D. Leupold (Hrsg.): Zwischen Gleichschaltung und Bombenkrieg

Titel
Zwischen Gleichschaltung und Bombenkrieg. Symposium zur Geschichte der deutschen Feuerwehren im Nationalsozialismus 1933-1945


Herausgeber
Leupold, Daniel
Anzahl Seiten
190 S.
Preis
€ 25,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kurt Schilde, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin

„Kaum eine Epoche hat die deutschen Feuerwehren derart geprägt, wie die Zeit des Nationalsozialismus. […] Eine Gesamtbetrachtung steht […] nach wie vor aus.“ Einen Schritt in diese Richtung zu gehen, sollte Ziel des Symposiums „Zwischen Gleichschaltung und Bombenkrieg“ zur Geschichte der deutschen Feuerwehren im Nationalsozialismus 1933–1945“ (S. 3) und des veröffentlichten Tagungsbandes sein (S. 3). Hierdurch wird eine neue Entwicklung sichtbar, sich zunehmend mit der „Feuerwehr unter dem Hakenkreuz“ zu befassen.[1] Es handelt es sich in der Regel um feuerwehrtechnische Publikationen und Festschriften zu Jubiläen. Solche Dokumentationen zeugen zwar oft von viel Fleißarbeit, aber selten von geschichtswissenschaftlicher Relevanz. In einer Darstellung zur Forschungs- und Literaturlage wird sogar der Vorwurf der „Nestbeschmutzung“ erwähnt, den Feuerwehrfunktionäre und -historiker gegenüber einem sich kritisch mit der NS-Feuerwehrgeschichte auseinander setzenden Historiker artikuliert haben.[2]

In der jüngeren Vergangenheit haben sich vereinzelt für ihre Geschichte engagierende Feuerwehrmänner – als Ruheständler und/oder „Laienhistoriker“ – der Geschichte des Feuerwehrwesens in der NS-Zeit angenommen. Sie setzen sich mit feuerwehrpraktischen Fragestellungen des Löschangriffs, dem Auszeichnungswesen und ähnlichen „unpolitischen“ Themen auseinander. Aber zunehmend wird auch der Weg der Feuerwehr ins „Dritte Reich“ aufgearbeitet. Dabei geht es vor allem für die Geschichte der Feuerwehr in der NS-Zeit wichtige Ereignisse: Die Brandstiftung des Deutschen Reichstages am 27. Februar 1933 (auf die z.B. in einer Sonderausstellung des Feuerwehrmuseums Berlin eingegangen wird[3]), die Entlassung von sozialdemokratischen und jüdischen Feuerwehrleuten[4], das Agieren (oder richtiger: Nichtagieren) der Feuerwehr bei Inbrandsetzungen von Synagogen und in jüdischem Eigentum befindlichen Gebäuden während der antijüdischen Pogrome im November 1938, das Gesetz über das Feuerlöschwesen vom 23. November 1938[5] sowie die Feuerwehr im Luftschutz während des Zweiten Weltkrieges.[6]

Das im Dezember 2012 in Köln stattgefundene Symposium zur Geschichte der Feuerwehren im Nationalsozialismus spiegelt das aktuelle Themenspektrum wieder: Im ersten Abschnitt wird in drei Referaten der Weg der Feuerwehr in die NS-Zeit beschrieben. Der Leiter des Feuerwehrmuseums Fulda Rolf Schamberger benennt in seinem Überblick „Es geschah mitten unter uns“ unter anderem die „Amtshilfe“ bei einer im März 1933 in Berlin durchgeführten Polizeirazzia: „Mit einer Feuerwehrleiter steigt man am schnellsten ein.“ (S. 9) Als zweiter Aspekt wird auf das Verhalten von Feuerwehrmännern bei den Novemberpogromen hingewiesen, welches von (der seltenen) Brandlöschung bis zur Beihilfe bei der Brandstiftung reichte. Schließlich warnt Schamberger vor Verallgemeinerungen: „Wir dürfen nicht von ‚der‘ Feuerwehr sprechen sondern von ‚den‘ Feuerwehren.“ (S. 18) Anschließend skizziert Günter Strumpf das durch Publikationen über den Reichstagsbrand weitgehend bekannte Agieren der Feuerwehren bevor Dieter Farrenkopf in einer biografischen Skizze auf das positive Beispiel des Hamburger Branddirektors Hans Rosenbaum (1880-1962) eingeht. Der Sozialdemokrat ist als „erkennbarer Gegner der Nationalsozialisten“ (S. 34) 1933 nach Denunziationen in den Ruhestand versetzt, aber weiterhin „von den Behörden schikaniert und überwacht“ (S. 31) worden. Leider hat sich Farrenkopf nicht entschließen können, die in der Personalakte „enthaltenen Fakten zu einer lückenlosen Biografie“ (S. 35) zu einer Lebensgeschichte des portraitierten Feuerwehrmannes auszuarbeiten.

Im zweiten Kapitel geht es zunächst um Aufbau, Aufgaben und Darstellung der Feuerwehren und insbesondere um die Umorganisation aufgrund veränderter (NS-)Gesetze. Mit der eher unbekannten Rolle der Feuerwehr in Konzentrationslagern befasst sich am Beispiel von Buchenwald Hartmut Stöpel. Die aus Häftlingen bestehende Lagerfeuerwehr sorgte nicht nur für den Brandschutz im eigentlichen Konzentrationslager, sondern auch im SS-Bereich und in den Produktionsanlagen. Dieses interessante Thema würde weitere Forschungsanstrengungen lohnen. Weitere Aspekte sind das Auszeichnungswesen der Feuerwehren und die Führung der freiwilligen Feuerwehren. Dieter Jarausch beschreibt in einer erneut biografisch angelegten Darstellung die Bedeutung von Walter Schnell und dessen Konzept der Dreiteilung des Löschangriffs. Den zweiten Themenbereich schließt eine Betrachtung des Herausgebers Daniel Leupold über „Die Feuerwehren unterm Hakenkreuz im Film“ ab. Er geht auf fünf Streifen ein, die Feuerwehren unter verschiedenen Blickwinkeln thematisieren: Ein 1937 für den Schulunterricht mit der Berliner Feuerwehr gedrehter Film zeigt z.B. Alarmierung, Ausrücken, Menschenrettung über Drehleiter, Löschangriff, Abseilen einer Person, Rückbau, Antreten und Abmarsch. In einem zwei Jahre darauf entstandenen Werbefilm wird unter anderem auf die Ausbildung der Hitler-Jugend-Feuerwehrschar Celle eingegangen, die auf den Kriegsdienst vorbereitet wird: „In harter Kriegszeit werden ihr in den Freiwilligen Feuerwehren, die zur Ordnungspolizei gehören, Dienst für die Landesverteidigung tun.“ (S. 102)

Im folgenden Abschnitt gehen zwei Historiker auf das Verhalten von Feuerwehrleuten bei den „Reichspogromnacht 1938“ genannten antijüdischen Ausschreitungen ein. Tobias Engelsing (Leiter der städtischen Museen in Konstanz) hat mit einer Sozialgeschichte der Freiwilligen Feuerwehr promoviert und für den Band einen bereits 1998 veröffentlichten Aufsatz über die Synagogenbrände und die Verdrängung jüdischer Feuerwehrleute beigesteuert.[7] Der Münsteraner Historiker Thomas Köhler (Villa ten Hompel) befasst sich schon seit einigen Jahren mit der „Tabuisierung der Erinnerung“ und „Feuerwehren als Pogromakteure am 9. und 10. November 1938“ (S. 113). Sein in den Band aufgenommener Text ist eine Überarbeitung eines 2009 veröffentlichten Aufsatzes.[8] Anhand ausgewählter „Tatorte aus dem Raum Westfalen-Lippe“ (S. 113) beschreibt er die Mitwirkung, „aber auch Versuche der Resistenz und des Eigensinns der Angehörigen der Feuerwehren bei Niederbrennungsaktionen von Synagogen während des Novemberpogroms 1938“ und kommt als Resultat seiner Recherchen zu dem Ergebnis: „Ohne die systematische Einbindung der Feuerwehren in den arbeitsteiligen Prozess der Pogromdurchführung, so die These, wäre das koordinierte reichsweite Niederbrennen von Synagogen in Innenstädten nicht möglich gewesen.“ (S. 113) Diese These sollte es wert sein, in einem umfassenden Forschungsprojekt überprüft zu werden.

Das letzte Thema bilden Luftschutz und Kriegseinsatz. Angesprochen werden die Luftschutzvorbereitungen in Braunschweig und die Rolle des örtlichen Branddirektors sowie die Geschichte der Feuerwehrregimenter im Zweiten Weltkrieg. Diese überörtlichen Einheiten für die Brandbekämpfung stammten überwiegend aus freiwilligen Feuerwehren.

Die in dem Tagungsband angeschnittenen Aspekte der Feuerwehrgeschichte in der NS-Zeit sollen und werden wohl auch zukünftig stärker in den Fokus der Forschung rücken. Rezeptionelle Analogien zu der in den vergangenen Jahren erfolgten Erforschung der Geschichte von Polizei und Wehrmacht sind ebenso unverkennbar, wie zu den Untersuchungen über deutsche Unternehmen in der NS-Zeit und Forschungsvorhaben zur Kontinuität bei Bundesministerien und anderen Institutionen.[9] Die in Fahrt kommende Aufarbeitung der Geschichte der Feuerwehr in der NS-Zeit scheint sich zu einem Thema der Zukunft zu entwickeln und dürfte die Nationalsozialismusforschung bereichern.

Anmerkungen:
[1] S. die Publikation eines „Heimatkundlers“: Matthias Blazek, Unter dem Hakenkreuz: Die deutschen Feuerwehren 1933–1945. Stuttgart 2009.
[2] Vgl. den „Bericht“ von Andreas Linhardt, Feuerwehr im Luftschutz 1926–1945. Die Umstrukturierung des öffentlichen Feuerlöschwesens in Deutschland unter Gesichtspunkten des zivilen Luftschutzes (Bericht 19 der Deutschen Brandschutzgeschichte der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes e.V. [vfdb]) Braunschweig 2002, S. 21.
[3] Jens-Peter Wilke (Redaktion), Der Reichstag brennt, Berlin 2013.
[4] Vgl. zur Entlassung eines „jüdischen Würzburger Feuerwehrkameraden“ den Beitrag des Leiters des Deutschen Feuerwehr-Museums Fulda: Rolf Schamberger, Feuerwehren im Nationalsozialismus, in: < http://www.dfm-fulda.de/30-ausstellung/PDF/Vortrag_Stolpersteine.pdf > (20.08.2013).
[5] Vgl. Linhardt (Anm. 2), S. 134ff.
[6] Siehe Linhardt (Anm. 2).
[7] Tobias Engelsing, Als der Kommandant den Benzinkanister brachte. Die Synagogenbrände 1938 und die Verdrängung jüdischer Feuerwehrkameraden aus den Wehren, in: Brandschutz / Deutsche Feuerwehr-Zeitung, 2/1998, S. 93–97.
[8] Thomas Köhler, Tabuisierung der Erinnerung. Der Novemberpogrom 1938 als Blinder Fleck in der Erinnerungskultur der Feuerwehr, in: Geschichte im Westen 24 (2009), S.73–97.
[9] Verwiesen sei nur auf die aktuelle Diskussion über die Studie zur Geschichte des Auswärtigen Amtes: <http://www.zeitgeschichte-online.de/themen/die-debatte-um-das-amt-und-die-vergangenheit> (02.12.2013).

Redaktion
Veröffentlicht am
21.01.2014
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag