F. Krämer: Ein Zentaur in London

Cover
Titel
Ein Zentaur in London. Lektüre und Beobachtung in der frühneuzeitlichen Naturforschung


Autor(en)
Krämer, Fabian
Reihe
Kulturgeschichten 1
Erschienen
Affalterbach 2014: Didymos Verlag
Anzahl Seiten
436 S.
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Flemming Schock, Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

Fabian Krämers viel beachtete Dissertation lehnt sich gegen die Annahme einer ‚Wissenschaftlichen Revolution’ in der Frühen Neuzeit und damit gegen einen äußert hartnäckigen Ursprungsmythos der Moderne. Zwar wurde seit den 1990er-Jahren wiederholt jene Vorstellung relativiert, der zufolge sich die empirische Wende in den Wissenschaften des 17. Jahrhunderts von allen überlieferten epistemologischen Grundsätzen schlagartig verabschiedet und einen teleologischen Rationalisierungsprozess angestoßen habe. Trotz aller Brüchigkeit hält sich diese Einschätzung in der fortschrittsgläubigen Wissenschaftshistoriographie – verstanden als Naturwissenschaftsgeschichte – aber bis heute. Krämer räumt mit dieser verlockend „binären Sichtweise“ (S. 16) gründlich auf, indem er zweierlei zeigt: Erstens, dass die Praktiken der Naturforschung zwischen 1550 und 1750 die traditionelle Form gelehrten Wissenserwerbs – die (Buch-)Lektüre – nicht abrupt durch ‚revolutionäre’ Arbeitsweisen verdrängten. Vielmehr habe die Lektüre weiterhin einen „integralen Bestandteil der verschiedenen frühneuzeitlichen Ausprägungen des Empirismus“ (S. 21) dargestellt. Zweitens will Krämer die radikalen Veränderungen im naturkundlichen Diskurs über das Monströse ebenfalls nicht mehr als linearen, eindimensionalen Prozess der Naturalisierung verstanden wissen.

Ausgangspunkt des ersten Kapitels ist die bekannte Explosion naturkundlicher, medizinischer und philosophischer Drucke über Monstren um 1600. Kaum analysiert sei allerdings die „konkrete Textur“ (S. 36) dieser Publikationen. Krämer spürt häufig zirkulierenden Textbausteinen – er nennt sie „Faktoide“ – nach und rekonstruiert die textlichen und visuellen „Überlieferungsketten“ (S. 62). Mit Blick auf die Quellen wird dabei ein „komplexes Verhältnis“ (S. 50) prominenter Diskursgewichte wie Ulisse Aldrovandi zu bislang dominanten Autoren antiker Naturgeschichte sichtbar; deren Autorität sei zunehmend auf ein wesentlich diverseres Spektrum an Textsorten übergegangen, darunter auch chronikalische Literatur und Flugblätter. Sehr anschaulich zeigen die Analysen, wie sehr das Konzept von Autorschaft im späten 16. Jahrhundert noch in einer „kollektiven Erfahrung“ (S. 81) wurzelte, die individuelles Beobachtungswissen und textbasierten Empirismus kaum klar voneinander abgrenzte – auch wenn der Wert individueller Beobachtung zunehmend an Bedeutung gewann.

Dass die zeitgenössische Epistemologie damit „quer zum Deutungsangebot“ (S. 108) der ‚Wissenschaftlichen Revolution’ lag, präzisiert das zweite Kapitel exemplarisch an den gelehrten Lese- und Schreibpraktiken Ulisse Aldrovandis. Gerade in der Analyse der faszinierenden und von der Forschung bislang unberücksichtigten enzyklopädischen Sammlung an Lektürenotizen des Italieners veranschaulicht Krämer, dass die Naturgeschichte eher die Gesamtheit der textuellen wie visuellen Überlieferung zu kompilieren suchte, anstatt etwa einzelne Monstren vorschnell auszusortieren. Allerdings habe Aldrovandi in seiner gedruckten Naturgeschichte („Monstrorum Historia“, posthum 1642) sehr wohl zwischen „‚wahren’ und ‚falschen’ Faktoiden“ (S. 162) differenziert.

Kapitel drei diskutiert ergänzend die Ordnungsprinzipien monströser ‚Faktoide’ in naturkundlichen Texten und verneint dabei eine angeblich verbindende Agenda der Naturalisierung. Ausgehend von der mittlerweile „kritischen Masse“ (S. 226) der Monstren um 1700 vergleicht Krämer minutiös die „Informationsarchitektur“ (S. 191) und das programmatische Selbstverständnis der einflussreichen Monographien von Georg Schenck von Grafenberg („Monstrorum historia“, 1609) und Fortunio Liceti („De monstrorum natura“, 1616). Deutlich wird, dass beide Texte zwar die gleichen Quellen nutzten, sich in der Disposition des Wissens allerdings unterschiedlichen Zielsetzungen verschrieben: So sei es Schenck im Sinne des zeitgenössischen Aufstiegs der ‚historia’ um eine erfahrungsbasierte Aufbereitung anatomisch-zoologischer Monstren für die Leserschaft gegangen. Liceti hingegen habe in akademischer Systematisierung weiterführend auf eine Wissenschaft (‚scientia’) und Ursachendiskussion des Monströsen gezielt. In beiden Texten sei die Naturalisierung ehemals über- und außernatürlicher Phänomene letztlich allerdings nachrangig geblieben.

Während die Autoren des Monstren-Diskurses im frühen 17. Jahrhundert trotz aller Differenzen einem noch kompilativen Selbstbild nachhingen, zeigt das vierte Kapitel die folgenreiche Transformation des Autorbegriffs im Spiegel naturforschender Akademien. Im Mittelpunkt steht die 1652 gegründete „Academia Naturae Curiosorum“, die von der Forschung bislang ebenso stiefmütterlich behandelt wurde wie ihre Zeitschrift „Miscellanea Curiosa“ (seit 1670). Das Journal mit medizinischem Schwerpunkt enthielt überdurchschnittlich viele Monstren und lancierte, wie Krämer zeigt, einen fundamentalen epistemologischen Wandel, indem die Autoren ihre „auf autopischer Erfahrung beruhende Zeugenschaft“ (S. 257) seltener Naturphänomene erstmals systematisch von literarisch tradierter Beobachtung trennten. Krämer zeichnet auch die Widersprüche der gelehrten Beiträger nach – so sei das ‚richtige’ Studium der Monstren aus anatomischen Gesichtspunkten begrüßt worden, während sich zunehmend Vorbehalte gegen die populäre Omnipräsenz der Monstren und deren primär divinatorische Ausdeutung formulierten.

Wie das Schlusskapitel zeigt, verschärften sich die gelehrten Vorbehalte gegenüber einer fragwürdigen und „rastlosen Neugierde der Nicht-Gelehrten“ (S. 306) im 18. Jahrhundert weiter und grenzten ehemals kanonische Monstren – Mischwesen wie den Zentaur – „aus dem ‚Wahren’ der Naturforschung“ (S. 377) allmählich aus. Neben der fortschreitenden Abwertung von Wundern und curiositas habe diesen Prozess erstens die weiter veränderte Arbeitspraxis verantwortet: Naturforscher wie Albrecht von Haller hätten das vormals zentrale Buchwissen aus ihrer Epistemologie zwar nicht verabschiedet, im Gegenteil. Ihre Lektüre von Monstren sei jedoch „nicht mehr sammelnd, sondern kritisch selektierend“ (S. 307) verfahren. Zweitens habe sich weniger die empirische Beobachtung als das Selbstverständnis der jetzt ‚aufgeklärten’ Gelehrten verändert, das die überlieferten Monstren einseitig unter den Generalverdacht der Leichtgläubigkeit stellte. Ein Anhang von Universitätsdissertationen zum Thema Monstren sowie ein Namens- und Sachregister runden die Arbeit ab.

Krämers äußerst kenntnisreiche Studie verstärkt den revisionistischen Blick auf eine der letzten großen Erzählungen der Historiographie. Die Arbeit baut die einschlägigen Vorarbeiten ihrer Betreuer Lorraine Daston und Helmut Zedelmaier auf originelle Weise aus und widerlegt eindrücklich das simplifizierende Narrativ vom wissenschaftlichen Fortschritt hin zu einer rationalen Moderne. Zu bemängeln wären allein strukturelle Details: Die Kapitel sind zu kleinteilig geraten, mit zu vielen Vor- und Zurückverweisen und Wiederholungen. Eine leichte Straffung hätte dem sonst sehr leserlichen Text gut getan. Dessen ungeachtet ist die Arbeit ein wichtiger Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit. Überzeugend zeigt sie die gelehrten Lektürepraktiken als gleichberechtigten Baustein für eine differenzierte Geschichte des Empirismus.

Redaktion
Veröffentlicht am
05.07.2016
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