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Titel
Das Menschenmögliche. Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur


Autor(en)
Giesecke, Dana; Welzer, Harald
Erschienen
Hamburg 2012: Körber-Stiftung
Anzahl Seiten
187 S.
Preis
€ 15,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sebastian Lotto-Kusche, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Autoren Harald Welzer und Dana Giesecke legen mit ihrem Buch einen weiteren Beitrag zur Debatte um die Zukunft der deutschen Erinnerungskultur vor. Der Begriff „Renovierung“ lässt erahnen, dass die gegenwärtige Erinnerungskultur bei den beiden Autoren stark in der Kritik steht. Harald Welzers Auseinandersetzung mit der Frage wie aus „normalen“ Menschen Massenmörder werden konnten[1], hatte in der wissenschaftlich-politischen Öffentlichkeit schon früher eine hohe Resonanz erzeugt. In einer geschichtswissenschaftlichen Besprechung von 2006 wurde unter anderem kritisiert, dass die „Konzentrationslager-Forschung“ ausgeblendet worden sei.[2] So sollte man auch in diesem Buch keinen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zum Thema erwarten.

Die vorliegende Publikation folgt einer Zweiteilung, wobei im ersten Teil (Kapitel I und II) Harald Welzer den Stand der Erinnerungskultur in der Bundesrepublik in kritischer Absicht kommentiert. Der zweite Teil (Kapitel III) wird von Dana Giesecke verantwortet, die hier das Konzept des „Hauses der menschlichen Möglichkeiten“ entwirft. Die Autorenschaft ist dennoch nicht immer klar ersichtlich.

Welzer begründet einleitend die vom ihm angemahnte Renovierung der Erinnerungskultur mit der „[…] Situation einer bis zur Erstarrung stabilen Gedenk- und Erinnerungslandschaft “ (S. 7). Dem gegenüber fordert er einen Bezug der Vergangenheit zur Zukunft ein, da diese sonst keinen Gebrauchswert habe (S. 15). Aktuell lernten die Kinder und Jugendlichen im Schulunterricht zu wenig über die „möglichen Zukünfte“ (S. 18). Weiter führt er seine Kritik gegen die Praxis der „Beschilderung der Republik“ (S. 20) und die Kultur der Reden, die sich bei Gedenkveranstaltungen zeige. Mit Volkhard Knigge wertet er dies als „historisch entkernte Frömmigkeit“ (S. 21) ab und setzt dagegen Untersuchungen etwa von Staas, der herausgefunden hat, dass sich Jugendliche zu einem nicht unerheblichen Prozentsatz genötigt fühlen, politisch korrekt und betroffen mit dem Thema Nationalsozialismus umzugehen (S. 22). Das erste Kapitel endet daher mit der Forderung, bei Jugendlichen ein Sensorium „für die Potenziale zum Guten oder Schlechten“ (S. 25) heraus zu bilden.

Das zweite Kapitel folgt der Frage, wie es die Nationalsozialisten geschafft haben, den gesellschaftlichen Relevanzrahmen schleichend zu verändern. Welzer begründet dies mit einem sich meist nicht besonders verändernden Alltag: „Eine Schule bleibt in ihren Funktionsbedingungen auch dann noch eine Schule, wenn der Lehrplan vorsieht, dass in Biologie auch Eugenik gelehrt wird.“ (S. 32) Daher verlangt er von der Erinnerungskultur, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie Gesellschaften „normativ umcodiert“ (S. 39) werden konnten und können. Weiter diskutiert er bedenkenswerte Studien und Befunde, nach denen die Ausgrenzung der Juden gar nicht als solche gesehen wurde, da sie per Definition nicht Teil der Volksgemeinschaft waren (S. 46).
Ein weiterer von Welzer diskutierter Aspekt ist das Ende der Zeitzeugenschaft. Der Autor wertet es als Freiwerden der Geschichte zum Gebrauch (S. 49) und hinterfragt zugleich den historischen und pädagogischen Wert von Zeitzeugen generell (S. 70).
Ein dritter kontroverser Argumentationsgang ist Christian Meier entlehnt[3], wenn Welzer danach fragt, warum die bundesrepublikanische Öffentlichkeit am Erinnern festhält und nicht ein sukzessives Vergessen, wie bei anderen geschichtlichen Menschheitsverbrechen auch, in Erwägung zieht (S. 52 f.). Auf der Grundlage all dieser genannten Argumente plädiert er für eine Veränderung der historisch-politischen Pädagogik, bei der Jugendlichen befähigt werden sollen, „Handlungsspielräume sehen zu lernen“ (S. 55), was eine sehr bedenkenswerte Überlegung darstellt.

Im zweiten Teil der Publikation entwickelt Giesecke zunächst die Position, dass es sich bei „kollektiven Gewalttaten in der Regel nicht um unerklärliche Eruptionen“ (S. 84) handele. Entsprechend sollte in der Erinnerungskultur zum Holocaust beachtet werden, dass es sich um einen komplizierten Prozess der Täterwerdung gehandelt habe, dessen soziale Figurationen gesondert untersucht werden müssten (S. 86f.). In der Folge wird Bezug auf das Milgram-Experiment genommen (S. 87f.).[4] Giesecke möchte in der historischen Bildungsarbeit verstärkt die Kenntnisse über dieses und weitere Experimente (z.B. Experimente zum Bystander-Verhalten) einführen und damit Retterverhalten während der NS-Zeit als eine mögliche Handlungsoption darstellen (S. 96). Deshalb votieren sie und Welzer für Lernorte neuen Typs, die positive Erfahrungen an historischen Beispielen deutlich machen (S. 99). Daraus ergibt sich die Idee eines „Hauses der menschlichen Möglichkeiten“, in dem Lernenden analog zu naturwissenschaftlichen Beispielen (wie etwa im Klimahaus Bremerhaven) die psychologischen Möglichkeiten menschlichen Verhaltens und Zusammenlebens experimentell nahe gebracht werden (S. 100; 110ff.). In diesem Haus soll es „um die Voraussetzungen und Bedingungen menschlichen Handelns, um das Wahrnehmen, Ausmessen und Nutzen von Handlungsspielräumen und um die sozialen Mechanismen und Bedingungen, die zu Irrtümern, Fehlentwicklungen und Katastrophen führen“ gehen (S. 118). Giesecke schwebt eine Verbindung von Darstellungen historischer Prozesse mit wissenschaftlichen Experimenten und Theorien vor (S. 156). Sie stellt zu Recht die Frage, wie bei Jugendlichen Zivilcourage entstehen soll, wenn sich die historisch-politische Bildungsarbeit auf das Grauen der Vernichtung konzentriert (S. 116). Beide, Giesecke und Welzer, gehen davon aus, dass die Hinwendung zu positiven wie negativen Eigenschaften menschlichen Verhaltens mehr emanzipatives Potenzial für die Zukunft enthält als die Beschäftigung mit dem Verbrechen (S. 179).
Mit der Übertragbarkeit von sozialpsychologischen Experimenten auf historische, komplexe Forschungsgegenstände haben sich allerdings Hans-Walter Schmuhl und Thomas Sandkühler bereits 1998 auseinandergesetzt.[5] Neben der Würdigung einiger Überlegungen für die „Täterforschung“ stellten die Autoren dabei kritisch fest: „Milgrams Experimente sind nicht umstandslos auf das ‚Dritte Reich‘ und seine Verbrechen übertragbar.“ Ebenfalls sei die historische Komplexität des Geschehens (leider) nicht in sozialpsychologische Theorien transferierbar, da „seine Befunde „[…] erst dann auf die Massenmorde des Regimes applizierbar sind, wenn dies mit einer universalistischen Perspektive geschieht“.[6] Diese grundsätzlichen Einwände sollten auch von den Autoren noch einmal bedacht werden.

Doch wie ist nun die vorgeschlagene Änderung der Arbeitsweise von (Ge-)Denkorten zu bewerten? Welzers Polemik gegen die lokalen Erinnerungsorte (S. 20f.) diskreditiert die Arbeit vieler Einzelprojekte, bei denen den Jugendlichen der Nationalsozialismus vor Ort besser bewusst wird, als dies bei zentralen Großausstellungen möglich ist. Aleida Assmann entgegnet Welzer in ihrem jüngsten Debattenbeitrag: „Tatsächlich sind die lokalen Gedächtnisorte, die aus zivilgesellschaftlichen Initiativen hervorgegangen sind und weiter hervorgehen, die wichtigsten und zugleich auch unscheinbarsten Praxisfelder der deutschen Erinnerungskultur.“[7] Man fragt sich zugleich, warum Welzer nicht auf neue Konzepte in der Gedenkstättenpädagogik eingeht, die mit einer Erzeugung von Betroffenheit nichts (mehr) zu tun haben.[8] Es spricht zwar einiges für ein „Haus der menschlichen Möglichkeiten“, wie es sich Welzer und Giesecke vorstellen, doch sollten minder komplexe Experimente im Fokus stehen, die nicht versuchen, ein historisches Gefüge abzubilden.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Harald Welzer, Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden, Frankfurt am Main 2005.
[2] Vgl. Tobias Bütow: Rezension zu: Harald Welzer, Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Frankfurt am Main 2005, in: H-Soz-u-Kult, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-1-135> (27.05.2014).
[3] Vgl. Christian Meier, Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns. Vom öffentlichen Umgang mit schlimmer Vergangenheit, München 2010.
[4] Im Experiment wurde verallgemeinernd die menschliche Bereitschaft untersucht, autoritäre Anweisungen zu befolgen, auch wenn sie dem Gewissen widersprechen. Vgl. Stanley Milgram, Das Milgram-Experiment. Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität, 14. Auflage, Reinbek 1997.
[5] Vgl. Hans-Walter Schmuhl / Thomas Sandkühler, Milgram für Historiker. Reichweite und Grenzen einer Übertragung des Milgram-Experiments auf den Nationalsozialismus, in: Analyse & Kritik 20 (1998), S. 3–26.
[6] Ebd. S. 19.
[7] Aleida Assmann, Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention, München 2013, hier S. 107.
[8] Vgl. etw. Barbara Thimm / Gottfried Kößler / Susanne Ulrich (Hrsg.), Verunsichernde Orte. Selbstverständnis und Weiterbildung in der Gedenkstättenpädagogik, Frankfurt am Main 2010.

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Veröffentlicht am
16.09.2014
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