N. Hächler: Kontinuität und Wandel des Senatorenstandes

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Titel
Kontinuität und Wandel des Senatorenstandes im Zeitalter der Soldatenkaiser. Prosopographische Untersuchungen zu Zusammensetzung, Funktion und Bedeutung des amplissimus ordo zwischen 235–284 n. Chr.


Autor(en)
Hächler, Nikolas
Reihe
Impact of Empire 33
Erschienen
Anzahl Seiten
XI, 890 S.
Preis
€ 158,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Klaus-Peter Johne, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Forschungen zur Zeit der Soldatenkaiser in der Mitte des 3. nachchristlichen Jahrhunderts haben weiterhin Konjunktur. In den letzten zwanzig Jahren sind die meisten Herrscher zwischen 235 und 284 in Monographien eingehend und ausführlich neu behandelt worden, beispielhaft sei aus jüngster Zeit auf die Bücher über Valerian und Gallienus sowie Carus, Numerianus und Carinus verwiesen.[1] Hächler geht es nun aber nicht nur um einen Kaiser und dessen Politik allein, sondern um den Stand der Senatoren insgesamt. Damit behandelt er ein überaus anspruchsvolles Thema. Seine prosopographische Sammlung, die über die Hälfte des Werkes umfasst, ersetzt in großen Teilen die immer wieder herangezogenen Standardwerke von Guido Barbieri und Michel Christol.[2] Hervorgegangen ist das umfangreiche Buch aus einer 2017 in Zürich angenommenen Dissertation, die von Anne Kolb und Beat Näf betreut wurde. Der Verfasser konnte sich auf gute Vorarbeiten stützen wie auf das vom Rezensenten mit herausgegebene Handbuch über die Soldatenkaiserzeit und die neueren Bände der im Jahre 2015 vollendeten 2. Auflage der Prosopographia Imperii Romani.[3] Unstrittig in der Forschung ist, dass der Ritterstand im 3. Jahrhundert an Bedeutung gewann, während der ordo senatorius nicht mehr dieselbe Rolle wie in den vorangegangenen Jahrhunderten spielte. Die Veränderungen im Senatorenstand im Detail und unter verschiedenen Aspekten zu untersuchen, ist das Anliegen Hächlers. Vor allem will er prüfen, ob sich der erste Stand der römischen Gesellschaft insgesamt in einer Krise befunden hat und wie seine Stellung am Ende der Soldatenkaiserzeit gewesen ist.

Die Einleitung widmet sich der Quellenlage sowie den Chancen und Grenzen der prosopographischen Methode (S. 1–17). Das Kernstück des Buches ist der erste Teil, die Auswertung der prosopographischen Sammlung (S. 21–232). Dabei wird stärker als bisher die Heterogenität des Senatorenstandes betont. Die drei Teilgruppen „Patrizier“, „Nicht-Patrizier mit konsularen Ämtern“ und „Nicht-Patrizier ohne konsulare Ämter“ unterschieden sich durch ihre Laufbahnen, ihre geographische Herkunft und ihre sozio-politischen Verbindungen. Die Patrizier dürften höchstens zehn Prozent der Senatoren umfasst haben, sind jedoch in der Überlieferung überproportional häufig bezeugt. Sie kamen meist aus Italien, bekleideten prestigeträchtige Ämter wie den ordentlichen Konsulat und die Stadtpräfektur von Rom und konzentrierten sich auf Aufgaben wie die Zivilverwaltung und die Rechtsprechung und damit auf Tätigkeitsbereiche, die sie in dem gesamten Jahrhundert größtenteils bewahren konnten. Die „Nicht-Patrizier“, die die große Masse der Senatoren stellten, konnten sich einerseits mit konsularen Ämtern den Patriziern annähern oder aber in der Laufbahn unterhalb des Konsulats verbleiben. Sie stammten häufig aus den Provinzen und waren vom Ausschluss der Senatsangehörigen vom Heeresdienst seit Gallienus nachhaltig betroffen.

In den folgenden Kapiteln geht es im einzelnen um Anzahl, Bedeutung und Funktion senatorischer Amtsträger, ihre Laufbahnen und ihre geographische Herkunft. Dabei schlägt sich die umfangreiche Prosopographie des zweiten Teils in einer ganzen Reihe von Tabellen nieder. Der Verlust des Zugangs der Senatoren zu militärisch bedeutsamen Ämtern ab etwa 260 wies schon faktisch auf die Trennung zwischen ziviladministrativ und militärisch ausgerichteten Laufbahnen hin. In der Konzentration auf Zivilverwaltung und Rechtsprechung sieht Hächler jedoch eher eine Funktionsverlagerung der Aufgabenbereiche als eine Entmachtung des ersten Standes, wie dies bisher oft interpretiert wurde.

Anschließend geht es um einige viel diskutierte Einzelprobleme der Soldatenkaiserzeit. So behandelt Hächler nochmals recht eingehend die Vorgänge des Jahres 238 mit dem Sturz des Maximinus Thrax und dem kurzlebigen Senatskaisertum von Pupienus und Balbinus. Er betont dabei, dass der erste Stand nicht in sich geeint gegen den Soldatenkaiser vorging, wie man der bekannten einschlägigen Darstellung unter dem Titel „Senatus contra principem“ entnehmen könnte.[4] Die für das 3. Jahrhundert immerhin einzigartige politische Kraftanstrengung der Mehrheit der Senatsmitglieder hatte aber keine weitreichenden Folgen. Seit den Jahren 241/242 erstarkten kontinuierlich die ritterlichen Funktionsträger in der Armee und am Kaiserhof. Diese Veränderungen in der Führungsschicht und der Ausschluss der Senatoren vom Heereskommando erklärt auch hinreichend, warum sich die Vorgänge von 238 nicht wiederholen konnten, etwa bei der Opposition gegen Aurelian. Die vermeintliche Wiederherstellung der Senatsherrschaft unter Kaiser Tacitus 275/276 wird vom Verfasser zu Recht als literarische Konstruktion betrachtet, um einen aus senatorischer Sicht idealen Herrscher in einem Zeitalter der politischen Krisen zu präsentieren. Wie die prosopographischen Daten zeigen, sind auch unter diesem „Senatskaiser“ Senatoren nicht wieder vermehrt in der Provinzverwaltung und Militärführung aktiv geworden. Die unter Gallienus begonnene Entwicklung wurde also keineswegs rückgängig gemacht. Mit dem Rezensenten sieht Hächler in Kaiser Tacitus einen in den Senat aufgestiegenen Ritter, der mit dem Konsul des Jahres 273 gleichzusetzen ist.

Gegen Ende des ersten Teils der Arbeit wird die Frage nach der Rolle der Senatoren am Ende der Soldatenkaiserzeit gestellt. Zweifellos bedeutete der Ausschluss von der Heeresführung eine politische Entmachtung. Damit war nämlich auch die Zugehörigkeit zum ersten Stand kein zwingendes Kriterium für die Kaiserherrschaft mehr. Galten Macrinus 217 und Maximinus Thrax 235 als Ritter an der Spitze des Reiches noch als Ausnahmen, so wurde die Herkunft aus dem Ritterstand für die Kaiser ab 268 zur Regel. Diesem Aspekt hätte vom Verfasser mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden können. Hächler unterstreicht, dass die Senatoren ihre substantielle Stellung in der römischen Gesellschaft auch in dieser Zeit behielten. In dem agrarisch geprägten Wirtschaftssystem stellte die Großgrundbesitzeraristokratie ein gewichtiges ökonomisches Element dar, das über umfassende soziale Netzwerke verfügte. Sie repräsentierte weithin die standesgemäße Bildung und stellte ein Mäzenatentum dar, das sich unter den aus dem Militär hervorgegangenen Herrschern noch mehr auf sie konzentrierte. Die Kaiser benötigten den Senat, der allein einem von den Soldaten akklamierten Herrscher die Legitimität verleihen konnte. Damit war er auch ein das gesamte Imperium stabilisierendes Element. Die Standeskultur und das Standesbewusstsein der Senatoren besaßen keine Entsprechung bei den Rittern, fehlte diesen doch ein dem Senat vergleichbares Gremium. Noch am Ende des Untersuchungszeitraums stellte es für erfolgreiche Ritter eine Ehre dar, in den ersten Stand aufgenommen zu werden. In den Schlussbetrachtungen (S. 229–232) relativiert Hächler noch einmal die Vorstellung eines generellen Niedergangs des Senatorenstandes im 3. Jahrhundert. Er sieht nicht den gesamten Stand in einer Krise und betont vielmehr die Verlagerung und Konzentration seiner staatlichen Funktionen.

So verdienstvoll die differenziertere Betrachtung des ordo senatorius im ersten Teil ist, langfristig wird der zweite Teil, die prosopographische Sammlung, als Nachschlagewerk die größere Bedeutung behalten (S. 233–650). 325 Funktionsträger aus dem ersten Stand werden minutiös mit den Quellen, ihren Karrieren, den verwandtschaftlichen Verbindungen, den Heimatorten, der Forschungsdiskussion zu ihnen und der Forschungsliteratur behandelt. Der Arbeitsaufwand für diesen Teil ist wahrhaft eindrucksvoll und bewundernswert. Der Prosopographie folgen fünf Anhänge, die der Erschließung der Materialfülle dienen (S. 651–778). Sie enthalten unsichere und nicht aufgenommene Personen, die Fasten der Konsuln, Stadtpräfekten, Statthalter und anderer Amtsträger, die Senatoren unter der Regentschaft einzelner Kaiser, ein tabellarisches Gesamtverzeichnis senatorischer Amtsträger und ein Verzeichnis familiärer Verbindungen.

Hächlers Werk, das im ersten Teil sicher hätte gekürzt werden können, ist durch die Prosopographie und eine differenziertere Behandlung des ersten Standes als bisher üblich wertvoll. Die künftige Betrachtung von Senat und Senatoren in der Soldatenkaiserzeit wird von diesem Buch ausgehen müssen.

Anmerkungen:
[1] Toni Glas, Valerian. Kaisertum und Reformansätze in der Krisenphase des Römischen Reiches, Paderborn 2014; Sophie Röder, Kaiserliches Handeln im 3. Jahrhundert als situatives Gestalten. Studien zur Regierungspraxis und zu Funktionen der Herrschaftsrepräsentation des Gallienus, Berlin 2019; Klaus Altmayer, Die Herrschaft des Carus, Numerianus und Carinus als Vorläufer der Tetrarchie, Stuttgart 2014.
[2] Guido Barbieri, L’albo senatorio da Settimio Severo a Carino (193–285), Roma 1952; Michel Christol, Essai sur l’évolution des carrières sénatoriales dans la 2e moitié au IIIe s. ap. J.-C., Paris 1986.
[3] Klaus-Peter Johne / Udo Hartmann / Thomas Gerhardt (Hrsg.), Die Zeit der Soldatenkaiser. Krise und Transformation des Römischen Reiches im 3. Jahrhundert n. Chr. (235–284), 2 Bde., Berlin 2008; Werner Eck / Matthäus Heil (Hrsg.), Prosopographie des Römischen Kaiserreichs. Ertrag und Perspektiven. Kolloquium aus Anlass der Vollendung der Prosopographia Imperii Romani, Berlin 2017.
[4] Karlheinz Dietz, Senatus contra principem. Untersuchungen zur senatorischen Opposition gegen Kaiser Maximinus Thrax, München 1980.

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20.01.2020
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