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Titel
Der kritische Museumsführer. Neun Historische Museen im Fokus


Autor(en)
Pohl, Karl Heinrich
Reihe
bd edition
Erschienen
Schwalbach am Taunus 2013: Wochenschau-Verlag
Anzahl Seiten
271 S.
Preis
€ 19,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Torsten Poschmann, Braunschweigisches Landesmuseum

Mit „Der kritische Museumsführer“ veröffentlicht Karl Heinrich Pohl ein Buch, das als Leitfaden für einen gewinnbringenden Besuch historischer Museen dienen soll. Als Rüstzeug werden den Lesern Kriterien für eine nach didaktischen Maßstäben gelungene museale Geschichtspräsentation mit auf den Weg gegeben. Um deren Anwendung nachvollziehen zu können, werden von Pohl mit professionellem Blick neun ausgewählte Museen genauer auf die Erfüllung der genannten Kriterien hin untersucht.

Die Objekte der Untersuchung sind: das Deutsche Historische Museum in Berlin, das Haus der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, das Jüdische Museum in Berlin, das Haus der Geschichte in Baden Württemberg in Stuttgart, das Stadtmuseum Dresden, der Schauplatz Oberhausen des Museumskomplexes LVR Industriemuseum, das Museum der Arbeit in Hamburg sowie die virtuellen "Museen" Vimu (ein deutsch-dänisches Projekt aus Schleswig-Holstein und Süddänemark) und LeMo (ein Projekt des Deutschen Historischen Museums, des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik). Die ausgewählten Museen sollen einen Querschnitt durch die deutsche Museumslandschaft bilden, indem sie jeweils für einen bestimmten Museumstyp mit unterschiedlichen didaktischen Zugriffen stehen. Gleichzeitig haben bei der Auswahl aber auch Faktoren wie die Aktualität der Ausstellung, überregionales Interesse und nationale Bedeutung eine Rolle gespielt (S. 7). Positiv hervorzuheben ist an dieser Auswahl, dass sowohl die besucherstärksten historischen Museen als auch "kleinere" Häuser vorgestellt werden. Somit wird im Vergleich deutlich, dass eine ideale Geschichtspräsentation nicht nur mit der „Größe“ eines Hauses zusammenhängen muss. Da die gewählten Institutionen einen deutlichen Schwerpunkt in der neueren und neuesten Geschichte haben, wäre allerdings die Vorstellung von einem sich inhaltlich noch stärker unterscheidenden Museum wünschenswert gewesen.

Im ersten Kapitel "Historische Museen heute: Theoretische Überlegungen und praktische Konsequenzen" leitet Karl Heinrich Pohl unter Einbeziehung einschlägiger Fachliteratur zur Geschichts- und Erinnerungskultur sowie zur Kommunikationstheorie Konsequenzen für eine gute Praxis historischer Ausstellungen her. Die fachdidaktischen Überlegungen schließen die jüngere Fachliteratur ein und liegen damit auf der Höhe des aktuellen Forschungsstandes. Seine für die folgenden Ausführungen zentrale These lautet hierbei, dass die von Jörn Rüsen vorgeschlagenen Dimensionen der Geschichtskultur „Ästhetik“, „Politik“ und „Wissenschaft“[1] um eine vierte Dimension, nämlich die der „Vermittlung“ erweitert werden müssen, um die Rezipienten eines historischen Museums in vollem Umfang erreichen zu können (S. 21ff.). Die Betonung dieser besonderen Bedeutung der Vermittlung ist kein neues Phänomen.[2] Dass Pohl die Vermittlung allerdings ins Zentrum seiner kritischen Betrachtung rückt, stellt eine positiv hervorzuhebende Besonderheit des Buches gegenüber jenen Museumsführern dar, die beispielsweise die Qualität oder Exklusivität der Sammlungen in den Vordergrund stellen.

Die Kriterien, die Pohl für die Bewertung einer gelungenen historischen Ausstellung ansetzt, sind aus didaktischer Perspektive erstens die Kenntlichmachung der jeweiligen Fragestellung, zweitens die Herstellung eines Gegenwartsbezugs, drittens die Darstellung verschiedener Perspektiven, viertens die Darstellung und Erläuterung von Kontroversen in der Forschung, fünftens die generelle Wahrung eines offenen Geschichtsbildes, das heißt die Verhinderung einer zwingenden, eindimensionalen Interpretation, sechstens das Verbot, die Besucher durch die Macht der Bilder, Objekte oder Emotionen zu überwältigen sowie siebtens das Aufgreifen von konkreten Personen, insbesondere der "kleinen Leute"(S. 28ff.).

In den darauf folgenden acht Kapiteln untersucht der Autor die neun gewählten Beispiele (die virtuellen Museen werden in einem Kapitel gemeinsam behandelt). Dies geschieht jeweils unter einer zugespitzten Fragestellung, die er zum Teil aus den Leitbildern oder anderen Veröffentlichungen der untersuchten Häuser ableitet. Er überprüft damit die von den Ausstellungsmachern selbst gesteckten Ansprüche und Ziele auf deren tatsächliche Erfüllung. Die einzelnen Untersuchungen gliedern sich in mehrere Abschnitte. Bei einigen Museen geht Pohl auf die Vorgeschichte der Museumsgründung ein, sofern diese eine wesentliche Bedeutung für die gewählte Präsentationsform hatte. In allen Kapiteln stellt er eingangs die Themen und die Konzeption der Museen vor und formuliert didaktische Vorüberlegungen. Danach erfolgt jeweils ein Gang durch die Ausstellung, der je nach Größe der Präsentation von einem Überblick bis hin zu einem fast vollständigen Rundgang reicht. Dabei werden exemplarisch einige Bereiche oder Exponate ausgewählt, die Pohl äußerst detailliert, bis hin zu einzelnen Worten innerhalb der Raum- oder Objekttexte beschreibt. An diesen Stellen erfolgt dann jeweils die Einzelkritik der didaktischen Qualität.

Zwei Beispiele seien an dieser Stelle skizziert: Bei der Untersuchung des Jüdischen Museums in Berlin beschäftigt sich Pohl, begründet aus der Vorgeschichte des Hauses, intensiv mit der Gebäudearchitektur. Er leitet das Kapitel unter anderem mit der Frage ein, ob das Jüdische Museum als "Holocaustmuseum" gelten kann (oder muss). Da sich diese Frage ohne die Bewertung der Architektur nicht abschließend beantworten lässt, integriert er hier die Makroebene in seine kritische Analyse (S. 88–93 und S. 106–109). Beim Vimu hingegen, das völlig unabhängig von Raum ist, legt Pohl die Messlatte seiner Bewertung an die vom Vimu selbst erhobenen Ansprüchen von Offenheit, Multiperspektivität und Überwältigungsverbot an. Hier geht er sehr detailliert auf gewählte Beispiele ein, was angesichts der im virtuellen Raum theoretisch möglichen Informationstiefe angemessen erscheint (S. 214–231).

Bei aller geäußerten Kritik achtet Karl Heinrich Pohl bei sämtlichen Objekten darauf, neben verbesserungswürdigen Beispielen auch (besonders) gelungene Beispiele anzuführen. Trotz der notwendigen Reduktion bei der Auswahl der untersuchten Bereiche gelingt es ihm damit, ein sehr faires Bild der Ausstellungen zu zeichnen. Pohl bringt mehrfach zum Ausdruck, dass er das Potential von Museen als Geschichtsvermittler nicht nur schätzt, sondern mit diesem Buch einen positiven Beitrag zur Steigerung dieses Potentials beitragen will (S. 239 und 248). Tatsächlich hinterlässt die Lektüre nie einen negativen Eindruck, sondern regt zu eigenen Urteilen und damit zum Besuch der Museen an.

Pohls Kritik lässt sich leicht nachvollziehen. Dort, wo er eine bestimmte Information, das heißt eine Fragestellung, eine weitere Perspektive oder ein offenes Geschichtsbild vermisst, liefert er dem Leser (und den jeweiligen Ausstellungsmachern) die fehlenden oder zusätzlichen historischen Informationen nach und bietet Lösungen an. Im Innenteil des Buches, in dem die vorgeschlagene Museumsanalyse konkret angewendet wird, erwerben die Leser so nebenbei auch noch historisches Wissen.

Das formulierte Ziel des Buches besteht, wie eingangs genannt, aber nicht nur darin, dass die Leser die untersuchten Ausstellungen kennenlernen, sondern die Lektüre soll als Anleitung zum eigenen gewinnbringenden Besuch auch anderer historischer Museen dienen. Die allgemeine Anwendbarkeit wird dadurch unterstützt, dass im Buch viele Querverweise vorkommen, die auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen bestimmten untersuchten Museen vor- oder rückverweisen. Die daraus sich ergebenden Kontraste erleichtern wiederum den Vergleich mit anderen historischen Ausstellungen. Inwiefern das Ziel eines Besuches als "Fachmann" auf Augenhöhe mit den Museumsmachern (S. 242) erreicht werden kann, hängt jedoch wesentlich auch vom Besucher ab. Fraglich bleibt, ob es didaktisch und historisch weniger vorgebildeten Besuchern ohne die Kenntnis über das Vorhandensein einer weiteren Perspektive, einer weiteren Quelle oder einer weiteren Forschungsmeinung auffallen würde, das selbige fehlen? Wie Pohl selbst schreibt, bedarf es nicht nur eines reflektierenden Museumsmachers, sondern auch eines reflektierenden Besuchers (S. 243). Das Buch richtet sich daher eher an ein vorgebildetes Publikum als den allgemein interessierten Leser. Lesenswert ist der kritische Museumsführer für all diejenigen, die professionell mit historischen Ausstellungen und deren Vermittlung zu tun haben. Sie sollten sich dem hohen Anspruch eines "idealen" historischen Museums stellen und können dabei vom kritischen Blick Karl Heinrich Pohls sehr profitieren.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Jörn Rüsen, Was ist Geschichtskultur? Überlegungen zu einer neuen Art, über Geschichte nachzudenken, in: ders. u.a. (Hrsg.), Historische Faszination. Geschichtskultur heute, Köln 1994. S. 3–26, hier S. 11-17.
[2] Vgl. Deutscher Museumsbund e.V. und Bundesverband Museumspädagogik e.V. (Hrsg.), Qualitätskriterien für Museen: Bildungs- und Vermittlungsarbeit, Berlin 2008, S. 6.

Redaktion
Veröffentlicht am
08.12.2014
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