Cover
Titel
Der Kommandant und die Bibelforscherin: Rudolf Höß und Sophie Stippel. Zwei Wege nach Auschwitz


Autor(en)
Kreutz, Wilhelm; Strobel, Karen
Reihe
Schriftenreihe Marchivum 1
Erschienen
Mannheim 2018: Marchivum
Anzahl Seiten
240 S., 184 Abb. + 1 DVD, 60 Min.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Silke Fehlemann, Institut für Geschichte, Technische Universität Dresden

Das Buch mit dem auf den ersten Blick befremdlich wirkenden Titel verfolgt ein doppeltes Ziel. Es stellt eine detaillierte Spurensuche nach dem Wahrheitsgehalt der Erinnerungen des KZ-Kommandanten von Auschwitz Rudolf Höß dar, die er in seiner Haft nach 1946 verfasste. Diese Erinnerungen wurden von Martin Broszat erstmals im Jahr 1958 in der deutschen Originalsprache herausgegeben. Seine einführende Interpretation der Person Höß als technokratischer, akribischer (und banaler) Pflichterfüller prägte die NS-Forschung für Jahrzehnte.

In einem zweiten Schritt geht es darum, die Biographie von Sophie Stippel, einer „Bibelforscherin“ zu klären und deren Weg nach Auschwitz nachzuzeichnen. „Bibelforscher“ wurden die frühen „Zeugen Jehovas“ genannt, die zu den Opfern und Verfolgten des NS-Regimes gehörten. Höß hatte Sophie Stippel während ihrer Inhaftierung in Auschwitz als Haushaltshilfe requiriert und in der eigenen Familie zur Zwangsarbeit eingesetzt.

Die präzise Überprüfung der Erinnerungen von Höß, der in dieser Quelle im ersten Absatz das Ziel formuliert hatte, „wirklichkeitsgetreu alle wesentlichen Vorgänge, alle Höhen und Tiefen meines psychischen Lebens und Erlebens wiederzugeben“[1], ist außerordentlich aufschlussreich. Das gilt insbesondere für die frühen Lebensjahre. Hier wird gezeigt, dass die Schilderungen seines Kriegseinsatzes im Ersten Weltkrieg und weitere Anekdoten aus seiner bürgerlichen Kindheit mehr oder weniger frei erfunden waren (S. 42). Höß hatte sich selbst als Kind einer privilegierten Familie dargestellt, er habe beispielsweise ein eigenes Pony besessen; solche Kindheitsgeschichten können Kreutz und Strobel anhand von Quellen aus der Mannheimer Stadtgeschichte klar widerlegen und zudem deutlich machen, dass der familiäre Hintergrund keinesfalls der militärischen und kolonialen Tradition entsprach, die Höß sich selbst zugeschrieben hatte. Noch deutlicher wird seine Selbstinszenierung im Hinblick auf seine eigene angebliche Kriegserfahrung. So hatte sich Höß als ein Teilnehmer des sogenannten Orientfeldzuges stilisiert und behauptet, er sei während des Krieges zum jüngsten Unteroffizier des Heeres befördert worden – auch dies kann als Lüge identifiziert werden (S.69–74). Es ist sogar fraglich, ob er überhaupt am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte. Ebenso stellte er seine Rolle an den „Parchimer Fememorden“ falsch dar, er stand keinesfalls nur am Rand, sondern war zentral an der Mordtat beteiligt (S. 84–92). Kreutz und Strobel leisten eine detaillierte Gesamtaufstellung derjenigen Angaben über seine ersten dreißig Lebensjahre, die nicht stimmen können, wobei der Detailreichtum an manchen Stellen etwas überreich erscheint. Das gilt besonders für die Fülle von Abbildungen aus Mannheim, die mit dem Leben von Höß oder Stippel häufig nur am Rande etwas zu tun haben. Hier fehlt außerdem eine eingehende analytische Einordnung der Lügen, Verdrehungen und Selbstinszenierungen in einem solchen Selbstzeugnis, es mangelt an einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der Quellengattung. Das gilt vor allem im Hinblick auf die Funktion der Lüge in diesem Ego-Dokument. Hitler selbst hatte seine Gefolgsleute darauf hingewiesen, dass in der Größe der Lüge der entscheidende Faktor für den Erfolg liege, nur kleine Lügen würden in Frage gestellt, große Lügen würden eher geglaubt werden. Ob dieser strategische Einsatz der Lüge auch den Memoiren von Höß zugrunde lag, ob das Werk eher eine in sich geschlossene Lebenslüge darstellte oder ob es der späteren Legitimation der Taten dienen sollte, diese Fragen werden von Kreutz und Strobel nicht systematisch behandelt. Auch werden die Erinnerungen und ihre Unwahrheiten nicht in einen Zusammenhang mit anderen Nazi-Erinnerungen gesetzt. Auf die Infragestellung der Höß-Erinnerungen durch Holocaust-Leugner, die immer wieder versucht haben, die detaillierte Darstellung der Vernichtungsaktionen bei Höß als fehlerhaft und erzwungen darzustellen, geht das Buch gar nicht ein, obwohl der Aspekt der Lüge vor dem Hintergrund dieser Vorgeschichte ja besonders sensibel zu behandeln wäre.

Die Frage nach dem „Warum“ der Lüge in den Erinnerungen bleibt aber bestehen. Insbesondere die offenbar frei erfundene Darstellung der Teilnahme am Ersten Weltkrieg, die stilistisch der Erinnerungsliteratur der „Orientkämpfer“ folgt, müsste noch eingehender erörtert werden. War es für einen soldatischen Charakter, als den Höß sich selbst inszenierte, undenkbar, ohne „ehrenvolle“ Kriegserfahrungen erfolgreich tätig zu sein? Wie zentral waren reale Weltkriegserfahrungen für eine Anerkennung innerhalb der rechtsvölkischen und nationalsozialistischen Männerbünde, in denen der junge Höß sozialisiert wurde?

Auch die Frage nach der Beziehung zu Sophie Stippel wird nur ansatzweise geklärt. Dabei ist es sicherlich eine beklemmende und spannende Frage zugleich, warum Höß die sogenannte Bibelforscherin Sophie Stippel, die er offenbar von früher aus Mannheim kannte, als Köchin für seine Familie anforderte. Die Zeugen Jehovas galten bei der Schutzstaffel (SS) als zuverlässige Haushaltshilfen, von denen wegen ihrer Gottesfürchtigkeit keine Anschläge auf die Aufseher oder ihre Familien zu erwarten waren. Ob Höß Stippel speziell auswählte oder ob diese Verbindung auch Zufall gewesen sein könnte, das kann nicht abschließend geklärt werden. Als Höß im Frühjahr 1945 befürchtete, dass er fliehen müsse, gab er Stippel vorher Giftampullen und den Befehl, seine Kinder zu vergiften, bevor die Russen kämen. Ansonsten würde auch sie den Weg ins Krematorium finden, gab er ihr zu verstehen. Die Familie musste dann überstürzt mit den Kindern fliehen, sodass Sophie Stippel diese Entscheidung abgenommen wurde. Aus dem, was vorher über sie berichtet wurde, kann als sicher angenommen werden, dass sie den Auftrag schon aus religiösen Gründen nicht durchgeführt hätte (S. 193f.).

Die Verbindung zwischen Höß und Stippel, die das Buch herstellt, führt dazu, dass der Gegensatz zwischen dem Häftlingsalltag in Auschwitz und dem luxuriösen, zugleich spießbürgerlichen Leben in der Kommandantenvilla deutlich herausgestellt werden kann. Hier werden die Leser/innen noch einmal beklemmend anschaulich in die „bürgerliche“ Idylle der Familie Höß mit Fotographien der in Planschbecken tobenden Kinder vor dem Hintergrund der Lagergärtnerei eingeführt, die schließlich den alltäglichen Grausamkeits- und Vernichtungserfahrungen der Insassinnen gegenübergestellt wird. Über die biographische Darstellung von Sophie Stippel werden der Lebensalltag der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus und die Haftbedingungen im Frauenlager dann eingehender beschrieben; so werden zahlreiche Informationen zum Alltag der Zeugen Jehovas in den NS-Lagern geliefert, eine Opfergruppe, über die noch nicht sehr viel allgemein bekannt ist.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass das Buch als verdienstvolles Nachschlagewerk zu biographischen Fakten über Rudolf Höß und auch über die eher unbekannte Sophie Stippel verwendet werden kann, welches trotz seiner Detailfülle gut lesbar ist und speziell für die Höß- und Täterforschung interessant sein dürfte. Dabei lässt es allerdings eine analytische Einordnung der Erinnerungen in die Selbstzeugnis-Forschung vermissen, in dem genannten Rahmen ist die Darstellung vielmehr deskriptiv erzählend. Zum anderen werden zwei hierarchisch miteinander verflochtene „Wege nach Auschwitz“ in der zweiten Hälfte des Buches eher für ein breiteres Publikum erzählt. Innerhalb der Forschung dürfte die Darstellung hier vor allem für diejenigen Historiker/innen interessant sein, die sich mit der Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas während des NS-Regimes beschäftigen.

Anmerkung:
[1] Martin Broszat (Hrsg.), Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen des Rudolf Höß, 27. Aufl. (Erstausgabe 1958), München 2017, S. 31.

Redaktion
Veröffentlicht am
25.05.2021
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