Titel
Der SS-Sport. Organisation – Funktion – Bedeutung


Autor(en)
Bahro, Berno
Erschienen
Paderborn 2013: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
327 S.
Preis
€ 44,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Veronika Springmann, Berlin

2005 erschien Paula Diehls Studie zu den Körperbildern der SS-Männer. Ziel ihrer Studie war es, „die Mechanismen aufzuspüren, mit denen die NS-Körperbilder produziert wurden […].“[1] Sie machte den Körper als „primären Identifikationszugang für die SS“ aus, der als „Projektionsfläche für die Wünsche nach Kontingenzbewältigung, Leistungssteigerung und Vervollkommnung […] und die Verwirklichung einer Zuchtutopie“ diente.[2]

Berno Bahro legt nun eine umfassende Monographie vor, mit dem formulierten Ziel, „die Rolle und die Entwicklung des Sports innerhalb der SS“ zu erläutern, aber auch „Prozesse der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung“ zu erklären (S. 17). Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt, dass die Arbeit, gegliedert in sechs Kapitel, vor allem organisationsgeschichtlich angelegt ist. Im ersten Kapitel zeichnet er die Entstehung der SA und der SS nach, beschreibt dann im zweiten Kapitel die Anfänge eines „SS-Sports“ und dessen Ausgestaltung bis zum Kriegsbeginn. „Das leistungssportliche Streben der SS“ im Zuge der Vorbereitung der olympischen Spiele ist Thema des dritten Kapitels, während sich die folgenden exemplarisch mit dem Fechtsport und dem Reitsport auseinandersetzen. Diese Fallbeispiele sind durchaus gut gewählt, waren doch prominente SS-Führer wie Reinhard Heydrich persönlich im Fechtsport engagiert und besaß der Reitsport wegen den Einheiten der Reiter-SS eine gewisse Sonderstellung in der SS. Im letzten Kapitel steht der „SS-Sport im Zweiten Weltkrieg“ im Fokus.

Wie sich das SS-Sportkonzept entwickelte, erläutert Bahro im ersten Teil der Arbeit. Zwar habe es bereits ab 1933 eine „nationalsozialistische Sportideologie“ gegeben, auf der das Konzept aufbauen konnte, doch sei erst ab Ende 1934 eine eigene Sportkonzeption der SS erkennbar. Ein Rundschreiben des Chefs des SS-Amtes Curt Wittje vom November 1934 könne dabei, so Bahro, als „erstes Grundsatzprogramm“ gewertet werden. Zeitgleich stiftete Ernst Röhm das SA-Sportabzeichen und beflügelte damit ein an Wehrertüchtigung orientiertes NS-Sportkonzept, dass im weiteren Verlauf auch die SS adaptierte. Das 25-Punkte-Programm von Wittje erklärte die sportliche Erziehung zu einem politischen Akt. Der Grundgedanke bestand im Mannschaftseinsatz. Militärische und geistige Schulung, körperliche Ertüchtigung und „rassische Auslese“ sollten zu einer Einheit verbunden werden. Inwieweit jedoch die „Auslese“ immer auch die „Ausmerze“ beinhaltete, diskutiert Bahro aber nicht. Gerade angesichts des Urhebers dieses SS-Sportkonzeptes, der wegen seiner Homosexualität aus der SS ausgeschlossen wurde, wäre eine stärker akteurszentrierte oder biographische Perspektive möglicherweise erhellend gewesen.

Zu Recht verweist Bahro darauf, dass bereits in der Weimarer Republik Sport und Leibeserziehung als adäquater Ersatz für die militärische Ausbildung sowohl diskutiert als auch umgesetzt wurde. Wenn Bahro aber schreibt, dass das Konzept, „abgesehen von der Hervorhebung des ‚rassischen Gedankens frei von Besonderheiten‘ [blieb]“ (S. 81), mutete das merkwürdig an. Geht diese Annahme doch implizit davon aus, dass es keinen besonderen Zusammenhang zwischen Sport und Gewalt im Falle der SS gab.

Die Bedeutung des Sports, die auch Himmler ihm gab, habe sich in der SS nach 1937 immer stärker gezeigt, so Bahro. Die NSDAP-Sportgau- und Fachamtsleitungen wurden zunehmend von Mitgliedern der SS übernommen und die Zahl der SS-Sportgemeinschaften wuchs stetig an. Erst durch den Kriegsbeginn verlangsamte sich diese Entwicklung und die SS-Sportgemeinschaften stellten zum größten Teil ihre Aktivitäten ein. Das änderte sich jedoch wieder, nachdem Himmler im Dezember 1940 Heydrich zum „Inspektor für Leibesübungen beim Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei“ ernannte. Heydrich wurde damit nicht nur verantwortlich für die Durchführung aller Sportveranstaltungen, sondern erhielt außerdem ein Weisungsrecht gegenüber allen SS-Hauptämtern und ihren Mitarbeitern in Bezug auf den Sport. In der Folge forcierte Heydrich den Aufbau neuer SS-Sportgemeinschaften in den besetzten und annektierten Gebieten.

An dieser Stelle des Buches hätte man sich gewünscht, dass Bahro stärker den Fragen nachgegangen wäre, wieso Heydrich für dieses Amt gewählt wurde und was diese Wahl über die Bedeutung des Sports in der SS aussagt. Auch wäre ein Verweis auf die neugegründeten SS-Sportgemeinschaften im Umfeld der Konzentrationslager, insbesondere die „SS-Sportgemeinschaft Auschwitz“, angebracht gewesen. So bleibt die Frage offen, ob mit einer zunehmenden Etablierung von SS-Sportgemeinschaften in den besetzten Gebieten nicht auch der Versuch einherging, Alltag und „Normalität“ im Schatten der Massengewalt zu generieren. Sport war, und das zeigt das Engagement Heydrichs, ein wichtiges Thema für die SS, das angesichts des Krieges und der territorialen Expansion offensichtlich weit über die körperliche Ausbildung hinausging.

In Bahros organisationsgeschichtlicher Perspektive bleiben Fragen, wie Sport, Körper und Männlichkeit diskursiv verhandelt und konzeptionalisiert wurden, leider unbeantwortet.[3] Ganz unbestritten ist es Berno Bahro mit seiner quellengesättigten Untersuchung jedoch gelungen, die Organisation des Sports in der SS detailreich zu beschreiben.

Anmerkungen:
[1] Paula Diehl, Macht – Mythos – Utopie. Die Körperbilder der SS-Männer, Berlin 2005, S. 18.
[2] Paula Diehl, S. 160. Bereits Bastian Hein hat in seiner umfassenden Untersuchung über die SS, dem Sport in der SS ein Kapitel gewidmet, da Heinrich Himmler im Sport „eines der wichtigsten Erziehungsmittel“ sah (Bastian Hein, Elite für Volk und Führer? Die allgemeine SS und ihre Mitglieder 1925–1945, München 2012, Zitat S. 216).
[3] Siehe dazu Christopher Dillon, „Tolerance means weakness“. The Dachau School, Militarism, and Masculinity, in: Historical Research 86 (2013), S. 373–389.

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Veröffentlicht am
10.04.2014
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