J. Kessler: Das Aufkommen des Nationalsozialismus in Schaumburg-Lippe

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Titel
Das Aufkommen des Nationalsozialismus in Schaumburg-Lippe 1923–1933.


Autor(en)
Kessler, Johannes
Reihe
Schaumburger Studien 78
Erschienen
Göttingen 2018: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
519 S.
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thore Menze, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Seit den 1970er-Jahren ist im Rahmen der geschichtswissenschaftlichen Erforschung des Nationalsozialismus eine Fülle von regional- und lokalhistorischen Arbeiten entstanden. Die entsprechenden Studien sollten in der Regel nicht nur die Neugierde der historisch interessierten Einwohner/innen der Region befriedigen, sondern als Fallstudien „die generelle Kenntnis über die Entstehungs- und Wirkungsbedingungen des Nationalsozialismus erweitern.“[1] Dieser Art der Geschichtsschreibung fühlt sich mit Johannes Kessler auch der Autor des vorliegenden Werks verpflichtet: Er widmet sich der Geschichte des Aufstiegs der NSDAP im Freistaat Schaumburg-Lippe, für den er in dieser Hinsicht ein Forschungsdefizit feststellt (S. 10f.). Kessler wählt mit einem der kleinsten Länder der Weimarer Republik ein Gebiet, das sich durch „die traditionell enge räumliche Verflechtung von Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe auf dem Hintergrund einer hohen Besiedlungsdichte“ (S. 15) auszeichnete. Ausgehend von Vorarbeiten von 1978 bis 1986 liefert er eine organisations- und wahlgeschichtlich angelegte Untersuchung der Entwicklung der Partei zwischen 1923 und 1933 (S. 13).

In zwei Auftaktkapiteln legt Kessler die Grundlage für den Hauptteil der Arbeit: Er beschreibt einerseits die Wirtschafts- und Sozialstruktur des Kleinstaats und andererseits eine breite Palette rechter, republikfeindlicher Organisationen, in denen viele der späteren Parteimitglieder politisch sozialisiert wurden. Insbesondere Wirtschafts- und Sozialstruktur dienen ihm im Laufe der Studie als Hintergrund, vor dem er die Ergebnisse kommunaler, landes- oder reichsweiter Wahlen analysiert: In der konservativen ehemaligen Residenzstadt Bückeburg und dem teilweise noch stark agrarisch geprägten Landkreis Stadthagen hatte die NSDAP im gesamten Untersuchungszeitraum bessere Ergebnisse vorzuweisen als in der überwiegend industriellen Kleinstadt Stadthagen und dem gewerblich-industriellen Landkreis Bückeburg.

Zwei kurze Kapitel bilden den Übergang zum eigentlichen Hauptteil. Kessler untersucht zwei letzten Endes erfolglose Versuche, den Nationalsozialismus in Schaumburg-Lippe politisch zu etablieren: Zunächst schlossen sich 1923/24 einige Bückeburger Nationalsozialisten der NSDAP-Ortsgruppe im nahegelegenen preußischen Minden an, deren Völkisch-Sozialem Block (VSB) mit der Deutschvölkischen Freiheitspartei (DVFP) bei den Reichstagswahlen 1924 im Kleinstaat jedoch kein Erfolg beschieden war. Der zweite Versuch der Etablierung 1925–1927 war nur unwesentlich erfolgreicher: Die im Frühjahr 1925 gegründete Landesgruppe Schaumburg-Lippe der NSDAP brachte es bis zu ihrer schleichenden Auflösung zur Jahreswende 1926/27 nie auf viel mehr als 20 Mitglieder. Schwere finanzielle Probleme, Organisationsdefizite und mangelnde Unterstützung der Gauleitung Hannover-Nord führten schließlich zum vorläufigen Ende der Gruppe.

Das erste der beiden Hauptkapitel erzählt die erfolgreiche Entwicklung der schaumburg-lippischen NSDAP von ihrer Neugründung durch wenige Bückeburger Aktivisten im Oktober 1928 bis zur Reichstagswahl am 14. September 1930, bei der die Partei im Kleinstaat aus dem Stand mit 18,1 Prozent der Stimmen beinahe das reichsweite Ergebnis erreichte. Ausgehend von einer großen Menge an Zeitungsberichten, Gerichtsakten, regierungs- und parteiinternen Schreiben, der Parteigeschichtsschreibung und persönlichen Erinnerungen der Protagonisten rekonstruiert Kessler die steigende Propagandatätigkeit (insbesondere in den ländlichen Gebieten) und die Neugründung zahlreicher Ortsgruppen 1930. Ein Schlaglicht wirft er dabei auf die Rolle zahlreicher regionaler Einzelaktivisten: Diese hätten in der Zeit nonexistenter lokaler Parteistrukturen etwa durch Mund-zu-Mund-Propaganda den Boden für die Gründung von Ortsgruppen bereitet (S. 177). In den Unterkapiteln zu den einzelnen neuen Ortsgruppen verbindet Kessler biographische Darstellungen der entscheidenden Personen mit Zahlen zur Mitgliederentwicklung und – wo möglich – mit Angaben zum Sozialprofil der Mitglieder: Bei diesen handelte es sich größtenteils um Männer, unter denen der untere Mittelstand und das bäuerliche Milieu überrepräsentiert waren. Der abschließenden Darstellung der Wahlkampagne 1930 gelingt es, die zunehmende Professionalisierung des NSDAP-Wahlkampfs, den Einzug der parteitypischen Veranstaltungsdramaturgie und das kommunikative Verhalten der örtlichen NSDAP im Angesicht des Uniformverbots in großer Detailschärfe zu beschreiben. Obwohl Kesslers Fokus nicht auf den politischen Inhalten der Wahlkämpfe liegt, kommt er – auch in den folgenden Kapiteln – gelegentlich darauf zu sprechen. Er zeigt, dass die NSDAP ihre Wahlwerbung inhaltlich auf unterschiedliche Interessengruppen zuschneiden konnte: So versuchten die Parteigänger, mit antisemitischen Ausfällen gegen jüdische Kaufhausbesitzer des Freistaats um Stimmen beim gewerblichen Mittelstand zu werben.

Das zweite Hauptkapitel behandelt neben der Umstrukturierung der nordwestdeutschen Parteiorganisation und dem weiteren Ausbau des Ortsgruppennetzes insbesondere die Entwicklung der innerparteilichen Strukturen zwischen 1931 und 1933. Kessler liefert nicht nur Mitgliederzahlen und Sozialprofil der lokalen SA- und SS-Gruppen, sondern auch Informationen zu den Aktivitäten von NS-Frauenschaft, BDM, HJ und NSBO sowie zur Gründung der parteieigenen Zeitung „Die Schaumburg“. Hervorzuheben ist das Unterkapitel, in dem der Autor aus mikrogeschichtlicher Perspektive die öffentliche Präsenz der NSDAP im Kleinstaat analysiert. Einerseits warb die Partei mit karitativen Tätigkeiten um die Gunst der neutraleren Öffentlichkeit und konnte diese über die Veranstaltung von Feiern politisch-kulturell-geselligen Charakters tatsächlich erreichen; andererseits sollten stundenlange Propagandamärsche der paramilitärischen Parteigliederungen die eigene Stärke unter Beweis stellen und wurden gezielt in Gebieten mit starker sozialdemokratischer Wählerschaft eingesetzt – ein Akt der „temporären Okkupation des öffentlichen Raums“ (S. 359). Trotz dieser Durchdringung des Stadt- bzw. Landbildes und weiterhin steigender Wahlergebnisse verweist Kessler darauf, dass am 31. Januar 1933 nur ein Prozent der schaumburg-lippischen Bevölkerung in der NSDAP organisiert war: Sie blieb „in Schaumburg-Lippe auf der Ebene einer mitgliederschwachen Kaderpartei ohne substantielle Verankerung in milieugebundenen Bevölkerungsschichten“ (S. 343).

Abschließend nutzt Kessler den NSDAP-Erfolg bei der Landtagswahl 1931 als Ausgangspunkt für ein Schlusskapitel, das die Zeit bis März 1933 umfasst. Während das Verhalten der NSDAP-Abgeordneten im Landtag zwischen „sachlichen Debattenbeiträgen […] sowie wüsten Beschimpfungen“ (S. 440) oszillierte, bemühte sich die Partei weiterhin darum, eine außerparlamentarische Oppositionsbewegung zu verkörpern. Auf leider recht knappem Raum liefert Kessler die Darstellungen der Kommunalwahl 1931, der Präsidentschafts- und Reichstagswahlen 1932 sowie der Reichstagswahl 1933. Die Ergebnisse der schaumburg-lippischen NSDAP folgten dabei dem Reichstrend: Nach einem hitzigen, aber keineswegs bürgerkriegsartigen Wahlkampf erreichte die Partei im Juli 1932 landesweit 38,1 Prozent der Stimmen. Besonders erfolgreich war die NSDAP in den ländlichen Gemeinden nordöstlich Stadthagens; hier entwickelte sich „ein nahezu geschlossenes Gebiet mit wahlpolitischer NSDAP-Präferenz“ (S. 273). Der direkt folgende nächste Reichstagswahlkampf stellte eine schwere finanzielle wie organisatorische Belastung dar; auf den Einbruch des Stimmenanteils auf 31,7 Prozent reagierte die schaumburg-lippische NSDAP mit Veranstaltungen zur internen Gruppenstabilisierung und dem Einsatz für den Landtagswahlkampf im Freistaat Lippe. Der überraschenden Ernennung Hitlers zum Reichskanzler folgte ein von Propagandamärschen der SA und SS geprägter Wahlkampf, an dessen Ende die Partei landesweit 43,3 Prozent der Stimmen holte. Kesslers Ausführungen enden mit der erzwungenen Abdankung der Landesregierung und der Einsetzung des Reichskommissars Matthaei am 8. und 9. März 1933.

Kessler gelingt es mit seinem Buch, das selbstgesteckte Ziel einer wahl- und organisationsgeschichtlichen Beschreibung der schaumburg-lippischen NSDAP vor der Machtübernahme zu erreichen. Er kommt dabei zu dem Ergebnis, dass der Freistaat „im Kern keinen erkennbaren Sonderweg unter regionalen Einflussfaktoren“ (S. 493) durchlaufen habe: Einige teils in rechtskonservativen, nationalistischen und völkischen Organisationen sozialisierte Einzelaktivisten seien 1925 bzw. 1928 für die Etablierung von Parteistrukturen verantwortlich gewesen. Die Parteimitglieder hätten sich hauptsächlich aus „kleinstädtisch-mittelständischen und ländlich-protestantischen Sozialmilieus“ (S. 493) rekrutiert. Während sich das Wahlverhalten der einzelnen Gemeinden zunächst an diesem Sozialprofil orientiert habe, sei die NSDAP ab 1932 auch in Gebieten mit starker Industriearbeiterschaft deutlich erfolgreicher geworden.[2]

Kesslers Werk zeichnet sich durch die umsichtige Kritik einer breiten Palette von Quellen aus: Insbesondere für den Zeitraum 1928-1931 ist so eine detailreiche, mikrohistorische Studie entstanden. Leise Kritik lässt sich – abgesehen von der raschen Behandlung der Jahre 1932/33 – am ehesten an der mangelnden Übersichtlichkeit des Textes äußern: Kessler verzichtet auf die prominente Platzierung seiner Thesen etwa an den Kapitelenden, sondern stellt diese erstmals in der Schlussbetrachtung zusammen. Gleichzeitig erschwert der äußerst sparsame Einsatz von Absätzen gelegentlich das flüssige Lesen. Insgesamt dürfte das Buch sein Publikum am ehesten unter denjenigen finden, denen die Geschichte des ehemaligen Kleinstaats am Herzen liegt; gleichzeitig sind Kesslers alltagsgeschichtliche Ausführungen zur Entwicklung und zum Verhalten der Parteiorganisationen für alle interessant, die sich mit diesem Aspekt der NS-Geschichte befassen.

Anmerkungen:
[1] Ursula Büttner, „Volksgemeinschaft“ oder Heimatbindung. Zentralismus und regionale Eigenständigkeit beim Aufstieg der NSDAP 1925-1933, in: Horst Möller / Andreas Wirsching / Walter Ziegler (Hrsg.), Nationalsozialismus in der Region. Beiträge zur regionalen und lokalen Forschung und zum internationalen Vergleich (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte; Sondernummer), München 1996, S. 88.
[2] Kessler bezieht sich implizit auf Falter, der die NSDAP als „Volkspartei mit Mittelstandsbauch“ charakterisiert. Vgl. Jürgen W. Falter, Hitlers Wähler, München 1991, S. 372.

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Veröffentlicht am
09.04.2019
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