Russland zu. Gerade in der Vereinskultur vor 1917 war das Zarenreich europäisch.

Anmerkungen:
[1] Joseph Bradley, Subjects into Citizens. Societies, Civil Society, and Autocracy in Tsarist Russia, in: American Historical Review 107 (2002), S. 1094-1123.
[2] Manfred Hildermeier, Rußland oder Wie weit kam die Zivilgesellschaft?, in: Manfred Hildermeier / Jürgen Kocka / Christoph Conrad (Hrsg.), Europäische Zivilgesellschaft in Ost und West. Begriff, Geschichte, Chancen, Frankfurt am Main 2000, S. 113-148.

Redaktion
Veröffentlicht am
02.09.2010
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag