C. Hoth u.a. (Hrsg.): Eichstätt im Nationalsozialismus

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Titel
Eichstätt im Nationalsozialismus. Katholisches Milieu und Volksgemeinschaft


Herausgeber
Hoth, Christiane; Raasch, Markus
Erschienen
Münster 2017: Aschendorff Verlag
Anzahl Seiten
189 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Olaf Blaschke, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Der Reiz dieses Buches besteht für Nicht-Eichstätter darin, zu lesen, wie mit der Kloster- und Bischofsstadt im Altmühltal eine zutiefst katholische Ortschaft in den Sog des Nationalsozialismus geriet. Eichstätt genoss lange den Ruf einer “widerspenstigen” Kleinstadt, deren “rebellisches Kirchenvolk” Zeugen des Widerstandes wie Dompfarrer Johannes Kraus hervorgebracht habe. Inmitten des protestantisch dominierten Mittelfranken gelegen, dessen NSDAP-Gauleiter seit 1925 Julius Streicher war und dessen Bevölkerung leidenschaftlich zum Nationalsozialismus überlief, drängt sich die kleine Insel des Katholizismus als attraktiver Untersuchungsfall geradezu auf.

Privatdozent Markus Raasch hat fünf jüngere Historikerinnen um sich geschart, die in diesem Sammelband im Wesentlichen die Ergebnisse ihrer an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt entstandenen Qualifikationsarbeiten vortragen. Das spricht nicht gegen den Band. Dessen kollaborativ erarbeitetes Ergebnis kann sich sehen lassen.

Leitend ist nicht die übliche Frage nach der Abwehr des Nationalsozialismus durch die Kirche, sondern umgekehrt, erklären Christiane Hoth und Markus Raasch in der Einleitung (S. 5–27), wie der Nationalsozialismus im katholischen Regionalmilieu agierte. Mit welchen Strategien verschaffte er sich unter gläubigen Katholiken Legitimität? “Wie nazifiziert waren die Lebenswelten des katholischen Milieus? Wie katholisch war der örtliche Nationalsozialismus?” (S. 13)

Christiane Hoth und Theresa Knöferl zeigen, wie reibungslos die “Machtergreifung” in Eichstätt vonstattenging (S. 29–56). Dabei war Eichstätt wirklich ziemlich katholisch: Die 8.000 Einwohner gehörten 1933 zu 92,6 Prozent dieser Konfession an; fast alle kamen der Osterkommunionspflicht nach; während Zentrum und Bayerische Volkspartei im Reich 1932 nur noch 15 Prozent der Stimmen erlangten, fuhr Letztere in Eichstätt über 60 Prozent ein, die NSDAP aber immerhin knapp 22 Prozent – besonders unter Beamten. Die Nationalsozialisten drangen nicht von außerhalb und gegen ein intaktes katholisches Milieu ein, sondern inszenierten sich geschickt als diesem zugehörig, etwa indem ihr “Eichstätter Anzeiger” die Gottlosigkeit des Bolschewismus anprangerte. Obwohl um 1930 die NSDAP-Ortsgruppe nur 80 Mitglieder zählte, habe es schon einen hohen Organisationsgrad (HJ, BDM, NS-Bauernbund etc.) gegeben. Die Nazifizierung und Gleichschaltung vollzog sich “nicht gegen, sondern mit dem katholischen Milieu” (S. 51). Von den nach Kriegsende 36 Hauptbelasteten stammten 28 tatsächlich aus Eichstätt, vorwiegend Katholiken.

Große Anziehungskraft entfalteten ab 1933 auch die Hitlerjugend und der Bund Deutscher Mädel, betont Lisa Margraf (S. 57–77). Sie drängten die katholischen Jugendorganisationen zurück, kaum aber die Kirchlichkeit, und griffen auch selber Elemente religiöser Betätigung auf. Man habe gleichzeitig Ministrant und HJ-Junge sein können.

Veronika Vollmer schildert den Aufbau von SA und SS (S. 79–102). Vor 1933 gehörten 72 Männer der Eichstätter SA an. Seit 1933 kamen SA und SS örtlichen Identitätsstrukturen durch Flankierung kirchlicher Festivitäten und durch eigene Veranstaltungen entgegen: Feiern zum 1. Mai, Sonnenwendfeiern, seit 1935 an der neuen Thingstätte, mit Horst-Wessel-Lied und abschließendem Gebet. “Überall freundliches Lächeln, Heilgrüße wechseln hin und her”, triumphierte der “Donaubote” im März 1934 bei einem Aufmarsch der Ingolstädter SA, “das ‘schwarze’ Eichstätt ist braun geworden.” Die eigentliche Frage aber – “Wie katholisch waren SA und SS?” (S. 79) – wird durch die Untersuchung von Sport- und Propagandainszenierungen nicht beantwortet, zumal reichlich dissonante Geschichten vorkommen: SA-Schergen entwendeten 1934 das Christus-Banner eines katholischen Jugendvereins, schossen betrunken auf die Bilder der Bischöfe im Wirtshaus und verprügelten 1937 Besucher einer Bischofskundgebung im Dom.

In ihrem zweiten Beitrag widmet sich Vollmer den Juden (S. 103–124) und weckt mit der Frage, “wie antisemitisch katholische Deutsche nach 1933 eigentlich waren” (S. 104), zunächst große Erwartungen. “Volksgemeinschaft” möchte sie als “soziale Praxis” analysieren. Bis 1933 lebten 27 Juden in Eichstätt. Trotz ihrer Akkulturation gab es antijüdische Ressentiments und keine christlich-jüdischen Mischehen. 1939 hatten sämtliche Juden die Stadt verlassen. Die Stationen ihrer Diskriminierung und Ausgrenzung, etwa der Boykott vom 1. April 1933 oder das Verbot von Löwenbräu-Bier bei öffentlichen Veranstaltungen, werden solide referiert. Stimmen des Protestes seien nicht überliefert. Der Artikel beschränkt sich auf die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Eichstätt und NS-Maßnahmengeschichte; die Ankündigung einer sozialgeschichtlichen Praxeologie wird nicht einmal im Ansatz umgesetzt.

Indem Evi Wimmer und Markus Raasch dem Verhältnis von Kirche und Bevölkerung (S. 125–150) differenziert nachgehen, wollen sie gängige Schwarz-Weiß-Zeichnungen (Kirche vs. Nazis, Opfer vs. Täter; Widerstand vs. Kollaboration) vermeiden. Neben Formen der Resistenz (S. 127–140), etwa der von 2.582 Eichstättern getragenen und erfolgreichen Unterschriftenaktion gegen die Ausweisung von Pfarrer Kraus 1937, sind auch Mitläufertum und Denunziation (S. 140–148) zu beobachten. “Der Gegensatz von Kirche und Nationalsozialismus war letztlich ein ideeller und nur sehr bedingt von lebensweltlicher Relevanz” (S. 149). Keine Rede kann indes von der “vollständigen Annexion der Tschechoslowakei” im März 1939 (S. 144) sein, also samt der slowakischen Republik.

Ein weiterer Aufsatz Margrafs über Kriegsende und unmittelbare Nachkriegszeit bildet den Schlussstein des Werkes (S. 151–181). Die letzten Gefechte, die kampflose Einnahme der Stadt durch die Amerikaner, in der seit Frühjahr 1945 der Apostolische Nuntius Cesare Orsenigo residierte, allgemeine Strategien, sich vor Vergewaltigungen durch US-Soldaten zu schützen (ohne Eichstätter Fälle), schließlich der politische und infrastrukturelle Wiederaufbau der Altmühlstadt werden spannend dargestellt. Der Beitrag vervollständigt das Bild, ist für die Frage nach der Gemengelage von Nationalsozialismus und Katholizismus aber wenig zielführend.

Das Projekt füllt empfindliche Forschungslücken. HJ und BDM, SA und SS, Kriegsende und Nachkriegszeit in Eichstätt wurden bislang kaum eingehend untersucht. Die Aufsätze fußen auf soliden archivalischen Quellenrecherchen und teils auf standardisierten Zeitzeugengesprächen. Alle Autor/innen haben sich einmütig auf 40 Jahre alte Studien Evi Kleinröders[1] eingeschossen (S. 16, 68, 79, 125f.) und alle sind sich ihr gegenüber einig, dass Eichstätt “kein Sonderfall” war (S. 26, 76, 149, 181). Vielmehr sei eine “Verschmelzung” von Nationalsozialismus und katholischem Milieu sowie ein gleicher Akkord (S. 55) gesucht worden.

Indes kommt auch dieser Band der Frage, wie katholisch der örtliche Nationalsozialismus und wie nationalsozialistisch Eichstätter Katholiken waren, nur bedingt näher. Die Beiträge können den Eindruck nicht abschütteln, Katholiken und Nationalsozialisten stünden sich wie zwei Lager gegenüber. Beide finden im Buch nicht überzeugend zusammen, die Punkte der Verschmelzung werden kaum identifiziert. Was bedeutet es für die Amalgamisierungsthese, wenn nach Kriegsbeginn 1939 auf dem Marktplatz – damals: Julius-Streicher-Platz – eine der größten Kundgebungen der NSDAP, darunter auch der Eichstätter SA, abgehalten wurde und die Eichstätter diese “in großer Zahl” verfolgten (S. 93)? Waren die Zuschauer deshalb nationalsozialistisch und die beobachteten Akteure katholisch? Vollmer zeigt überzeugend, wie SA und SS durch propagandistische Inszenierungen den “Außeralltag in Eichstätt” bestimmten, gelangt am Ende aber zu dem dazu nicht passenden Schluss, die NS-Organisationen seien “fest in das Alltagsleben der Eichstätter” eingebunden gewesen (S. 98, 102). Transformationen NS-skeptischer Gläubiger zu NS-affinen Katholiken fehlen. Wie aus dem Nichts tauchen immer wieder NS-Akteure auf, von denen nie gehört wurde, etwa im Mai 1933 der Fraktionsvorsitzende der NSDAP im Eichstätter Stadtrat, Friedrich Thierath, über dessen Kirchenbindung und Herkunft nicht weiter aufgeklärt wird (S. 37). Wenige Katholiken, die Nationalsozialisten wurden, werden derart profiliert vorgestellt wie der Arzt Walter Krauß: kirchentreu, seit 1930 in der Partei und 1934 Bürgermeister von Eichstätt (S. 43f.). Gezeichnet wird ein Panorama des Nebeneinanders von NS-Feiern und katholischen Zuschauern, von Partei und Milieu, von NS-Maßnahmen und kirchlicher Passivität.

Im Altmühltal, das wird plausibel dargelegt, agierte der Nationalsozialismus “milieukompatibel” und dadurch letztlich erfolgreich (S. 26). Das Bild der “partizipativen Diktatur”, der auf Konsens beruhenden “Volkgemeinschaft”, liegt auch für Eichstätt nahe. Gleichwohl: Während die These vom widerständigen Eichstätt als “Sonderfall” hinreichend falsifiziert wird, kann die des katholisch-nationalsozialistischen Eichstätt nur unzureichend verifiziert werden.

Anmerkung:
[1] Evi Kleinröder, Verfolgung und Widerstand der Katholischen Jugendvereine. Eine Fallstudie über Eichstätt, in: Martin Broszat / Elke Fröhlich (Hrsg.), Bayern in der NS-Zeit, Bd. 2: Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt, München 1979, S. 175–236; dies., Katholische Kirche und Nationalsozialismus im Kampf um die Schulen. Amtskirchliche Maßnahmen und ihre Folgen untersucht am Beispiel von Eichstätt, Eichstätt 1981.