R. Dorn: Architekt und Stadtplaner Rudolf Hillebrecht

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Titel
Der Architekt und Stadtplaner Rudolf Hillebrecht. Kontinuitäten und Brüche in der deutschen Planungsgeschichte im 20. Jahrhundert


Autor(en)
Dorn, Ralf
Reihe
Hannoversche Studien. Schriftenreihe des Stadtarchivs Hannover 16
Erschienen
Anzahl Seiten
496 S.
Preis
99,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Oliver Werner, Institut für Didaktik der Demokratie, Leibniz Universität Hannover

Der Architekt und Stadtplaner Rudolf Hillebrecht wird in Hannover, dessen Stadtbild er über viele Jahre als Stadtbaurat geprägt hat, sehr verehrt. Zur 100. Wiederkehr seines Geburtstags erschien 2010 eine Festschrift, die schon im Titel Hillebrechts Tätigkeit als ein „Leben für Hannover“ resümierte. Im Vorwort betonte der damalige Oberbürgermeister der Landeshauptstadt, Stephan Weil, es sei in Achtung vor Hillebrechts Leistung „die Erinnerung an sein Werk zu stärken“.[1]

Nun hat einer der Herausgeber dieser Festschrift, Ralf Dorn, eine materialreiche Studie über Rudolf Hillebrecht vorgelegt, die als Habilitationsschrift bei Werner Durth in Darmstadt entstanden ist. Dorn verfolgt mit der Arbeit einen biografischen Ansatz – er verzichtet explizit auf eine „Netzwerkanalyse“ (S. 20) – und stützt sich auf umfangreiche Hand- und Nachlassakten im Stadtarchiv Hannover. Wichtig ist ihm Hillebrechts „Werdegang als Architekt“ und dessen Entwicklung zu einem „Spezialisten und Technokraten, der durch seine vermeintlich unpolitische Tätigkeit […] in das System der NS-Diktatur eingebettet“ (S. 21) gewesen sei. Ein weiterer zentraler Schwerpunkt der Studie ist Hillebrechts Tätigkeit als Stadtbaurat im „Neuaufbau“ von Hannover seit 1948.

Tatsächlich erlaubt Hillebrechts Lebenslauf eine genaue Vermessung der im Untertitel betonten „Kontinuitäten und Brüche in der deutschen Planungsgeschichte im 20. Jahrhundert“. Hier sticht zunächst seine Tätigkeit im Hamburger Büro von Konstanty Gutschow hervor.[2] Nach einem Architekturstudium in Hannover und Berlin sowie verschiedenen Aufgaben, u.a. 1934 für einige Wochen bei Walter Gropius, wurde Hillebrecht 1937 Leiter des Büros Gutschow und richtete ab April 1939 die expandierenden Dienststellen zur „Neugestaltung der Hansestadt Hamburg“ ein. Im Zusammenhang mit dem „Elbufer-Wettbewerb“ konferierte Hillebrecht auch mit Berliner Stellen und erkannte durchaus die Grenzen seiner Tätigkeit: So ging etwa die unpraktische Idee einer Hängebrücke über die Elbe „vom Führer selbst“ aus und sei „kaum abzuändern, Gegenvorschläge völlig erfolglos“. Zugleich aber habe ihn, wie Hillebrecht im März 1946 rückblickend schreibt, die „fachliche Arbeit im Büro Gutschow, vor allen an den Reichsautobahnen, wie eine dienstliche Bekanntschaft mit Dr. [Fritz] Todt […] erstmalig und einmalig eine gute Seite der nationalsozialistischen Sache sehen“ (S. 83) lassen.

Nach Kriegsbeginn weiter mit der Stadtplanung in Hamburg befasst, wurde Hillebrecht 1941 Abteilungsleiter im dortigen „Amt für kriegswichtigen Einsatz“, um dann ab Dezember 1943 gemeinsam mit Konstanty Gutschow für Albert Speers „Arbeitsstab zum Wiederaufbau bombenzerstörter Städte“ vom Luftkrieg betroffene Städte zu inspizieren. Mit dieser Tätigkeit erweiterte Hillebrecht nicht nur den Bekanntenkreis in der Gemeinschaft der Architekten und Stadtplaner, sondern vertiefte zugleich seine Expertise über urbane Kriegszerstörungen und Wege des Wiederaufbaus.

Im September 1944 zur Artillerie eingezogen, arbeitete Hillebrecht nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft ab November 1945 zunächst wieder in Hamburg und anschließend in deutschen Amtsstellen der britischen Besatzungszone. Zum 1. August 1948 wurde Hillebrecht Stadtbaurat in Hannover und blieb in dieser Position bis zu seiner Pensionierung 1975. Hier entfaltete er in den folgenden Jahren eine Durchsetzungs- und Gestaltungskraft, die ihn als innovativen und mitunter unkonventionellen Stadtplaner und Architekten weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt machte.

Dabei bildete die Neuausrichtung Hannovers zur „autogerechten Stadt“ nur einen, wenn auch dominanten Aspekt seiner Tätigkeit. Anhand von Hillebrechts Denkschriften und konkreter Baupolitik arbeitet Dorn dessen Konzeptionen zum städtischen Wohnen heraus, die eine rasche Bereitstellung von Wohnungen ebenso im Blick behielt wie die infrastrukturelle Einbettung der neu gestalteten Stadtviertel. Hillebrechts Bedeutung für die Entwicklung Hannovers kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, und eine Stärke von Dorns Studie liegt darin, diesen Einfluss in allen widersprüchlichen Aspekten herauszuarbeiten. So werden auch die Auseinandersetzungen um das „Ihme-Zentrum“ in den 1970er-Jahren nicht ausgespart, dessen Fehlentwicklung Hillebrecht geschickt seinem Nachfolger anlastete – um diesem dann gönnerhaft beizustehen und so von seiner eigenen Verantwortung für das desaströse Großprojekt abzulenken.

Hillebrechts Geschick in Verhandlungen und Selbstdarstellung weisen ihn als einen politisch versierten Architekten aus. Daher vermag Dorns grundsätzlicher Erklärungsansatz, Hillebrecht gehöre – in Anlehnung an Gert Hortleder[3] und Sylvia Necker – zu einer Generation von „sich unpolitisch gebenden Technokraten“ (S. 83), nicht recht zu überzeugen. Zudem bleibt vage, worin die Substanz des „vermeintlich“ Unpolitischen eigentlich bestanden habe. Die in der Studie präsentierten, häufig privaten oder kollegialen Äußerungen Hillebrechts belegen vielmehr einen großen Stellenwert politischer Referenzen in seiner Arbeit. So vermisste er 1946 für die Aufstellung eines Hamburger Generalbebauungsplans eine „Universalidee“, der „Annahmen positiven Inhalts“ vorausgehen müssten: Gegenwärtige Annahmen bestünden hingegen „nur aus der Verneinung früherer Annahmen von 1940-45“ (S. 118). Die Konflikte in dem sich entfaltenden föderalen System der frühen Bundesrepublik resümierte Hillebrecht 1961 mit der Feststellung, ihm erscheine rückblickend „manche verwaltungsorganisatorische Maßnahme des Dritten Reiches weniger mit negativem als mit positivem Vorzeichen“ (S. 124).

In einem 1948 publizierten „Gespräch mit Gropius“ stellte Hillebrecht zum britischen Siedlungskonzept der neighbourhood units fest, dass mit den „Ortgruppen als Siedlungszellen“ die „gleichen Gedankengänge auch in Deutschland entwickelt“ worden seien, sodass „man hier wirklich von einer europäischen Geistesentwicklung sprechen“ dürfe. Eine solche Ansicht täuscht nicht nur – wie Dorn feststellt – „über die explizite politische Konnotation der Ortsgruppenplanung hinweg“ (S. 133), sondern dokumentiert zugleich die Grenzen von Hillebrechts politischem Verständnis: Die Umdeutung oder Ausblendung politischer Zusammenhänge der eigenen Arbeit ist eben selbst ein eminent politischer Vorgang.

Hillebrechts beruflichen Beziehungen werden zwar erfasst, aber von Dorn kaum gewichtet. So kommt Hans Stosberg, als Leiter des Stadtplanungsamts ab 1947 immerhin Hillebrechts „engster Mitarbeiter“ (S. 162), erstaunlich kurz, und die wichtige Arbeit von Sybille Steinbacher zur „Musterstadt“ Auschwitz wird nicht herangezogen. Steinbacher betont gerade Stosbergs „weitreichenden Befugnisse“ als „Sonderbeauftragter für den Generalbebauungsplan der Stadt Auschwitz“, der „im Namen der Stadtverwaltung die Verhandlungen mit dem IG-Konzern und den regionalen und überregionalen Aufsichtsbehörden“ geführt habe.[4] Mit diesem Fokus, in Erweiterung einer architekturhistorischen Perspektive, wird vor allem die Fähigkeit der Akteure erkennbar, in einem politisch „freigeräumten“ Planungsfeld divergierende Kräfte zu koordinieren und im verstetigten sozialökonomischen Ausnahmezustand Gestaltungskraft unter Beweis zu stellen. Eine ganze Generation von Planern hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Adaptions- und Überlebensfähigkeit zugutegehalten und sich damit als prädestiniert für den Aufbau verstanden, ohne die Rahmenbedingungen ihrer Adaptionen und ihre Rolle in den Verhältnissen, die einen Aufbau überhaupt nötig machten, zu reflektieren.

Diese Zusammenhänge führen ins Zentrum einer zeitgeschichtlichen Kontinuitätsforschung, und es wäre wünschenswert gewesen, Dorn hätte seine Studie stärker in den Kontext der aktuellen wissenschaftlichen Debatten gestellt, die nach den Bedingungen und Folgen planerischen Handelns über die Zäsuren des 20. Jahrhunderts fragen.[5] Die Untersuchung der „Kontinuitäten und Brüche“ tritt stellenweise zu sehr in den Hintergrund, und die Verbindung zwischen den Lebensphasen von Rudolf Hillebrecht wird nicht immer voll ausgelotet. Diese Einschätzung schmälert indes nicht Dorns Leistung, das Werk eines der einflussreichsten deutschen Stadtarchitekten des 20. Jahrhunderts erschlossen zu haben. Die umfangreich illustrierte Studie bildet zudem einen fundamental wichtigen Beitrag zur Geschichte der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover.

Anmerkungen:
[1] Sid Auffarth / Ralf Dorn (Hrsg.), Ein Leben für Hannover. Festschrift zum 100. Geburtstag von Rudolf Hillebrecht, Hannover 2010, S. 7.
[2] Siehe Sylvia Necker, Konstanty Gutschow (1902–1978). Modernes Denken und volksgemeinschaftliche Utopie eines Architekten, Hamburg 2012; dazu die Rezension von Rudolf Fischer in: H-Soz-Kult, 09.12.2012, http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17747 (13.04.2018).
[3] Gerd Hortleder, Das Gesellschaftsbild des Ingenieurs. Zum politischen Verhalten der Technischen Intelligenz in Deutschland, Frankfurt am Main 1970.
[4] Sybille Steinbacher, „Musterstadt“ Ausschwitz. Germanisierungspolitik und Judenmord in Ostoberschlesien, München 2000, S. 230.
[5] Siehe etwa die einschlägigen Studien von Ariane Leendertz, Ordnung schaffen. Deutsche Raumplanung im 20. Jahrhundert, Göttingen 2008; dazu die Rezension von Daniel Kuchenbuch in: H-Soz-Kult, 13.02.2009, http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10643 (13.04.2018); Alexander Pinwinkler, Historische Bevölkerungsforschungen. Deutschland und Österreich im 20. Jahrhundert, Göttingen 2014; dazu die Rezension von Heinrich Hartmann in: H-Soz-Kult, 06.10.2014, http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21932 (13.04.2018); sowie zuletzt Hansjörg Gutberger, Raumentwicklung, Bevölkerung und soziale Integration. Forschung für Raumplanung und Raumordnungspolitik 1930–1960, Wiesbaden 2017.

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Veröffentlicht am
20.04.2018
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