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Titel
Blättern/Zapping. Studien zur Kulturtechnik der Stellenlektüre seit dem 18. Jahrhundert


Autor(en)
Maye, Harun
Reihe
Daidalia. Studien und Materialien zur Geschichte und Theorie der Kulturtechniken
Erschienen
Zürich 2019: diaphanes
Anzahl Seiten
400 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Manuel Bamert, Departement Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich

Wie soll man lesen? Und wie nicht? Über diese alten Fragen ist schon viel geschrieben worden. Oft dominiert dabei das Ideal einer kontinuierlichen und integralen Lektüre mit dem Ziel, einen Text vollständig zu erfassen. Harun Mayes Dissertationsschrift, an der Humboldt-Universität zu Berlin im Fach Neuere deutsche Literatur entstanden, will nun gerade die gegenteilige Lektüreform rehabilitieren: die partielle, mitunter sprunghafte Rezeption. Maye verfolgt die Geschichte der Stellenlektüre vom 18. Jahrhundert bis ins Fernsehzeitalter, als Diskurse über das hin- und herblätternde Lesen mit denen über das neuartige Zapping zusammenfanden. Den Kern der Kritik an diskontinuierlichen Rezeptionsformen erkennt er in der These, „dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile sei“. Für Maye ist das „eine ästhetische, epistemische und hermeneutische Ideologie“ (S. 7), der er ihre Inversion entgegensetzt: „Die Summe der Teile enthält immer mehr als das Ganze“ (S. 292).

In der eigenen Publikation legt Maye den Fokus denn auch eher auf die einzelnen Teile als auf ihr Ganzes. Darauf weist schon der Untertitel hin, der „Studien“ im Plural verspricht. Der Inhalt gliedert sich in ein Vorwort und sechs jeweils viergeteilte Kapitel, die chronologisch geordnet sind, sich ansonsten jedoch nicht stark aufeinander beziehen. Bereits das Vorwort vermag eiligen Lesenden manches Weitere ersetzen, es bietet eine konzise thematische und methodische Hinführung, inhaltliche Zusammenfassung und Fazit in einem. Lediglich beim Zielpunkt der Arbeit büßt das Vorwort an Klarheit ein: „Worauf die Analysen der hier vorgelegten Studien zur Stellenlektüre abzielen, ist letztlich eine Verschiebung der Dekonstruktion ontologischer Kategorien auf die Ebene von Kulturtechniken. Stellenlektüren sind nicht nur der Ausgangspunkt jedes hermeneutischen Lesens, sondern auch der posthermeneutischen Unlesbarkeit unter Bedingungen elektronischer Medien“ (S. 15). Wer diese Sätze genauer zu verstehen versucht, kommt um eine eingehendere Lektüre des Buchs dann doch nicht umhin.

Das erste Kapitel, das die Stellenlektüre als „Desiderat der Geschichte des Lesens“ beschreibt, beginnt – wie alle folgenden – mit eingängigen und bedeutungsschweren Sätzen: „Wie wir alle wissen und nur nicht sagen, lesen immer weniger Menschen ein Buch vom Anfang bis zum Ende. Lesen, diese elementarste aller Kulturtechniken, laboriert wohl an dem Riss zwischen realem Gebrauch und pädagogischer Idealisierung“ (S. 17). Den kulturkritischen Sorgen um die Zukunft des Lesens, die etwa die Stiftung Lesen umtreiben[1], setzt das Kapitel Textbeispiele von Thomas Bernhard und Botho Strauß entgegen, in denen die stellenweise Lektüre gepriesen wird. Hier zeigt sich bereits eine Strategie, die Maye wiederholt nutzt: Die Kraft des Kanons mit seinen „blätternden oder zappenden Viellesern, die ihre Stellenlektüren als unverzichtbare Arbeits- und Bildungstechniken ausweisen“ (S. 20), soll die pessimistischen Stimmen gewissermaßen mit ihren eigenen Waffen schlagen.

Im zweiten Kapitel widmet sich Maye der „Marginalisierung der Stelle in der philosophischen Hermeneutik“ um 1800. Nachdem der Übergang von der Schriftrolle (Volumen) zum Buch (Kodex) die blätternde Stellenlektüre erst ermöglicht hat, kommt es im Gefolge von Friedrich Schlegel, Friedrich Ast und Friedrich Schleiermacher zu einem Paradigmenwechsel: „Nicht mehr die einzelne Stelle, sondern nur noch das ganze Werk soll der Gegenstand hermeneutischer Beschäftigung sein“ (S. 95). Wie Maye scharfsinnig argumentiert, ist indes auch jede Universalhermeneutik selbst auf Stellenlektüren angewiesen, „denn lesen lassen sich nur Stellen und Passagen“ (S. 116).

Anhand einer „Begriffs- und Diskursgeschichte der Konzepte ‚Aufmerksamkeit‘ und ‚Zerstreuung‘ in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts“ macht sich Maye im dritten Kapitel an eine „Dekonstruktion dieser wertenden Unterscheidung“ (S. 10). Demnach ist ein Subjekt „nicht aufmerksam oder unaufmerksam, sondern stets beides“ (S. 10f.)[2], sodass sich auch „zwischen aufmerksamen und zerstreuten Lesern oder Zuschauern nicht mehr ohne weiteres“ unterscheiden lasse (S. 11). Die relevante Frage sei vielmehr, worauf sich die Aufmerksamkeit jeweils richte.

Das vierte Kapitel fungiert sodann als eigentliche Brücke ins Fernsehzeitalter. Vom Kaiserpanorama – für die „Geschichte der Stellenlektüre interessant, weil es eine Schnittstelle zwischen dem Buch, der Illustrierten, der Fotografie und den bewegten Bildern des Fernsehens markiert“ (S. 221) – und dem Daumenkino zieht Maye eine direkte Linie zur Analyse der Massenmedien durch die Frankfurter Schule. Vor allem Adornos Fernseh- und Kulturkritik präge bis heute den Diskurs über die Zukunft des Lesens und „die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Fernsehen und Bildung“ (S. 202). Gleichzeitig unterlaufen die Protagonisten der Kritischen Theorie in ihrer Thematisierung „zerstreuter Rezeption“ das eigene Dogma vom „Ganzen der Massenmedien“, so Maye (S. 11). Demnach könne man in diesen Schriften letztlich sogar eine „Neubewertung technischer Medien“ sehen, welche nun nicht mehr „zwangsläufig einen Verblendungszusammenhang erzeugen“. Entscheidend sei nun auch bei Adorno „vielmehr der Gebrauch, der von ihnen gemacht wird“ (S. 250).

Im fünften Kapitel wird das Zapping schließlich als eigene Kulturtechnik starkgemacht. Dies geschieht ausdrücklich im Gegensatz zu kulturkritischen Positionen, die im Zapping einen ebenso defizitären Mediengebrauch sehen wie in der diskontinuierlichen Lektüre von Texten. In origineller Weise analysiert Maye das Zapping mit Hans Ulrich Gumbrecht nicht-hermeneutisch als „Gegenstand ästhetischen Erlebens“ (S. 304). Beim Zapping könne man „fernsehen, um das Fernsehen als Medium zu sehen: Fernsehen fernsehen“ (S. 300).

Das Blättern und das Zapping konvergieren sodann im sechsten Kapitel, das Walter Kempowskis „Bloomsday ’97“ zum Thema macht. 1997 hat Kempowski die Tonspur von 19 Stunden Fernsehen in ein Buch transformiert. Der im Wortsinn springende Punkt ist, dass dabei in kurzen Intervallen stetig zwischen 37 verschiedenen Fernsehsendern hin- und hergezappt wurde. Anders als die Literaturkritik sieht Maye im resultierenden „Bloomsday ’97“ keine missglückte Medienanalyse, sondern „ein großes Buch, weil es auch nach wiederholter Lektüre immer noch Fragen nach der Beziehung zwischen dem Dargestelltem [sic] und der Darstellung provoziert“ (S. 333f.).

Methodisch positioniert Maye seine „Studien“ in der „neuen medienwissenschaftlichen Kulturtechnikforschung“ (S. 44). Das entsprechende Unterkapitel bietet hierzu eine umsichtige Einordnung. Man sollte nach der Erklärung, die Kulturtechnikforschung basiere mitunter auf der „Auswertung von Quellen und Archivmaterialien“ (S. 59), gleichwohl kein völlig neuartiges Korpus von Maye erwarten.[3] So ist ihm eher daran gelegen, sich durch den „Höhenkamm der hermeneutischen und philosophischen Abhandlungen über das vollkommene Verstehen von Reden und Schriften“ (S. 117) sowie die gelehrten Lesepropädeutiken zu arbeiten und schließlich den Übergang vom Buch zu neueren Medien zu verfolgen. Kenntnis- und gerade deswegen oft auch voraussetzungsreich bewegt sich Maye dabei durch die Geschichte der Hermeneutik mit den genannten großen Namen und weiß seine Ausführungen sowohl in der historischen wie der – raren – aktuelleren Forschung zum Blättern zu verorten.

Indem er seine Thesen vornehmlich in Auseinandersetzung mit anderen Texten entwickelt, entsteht jedoch bisweilen der Eindruck einer etwas materialitätsfernen Medialität. Wären zu bücherbezogenen Stellenlektüren nicht auch konkrete Materialien und Spuren von Praktiken verfügbar? Bereits eine im ersten Kapitel zitierte Aussage der Kulturkritikerin Sigrid Löffler gäbe die Antwort. Löffler beklagt sich, die Menschen würden heute ebenso selektiv lesen wie fernsehen, „sie zappen sich durch die Bücher“. Dabei könne man doch „literarische Texte nicht einfach durchblättern“. Als Bildungsleserin lese sie hingegen „die Bücher mit Bleistift und mache viele Anmerkungen“ (S. 18). Die Paradoxie jeder Kritik an Stellenlektüren, wie sie Maye anhand kanonischer Schriften herausarbeitet, lässt sich hier bereits ganz konkret erkennen: Der Lektüremodus, den Löffler gegen die Stellenlektüre in Stellung bringt, ist ausgerechnet einer, der sich an bestimmten Stellen aufhält und diese materiell hervorhebt.

Die Erforschung von Stellenlektüren mit derjenigen von materiellen Lesespuren zusammenzuführen, wäre entsprechend verheißungsvoll. Doch gerade auch Mayes wertvolle Erkenntnisse zur Relativität von Aufmerksamkeit und Zerstreuung gewännen durch einen stärkeren Praxisbezug weiter an Gewicht. Zudem wäre eine Differenzierung nach verschiedenen Gruppen von Lesenden sowie nach Lektüresituationen und -intentionen wünschenswert. Wann und für wen hat das blätternde Lesen heute noch welche (hermeneutische) Relevanz, beziehungsweise: heute erst recht?[4] Vorderhand darf man jedenfalls froh sein, dass Maye den kulturpessimistischen Blick auf das Blättern und das Zapping zurechtgerückt hat. Insbesondere wer an theoretischen Reflexionen zu den genannten Kulturtechniken interessiert ist, findet in „Blättern/Zapping“ zahlreiche Einsatzpunkte. Ob man das Buch dazu vollständig lesen mag, sei – nun endlich mit gutem Recht – allen Lesenden selbst überlassen.

Anmerkungen:
[1] Maye nennt die „breit rezipierten Erhebungen“ der Stiftung Lesen eine „wichtige empirische Basis der medienkulturkritischen Sorge um das Lesen in Deutschland“ (S. 19) und führt mehrere Publikationen an, darunter: Stiftung Lesen (Hrsg.), Lesen in Deutschland 2008, Mainz 2008.
[2] Diese zentrale Aussage aus dem Vorwort findet sich fast wörtlich auch bei Klaus Weimar, Aufmerksames Lesen. „Es sang vor langen Jahren“ (Brentano), in: Norbert Haas / Rainer Nägele / Hans-Jörg Rheinberger (Hrsg.), Aufmerksamkeit. Liechtensteiner Exkurse III, Eggingen 1998, S. 375–395, hier S. 378. Maye verweist (nur) in einer Fußnote im Hauptteil auf dieses Zitat (S. 185).
[3] Vgl. dazu Christoph Benjamin Schulz, Poetiken des Blätterns, Hildesheim 2015. Maye nennt diese Studie „materialreich und interessant“, doch ob man die Kulturhistorie des Blätterns wie Schulz „als Abfolge künstlerischer Formen und Praktiken erzählen kann“, bleibe „fraglich“ (S. 40).
[4] Vgl. dazu Carlos Spoerhase, Lese lieber ungewöhnlich, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.10.2015, S. N4. Maye verweist im Rahmen seines Forschungsüberblicks auf solche praxeologischen Ansätze.