V. Fuechtner u.a. (Hrsg.): A Global History of Sexual Science

Cover
Titel
A Global History of Sexual Science, 1880-1960.


Herausgeber
Fuechtner, Veronika; Haynes, Douglas E.; Jones, Ryan M.
Erschienen
Oakland, California 2017: University of California Press
Anzahl Seiten
477 S.
Preis
$ 34,95; £ 27.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Franz X. Eder, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien

Der Titel dieses Sammelbandes lässt Großes erwarten, zumal die Historiografie der Sexualwissenschaft ja nicht bei null beginnen muss. Volkmar Sigusch hat mit seiner 2008 erschienenen „Geschichte der Sexualwissenschaft“ und seinem 2009 mit Günter Grau herausgegebenen „Personenlexikon der Sexualforschung“[1] zwei, viele hunderte Seiten umfassende Standardwerke vorgelegt. Wobei Siguschs Band auf den deutschsprachigen Raum fokussiert war – eine Einschränkung, die aufgrund der globalen Bedeutung und Vernetzung deutschsprachiger Sexualforscher und -forscherinnen allerdings kein großes Manko darstellt. Mit dem „Personenlexikon“ wurde die Perspektive zudem international geöffnet. Beide Werke gingen deutlich über die bisherigen Versuche einer Darstellung der Geschichte der ‚Sexologie‘ – etwa Vern L. Bulloughs „Science in the Bedroom“ (1996) und den von Roy Porter und Mikulás Teich edierten Band „Sexual Knowledge, Sexual Science“ (1994)[2] – hinaus.

Der Einstieg in den vorliegenden Sammelband fällt allerdings etwas enttäuschend aus, denn weder in der Einleitung noch in den 19 Beiträgen werden diese einschlägigen Werke referenziert. Der von Heike Bauer edierte Band „Sexology and Translation“[3], der sich einer ähnlichen Thematik widmet, ist erst kurz vor der Fertigstellung erschienen und bleibt ebenfalls unberücksichtigt. Hervorgegangen sind die Beiträge aus einem Forschungsseminar[4], das Douglas Haynes und Veronika Fuechtner am Leslie Center Humanities Institute des Dartmouth College im Sommer 2013 mit den Autorinnen und Autoren veranstaltet haben. Ihr Ziel war es, die transnationale Geschichte sexologischer Ideen und Praktiken zu untersuchen, die zwischen Europa, Nordamerika, Asien, Afrika und Lateinamerika zirkulierten. In der Einleitung legen Fuechtner, Haynes und Jones die gemeinsamen Leitlinien fest: Erstens sei die europäische Sexualwissenschaft auf der Basis von Alteritätskonzepten entstanden, die jenseits der ‚Moderne‘ angesiedelt waren. Zweitens hätten Akteure außerhalb Europas durch ihre widerspenstige Aneignung von neuen sexualwissenschaftlichen Ideen als wichtige Gesprächspartner für die Globalisierung der Sexualwissenschaft fungiert. Drittens seien diese Ideen durch den intellektuellen Austausch, durch Reisen und internationale Publikationen multidirektional zirkuliert.

Die Beiträge des Bandes sind entlang dieser drei Thesen gruppiert und können hier nur exemplarisch vorgestellt werden: Im ersten Abschnitt über die Anthropologie des ‚Anderen‘ platziert Pablo Ben die Sexualforscher Havelock Ellis, Edward Westermarck, Richard von Krafft-Ebing und Sigmund Freud im zeitgenössischen Diskurs über die „cities of sin“. Wie in Buenos Aires wurden dabei Prostituierte und Homosexuelle als Inbegriff des sexuellen Chaos gesehen, ein anthropologischer Wissensbestand, der in sexualwissenschaftliche Kategorien Eingang fand. Kate Fisher und Jana Funke beschäftigen sich mit frühen deutschen und britischen Sexologen, die ihre Forschungen von den einengenden medizinischen Ketten befreien und sie zu einer Wissenschaft vom Menschen erheben wollten. Dabei überschritten sie die Disziplinengrenzen und brachen zu unbekannten geografischen, historischen und ethnologischen Ufern auf. Mit ihrem anthropologischen Turn wollten etwa Iwan Bloch, Edward Carpenter, Havelock Ellis und John Addington Symonds zeigen, dass die Grenzen der Zuschreibung einer gesunden und pathologischen, normalen und perversen Sexualität fluide waren und es in früheren oder fremden Kulturen genügend Belege für legitime sexuelle Verhaltensweisen und Praktiken gab, die in der eigenen als pathologisch oder strafbar galten. Alteritäten bildeten so die Referenz für die neu geschaffenen sexualwissenschaftlichen Taxonomien, Typologien und Identitätszuschreibungen, aber auch für Forderungen nach Liberalisierung, Straffreiheit und Emanzipation. Laut Ralph Lecks umfangreichem Aufsatz traf dies ebenso auf den Kulturrelativismus zu, der sich in Westermarcks Ehe-, Moral- und Sexualstudien über Marokko und seinen Forschungen zur männlichen Homosexualität in Berberstämmen von den 1910er- bis in die 1930er-Jahre ausbreitete. Angela Willey zeigt, dass die Monogamiekonzepte von Krafft-Ebing und Ellis nur im Kontext ihrer Beschäftigung mit der Polygamie im Islam und anthropologischen sowie evolutionären Theorien über die Entwicklung der Menschheit von primitiven zu höheren Zivilisationsstufen zu verstehen sind.

Die zweite Gruppe von Beiträgen ist den ‚schulgemäßen‘ und ‚widerspenstigen‘ Aneignungen der westlichen Sexualwissenschaft auf anderen Kontinenten gewidmet. Regionale Akteure verstanden sich zumeist nicht als ‚reine‘ Transporteure europäischer bzw. US-amerikanischer Theoreme, sondern eher als Partner, welche diese an die jeweilige Kultur anpassten, ‚übersetzten‘ und so hybride Formen generierten. Shrikant Botre und Douglas E. Haynes beschreiben, wie der indische Sexualaufklärer und -pädagoge R. D. Karve in den 1920er- bis 1950er-Jahren die Ideen Blochs, Freuds, Ellis‘, Magnus Hirschfelds und insbesondere William J. Robinsons benutzte, um gegen die Tradition des brahmacharya (der Enthaltsamkeit und Selbstbeherrschung) anzukämpfen. Letztere wurde von indischen Nationalisten aufgerufen, um die indische ‚Nation‘ und Männlichkeit zu revitalisieren. Heraus kam ein Amalgam aus Kamasutra und (Tiefen-)Psychologie bzw. Psychiatrie, in dem das sexuelle Begehren des Menschen von ‚natürlichen‘ Instinkten und chemischen sowie physiologischen Prozessen determiniert wird. Der japanische Sexualreformer Takahashi Tetsu wird im Aufsatz von Mark McLelland ebenfalls als ein Akteur vorgestellt, der in den Nachkriegsjahrzehnten eine spezifische Melange aus landeseigenen und ethnografischen Vorstellungen über das japanische Sexualleben, historischen und literarischen Narrativen aus dem ostasiatischen Raum und Wissensbeständen der westlichen Sexualwissenschaft (vor allem Freud und später Alfred Kinsey) ‚zubereitete’. Je nach Zielsetzung zog er das eine oder andere Register, um eigene sexologische Strategien zu legitimieren. Auseinandersetzungen zwischen regionalen Sexualkulturen und ‚importiertem‘ Sexualwissen zeigten sich auch in einem Kriminalfall in Mexiko-Stadt im Jahr 1936. Der Angeklagte wurde von lokalen Gerichtsmedizinern als gefährlicher, anthropometrisch abnormaler Krimineller und Epileptiker samt passiver Inversion des Sexualinstinktes und feminisierenden Drüsendysfunktionen beschrieben. In dieser Diagnose kam die lange und populäre mexikanische Tradition der Etikettierung von Homosexualität als ‚körperliche Wahrheit‘ genauso zum Ausdruck wie die von Cesare Lombroso in die Welt gesetzte Lehre vom ‚geborenen Verbrecher‘ und Splitter aus der entwicklungspsychologischen Sexualtheorie Freuds.

Der Kreislauf des sexologischen Wissens wurde durch mobile, migrierende, teils vertriebene Wissenschaftler sowie durch persönliche Beziehungen mittels Korrespondenzen, durch Publikationen und politisches Agieren in Bewegung gehalten. Er steht im Mittelpunkt des dritten Teils. Maria Beccalossi kann zeigen, dass es seit dem späten 19. Jahrhundert einen regen Austausch von eugenischen und sexualwissenschaftlichen Konzepten zwischen Italien, Spanien und Argentinien gab. Lombroso und seinem Schüler Nicola Pende wird dabei die Hauptrolle zugeschrieben. Die in Berlin in den 1920er-Jahren lebende US-amerikanische Journalistin Agnes Smedley wiederum setzte sich mit großer Verve für die Geburtenkontrolle und eine antikoloniale Sexualpolitik in Indien ein. Wie Veronika Fuechtners Text darlegt, transportierte Smedley ihre von der Psychoanalyse und der Kommunistischen Internationale befruchteten Ideen mittels Artikeln in indischen sexologischen Zeitschriften genauso wie in Korrespondenzen mit befreundeten indischen Kommunisten. Zuletzt belegt Kirsten Lengs Beitrag, dass der Transfer, die Adaption und ‚Übersetzung‘ sexualwissenschaftlichen Wissens auch scheitern konnte. Max Marcuse, der im Berlin der Weimarer Republik zu den prominentesten Sexualmedizinern und -reformern zählte und nach den Bücherverbrennungen 1933 nach Palästina emigrierte, konnte dort mit seinen Konzepten keinen Anschluss mehr finden. Für seine technokratisch-medizinische Sexologie, die auf dem deutschen bzw. Berliner Ideen- und Ärztemarkt höchst erfolgreich war und sich für liberale Genderverhältnisse und soziale Gerechtigkeit genauso aussprach wie für eugenische Werte, gab es in Palästina keinen Ansprechpartner. Der Fall Marcuse belegt auch, dass es sich beim sexologischen Wissen um eine Form des embodied knowledge handelte, das nicht nur in der Gestalt von ‚Texten‘ reiste, sondern auch in und durch Personen. Seine Akzeptanz in einer anderen bzw. fremden Kultur hing damit auch von individuellen Faktoren wie Sprachkenntnissen und Integrationsfähigkeit seiner Proponenten ab.

In einem konzisen Nachwort hebt Howard Chiang die innovativen Aspekte der Beiträge des Sammelbandes hervor und betont die von ihm in die Diskussion eingebrachte „doppelte Alterität“[5] des sexualwissenschaftlichen Diskurses im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die westlichen Sexualforscher hätten die scientia sexualis einerseits in Abgrenzung von bisherigen Institutionen der Wissensschöpfung wie der Medizin und Gerichtspathologie generiert. Andererseits – und das ist zweifelsohne eine wegweisende Perspektive – sei dies im Rahmen des Otherings gegenüber afrikanischen und asiatischen „Sexualitäten“ geschehen. Die Perspektive auf diese wurde wiederum durch die zeitgenössische Ethnologie und Orientalistik geprägt. Chiang spricht auch eine Problematik an, die sich in einigen der Texte zeigt: Begrifflichkeiten und Konzepte wie „global“, „imperial“, „kolonial“ und „national“ werden teils unreflektiert und synonym verwendet, was für einen Band, der sich mit Fragen der räumlich-zeitlichen Zirkulation von wissenschaftlichem Wissen beschäftigt, durchaus problematisch erscheint. Wie so oft in der Sexualitätsgeschichte hätte zudem der eine oder andere politik-, wirtschafts- und sozialhistorische Aspekt einem vertiefenden Verständnis zugearbeitet.

Das Band bestätigt jedenfalls, dass die unter anderem von Foucault postulierte Dichotomie von westlicher scientia sexualis und östlicher ars erotica zu den orientalistischen Geschichtsmythen zu zählen ist und auf beiden ‚Seiten‘ wissenschaftliches Sexualwissen genauso existierte wie erotisches Ethos und eine ebensolche Lebenskunst. Zu hinterfragen ist allerdings die dem Band unterlegte zeitliche Abgrenzung der transnationalen Sexualwissenschaft. Während die Jahrzehnte nach 1960 aus forschungspragmatischen Gründen außerhalb des Fokus bleiben, lässt sich dies für die Zeit vor 1880 nicht so einfach behaupten. Auch zuvor zirkulierten Ideen und Wissensformationen von der fremden und eigenen „Sexualität“ (ein Begriff, der erst im frühen 19. Jahrhundert aufkam) transnational und transkontinental.[6] Um diese in den Blick zu bekommen, wird allerdings ein erweiterter und weicherer Wissenschaftsbegriffes benötigt, als er hier unterlegt ist.

Näher zu untersuchen bleibt auch, dass im Austausch von Wissensformationen zwischen Europa und den USA auf der einen Seite und den in diesem Band angesprochenen Ländern auf der anderen Seite oft divergierende Wissenschaftskulturen aufeinandertrafen. Dies ging Hand in Hand mit der jeweiligen Funktionalisierung des Sexuellen – wie der strafrechtlichen Konstruktion des ‚Homosexuellen‘, dem ‚administrativen‘ Umgang mit Transgender-Personen und der Einbettung der Sexualität/en in das Gender- und Familiensystem.

Zusammenschauend ergibt sich aus den hier gesammelten, größtenteils innovativen und materialreichen Detailstudien ein weiterer Baustein in der Erforschung von transnationalen Verflechtungen und Vernetzungen des sexualwissenschaftlichen Wissens in den letzten Jahrzehnten des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zu einer systematischen Globalgeschichte der Sexualwissenschaft wird es allerdings noch eine längere Reise sein.

Anmerkungen:
[1] Volkmar Sigusch, Geschichte der Sexualwissenschaft, Frankfurt am Main 2008; Volkmar Sigusch / Günter Grau (Hrsg.), Personenlexikon der Sexualforschung, Frankfurt am Main 2009.
[2] Vern L. Bulloughs, Science in the Bedroom. A History of Sex Research, New York 1996; Roy Porter / Mikulás Teich (Hrsg.), Sexual Knowledge, Sexual Science, Cambridge 1994.
[3] Heike Bauer (Hrsg.), Sexology and Translation: Cultural and Scientific Encounters Across the Modern World, Philadelphia 2015.
[4] <https://sites.dartmouth.edu/humanitiesinstitute2013/about/> (26.09.2018)
[5] Howard Chiang, Double Alterity and the Global History of Sexuality: China, Europe, and the Emergence of Sexuality as a Global Possibility, in: e-pisteme 2 (2009), 1, S. 33-52.
[6] Vgl. Franz X. Eder, Eros, Wollust, Sünde. Sexualität in Europa von der Antike bis in die Frühe Neuzeit, Frankfurt am Main 2018, S. 304f., S. 358ff. u. S. 428ff.