M. Mälzer: Auf der Suche nach der neuen Universität

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Titel
Auf der Suche nach der neuen Universität. Die Entstehung der »Reformuniversitäten« Konstanz und Bielefeld in den 1960er Jahren


Autor(en)
Mälzer, Moritz
Reihe
Bürgertum. Neue Folge. Studien zur Zivilgesellschaft 13
Erschienen
Göttingen 2016: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
512 S.
Preis
€ 80,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nikolai Wehrs, FB Geschichte und Soziologie, Universität Konstanz

Die deutsche Zeitgeschichtsforschung schenkt der Geschichte des Hochschulwesens bisher eher wenig Beachtung. Nicht nur in den einschlägigen Gesamtdarstellungen, sondern auch in vielen Spezialstudien zu „1968“ taucht das Thema kaum in einigen Absätzen auf. Die Historische Bildungsforschung wiederum legt zwar immer wieder profunde Untersuchungen zur Universitätsgeschichte vor, doch sind diese allgemeingeschichtlich oft schlecht kontextualisiert. Im letzten Jahrzehnt sind jedoch einige Studien erschienen, die hier eine Brücke schlagen wollen. Wie gut sich die politisch-kulturellen Wandlungsprozesse der Bundesrepublik anhand der Geschichte ihres höheren Bildungswesens beschreiben lassen, haben vor allem Untersuchungen zu den „langen“ 1960er-Jahren (ca. 1958 bis ca. 1973) demonstriert: Vom Wirtschaftswunder über die Studentenbewegung bis hin zur „Tendenzwende“ bildet sich die gesellschaftliche Dynamik dieses Zeitraums in idealer Weise in der Hochschulgeschichte ab.[1]

Auch Moritz Mälzer wählt in dem zu besprechenden Werk (seiner bei Paul Nolte an der FU Berlin entstandenen Dissertation) diesen Untersuchungszeitraum und will, wie er in der Einleitung schreibt, dem „Aufruf“ zur Verortung der Universitätsgeschichte in einer „Zeitgeschichte unter den Vorzeichen der Wissensgesellschaft“ folgen (S. 17f.). Der Referent beim Wissenschaftsrat in Köln hat sich dafür der Universitätsneugründungen der 1960er-Jahre angenommen, die in besonderem Maße ein Experimentierfeld für die hochschulpolitischen Reformbestrebungen jener Jahre waren – wurden diese neuen Universitäten doch meist ohne direkte Vorgängerinstitutionen „vom Reißbrett“ geplant und gebaut. Mälzer konzentriert sich auf die Gründungsprojekte in Konstanz und Bielefeld, die zeitgenössisch am prononciertesten unter dem Label „Reformuniversität“ segelten. Doch werden auch die anderen Gründungen jener Jahre vergleichend in die Analyse einbezogen, insbesondere Bochum und Bremen.

Mälzers Buch umfasst (neben der Einleitung und einer knappen Zusammenfassung) sechs Kapitel. Bemerkenswert ist dabei die Gewichtung innerhalb des Untersuchungszeitraums. Das Schwergewicht liegt eindeutig auf der Frühphase der „Universitäts-Gründerzeit“ (S. 93). Die ersten beiden Kapitel (zusammen 150 Seiten) widmet Mälzer allein der Genese des Hochschulreformdiskurses nach 1945: von den ersten Reformimpulsen der Westalliierten bis zu den Konzeptionen der frühen 1960er-Jahren, von denen Mälzer insbesondere dem Gutachten des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS) von 1962 ungewöhnlich viel Beachtung schenkt. In Hinblick auf die universitäre Funktionstrias von Bildung, Ausbildung und Forschung, an der Mälzer seine Analyse orientiert, war dieser frühe Hochschulreformdiskurs noch klar von neuhumanistischer Bildungsrhetorik dominiert. Letztmals wurde hier stark auf die Erziehungsaufgabe der Universität abgestellt, wozu Hans Werner Rothe noch 1960 für die Bremer Gründung eine Art „Platonische Akademie“ mit gemeinsamen Wohnformen für Studenten und Dozenten ersann. Dieses Element verschwand später fast vollständig aus der Debatte, auch weil die Studenten es als patriarchalische Zwangsvergemeinschaftung ablehnten. Mälzer kommt in seinem Text dennoch immer wieder darauf zurück, und man meint eine leise Trauer über die Vernachlässigung der „lebensweltlichen Seite“ der Universität herauszuhören (S. 482).

In den Kapiteln 3 und 4 schildert Mälzer dann die Entstehungsgeschichte der Universitäten Konstanz und Bielefeld – genauer gesagt: ihre Planungsgeschichte, denn es ist die Arbeit der Gründungsausschüsse (1964/65 bzw. 1965–67), die im Fokus steht. Wie einmal mehr überdeutlich wird, war es vor allem der massive Druck der steigenden Studierendenzahlen, der den Hochschulreformdiskurs in den 1960er-Jahren aus seiner vornehmlich „rhetorischen Phase“ (so weiland polemisch Jürgen Habermas[2]) herausriss. Den in die hochschulpolitischen Entscheidungsprozesse involvierten Professoren (als Standesvertreter im Wissenschaftsrat oder als Gutachter der Landesregierungen) war angesichts der Entwicklung zur „Massenuniversität“ vorrangig daran gelegen, jenseits der überlaufenen „alten“ Universitäten neue Refugien für die Forschung aufzubauen. Wie Mälzer zeigt, wollte etwa Helmut Schelsky sein Konzept einer „theoretischen Universität“ zunächst ganz ohne Studenten, nämlich als außeruniversitäres „Center for Advanced Studies“, verwirklichen und ließ sich erst nach dem Scheitern entsprechender Anträge bei der Stiftung Volkswagenwerk als Planer für die Universitätsgründung in Bielefeld einspannen, wo das „deutsche Princeton“ dann bekanntlich im Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) Gestalt fand. In Bielefeld wie in Konstanz hieß „Reformuniversität“ für ihre professoralen Planer vor allem „Forschungsuniversität“ mit möglichst wenig Studenten und viel Freiraum für die Professoren. In Konstanz waren in ersten Konzepten nur 1500 Studenten vorgesehen, im späteren Planungsstadium wurden daraus immer noch bescheidene 3000. In Bielefeld sollten die Professoren nach Schelskys Idee jedes zweite Jahr „forschungsfrei“ bekommen (hatten dann allerdings in interdisziplinären Forschungsgruppen in Bielefeld zu arbeiten, was auch nicht die reine Lehre der Wissenschaftsfreiheit war/gewesen wäre). Alle anderen Reformaspekte wurden dem Forschungsprimat untergeordnet – was nicht heißt, dass nicht auch sehr erwägenswerte Vorschläge zur Reform der Lehre dabei waren, so in Bielefeld das von Schelsky angeregte (aber nicht verwirklichte) Klassengruppenprinzip. Während die Professoren für ihr Modell forschungsintensiver Prestige-Gründungen bei Landespolitikern durchaus Unterstützung fanden (beim Ministerpräsidenten Kurt Georg Kiesinger in Baden-Württemberg, beim Kultusminister Paul Mikat in Nordrhein-Westfalen), war es vor allem die Ministerialbürokratie in den Kultusministerien, die früh auf die Bremse trat und nüchtern einen Entlastungseffekt der Neugründungen einforderte. Die schärfste Kritik kam natürlich von den neidischen Professorenkollegen an den Alt-Universitäten, so von Wilhelm Hennis, der Konstanz und Bielefeld als „reinen Ausdruck deutscher Professorenideologie“ abkanzelte. „Modell-Universitäten“ seien sie höchstens dann, wenn 90 Prozent aller Studenten vom weiteren Studium ausgeschlossen würden (zit. Mälzer, S. 411f.).

Erst spät im Buch kommt Mälzer in der Zeit nach 1965 bzw. 1967 an, als die Arbeit der Gründungsausschüsse beendet war und ihre Konzepte sich in der konkreten Umsetzung bewähren mussten – wobei es dann auch in Kapitel 5 zunächst wieder um Pläne geht, nämlich um die eher kurzen Karrieren der Universitätsgründer Ralf Dahrendorf und Helmut Schelsky (nebst anderen) als Hochschulgesamtplaner. Mit rund 40 Seiten vergleichsweise knapp wird dann die Entwicklung der Universitäten Konstanz und Bielefeld im ersten Jahrzehnt nach ihren Eröffnungen (1966 bzw. 1969) abgehandelt. Mälzers Stichworte dazu lauten „Ernüchterung“, „Abschiede“ „Krisen“. Das hochschulpolitische Feld hatte seit Mitte der 1960er-Jahre und nochmals natürlich „1968“ eine politische Dynamik gewonnen, die der professorale Expertendiskurs der Vorjahre nicht vorhergesehen hatte. Die Entwicklung ging mit Rasanz über die Pläne der Gründer hinweg. Deutlich wird dies am Scheitern des ersten Konstanzer Rektor Gerhard Hess 1972 im Konflikt um die Frage der studentischen Mitbestimmung, die man im Gründungsausschuss noch komplett ignoriert hatte. Ihr gedachtes Alleinstellungsmerkmal als Forschungsrefugien verloren die „Reformuniversitäten“ ohnehin bereits 1968, als die DFG ihre Sonderforschungsbereiche einrichtete. Dennoch sieht Mälzer gute Gründe, den zeitgenössischen Eindruck eines Scheiterns der Reformgründungen in langfristiger Perspektive zu relativieren. Denn zum einen gibt er in Kapitel 6 einen Ausblick auf Universitätsgründungen der 1990er-Jahre, die sich etwa in Erfurt und an der privaten International University Bremen durchaus auch an den früheren Vorbildern orientierten. Zum anderen sind Konstanz und Bielefeld heute, 50 Jahre nach ihrer Gründung, unbestritten international renommierte Spitzenuniversitäten.

Die hier gegebene Zusammenfassung enthält daher auch einige Zuspitzungen des Rezensenten. Mälzer selbst liegt jede Polemik fern. Stets sachlich, klar argumentierend und immer sehr quellennah, führt er die Leser in aller Ausführlichkeit durch die Pläne der Planer, von Denkschrift zu Denkschrift, von Streitschrift zu Streitschrift. Insbesondere in Bezug auf die Auswertung der Akten der Gründungsausschüsse leistet er damit ein wichtiges Stück Grundlagenforschung. Man mag freilich einwenden, ob das nicht fast etwas zu viel Aufwand ist für so viele Pläne, die letztlich Makulatur blieben. Mälzers Interesse (auch seine Sympathie?) gilt in erster Linie dem abgeschirmten Expertendiskurs in der hochschulpolitischen Fachöffentlichkeit der 1950er und frühen 1960er-Jahre, bevor sich ab ca. 1964 die allgemeine Öffentlichkeit des Diskursfeldes bemächtigte und es in Turbulenzen stürzte. Vielleicht aber hätte er seine Planer „am Reißbrett“ doch stärker mit der sozialen Realität konfrontieren und im Aufbau seiner Untersuchung die Phase nach der Eröffnung der Neu-Universitäten stärker gewichten sollen. Gerade die von ihm angestrebte Verortung der Studie in der politik- und kulturgeschichtlichen Zeitgeschichtsforschung bleibt so eher schwach. Diese Studie, so ist zu prognostizieren, wird doch wieder vor allem von den Spezialisten der Universitätsgeschichte und der Historischen Bildungsforschung rezipiert werden. Für diese Sparte freilich hat Mälzer einen profunden Beitrag geleistet.

Anmerkungen:
[1] Vgl. exemplarisch: Anne Rohstock, Von der „Ordinarienuniversität“ zur „Revolutionszentrale“? Hochschulreform und Hochschulrevolte in Bayern und Hessen 1957–1976, München 2010; Stefan Paulus, Vorbild USA? Amerikanisierung von Universität und Wissenschaft in Westdeutschland 1945–1976, München 2010; vom Rezensenten: Nikolai Wehrs, Protest der Professoren. Der „Bund Freiheit der Wissenschaft“ in den 1970er Jahren, Göttingen 2014.
[2] Jürgen Habermas, Protestbewegung und Hochschulreform, Frankfurt am Main 1969, S. 51.

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Veröffentlicht am
22.03.2017
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