G. C. Spivak: Kritik der postkolonialen Vernunft

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Titel
Kritik der postkolonialen Vernunft. Hin zu einer Geschichte der verrinnenden Gegenwart


Autor(en)
Spivak, Gayatri Chakravorty
Erschienen
Stuttgart 2014: Kohlhammer Verlag
Anzahl Seiten
464 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Maren Möhring, Institut für Kulturwissenschaften, Universität Leipzig

1999 erschien Gayatri Chakravorty Spivaks „A Critique of Postcolonial Reason“ – eine Zusammen- und Weiterführung teils bereits publizierter Überlegungen einer der bekanntesten „Gründungsfiguren des Postkolonialismus“.[1] Das Buch löste, insbesondere nach einer im „London Review of Books“ erschienenen Kritik des britischen Literaturtheoretikers Terry Eagleton, der Spivak Obskurantismus vorwarf, eine heftige Debatte über Sprache und Kritik, Schreibstil und damit verbundene politische Agenden aus. Während Eagleton Spivaks marxistisch inspirierte Analysen globaler Ausbeutungsverhältnissen gut hieß, diese aber durch eine zu starke Verbundenheit mit Feminismus und Postkolonialismus gefährdet sah[2], hoben andere Autor/innen gerade die Produktivität einer Verknüpfung dieser Denkrichtungen hervor und betrachteten Spivaks mitunter sperrigen Stil als angemessene Form, die Widersprüche zwischen, aber auch innerhalb dieser Perspektiven zum Ausdruck zu bringen. Nur auf diese Weise – durch permanente kritische Re-Lektüren auch der eigenen Positionen – lassen sich die textuellen und (anderen) politischen Praktiken auf dem Feld der Postcolonial Studies einer fortlaufenden (Selbst-)Kritik unterziehen, auf die der Titel des Buches verweist.

15 Jahre später liegt nun erstmals das gesamte Buch in deutscher Übersetzung vor. Das Übersetzerteam begründet das Projekt mit der nach wie vor zu wenig beachteten deutschen Teilhabe am kolonialen Diskurs und Spivaks ausführlicher Auseinandersetzung insbesondere mit der deutschen Philosophiegeschichte. Wie der Titel „Kritik der postkolonialen Vernunft“ nahelegt, beginnt Spivak das Buch mit einer Lektüre von Kants „Kritik der Urteilskraft“. Hier wird bereits das durchgängige Thema des Buches entfaltet, nämlich das Verwerfen der – aus der Ethnologie bekannten und hier für Subalternität einstehenden – Figur des/der einheimischen Informanten/in im dominanten westlichen Diskurs einerseits und der Versuch andererseits, an dieser „(un)möglichen Perspektive“ im Sinne einer „mahnende[n] Erinnerung an Alterität“ (S. 343) zu arbeiten.

Inwiefern es „gerade die deutsche Philosophiegeschichte“ ist, „die bis heute die Spuren intellektueller Komplizenschaft mit kolonialen Machtverhältnissen weiterträgt“ (S. 7), wie die Übersetzer/innen in ihrem Vorwort herausstellen, wäre sicherlich genauer zu diskutieren. In jedem Fall aber wurde das Deutsche im 19. Jahrhundert zur wichtigsten Wissenschaftssprache in Europa und daher sind gerade auch die deutsche Sprache und die mit ihr verbundenen (nationalen) Traditionen auf ihre „strategischen Ausblendungen“ hin zu befragen (S. 13). Eine geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit ‚dem‘ kolonialen Diskurs kann auf eine solche Problematisierung auch heute noch nicht verzichten, auch wenn in den letzten zwei Jahrzehnten eine ganze Reihe postkolonial inspirierter Studien erschienen ist und die von Spivak (mit) angestoßenen Fragen in der Zwischenzeit ausführlich diskutiert worden sind.

Lesenswert ist das Vorwort der Übersetzer/innen auch deshalb, weil sie eingangs erörtern, warum eine Übersetzung niemals die einfache Reproduktion eines Textes sein kann, sondern diesen zwangsläufig transformiert – Vorüberlegungen, die bei der Übersetzung eines Buches von Spivak, die selbst als Übersetzerin, nicht zuletzt von Derridas „De la Grammatologie“ ins Englische 1976, bekannt wurde und theoretische Reflexionen über das Übersetzen verfasst hat[3], unabdingbar sind. Das Projekt einer deutschen Übersetzung eines englischen Textes über (unter anderem) deutsche Philosophie wird von den Übersetzer/innen als relationale (Kultur-)Hermeneutik und als „Mimikry-artige[s] Nachvollziehen eines Textes“ (S. 9) beschrieben und das Übersetzen damit an einer von Spivak geforderten Ethik des Lesens orientiert. Das impliziert nicht zuletzt, die Vielstimmigkeit des Textes (und auch der Perspektiven der Übersetzer/innen) nicht zu vereindeutigen, sondern zu erhalten. Spivak selbst unternimmt den Versuch, die ‚eigene‘ Vielstimmigkeit und Prozessualität des Denkens hörbar zu machen, indem sie den Fließtext in teils langen Fußnoten immer wieder kommentiert und wie eine Textilie weiterspinnt.

Das Buch gliedert sich in vier Kapitel, die sich – im besten Sinne interdisziplinär – mit den kolonialen Spuren in der (deutschen und europäischen) Philosophie, Literatur, Geschichte und Kultur und damit auch in der postkolonialen Theorie selbst befassen. Das Philosophie-Kapitel bietet höchst lesenswerte Auseinandersetzungen mit Kant und seiner Verwerfung des Ureinwohners, mit Hegels Konzeptionen von Europa und seinem Anderen sowie mit Marx’ Ausführungen zur asiatischen Produktionsweise und seinem Umgang mit Differenz. Der Analyse philosophischer Argumente und ihrer symptomatischen Ausblendungen folgt die Untersuchung von Figurationen (der Alterität) in der französischen und englischen Literatur des 19. Jahrhunderts, bei J. M. Coetzee und Mahasweta Devi, wobei in diesem Kapitel nicht zuletzt das Potential der literarischen Imagination für politische Alternativen jenseits von Identitätspolitiken ausgelotet wird. Das (vierte) Kapitel über Kultur zeigt die Verwobenheit von Kultur und politischer Ökonomie auf und fragt nicht zuletzt nach dem Zusammenhang von globalen Kapital-, Waren-, Informations- und Migrationsströmen und postkolonial-kulturwissenschaftlicher Wissensproduktion.

Im Folgenden soll lediglich das (dritte) Kapitel zur Geschichte mit seinem Fokus auf Archivmaterial und historischer Analyse genauer erörtert werden. Das Geschichtskapitel basiert in weiten Teilen auf überarbeiteten Versionen bereits publizierter Aufsätze und geht der Frage nach, wie durch eine veränderte Lektürepraxis den Ausblendungen des hegemonialen Narrativs über die Realität (in diesem Fall der britischen Kolonialerzählung über Indien) begegnet werden kann. Spivak adressiert damit ein in der kritischen Geschichtswissenschaft wohlbekanntes Problem und plädiert für eine trans- bzw. postnationale feministische Analyse- und Lesepraxis, die die agency von Subalternen/Frauen in (post)kolonialen Gesellschaften nicht auslöscht, sondern in ihrer spezifischen Situiertheit – (aber) jenseits einer Festschreibung kultureller Differenz – erkennbar werden lässt. Vehement grenzt sich Spivak dabei von einer nationalistisch-nativistischen Suche nach verlorenen Ursprüngen ab, die der „Axiomatik des Imperialismus“ nicht entkäme (S. 57). Sie warnt aber auch davor, das (akademische) Entziffern historischer Spuren als nun endlich hörbare Stimme der Subalternen zu verklären. Letztlich zeigt sie damit immer wieder die Grenzen der Geschichtsschreibung auf.

Abgesehen von dem überzeugenden Plädoyer für den Gang ins Archiv lässt sich das Kapitel – und das gilt letztlich für das gesamte Buch – als Aufruf zum genauen, immer wieder neu ein- und ansetzenden, ‚aktivistischen‘ Lesen historischer wie auch aktueller Dokumente verstehen. Im Wechsel zwischen empirischer Quellenarbeit und philosophisch-ethischer Reflexion („Verantwortung gegenüber der Spur des Anderen“, S. 203), die in actu vorgeführt wird, eröffnet sich ein komplexer, stark von literaturwissenschaftlich-dekonstruktiven Perspektiven geprägter Blick auf die historische Praxis[4], dem es um eine wechselseitige Supplementierung von Literatur(wissenschaft) und Geschichte/Geschichtsschreibung geht. Ein solcher Blick richtet sich vor allem auf die „Herstellung von Repräsentationen so genannter historischer Realität“ (S. 244), und zwar im Kontext eines beständigen Kampfes um derartige legitimierende Narrative. Dadurch wird nicht nur der Begriff der Quellenkritik erweitert, sondern auch die Bedeutung von Geschichte in und für die Gegenwart aufgezeigt, auf die der Untertitel des Buches „Hin zu einer Geschichte der verrinnenden Gegenwart“ verweist. Weder lässt sich der Kolonialismus als Vergangenheit beiseiteschieben noch lässt sich eine einfache Kontinuitätslinie von der kolonialen Vergangenheit in unsere Gegenwart zeichnen. Das von Spivak aufgezeigte intrikate Verhältnis zur Geschichte wird mit dem Begriff der Komplizenschaft belegt, die ihrer Ansicht nach problematisch und zugleich Voraussetzung jeglicher transformatorischer Praxis ist. Ihre mittels historischem, aber eben auch philosophischem, literarischem und kulturellem Material formulierte Kritik setzt genau dort an, nämlich bei ‚unserer‘ transnationalen Involviertheit und Komplizenschaft, die vor allem eines nötig macht – das Erlernen „transnationale[r] Fertigkeiten“ (S. 310), die der „sanktionierten Ignoranz“ (S. 171) westlicher Wissenschaften entgegenarbeiten und zu denen auch ein historisches Denken gehört, das sich nicht von einfachen Kausalitäten und vermeintlich klaren Chronologien leiten lässt. Auch wenn diese Überlegungen vielleicht keinen Neuigkeitswert mehr beanspruchen können, lohnt sich ein wiederholtes Nachdenken und -lesen, bei Spivak und anderen.

Anmerkungen:
[1] Miriam Nandi, Sprachgewalt, Unterdrückung und die Verwundbarkeit der postkolonialen Intellektuellen. Gayatri Charkravorty Spivak, „Can the Subaltern Speak“ und „Critique of Postcolonial Reason“, in: Julia Reuter / Alexandra Karnetzos (Hrsg.), Schlüsselwerke der Postcolonial Studies, Wiesbaden 2012, S. 121–130, hier S. 121.
[2] Terry Eagleton, In the Gaudy Supermarket. Review of a Critique of Post-Colonial Reason, in: London Review of Books 21/10 (1999), https://www.lrb.co.uk/v21/n10/terry-eagleton/in-the-gaudy-supermarket (16.02.2017).
[3] Gayatri Chakravorty Spivak, The Politics of Translation, in: Dies., Outside in the Teaching Machine, New York 1999, S. 179–200.
[4] Das betont auch Mieke Bal, Three-Way Misreading. Reviewed Work: A Critique of Postcolonial Reason. Toward a History of the Vanishing Present by Gayatri Chakravorty Spivak, in: Diacritics 30/1 (2000), S. 2–24, hier S. 4.

Redaktion
Veröffentlicht am
11.04.2017
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