V. Oswalt u.a. (Hrsg.): Klett-Perthes Atlas zur Weltgeschichte

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Titel
Klett-Perthes Atlas zur Weltgeschichte.


Herausgeber
Oswalt, Vadim; Rudolf, Hans Ulrich
Erschienen
Stuttgart 2011: Ernst Klett Verlag
Anzahl Seiten
559 S.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sven Ballenthin, Universität Erfurt

„Wer sich irgend wie mit historischer Geographie, mit Verfassungs- und Rechtsgeschichte beschäftigt hat, wird es bezeugen, dass jede seiner Untersuchungen ohne ein deutliches graphisches Bild der betreffenden Lokal-Verhältnisse unsicher in der Luft schwebte; er wird also dem Verfasser Dank wissen, dass er ihm die Mühe, ein solches Bild zu construiren in vielen Fällen völlig abgenommen, in andern durch seine Vorarbeit im hohen Grade erleichtert hat.“[1] Mit diesen vollmundigen Worten beschrieb 1873 der deutsche Historiker Heinrich von Sybel den eben in der 3. Auflage erschienen Historischen Atlas von Karl von Spruner, der erstmals ab 1848 bei Justus Perthes in Gotha herausgegeben wurde. Schnell erreichte dieses Werk große Popularität und wurde noch vor Putzger und Co. zum Standardwerk der historischen Kartographie in Deutschland.

In diese Fußstapfen versucht nun der Atlas zur Weltgeschichte des Ernst Klett Verlages zu treten. Der Name Perthes im Titel und der Verlagsort Gotha erinnern noch an das traditionsreiche Unternehmen, das mittlerweile in der Klettgruppe aufgegangen ist. Dem Herausgeberteam verdanken wir bereits den Taschenatlas Weltgeschichte, der mittlerweile in 6. Auflage[2] vorliegt. Doch wer meint hier lediglich den um einige Karten vermehrten und im Format gestreckten große Bruder wieder zu finden, der wird überrascht sein, denn eine ganze Reihe von Erweiterungen und Neuerungen kennzeichnen die Neupublikation. Weit über 80 Karten wurden zusätzlich aufgenommen oder komplett überarbeitet, was schließlich fast zu einer Verdoppelung des Inhaltes führte. Davon profitiert insbesondere die Darstellung der frühen Hochkulturen und der außereuropäischen Regionen.

Mit einem Vorwort oder einleitenden Erklärungen halten sich Herausgeber und Verlag nicht lange auf, sondern verweisen ganz im Sinne Sybels darauf, dass „das Handeln einzelner Menschen oder das von Gemeinschaften in der Geschichte allein durch eine zeitliche Dimension nachzuvollziehen“ nicht einfach ist. „Vor allem deshalb, weil auf der Erde gleichzeitig ablaufende Prozesse regional meist völlig andere Ausprägungen hatten. Deshalb bedient sich dieses kompakte Standartwerk zusätzlich der Visualisierung von geographischen Veränderungen und kombiniert so auf prägende Weise Raum und Zeit.“ (S. 3)

Inhaltlich gliedert sich der Atlas dann ganz klassisch in sieben große Epochen: Vor- und Frühgeschichte, Altertum bis ca. 500, Mittelalter 500 bis ca. 1500, Frühe Neuzeit 1500 bis 1789, Neuzeit 1789–1918, Zeitgeschichte 1918–1945, Zeitgeschichte seit 1945.

Doch lassen sich über den zweiten Teil des Inhaltsverzeichnisses die Karten ebenso regional erschließen. Nach einer übergeordneten globalen Gruppe (Erde) folgen die Kontinente, die wiederum in Einzelregionen zerfallen können. Damit ist die angekündigte zeitliche und räumliche Ausprägung des Atlas’ bereits in seiner Strukturierung sichtbar.

Für den äußeren Aufbau des Kartenwerkes schöpft der Verlag aus seinem reichen Erfahrungsschatz mit topographischen Atlanten. Leitfarben kennzeichnen die jeweiligen Epochen und erleichtern die Orientierung. Überhaupt spielt Farbe eine zentrale Rolle bei der Gestaltung der einzelnen Karten. Ihre sinnvolle Auswahl und Gruppierung bringt Übersichtlichkeit in die bisweilen recht verwirrenden politischen oder religiösen Strukturen. Dass dabei wichtige Staaten immer wieder ins selbe Kolorit gesetzt werden, ist eine Praktik, die bereits im 19. Jahrhundert gebräuchlich wurde und bedarf keiner weiteren Erwähnung. Die wohl durchdachte Kartographie indes manifestiert sich mitunter in Kleinigkeiten. So sind Flussläufe zur besseren geographischen Orientierung verzeichnet, und doppelseitige Karten, deren Mittelteil zum Ärger des Benutzers meist im Bundsteg verschwindet, bleiben hier ohne Verlust lesbar.

Die Karte steht jedoch nicht allein; begleitet wird eine Jede von inhaltlich dazugehörigen Texten, die in sehr knapper, überblicksartiger Form Daten und Erläuterungen für die Leserin und den Leser bereitstellen und die trotz ihrer Kürze vollkommen ausreichend sind. Für weiterführende Informationen stehen dem vernetzten User Online-Links zur Verfügung, die neben den verlagsinternen Infoblättern eine ganze Reihe von Internetseiten bekannter Sammlungen, Museen, Bibliotheken und Archive bereithalten.

Das Hauptaugenmerk der Herausgeber liegt unverkennbar auf der historischen Entwicklung Mitteleuropas und Deutschlands, das ist man dem hiesigen Leser schuldig. Die allbekannten bunten Flickenteppiche des deutschen Territoriums durchziehen die Publikation wie ein roter Faden, vergleichbare englischsprachige Publikationen verzichten zumeist auf diesen Detailreichtum. Doch eben dieses Wirrwarr an Klein- und Kleinststaaten kennzeichnet über Jahrhunderte hinweg die deutsche Landschaft, die ohne akribisch ausgearbeitete Karten nicht vorstellbar ist. Nicht zuletzt erschließt ein 90-seitiges Register mit Personen, Schlagwörtern und Ortsnamen (mit ihren historischen und aktuellen Entsprechungen) den Atlas aufs Vortrefflichste.

Nur wenig bleibt zu kritisieren. Für den Historiker am meisten zu beklagen ist der fehlende Quellennachweis. Auch hätte eine kleine Bibliographie gerade für den nicht so internetaffinen Nutzer dem Werk gut zu Gesicht gestanden. Ob im digitalen Zeitalter ein klassischer Atlas wie dieser noch seine Berechtigung hat, wird an anderer Stelle zu diskutieren sein. Doch stellt die schwindende Kartenlesekompetenz gerade unter Schülerinnen und Schülern sowie unter Studierenden neue Herausforderungen an das Produkt. Dem begegnet der Klett-Verlag längst in seinen topographischen Kartenwerken mit einem „Atlasführerschein“, der vielleicht auch bald für historische Karten notwendig sein wird. Eine kurze Einführung in die historische Geographie würde schließlich das ganze Werk abrunden.

Insgesamt jedoch sticht dieses Kartenwerk schon aufgrund seines handlichen Formats und seiner überaus handwerklichen Akkuratesse die meisten seiner Konkurrenten mühelos aus dem Feld. Es ist ein hilfreiches Werkzeug für Lehrkräfte, Schüler und Studenten und ebenso ein nützliches Kompendium für den Geschichtsinteressierten. Mit dem Atlas zur Weltgeschichte belebt der Verlag erneut die rühmliche Perthes-Tradition der großen historischen Atlanten, denen Heinrich von Sybel bereits 1873 bescheinigte: „[…] dass mir selten eine Arbeit von gleich vollendeter Genauigkeit und Zuverlässigkeit vorgekommen ist.“[3]

Anmerkungen:
[1] Heinrich von Sybel, Historische Karten: Spruner’s Hand-Atlas für die Geschichte des Mittelalters und der neueren Zeit, in: Mittheilungen aus Justus Perthes’ Geographischer Anstalt, Bd. 19 (1873), S. 81–84, hier S. 81.
[2] Hans Ulrich Rudolf / Vadim Oswalt (Hrsg.), TaschenAtlas Weltgeschichte, 6. Aufl., Gotha 2010.
[3] Wie Anm. 1, S. 83.

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Veröffentlicht am
24.03.2014
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