M. C. Schneider: Wissensproduktion im Staat

Cover
Titel
Wissensproduktion im Staat. Das königlich preußische statistische Bureau 1860–1914


Autor(en)
Schneider, Michael C.
Erschienen
Frankfurt am Main 2013: Campus Verlag
Anzahl Seiten
467 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jochen F. Mayer, Centre Marc Bloch, Berlin

Einige jüngere Veröffentlichungen im nunmehr fest etablierten Forschungsfeld der Geschichte amtlicher Statistiken verfolgen den Anspruch, den bis dato dominanten Forschungszusammenhang von Staatsmacht und statistischer Zählung zu dezentralisieren, indem etwa nach der Rezeption statistischer Daten und Denkweisen gefragt oder die Rolle nicht-staatlicher datenproduzierender Institutionen in den Blick genommen wird.[1] Fragen nach Handlungsmustern und Methodenpräferenzen, anhand derer gouvernementale Macht Wirtschaft, Volk oder Gesellschaft statistisch repräsentierten und objektivierten, wurden ergänzt durch Analysen der Funktion numerischer Daten und statistischer Bilder in politischen Debatten, oder zur Vielgestaltigkeit statistischer Organisationsformen, die etwa auch in Gewerkschaften oder Versicherungsunternehmen zu finden waren.

Vorliegendes Buch holt die Statistikgeschichte wieder deutlicher zurück ins ‚Gehäuse‘.[2] Im Sinne einer Institutionengeschichte interessieren Schneider weniger Debatten, die bei der Interpretation statistischer Ergebnisse auf der Seite der Rezipienten in Nationalökonomie, Medizin oder Bevölkerungswissenschaft aufkamen, sondern die Amtsroutinen, wissenschaftlichen Paradigma, Professionalisierungsbestrebungen und Zählpraktiken, die den Produktionsprozess statistischer Daten innerhalb einer „Behörde sui generis“ (S. 12) beleuchten.

Durch den Fokus auf die personalen, wissenschaftlichen und administrativen Beziehungsverhältnisse zur staatlichen Verwaltung rückt der Autor seine Entstehungsgeschichte statistischen Wissens (wieder) näher ans Zentrum staatlicher Herrschafts- und Souveränitätsbestrebungen. Gestützt auf die Bestände des Königlich Preußischen Statistischen Bureaus, des preußischen Innenministeriums – dem das Bureau untergeordnet war –, sowie der Reichskanzlei und einer Vielzahl statistischer Fachpublikationen, zielt das Erkenntnisinteresse hier auf die Beamtenpolitik und die Politikformulierungen, die aus der preußischen Verwaltung auf das Bureau eingingen. Nachdem ein erster Teil die „Anatomie“ des Bureaus beleuchtet, indem auf seine Direktoren, die Personalentwicklung und Arbeitsfelder eingegangen wird, widmen sich zwei weitere Teile der Volkszählung als dem zentralen methodischen Praxisfeld der amtlichen Statistik, sowie der Organisation und Durchführung dreier bevölkerungsstatistischer Gebiete (Konfessions-, Sprachen- und Berufsstatistik), für die Schneider – das sei vorweggenommen – sehr schön zeigen kann wie die statistische Bearbeitung der jeweiligen Gegenstandsbereiche (Religiosität, Nationalität und Beruf) mit den zeitgenössischen Debatten zur konfessionellen Spaltung des Deutschen Reiches, zu Nationalismus und Industriekapitalismus interagierten.

Das Königlich Preußische statistische Bureau dient zwar nicht von seiner Gründung (1805), sondern vom Amtsantritt des langjährigen Direktors Ernst Engel (1860–1882) an bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges als trefflicher Untersuchungsgegenstand, vor allem deshalb weil das Bureau als statistische Beobachtungsinstanz des damals größten deutschen Flächenstaates eine herausragende Position einnahm und wichtige methodisch-praktische Impulse setzte. Bevölkerungsstatistische Fragestellungen standen neben der Gewerbestatistik sowohl hinsichtlich des Verhältnisses von staatlichen (Geld-)Investitionen zu produzierten Datenmengen, als auch der methodischen Profilierung und Innovation im Zentrum zeitgenössischer amtlicher statistischer Praxis und rechtfertigen damit den thematischen Fokus des Buches.[3]

Den Doppelcharakter der amtlichen Statistik, moralische, materielle und kognitive Ressourcen aus zwei Bereichen (Staat und Wissenschaft) zu beziehen, fasst Schneider systemtheoretisch. Statistiker – Statistikerinnen scheinen für den Untersuchungszeitraum nicht vorzukommen – und ihre Produkte operierten dieser Lesart zufolge primär in ihrer eigenen Welt. Was als ‚objektives‘ Wissen galt und was nicht, oder welche Daten wie veröffentlicht werden sollten, kollidierte dabei allerdings ständig mit den Steuerungs- und Informationskontrollbestrebungen der preußischen Verwaltung, auf deren Machtmonopol und Infrastruktur die Statistiker sich wiederum verlassen mussten, wenn es um die Finanzierung und praktische Durchführung großer statistischer Projekte ging, wie etwa im Fall der großangelegten Volkszählungen. Diese der ‚Wissensproduktion im Staat‘ eingeschriebenen Systemdifferenzen zwischen dem, was wissenschaftlich möglich, und verwaltungstechnisch notwendig bzw. erlaubt war, ziehen sich durch das gesamte Buch, und zeichnen sich verantwortlich für die Entwicklungsgeschichte des Bureaus, wobei Schneider durchweg die den Verwaltungsansprüchen entgegenstehende „Eigenlogik“ (etwa S. 345) statistischer Praxis betont.

Ob Schneiders Entscheidung für ein Luhmannsches Instrumentarium seiner Argumentation dienlich ist, darf aufgrund der systemtheoretischen Annahme von strukturellen Scheidungen zwischen Systemen bezweifelt werden, zumal er sich einer Reihe zusätzlicher Theorieelemente bedienen muss, um das komplexe Verhältnis von amtlicher Zählpraxis und behördlicher Interessenpolitik in den Griff zu bekommen.[4] Doch er kann etwa am Beispiel der Sprachenstatistik plausibel aufzeigen, wie spezifische Erhebungsanforderungen von Seiten der Statistiker, Mehrsprachigkeit statistisch abzubilden, die antipolnische, repressive Sprachenpolitik der Regierung konterkarierte (S. 303f.). Auch im Falle der drei großen Berufszählungen im Deutschen Kaiserreich, für die man aufgrund der zur Verhandlung stehenden Kranken-, Unfall- und Invaliditätsversicherung eine besondere Einflussnahme der Ministerialbürokratie Preußens und des Reiches annehmen konnte, kann Schneider überzeugend darlegen, dass für die Organisation und Durchführung der Zählungen die Verlässlichkeit der Methodik (Vergleichbarkeit der Ergebnisse und Vertrautheit der Begrifflichkeiten auf den Zählbögen) viel entscheidender war, als der parallel laufende Gesetzgebungsprozess (S. 343f.).

Dass zeitgenössische Statistiker selbst oft jenseits des ‚Gehäuses‘ ihrer amtlichen Wissenschaft operierten, wird an den Versuchen Engels gezeigt, ‚die‘ Öffentlichkeit in die statistische Arbeit miteinzubeziehen (S. 157–190). Auch wenn der Öffentlichkeit im Prozess statistischer Wissensgenerierung keine systematische Aufmerksamkeit geschenkt wird, kann Schneider aufzeigen, wie Engel sich „Öffentlichkeit“ als „Ressource“ (S. 159; 182) für die statistische Praxis bewusst zunutze machte, indem er etwa mit der Gründung der ‚Zeitschrift des kgl. Preußischen Statistischen Bureaus‘ sowohl die akademische Statistik als auch die Verwaltungsöffentlichkeit für die Arbeiten des Bureaus interessiert wollte. Schneider interessiert sich wiederum für die Effekte von Engels Publikationstätigkeiten auf die Vorgänge innerhalb von staatlicher Verwaltung, indem sehr schön gezeigt wird, wie der Anspruch des Wissenschaftlers Engel, die statistischen Ergebnisse und die Methoden ihres Zustandekommens zu publizieren (etwa zum Zusammenhang von teuren Grundkrediten, Staatsschulden und preußischen Militärausgaben), mit den im preußischen Innenministerium und von Bismarck selbst vertretenen Staatsinteressen kollidierte.

Grundlegend noch sind Schneiders Ausführungen zur „Volkszählung als pädagogische Veranstaltung“ (S. 252). Hier wird gezeigt, wie sich wiederum Engel bemühte, das Bureau gegenüber den Adressaten statistischer Erhebungen – also insbesondere die Bevölkerung Preußens – zu öffnen, und zwar vor allem mittels neuer Erhebungsmethoden. Von der ‚centralisierten Methode‘ und der individuellen Zählkarte, die mittels Selbstzählung in den jeweiligen Haushalten ausgefüllt werden sollte (anstelle der vom Zähler ausgefüllten Haushaltslisten), erhoffte sich Engel größeres Vertrauen in die oftmals kritisch beäugte amtlich-statistische Praxis. Öffentliche Akzeptanz der Statistik – so die Einsicht Engels und seiner Nachfolger im Bureau – schuf verlässlichere Daten.

Schneiders Buch vermittelt einen faszinierenden Einblick in die Amtsroutinen einer großen statistischen Behörde vor 1914; die statistische Wissenschaft im preußischen Amt, so lässt sich resümieren, war wie vielleicht keine andere staatstragende Wissenschaft ihrer Zeit eingespannt zwischen den Interessen des Staates, der Personal- und Machtpolitik seiner Ministerien und den Ansprüchen der Amtsstatistiker, Wissenschaft zu betreiben. Neben einem eigenständigen Beitrag zur Verwaltungsgeschichte Preußens, liefert das Werk eine Vorgeschichte zu einer Reihe von Debatten, die die Zwischenkriegszeit mitbestimmen sollten (etwa das Verhältnis der Statistik zu Bevölkerungswissenschaft und Antisemitismus). Schneider betont allerdings stets das institutionelle Innenleben des Bureaus und lädt damit ein, den Beitrag der Statistiker zu diesen gesellschaftspolitischen Debatten sorgfältig zu prüfen. Die Ausführungen zur statistischen Verwaltungspraxis liefern eine Fülle an Details, deren historiographischer Wert sich über den Vergleich mit anderen Wissenschaftskulturen noch erhöhen lassen dürfte.[5] Und was man im Buch von der Welt jenseits der datenproduzierenden ‚Gehäuse‘ vermissen mag, wird über institutionengeschichtliche Tiefenbohrungen wettgemacht, etwa wenn Schneider die Arbeit der ‚statistischen Centralcommission‘ kritisch beleuchtet, mit der die vielfältigen statistischen Erhebungen in den Ressorts der preußischen Ministerialbürokratie koordiniert und letztlich zentralisiert werden sollten (S. 114f.).

An Schneiders Darstellung der ‚Disziplinierung‘ der Statistik als Wissenschaft in Deutschland (S. 202–214) wird deutlich, dass die Thematik für den Zeitraum bis circa 1860 durch Porters Arbeit eine gebührende wissenschaftsgeschichtliche Interpretation erhalten hat[6], für die Folgedekaden jedoch kaum Arbeiten vorliegen, weder zur Geschichte statistischer Denkweisen noch zur Sozialgeschichte des Feldes, seiner Akteure und Institutionen. Das tut nun Schneiders vorzüglicher Gesamtdarstellung keinen spürbaren Abbruch, da er sich vornehmlich um die Entwicklungen amtlicher Statistik kümmert, legt aber beträchtliche Forschungsdesiderata offen.

Anmerkungen:
[1] Tom Crook / Glen O’Hara (Hrsg.), Statistics and the Public Sphere. Numbers and the People in Modern Britain, c. 1800–2000, New York 2011; Sara E. Igo, The Averaged American. Surveys, Citizens, and the Making of a Mass Public, Cambridge 2007. Siehe allerdings schon Theodore M. Porter, Trust in Numbers. The Pursuit of Objectivity in Science and Public Life, Princeton 1995.
[2] Rüdiger vom Bruch, Wissenschaft im Gehäuse: Vom Nutzen und Nachteil institutionengeschichtlicher Perspektiven, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 23 (2000), S. 37–49.
[3] Das ändert sich mit dem Übergang zum 20. Jahrhundert, als auch in Deutschland die Wirtschaftsstatistik an Wichtigkeit gewann, wie insbesondere Adam Tooze zeigt in: Statistics and the German State, 1900–1945. The Making of Modern Economic Knowledge, Cambridge 2001. Will man Schneiders Buch historisch als Vorgängerwerk zu Tooze lesen, so entspricht der jeweilige thematische Untersuchungsschwerpunkt – Bevölkerungs- hier, Wirtschaftsstatistik dort – der historischen Konjunktur amtlich statistischer Praxis. Nichtsdestotrotz gibt es vielfältige Überschneidungen beider Werke, was sich auch in einigen kleinen, aber feinen Intervention und Berichtigungen Schneiders an Toozes Ausführungen ablesen lässt, insbesondere zu dessen pessimistischer Einschätzung der deutschen Berufsstatistik um die Jahrhundertwende (S. 376f.).
[4] Da finden sich Ludwig Flecks ‚Denkkollektiv‘ (S. 208), Kuhns ‚Paradigma‘ (S. 258), ein bisschen Latour (S. 172) und die Idee, großangelegte Volkszählungen im Sinne von Rheinbergers ‚Experimentalsystemen‘ (S. 349) zu fassen. Am Ende bleibt jedoch unklar, wie die verschiedenen Ansätze zueinander und zum allgemeinen Rahmen der Systemtheorie stehen.
[5] Siehe hierzu etwa Emmanuel Didier zu US-amerikanischen Agrar- und Arbeitsstatistiken in: En Quoi Consiste l’Amérique? Les Statistiques, le New Deal et la Démocratie, Paris 2009.
[6] Theodore M. Porter, The Rise of Statistical Thinking, 1820–1900, Princeton 1986.

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Veröffentlicht am
03.11.2014
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