Cover
Titel
Change. Handbook for History Learning and Human Rights Education. For Educators in Formal, Non-Formal and Higher Education


Herausgeber
Lücke, Martin; Tibbitts, Felisa; Engel, Else; Fenner, Lea
Erschienen
Schwalbach im Taunus 2016: Wochenschau-Verlag
Anzahl Seiten
205 S.
Preis
€ 19,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Oliver Plessow, Historisches Institut, Universität Rostock

Ob im Bereich nationalstaatlicher Bildung, in der transnationalen Bildungslandschaft oder auf der Ebene der supranationalen Institutionen: Historisches Lernen und Menschenrechtsbildung haben sich einander in der wissenschaftlichen Diskussion wie in der Vermittlungspraxis seit der Jahrtausendwende immer stärker einander angenähert. Der Band „Change – History Learning and Human Rights Education“, für den sich unterschiedliche Bildner/innen aus der Geschichtsdidaktik und aus der Menschenrechtsbildung länderübergreifend zusammengefunden haben, kann als ein Ausdruck dieser Annäherung gelten.

Wiewohl es mittlerweile im Bildungsbereich eine beinahe inflationäre Verwendung der Bezeichnung „Handbuch“ gibt, ist sie in diesem Fall angemessen gewählt. Gemeinsam haben Jolanta Ambrosewicz-Jacobs von der Uniwersytet Jagielloński in Krakau, Martin Lücke von der Freien Universität Berlin, Felisa Tibbitts von der Columbia University (inzwischen Chair for Human Rights Education an der Universität Utrecht) beziehungsweise der Menschenrechtsbildungsorganisation Human Rights Education Associates sowie Else Engel und Lea Fenner von der Bildungsagentur right now Human Rights Consultancy & Training einen eigenen Ansatz entwickelt, den „Change Approach“, der durch ein Zusammengehen von Historischem Lernen und Menschenrechtsbildung auf gesellschaftliche Realität einwirken will. Schon dies verweist auf einen stark praxisorientierten Zug, welchem der Band und seine Konzeption verpflichtet sind.

Zu Aufbau und Inhalt: Ein erster Teil „Educational Concepts“ (von Else Engel, Lea Fenner und Martin Lücke) situiert das Vorhaben kenntnisreich in den internationalen Diskussionen zum historischen Lernen und zur Menschenrechtsbildung, diskutiert Konzepte und Praktiken und legt dar, wie die beiden Ansätze zusammenkommen können. Konkretisiert wird dies in einem weiteren Kapitel (von Martin Lücke), das den „Change Approach“ im Detail darlegt. Bemerkenswert ist, wie hier ein streng konstruktivistisch-narrativistisches und lebensweltbezogenes Verständnis historischer Sinn- und Kompetenzbildung mit dem Gedanken gesellschaftlicher Teilhabe und Inklusivität auf der Grundlage geltender Menschenrechte verschränkt wird. Der zweite Teil des Bandes wendet sich der „Educational Practice“ zu. Ein einführendes Kapitel (von Else Engel, Lea Fenner, Martin Lücke und Felisa Tibbitts) legt Kernelemente fest, die bei der Operationalisierung der Verknüpfung der historischen und der menschenrechtsbildenden Lernsphären zu bedenken seien. Die vier folgenden Kapitel überlegen, wie dies in der sekundären Schulbildung (Felisa Tibbitts), in der universitären Lehrerbildung (Martin Lücke), in Gedenkstätten und Gedenkmuseen (Jolanta Ambrosewicz-Jacobs) sowie in der non-formalen Bildung (Else Engel) umgesetzt werden kann. Alle diese Kapitel folgen einem Schema, das die Eigentümlichkeiten des jeweiligen Bildungssektors zunächst charakterisiert, bevor spezifische Möglichkeiten der Entwicklung von Vorhaben umrissen werden, wenn Historisches Lernen und Menschenrechtsbildung kombiniert werden sollen. Das Ganze wird jeweils um eine Vorstellung von Best-Practice-Beispielen erweitert. Zahlreiche Querbezüge nähern das Buch beinahe einer Hypertextstruktur an, was als Ausdruck der intensiven Zusammenarbeit der Beitragenden wertzuschätzen ist. Außergewöhnlich ist ferner, wie dezidiert die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in Möglichkeiten geschichtspolitischen und menschenrechtsfördernden Engagements überführt wird.

Stark zu begrüßen ist die Grundidee des Buches, unterschiedliche Lernorte und Lernsektoren parallel in den Blick zu nehmen und zu überlegen, wie Vermittlungsvorhaben operationalisiert werden können, die in einer lernenden Auseinandersetzung mit der Geschichte eine Chance für einen gesellschaftlichen Wandel hin zur Durchsetzung von Menschenrechten liegen sehen. Hervorzuheben ist dabei, dass der Bereich des non-formalen Lernens gesondert berücksichtigt ist und nicht unter die Ausführungen zu den Gedenkstätten subsumiert wird. Zwar ließen sich Museen und Gedenkstätten kategorial ihrerseits als non-formale Lernorte betrachten, die gewählte Unterscheidung ist allerdings angesichts der Aufgliederung der Lernwelten im Feld probat. Erfreulich ist allemal, dass die nicht-schulischen institutionellen Bildungsmittler jenseits der Museen und Gedenkstätten als bedeutsame Akteure begriffen werden und dementsprechend auch die Auseinandersetzung mit ihnen einen angemessenen Platz zugestanden bekommt.

Positiv fällt am Handbuch „Change“ weiterhin die konsequent transnationale Perspektive auf, die namentlich in der Zusammenstellung geeigneter Best-practice-Beispiele zu Tage tritt. Dass dabei die Auseinandersetzungen mit Bildungsangeboten dominieren, die den Nationalsozialismus und seine Massenverbrechen zum Gegenstand machen, mag mit der Expertise der Beitragenden in Zusammenhang stehen, erklärt sich aber allemal aus der bedeutenden Stellung, welche diese allgemein in der Menschenrechtsbildung haben, ob als paradigmenbildende Beispiele für das Versagen von Menschenrechten oder als historischer Bezugspunkt für deren Ausformung. Der Horizont reicht aber weit darüber hinaus von einer Auseinandersetzung mit den Menschheitsverbrechen des Kommunismus über das Schicksal der Armenier/innen bis hin zur Diskriminierung von Aborigines in Australien. Auch auf Beispiele einer stärker vergleichend arbeitenden Genocide Education wird verwiesen.

So anregend die Fülle an Gesichtspunkten, das Zusammendenken unterschiedlicher, unter einem gemeinsamen Ansatz zusammengeführter Bildungstraditionen und das Tableau von Praxisbeispielen wirken, entsteht doch nach der Gesamtlektüre eine gewisse Nachdenklichkeit. Das betrifft zum Ersten die moderate Zielschärfe der Vorschläge, was bei der gewählten Breite der Perspektive vielleicht kaum zu vermeiden war. Viele der didaktischen und methodischen Vorschläge sind weder für das historische Lernen noch für die Menschenrechtsbildung spezifisch, sondern entspringen einer pädagogischen Grundhaltung, sich durch dezidiert partizipative, offene, handlungsorientierte und lernendenzentrierte Vermittlungsmaximen leiten zu lassen. Ein solches Ideal ist zwar zu begrüßen, hat aber an vielen Orten – wenn nicht gar überall – im Bildungsbereich seinen Platz. Gleichzeitig möchte man fragen, ob traditionell sachwissensbasierte oder gar staatsaffirmative Lernsysteme sowohl für ein lebensweltbezogenes historisches Lernen als auch für die Menschenrechtsbildung völlig verloren sind. Kann Menschenrechtsbildung in historischer Perspektive nur ausnahmsweise als Add-on unter günstigen Rahmenbedingungen funktionieren?

In diesen Zusammenhang gehört auch, dass die angesprochenen Expert/innenpublika als Kehrseite der unbedingt zu lobenden Entscheidung, unterschiedliche Lernorttypen zu berücksichtigen, für ihre jeweiligen Zwecke verhältnismäßig knappe Anregungen erhalten. Der „Change Approach“ mag im Feld dadurch schnell an seine Rezeptionsgrenzen stoßen. Allerdings sind gerade die vielfältigen Praxisbeispiele geeignet, zum Weiterdenken und Weiterrecherchieren anzuregen.

Zum Zweiten ist zu vermerken, dass der Band zwar die großen Herausforderungen der Menschenrechtsbildung anspricht, einige große Klippen dieses Ansatzes aber umschifft. Überwiegend folgt der Band in der Pragmatik dem Standard der Menschenrechtsbildung, die Bedingungen nachzuzeichnen, an denen in der Geschichte gegen Menschenrechte verstoßen wurde, und für die Gegenwart Handlungsoptionen zu reflektieren, solches für die Zukunft zu verhindern. Kaum thematisiert und in konkrete Vermittlungsvorschläge umgesetzt werden aber die Fragen, inwieweit ein Lernen am negativen Beispiel inhärente Probleme aufwirft oder wie aussichtsreich zivilgesellschaftlich gerahmtes individuelles Engagement in zunehmend autoritären Systemen ist. Anders als in sonstigen Bereichen der Menschenrechtsbildung wird kaum mit ethischen Dilemmata gearbeitet, und in Bezug auf die klar zu begrüßende Historisierung wird nicht konsequent mit den Lernenden diskutiert, inwiefern vergangene Zustände auf gegenwärtige Probleme übertragbar sind. Das wird insbesondere dort von Belang, wo die Verbrechen des Nationalsozialismus im gleichen Atemzug mit anderen Massenverbrechen thematisiert werden. Pädagogische Antworten auf die Einzigartigkeitsdebatte um die Schoah, die Frage nach ihrer Erklärbarkeit und die Tragfähigkeit von Totalitarismuskonzepten findet man nur im Ansatz, und auch das Spannungsfeld von universalen Wertansprüchen und Plurikulturalität bildet nicht den Kern der meisten vorgestellten Konzeptionen.

Die genannten Einwürfe sind Ausdruck einer gewissen punktuellen Skepsis, sie verdichten sich aber nicht zu einer generellen Kritik – und wenn, dann nicht isoliert am vorliegenden Band, sondern an Zügen der gegenwärtigen Menschenrechtsbildung insgesamt. Die Leistung des Bandes, an ganz unterschiedlichen Lernorten inspirierend wirken zu können, wird dadurch kaum geschmälert. Insgesamt betrachtet ist das Handbuch eine lohnende Lektüre für alle, die Fragen der Ethik ein großes Gewicht beim lernenden Umgang mit der Vergangenheit geben und dabei über den nationalen Tellerrand hinausschauen wollen. Und auch für diejenigen, die von der Menschenrechtsbildung aus denken und sich fragen, welche Rolle eine Beschäftigung mit Vergangenem darin spielen kann, ist die Lektüre ein Gewinn.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.09.2020
Beiträger
Redaktionell betreut durch