A. Hilger (Hrsg.): Diplomatie für die deutsche Einheit

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Titel
Diplomatie für die deutsche Einheit. Dokumente des Auswärtigen Amts zu den deutsch-sowjetischen Beziehungen 1989/90


Herausgeber
Hilger, Andreas
Reihe
Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 103
Erschienen
München 2011: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
284 S.
Preis
€ 24,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gerhard Wettig, Kommen

Nachdem zur Vereinigung Deutschlands bereits 1998 ein umfangreicher Band mit Akten aus dem Bundeskanzleramt[1] und kürzlich eine Edition mit sowjetischen Dokumenten[2] erschienen sind, liegen nunmehr auch 49 Gesprächsprotokolle und sonstige Unterlagen aus dem Auswärtigen Amt veröffentlicht vor. Auf der Ebene der Außenminister fielen zwar nicht die grundlegenden Richtungsentscheidungen, doch wurden dort Beschlüsse über wichtige Details der Durchführung gefasst. Sowohl in den Zwei-plus-vier-Verhandlungen als auch in den Gesprächen namentlich zwischen Genscher und Schewardnadse, von denen hier Schlüsselprotokolle abgedruckt sind, spiegeln sich zudem in sehr eindrücklicher Weise die zwischenstaatlichen Entwicklungen wider, an deren – zu Anfang keineswegs absehbarem – Ende das allgemeine Einverständnis mit der Wiederherstellung der deutschen Einheit nicht nur unter demokratischem Vorzeichen, sondern auch im Rahmen der NATO stand. Erstmals in der Geschichte befand sich Deutschland im Konsens mit allen anderen Ländern und wurde durch die Eingliederung in das Bündnis und die europäische Integration der Isolationsgefahr enthoben, die ihm in der Vergangenheit zum Verderben geworden war.

Am Anfang der Dokumentensammlung steht die Feststellung Schewardnadses im Juni 1989, die Auflösung der NATO wäre zwar wünschenswert, lasse sich aber kaum durchsetzen. Seine Gedanken galten auch der Berliner Mauer: Langfristig könne sie nicht bestehen bleiben. Im September berichtete Botschafter Blech aus Moskau, dass sich das Verhältnis der UdSSR zur DDR deutlich verschlechtert habe. Wie es sich weiter entwickeln werde, hänge davon ab, ob man auch in Ost-Berlin Reformen einleiten und sich so um den Gleichklang mit dem Kreml bemühen werde. Wie der Diplomat betonte, war die Sowjetunion bereit, in Osteuropa alle daraus erwachsenden Konsequenzen zu akzeptieren, solange die Bindungen zu ihr und die Legitimität des bestehenden Regimes nicht in Frage gestellt würden. Weiter hieß es, die Bundesrepublik sei der einzige Staat im Westen, an dessen Kooperation man in Moskau wirkliches Interesse habe. Diese Feststellungen enthielten die Faktoren, die das Verhalten der UdSSR in der Vereinigungsfrage fortan bestimmten: die wachsende Entfremdung in den Beziehungen zur DDR, das Abrücken von der "Breshnew-Doktrin" und das primär wirtschaftlich begründete Bedürfnis nach Zusammenarbeit mit der westdeutschen Seite. Nimmt man noch hinzu, dass Gorbatschow schon seit 1985 größtes Interesse zeigte an der sicherheitspolitischen Kooperation mit den USA (die später die Vereinigungspolitik von Bundeskanzler Kohl entschieden unterstützten), dann wird von diesen Ausgangspunkten her klar, dass der Kremlchef zum Schluss trotz zunächst großen Widerstrebens gar nicht anders konnte, als dem auf die deutsche Einheit gerichteten Kurs zuzustimmen. Die Etappen, in denen dies geschah, sind aufgrund der hier vorgelegten Materialien des Auswärtigen Amtes gut zu verfolgen.

Die Dokumentation erscheint in Vorgriff auf die weit umfangreichere Quellenedition in der Reihe „Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland", deren Bände für 1989 und 1990 erst in etwa zehn Jahren zu erwarten sind und dann mit weit ausführlicheren Erläuterungen versehen sein werden. Die Annotationen des jetzt vorliegenden Bandes beschränken sich daher im Wesentlichen auf Formalien sowie inhaltliche Querverweise und Hinweise auf Angaben in anderen Dokumentenbänden. Wer die – sehr gut gegliederte und hervorragend edierte – Dokumentensammlung mit auch nur minimalen Vorkenntnissen in die Hand nimmt, kann auf diesem Wege zu allen erforderlichen Informationen gelangen.

Anmerkungen:
[1] Hanns Jürgen Küsters / Daniel Hofmann (Bearb.), Deutsche Einheit. Sonderedition aus den Akten des Bundeskanzleramtes 1989/90, München 1998.
[2] Aleksandr Galkin / Anatolij Tschernjajew (Hrsg.), Michail Gorbatschow und die deutsche Frage. Sowjetische Dokumente 1986-1991, München 2011 (von Joachim Glaubitz übersetzte und von Andreas Hilger mit Annotationen versehene deutsche Ausgabe der 2006 in Moskau erschienenen Publikation "Michail Gorbačev i germanskij vopros. Sbornik dokumentov 1986-1991gg.").

Redaktion
Veröffentlicht am
24.01.2012
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