Titel
Auguren des Geldes. Eine Kulturgeschichte des Finanzjournalismus in Deutschland 1850–1914


Autor(en)
Radu, Robert
Reihe
Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 224
Erschienen
Göttingen 2017: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
382 S.
Preis
€ 70,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Menning, Historisches Seminar, Universität Tübingen

Im Jahr 1909 nahmen Handels- und Börsennachrichten in deutschen Zeitungen im Schnitt 32,7 Prozent der Fläche ein. Dem Themenbereich wurde somit ein gutes Fünftel mehr Platz eingeräumt als der politischen Berichterstattung. (S. 268) Schließt man von dieser Gewichtung der Redaktionen auf die Interessen der Leser, dann gibt es gute Gründe, sich den Finanzjournalismus im Kaiserreich, seine Entstehung und Professionalisierung sowie seine Wirkmechanismen genauer anzusehen. Dies unternimmt Robert Radus Rostocker Dissertation mit dem Anspruch Medien- bzw. genauer Journalismus-, Politik-, Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte zu verbinden.

Die Arbeit selbst gliedert sich in vier Abschnitte. Der erste Teil behandelt zunächst die Ausweitung der am Börsengeschäft beteiligten Bevölkerungskreise in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die zunehmende Verbreitung von Staatsanleihen und das Aufkommen der Eisenbahnaktien. Gleichzeitig entstanden erste Medien der Finanzkommunikation, die Preise zugänglich machten. Diese Bereitstellung von Kursinformationen bediente die Bedürfnisse neuer Investorengruppen, die von traditionellen Informationsflüssen ausgeschlossen waren, und verursachte wohl auch wiederum die zunehmende Partizipation am Börsenhandel. Zeitungen betrieben jedoch noch keinen kritischen Finanzjournalismus, sondern beschränkt sich jenseits der Herstellung von Öffentlichkeit für Preise auf die Wiedergabe von Korrespondentenberichten zu Wirtschaftsthemen, allenfalls um moralische Kritik ergänzt.

Der zweite Teil beschreibt die Formierung des Finanzjournalismus zwischen 1850 und 1873. In den 1850er-Jahren erreichte die Beteiligung am Börsenhandel ein solches Ausmaß, dass sich eine dauerhafte Finanzpresse etablieren konnte und Tageszeitungen ihren Wirtschaftsteil professionalisierten – was wiederum weitere Kreise zur Investition animiert haben mag. Akteure des „finanzjournalistischen Feldes“ wollten dabei nicht länger nur über die Vergangenheit mittels Kurstabellen berichten, sondern den Zugang zu Informationen demokratisieren, die Gegenwart objektiv bewerten und Zukunftsprognosen anbieten. In dieser Form erlebte die Finanzpresse in der Zeit bis 1873 eine Ausdifferenzierung und ein erhebliches Auflagenwachstum. Die frühen Finanzjournalisten rekrutierten sich dabei nur zu einem kleineren Teil aus Akademikern, zum Größeren aber aus ehemaligen Kaufleuten und Bankangestellten. Dies sicherte nicht nur Fachwissen, sondern auch Kontakte in Handelskreise, die für eine Berichterstattung wichtig waren. Solche Kontakte wurden gestärkt durch die räumliche Nähe von Redaktionen und Banken, wobei die Kommunikation dem „do ut des“-Prinzip (S. 89) unterlag und sich bis um 1900 formalisierte.

Einen besonderen Kontaktraum bildete die Börse, zu der Journalisten Zugang hatten und ihn in wachsender Zahl auch nutzten. Hier konnten aber nicht nur Informationen ausgetauscht und Stimmungen eingefangen werden, sondern Kritiker stießen auch auf Kritisierte – was teils handfeste Auseinandersetzungen zur Folge hatte und Journalisten eine gewisse Zurückhaltung in ihrer Kritik nahelegte. Ein weiteres Informationsmedium der Finanzpresse bildete der Telegraph. Er sorgte für zunehmende Aktualität von Informationen aus der ganzen Welt (insbesondere von Börsenkursen). Mit der Gründerkrise gerieten die engen Beziehungen zwischen Presse und Akteuren des Finanzmarkts in die Kritik. Die Besitzverhältnisse von Zeitungen und die von letzteren gegen Bezahlung veröffentlichten Prospekte und Inserate machten Verleger und Journalisten abhängig, was einer kritischen Berichterstattung nicht zuträglich schien. Die Beteiligung mancher Redakteure am „Gründerschwindel“ ließ zudem ihre selbst proklamierte Unabhängigkeit zweifelhaft erscheinen. Durchgreifende Veränderungen im Personal oder dem Selbstbild von Finanzjournalisten unterblieben jedoch zunächst.

Im dritten Teil steht die Politisierung des Finanzjournalismus im letzten Drittel des Jahrhunderts im Vordergrund. Die Lektüre von Finanzzeitungen wurde nicht nur für Anleger wichtig, sondern auch Banken und die Reichsregierung schenkten ihnen zunehmend Aufmerksamkeit. Durch Zeitungen ließ sich die Wirtschaftswelt beobachten, gleichzeitig aber auch Grundlagen für Entscheidungen gewinnen. Die Presse wurde aber nicht nur beobachtet, sondern sie regte die Regierung auch zu Nachforschungen an – Journalisten konnten versuchen, Agenda-Setting zu betreiben. Zugleich bemühte sich die Regierung auf die wirtschaftliche „Meinung“ in der Presse Einfluss zu nehmen, indem Informationen an gesinnungsfeste Journalisten weitergeleitet, fertige Artikel an Redaktionen verschickt und ganze Zeitungen gegründet wurden. Regierungsversuche, die Finanzpresse für eigene Zwecke zu vereinnahmen, stießen jedoch an Grenzen, wie Radu am Beispiel der Russlandanleihen zeigt. Auch wenn Teile der Presse bei Bismarcks Ränken mitzogen, hatte die Kampagne am Ende keinen Erfolg und schadete aus Sicht der Kölnischen Zeitung dem eigenen Ansehen. Das Beispiel der Medienreaktionen auf den griechischen Staatsbankrot 1893 zeigt im Gegensatz dazu, wie die Finanzpresse das Leid der deutschen Kleinsparer als Thema aufgriff, weil es verkaufsfördernd wirkte. Damit setzte die Presse gleichzeitig die Reichsregierung unter Zugzwang, zum Schutz deutscher Investoren tätig zu werden. Die Regierung war hier eher Gefangene der Presse. Der Fall italienischer Staatsanleihen Anfang der 1890er machte endgültig klar, dass die Finanzpresse politisch nicht zu kontrollieren war, massive Eigendynamik besaß und sich im Zweifelsfall gegen die Staatsraison und für die Interessen ihrer (zu Investitionen fähigen) Leserschaft entschied. Alle drei Beispiele verdeutlichten aber die politische Brisanz, die der Finanzjournalismus barg.

Schließlich wurde die Tätigkeit des Finanzjournalisten auch politisiert, indem das Verhalten der Finanzpresse und deren Wirkungen am Jahrhundertende erneut den Gegenstand öffentlicher Debatten bildeten. Zunächst spielte wiederum die Frage der Korrumpierbarkeit von Journalisten durch Banken eine Rolle. Hiermit stand die Frage in enger Verbindung, ob die Finanzpresse eine öffentliche Funktion besitze – und dementsprechend auch gesetzlichen Regelungen zu unterwerfen sei? Die Börsenenquetekommission und das Börsengesetz von 1896 sprachen den Journalisten, im Gegensatz zur Justiz in anderen Feldern, eine solche öffentliche Rolle zu. Allerdings war der Gesetzesparagraf, der das Verhalten von Akteuren im finanzjournalistischen Feld normieren sollte, kaum anwendbar.

Der abschließende vierte Teil beschäftigt sich mit der Professionalisierung von Finanzjournalismus und -zeitungen im Wilhelminischen Kaiserreich. Dazu gehörten der Übergang zum Vollzeitjournalisten und die mentale Annäherung an andere Redakteure. Hinzu kam die Ausdehnung des Korrespondentennetzwerks im In- und Ausland. Gerade die Hauptstadtpresse bemühte sich zudem um Beschleunigung der Herstellung und Verbreitung ihrer Produkte, wobei die mehrfach täglich erscheinenden Zeitungen ihre Erscheinungsrhythmen den Öffnungszeiten der Weltbörsen anpassten. Die daraus resultierende Beschleunigung erfuhren auch die Finanzjournalisten, deren spezifische „Nervosität“ als negative Folge von Professionalisierung erscheint. Gleichzeitig kämpften Finanzjournalisten unter Berufung auf ihre öffentliche Funktion um die Anerkennung als gesonderte Gruppe von Börsenbesuchern. Gewissermaßen einen Schlussstein der Professionalisierung stellte die Ausbildung eines Berufsethos bis 1911 dar, dass von Finanzjournalisten jeder parteipolitischen Couleur getragen wurde. Dies galt, auch wenn es in der Praxis noch manche Meinungsverschiedenheiten unter den Journalisten im Hinblick auf ihre Berufspraxis gab. Mit der Normierung gingen gleichzeitig Bemühungen einher, Verstöße gegen die eigenen Regeln öffentlich zu ächten. Weitere Schlusssteine der Professionalisierung stellten Ansätze zur Normierung von Ausbildungsgängen dar, die sich deutlich von jenen 70 Jahre zuvor unterschieden. Hinzu kamen schließlich die Abgrenzung des eigenen Themenbereichs gegenüber anderen journalistischen Tätigkeitsfeldern und die verstärkte Reflexion des eigenen Handelns und seiner Auswirkungen.

Es gibt Dinge, die man an der Arbeit kritisieren kann. So wird vermutlich der erreichte Stand des Finanzjournalismus vor 1850 unterschätzt, was aber auch mit der teils schlechten Überlieferungslage zusammenhängen dürfte. Auch wenn manche Kapitel hervorragende Einblicke in die gängige Praxis und Funktionsweise des Finanzjournalismus liefern, insbesondere die Versuche der Politik, Medien für ihre Zwecke zu nutzen, hätte man sich auch an anderen Stellen solch vertiefte Analysen des Alltags gewünscht. Häufig arbeitet Radu mit Streitfällen oder programmatische Aussagen. Das ist natürlich nicht verkehrt. Aber wenn es zum Beispiel um die Kritik geht, dass Unternehmen positive Redaktionsartikel kaufen konnten, indem sie gleichzeitig Werbung platzierten, wäre eine Fallstudie am Beispiel einer Zeitung zu dieser Praxis in der Tat interessant gewesen. Ohne Zweifel erfordert dies viel Arbeit, könnte aber auch klären, ob bei der Kritik tatsächlich nur berufsethische Fragen eine Rolle spielten oder auch wirtschaftliche bzw. politische Differenzen.

Insofern scheint die Geschichte des Finanzjournalismus zwischen 1850 und dem Ersten Weltkrieg sowie das (heute vielleicht unerwartete) Interesse der Deutschen an Handels- und Börsenfragen noch mancherlei Forschung Raum zu geben. Robert Radus Arbeit wird hierfür aber einen wichtigen Referenzpunkt bilden.

Redaktion
Veröffentlicht am
19.02.2019
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