R. J. Evans: The Pursuit of Power

Cover
Titel
The Pursuit of Power. Europe, 1815–1914


Autor(en)
Evans, Richard J.
Erschienen
Toronto 2016: Allen Lane
Anzahl Seiten
848 S.
Preis
€ 21,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ewald Frie, Historisches Seminar, Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Das 19. Jahrhundert begann nicht mit dem Sturm auf die Bastille, mit Robespierre oder Napoleon. Es begann mit „banditry, theft, smuggling, and crime of many kinds rife all over Europe, in the disorder created by the French Revolutionary and Napoleonic Wars” (S. 440). Mit der Schilderung von Elend und Chaos nach einem Vierteljahrhundert verlustreicher Kriege beginnt Richard J. Evans seine ebenso große wie kleinteilige europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts. Aus der Massennot der Nachkriegszeit, die durch das Jahr ohne Sommer 1817 noch verschärft wurde, wird das Leitthema entwickelt. Denn die nachrevolutionären und Nachkriegsstaaten (und nicht mehr, wie in der Frühen Neuzeit, die Herrscher) akkumulierten Macht (und nicht mehr, wie in der Frühen Neuzeit, Ruhm), um die überlebensnotwendige politische und soziale Ordnung zu schaffen und aufrechtzuerhalten. Der Zugang zur neuen staatlichen Macht aber war das ganze 19. Jahrhundert hindurch umstritten, ebenso wie die Reichweite und Intensität der durch sie zu schaffenden Ordnung. Deshalb, so Evans, ist „The Pursuit of Power“ das beherrschende Thema der europäischen Geschichte des 19. Jahrhunderts.

„Power“ ist ein großer Begriff. Evans öffnet ihn im Vorwort sehr weit (S. xx–xxi), nachdem er zuvor bereits seinen Gegenstand Europa offenherzig als „a social, economic, political and cultural region sharing many common characteristics and stretching from Britain and Ireland in the west to Russia and the Balkans in the east” (S. xvii) definiert hat. Das erlaubt ihm, seine Erzählung nicht auf eine große These auszurichten, sondern die europäische Vielfalt einzufangen. Aus acht Kapiteln mit je zehn Abschnitten besteht das Buch. Jedes Kapitel beginnt mit einer Lebensgeschichte: Vier Frauen und vier Männer aus acht verschiedenen Ländern führen mit außergewöhnlichen oder zumindest signifikanten Biographien in die Leitthemen ein. Im ersten Kapitel schildert der Steinmetz Jakob Walter, ein württembergischer Veteran der napoleonischen Kriege, einleitend die Hinterlassenschaft von Revolution und Krieg. Im zweiten Kapitel geht es, ausgehend von der abenteuerlichen Biographie eines russischen Leibeigenen, um die Neuformierung der Gesellschaft infolge von Agrarreformen und Wirtschaftsliberalismus. Im dritten Kapitel werden 1848 und die folgenden zwei Jahrzehnte zu einer Epoche von „rapid change and violent upheaval on the international scene“ (S. 229) zusammengefasst.

Das vierte Kapitel ist „The Social Revolution“ überschrieben und behandelt die Industrielle Revolution, Städtewachstum und Urbanisierung, neue Elitenbildung, Umgruppierungen im Kleinbürgertum und den unterbürgerlichen Schichten sowie den „great exodus“ (S. 346) der Europäer nach Nord- und Südamerika, Australien und Neuseeland. Das fünfte Kapitel ist dem im Ganzen erstaunlich erfolgreichen Kampf der Europäer gegen die Natur gewidmet: Bären und Wölfe wurden ausgerottet, Sümpfe und Flussauen trockengelegt, Infektionskrankheiten zurückgedrängt, die Geburtenrate gesenkt, der Schmerz betäubt, Verbrecher hinter Gittern gesperrt. „The Age of Emotion“ (Kapitel 6) thematisiert Kultur im weitesten Sinn. Kapitel 7 beginnt mit dem Kampf um das Frauenwahlrecht, um dann in weiten Rückgriffen die Geschichte der politischen Bewegungen und der innenpolitischen Verhältnisse in den größeren europäischen Staaten zu erzählen. Das letzte Kapitel behandelt die europäischen Empires und interpretiert am Ende die Balkankriege als Imperialismus kleinerer Mächte, „now turned in towards Europe“ (S. 697). Bereits zuvor habe die deutsche Weltpolitik nach 1890 dafür gesorgt, dass außereuropäische Konflikte auf Europa zurückwirkten. „The Concert of Europe began to crumble.“ (S. 699) Die Folgen waren umso schlimmer, als die europäischen Eliten nach einem Jahrhundert europäischen Friedens die Erinnerung an „banditry, theft, smuggling, and crime of many kinds rife all over Europe“ (S. 440) verloren hatten. Auch deswegen finden wir nach Evans so wenig Kompromissbereitschaft in der Julikrise 1914. Nach dem Ersten Weltkrieg würde das Chaos der Zeit nach 1815 wiederkehren. Diesmal aber würde es den Europäern nicht mehr gelingen, eine eigene Lösung für die ganze Welt zu entwickeln und durchzusetzen.

Neben der großen Politik haben, das zeigt der Überblick, alle anderen Lebensbereiche ihren Platz in Evans’ Buch. Der Autor hat ein Faible für Nebenhandlungen, für zeichenhafte Details, für Skurrilitäten. Er will „the flavour of the period“ (S. xvi) weitergeben, will die Menschen des 19. Jahrhunderts selbst zum Sprechen bringen. Das gelingt außerordentlich gut, und zwar nicht nur für den am besten erforschten Nordwesten Europas, sondern für den Kontinent insgesamt. Das Leiden der Vielen, die wiederum viele Einzelne sind, ist Evans ein Anliegen. Sprechende statistische Angaben werden eingestreut: 1840 waren britische Offiziersanwärter aus der Oberschicht im Durchschnitt 9 Inches größer als die gleichaltrigen Insassen der Marine society charity school. Die stammten aus der Londoner Unterschicht und waren „the shortest group ever recorded in Europe and North America“ (S. 331). Sogar US-amerikanische Sklaven waren zwei bis drei Inches größer. In der Verknüpfung sprechender Details, in der dadurch anschaulichen Präsentation einer teils fremden, teils seltsam vertrauten Zeit liegt die größte Stärke des Buches.

An der Stelle weit reichender Thesen stehen bei Evans vorsichtige Überlegungen. Wenn er im siebten Kapitel die innenpolitischen Verhältnisse in den wichtigsten europäischen Staaten behandelt, parallelisiert er zunächst Großbritannien und Österreich-Ungarn als die beiden politischen Systeme, die durch Wahlrechtserweiterung und das damit einhergehende Ende der liberalen Hegemonie sowie durch den aufkommenden Nationalismus nach 1900 in eine staatsgefährdende Krise gerieten. Es folgen mit Frankreich und Italien zwei Länder mit schnell wechselnden Regierungen, die aber aufgrund fester und den Wechsel regulierender Strukturelemente dennoch recht gut funktionierten. Deutschland und Russland werden dann nicht als ein weiteres Zweierpaar eingeführt, sondern jeweils im Vergleich zu Elementen der beiden ersten Fallgruppen analysiert. Daraus ergibt sich am Ende nicht eine Präferenz für einen der Wege Richtung Demokratie und Parlamentarismus, sondern eine generelle Skepsis gegenüber dem oberflächlichen Befund, dass der Weg Richtung Demokratie unaufhaltsam gewesen sei. „The tide of democracy […] was carrying along with it the seeds of its own destruction.“ (S. 621)

Unsicher ist Evans in Bezug auf Dauer und Intensität europäische Weltdominanz. Nach 1815 und infolge der napoleonischen Zeit habe das europäische Selbstbild weltpolitischer Superiorität erstmals eine „recognizable basis in reality“ (S. 19) gehabt und dem europäischen Jahrhundert 1815–1914 Kontur verliehen, schreibt er einleitend. Doch diese These passt nicht gut zur Verelendungs- und Selbstzerstörungsidee, die die „Pursuit of Power“ Leitthese des Buches tragen muss. Überzeugender ist die spätere Erklärung, dass erst der lange Frieden nach 1815 den Europäern erlaubt habe, ihre durch Mächtekonkurrenz erworbenen Chancen auf Weltdominanz wirklich auszuspielen. „Overall Europe gained a dominance over the rest of the world in the second half of the nineteenth century that it enjoyed neither before nor subsequently.” (S. 654) Mit der russischen Niederlage gegen Japan 1905 zeichnete sich das Ende dieser Dominanz bereits ab. Das Ende des Ersten Weltkriegs machte sie deutlich.

„Pursuit of Power“ ist auch wegen dieser wägenden und manchmal uneinheitlichen Überlegungen ein großes Buch. Es ist eine europäische Geschichte von oben wie von unten. Bei allem Detailreichtum bietet es eine Charakteristik der Epoche im Ganzen. Wenn, wie möglicherweise durch die Erfordernisse der Reihe „Penguin History of Europe“ vorgegeben, weder die Französische Revolution und die napoleonische Zeit noch der Erste Weltkrieg zum 19. Jahrhundert gehören, erhalten wir eine unabgeschlossene Epoche, die vom Zentrum aus verstanden werden muss. An die Stelle langfristiger Fortschritts- oder Verfallsnarrative treten längere und kürzere Entwicklungslinien, die sinnvoll verwoben werden müssen. Das Streben nach Macht ist nach Evans das Webmuster für ein Narrativ, das um die Jahrhundertmitte kreist und eher die Victorian Studies europäisiert als die Modernisierungsgeschichte. Für das Verständnis des Jahrhunderts im Ganzen ist das ein Vorteil.