S. Gaukroger: The Natural and the Human

Cover
Titel
The Natural and the Human. Science and the Shaping of Modernity, 1739–1841


Autor(en)
Gaukroger, Stephen
Erschienen
Anzahl Seiten
416 S.
Preis
£ 31.99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Barbara Orland, Geschichte der Life Sciences, Universität Basel

Manche Bücher zeichnen sich weniger durch Originalforschung als durch hypothesengeleitete Synthesen aus, die naturgemäss zu Widerspruch reizen, aber aus eben diesem Grunde auch lesenswert sind. „The Natural and the Human“ gehört in diese Kategorie. Der britische Philosophie- und Wissenschaftshistoriker Stephen Gaukroger legt hier den nächsten Band einer nunmehr dreiteiligen Serie vor, die nichts weniger als die Frage beantworten will, „how the values of a scientific culture came to predominate in the West, something that was part of a transformation of Western culture that began in the thirteenth century” (S. V).[1] Die beiden ersten Bände befassen mit der Entstehung einer wissenschaftlichen Kultur im Zeitraum vom 13. bis zum späten 17. Jahrhundert sowie mit dem Zusammenbruch der mechanistischen Philosophie und dem Aufstieg der Sensibilität zwischen dem späten 17. und der Mitte des 18. Jahrhunderts. Der dritte Band nun widmet sich speziell dem Aufstieg der Humanwissenschaften bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Unter dem Stichwort „Naturalisierung des Humanen“ verfolgt Gaukroger hier die These, dass das Menschliche seit der Aufklärungsepoche unter die Domäne all jener empirischen Disziplinen geraten ist, die mit ihren präzedenzlosen Methoden Fragen beantworten zu können meinten, die so vorher noch gar nicht gestellt worden waren (S. 9).

Wie im Gesamtprojekt so geht es auch im dritten Band nicht darum, gleichsam in einer Gesamtschau all jene Forschungsfelder, Theorien und Methoden aufzulisten, die gemeinhin unter dem Begriff „Humanwissenschaften“ gefasst werden. Die Bücher bieten keinen Überblick über die Entstehung der modernen Wissenschaften, ihre verschiedenen disziplinären Verzweigungen, Abgrenzungen und Kollaborationen. Vielmehr interessiert sich der Autor für jene „cognitive values“ der Moderne, welche seiner Ansicht nach auf ganz fundamentale Weise zu wissenschaftlichen Werten umgeformt und als solche gesellschaftsübergreifend relevant wurden. Im Fokus steht sozusagen der kognitive Untergrund der Wissenschaften, ihre als erstrebenswert angesehenen Werte, die allen Forschungsaktivitäten mehr oder weniger gemein waren. Was gab wissenschaftlichen Programmen Relevanz? Wie schafften Wissenschaftler es, ihre Arbeit mit Legitimität, Überzeugungskraft und Vertrauen auszustatten? Die dahinter stehende Frage hatte Gaukroger im ersten Band von 2006 so formuliert: „The core issue here is this: how was scientific practice in the West so transformed in the course of the modern era that it was able to establish cognitive priority for itself, so that it was able to shape other cognitive values around its own?“[2] Die Überlegenheit dieser intellektuellen Werte sieht Gaukroger als massgebliche Erklärung für den Erfolg der Wissenschaften in der westlichen Zivilisation. Und diese erklären für ihn auch, warum es in keiner anderen hochstehenden Wissenschaftskultur zu vergleichbaren Entwicklungen gekommen sei. „Cognitive values“, die Gaukroger im dritten Band als erkenntnistheoretisch relevant für die Wissenschaften des 18. Jahrhunderts ansieht, sind etwa: Vertrauen, Objektivität, Vernunft, Nachprüfbarkeit und Reproduzierbarkeit von Erkenntnissen.

Deren Erfolg bemisst sich Gaukroger zufolge an einer doppelt gelungenen Naturalisierung: Einerseits wurden der Mensch, seine Eigenschaften und Besonderheiten, aber auch seine sittlich-moralischen Ideale unter die Domäne wissenschaftlicher Untersuchung und Definition gestellt. Gleichzeitig gelang es, die Natur in dem Sinne zu humanisieren, dass sie durch Verwissenschaftlichung ihre Schrecken verlor und beherrschbar wurde. Selbst dann, wenn einzelne Naturforscher Naturphänomene wie etwa Elektrizität, vitale Kräfte oder Gefühle sehr verschieden erklärten und interpretierten, so waren sie sich doch einig darin, dass der Mensch im selben Moment Natur sein und Natur erklären kann. Für die christianisierte Naturforschung der vorherigen Jahrhunderte war es noch undenkbar gewesen, Sein und Erkenntnis auf eine Stufe zu stellen. Die gottgeschaffene Natur und die Neugierde des erkennenden Philosophen schlossen sich gegenseitig aus. Dass Aufklärung und Säkularisierung diese Haltung erfolgreich überwinden konnten, beruhte auf der Voraussetzung, dass der Gelehrte glaubwürdig war, was wiederum durch methodisch abgesicherte Wahrheiten angestrebt werden sollte. Intellektuelle Werte, die Gaukroger dabei in erster Linie am Werke sieht, waren Vernunft und Rationalität, Werte, deren Bedeutung vor allem darin bestand, dass sie Aussagen und Urteile umfassten, die frei sein sollten von nicht überprüfbaren Annahmen oder Werten. Auch wenn Vernunft, Rationalität und Objektivität von Beginn an ihre Grenzen und Gegenspieler aufwiesen – letztere sind nicht-propositionale Erkenntnisweisen wie Sensibilität, Mythos oder Religion –, alle Kritik an der Selbstüberschätzung der neuzeitlichen Rationalität hat deren Wert nie ernsthaft in Frage stellen können.

Um diese Orientierungen der Aufklärungsepoche verständlich zu machen, beginnt das Buch mit dem Kapitel „The Dichotomies of Understanding“, in dem Gaukroger diese sich teils überlappenden, teils sich ergänzenden, meist aber sich widersprechenden epistemischen Werte diskutiert. Mit dem nächsten Kapitel „Rethinking the Nature of Matter“ bringt er diesen Grundlagenteil des Buches zu Ende. Das Projekt der Naturalisierung wird zum gemeinsamen Nenner verschiedenster empirischer Forschungen, die mit ihren reduktionistischen Ansätzen das Bedürfnis nach einer alle Empirie übergreifendenden universalistischen Synthese entwickeln. Das menschliche Verhalten mit empirischen Methoden zu untersuchen, ist somit zweifach motiviert: Einerseits stellt die Wissenschaft Fragen nach Moral, Intellekt oder Emotionen, die nun mit radikal empirischen Methoden untersucht werden; andererseits gibt sie dem beschränkten naturwissenschaftlichen Methodenarsenal einen universalistischen Anspruch. Gaukroger zitiert etwa Ludwig Feuerbach, der 1841 in seinem Vorwort zu „Das Wesen des Christentums“ diese Haltung pointiert auf den Punkt brachte. Feuerbach meinte, er strebe einen Humanismus an, der durch und durch objektiv sei, so wie es die Methode der analytischen Chemie vorgemacht habe (S. 117).

Im zweiten Teil des Buches werden einige Formen der Naturalisierung des Humanen in Kapiteln über die anthropologische Medizin, die Philosophie der Anthropologie, der Naturgeschichte des Menschen sowie der sozialen Arithmethik präsentiert. Alle drei Felder führen vor, wie das Menschliche mit naturwissenschaftlichen Methoden vermessen werden kann. In Teil III des Buches schließlich führt Gaukroger aus, dass die Naturalisierung selbst vor der Religion nicht Halt gemacht habe. Die modernen Kirchengemeinschaften, so zeigt er, fühlten sich wie alle anderen Kulturbereiche verpflichtet, ihre Lehren unter das wissenschaftliche Dogma der Objektivität zu stellen. Gaukroger erläutert zum Beispiel, wie Theologen das Christentum als die absolute Religion darstellten, indem sie eine Evolutionsgeschichte erarbeiteten, die den Nachweis erbringen sollte, dass das Christentum durch seine Verbindung zum frühen Judentum die älteste aller Religionen war. Alle vorhergehenden Systeme wurden davon als Mythologien abgesetzt.

Gaukrogers Buchserie hat einige Kritik von Seiten der Philosophie und Wissenschaftsgeschichte erfahren; vor allem Spezialisten der frühneuzeitlichen experimentellen Naturphilosophie bezweifeln die von Gaukroger behauptete Konsolidierung epistemischer Tugenden.[3] Von Historikerseite ist zu Recht die selbstreferenzielle Arbeitsweise des Autors kritisiert worden. Gaukroger zitiert bevorzugt sich selbst. Neueste Literatur zu den verschiedenen behandelten Forschungsbeispielen sucht man ebenso vergebens wie jüngere Forschungsansätze, die wie zum Beispiel die Gender Studies neue Lesarten der Aufklärungsphilosophie und ihr Projekt der Naturalisierung des Menschen anbieten. Auch Arbeiten, die sich mit der Zirkulation des Wissens zwischen Europa und anderen Teilen der Welt beschäftigen, lassen Zweifel daran aufkommen, dass es alleine die Überzeugungskraft der europäischen Wissenschaftswerte war, die zu ihrem Erfolg geführt haben. Ein Dialog mit Arbeiten, die Wissenschaftsprojekte im Kontext verschiedener Regionen und Kulturen ausleuchten, wäre zweifellos fruchtbar gewesen und hätte gezeigt, dass Rationalität oft politischen und/oder ökonomischen Interessen geopfert wurde.

Dennoch ist das Buch, das man am besten als Essay einer l’histoire de la longue durée begreift, lesenswert. Viele kritisierte Punkte rühren meines Erachtens daher, dass der Autor versucht, überregionale und überzeitliche Zusammenhänge miteinander zu verknüpfen und zu verdichten. Die wenigsten Philosophen und Historiker wagen sich an solche Grossprojekte, obwohl kaum jemand bestreiten wird, dass sich die modernen Gesellschaften durch eine weitreichende Verwissenschaftlichung auszeichnen. Diese Entwicklung in einer Synthese zu erfassen, ist aber schwierig. Das Buch wird daher vor allem jene ansprechen, die sich für die wissenschaftshistorisch wie wissenschaftstheoretisch zentralen Großbegriffe Vernunft, Rationalität, Objektivität interessieren und dafür, was es heißt, die Welt mit wissenschaftlichem Blick zu betrachten.

Anmerkungen:
[1] Die beiden ersten Bände tragen die Titel: Stephen Gaukroger, The Emergence of a Scientific Culture. Science and the Shaping of Modernity 1210–1685, New York 2006; ders., The Collapse of Mechanism and the Rise of Sensibility. Science and the Shaping of Modernity 1680–1760, New York 2010.
[2] Gaukroger, The Emergence of a Scientific Culture, S. 18–19.
[3] Fernando Vidal, Besprechung von „The Natural and the Human“, in: Journal of the History of the Behavioral Sciences 53 (2017), S. 211–214.