Klauß, Cornelia; Schenk, Ralf (Hrsg.): Sie. Regisseurinnen der DEFA und ihre Filme. Berlin  2019. ISBN 978-3-86505-415-9

Herbst-Meßlinger, Karin; Rother, Rainer (Hrsg.): Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen. Berlin  2019. ISBN 978-3-86505-262-9

Deutsche Kinemathek (Hrsg.): Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen. Zur Retrospektive der 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Berlin  2019. ISBN 978-3-8488-8025-6

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Kötzing, Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden

Die Retrospektive der 69. Berlinale im Februar 2019 war eine besondere: Zum ersten Mal in der Geschichte des größten und wichtigsten deutschen Filmfestivals standen ausschließlich Regisseurinnen im Mittelpunkt der Sektion, die sich seit über 30 Jahren mit einer Person oder einem Thema der internationalen Filmgeschichte beschäftigt. Frauen selbst waren zwar schon häufiger Gegenstand der Retrospektive, zum Beispiel mit einem Fokus auf Schauspielerinnen. In der Regel handelte es sich dabei jedoch um Werke aus der Filmgeschichte, die unter der Regie von Männern entstanden sind. Regisseurinnen spielten nur selten eine Rolle. Bedenkt man, dass die fehlende Wahrnehmung weiblichen Filmschaffens kein nur historisches Phänomen ist, sondern sich zum Teil bis in die Gegenwart fortsetzt, dann erschließt sich die hohe Dringlichkeit um so mehr: Weibliche Filmemacherinnen und ihren Blick auf die Welt in der Filmgeschichte (wieder) sichtbar zu machen, nicht mehr und nicht weniger.

Aber gibt es so etwas wie eine weibliche Handschrift im Film überhaupt? Und wenn ja, worin besteht diese? Inszenieren Regisseurinnen anders als ihre männlichen Kollegen? Oder gehen mit solchen Annahmen neue, ungewollte Stereotypisierungen einher? Fragen wie diese sind nicht neu, aber aktueller denn je. Das unterstreichen die beiden Sammelbände, die parallel zur Retrospektive erschienen sind. „Selbstbestimmt“, herausgegeben von Karin Herbst-Meßlinger und Rainer Rother, greift Themen und einzelne Filme der Retrospektive auf, die das weibliche Filmschaffen in Ost- und Westdeutschland schlaglichtartig beleuchten. Und „Sie“, herausgegeben von Cornelia Klauß und Ralf Schenk, stellt speziell die ostdeutschen Regisseurinnen der Deutschen Film AG (DEFA) und ihre Filme vor. Zu beiden Publikationen gehören umfangreiche Doppel-DVDs, die den Büchern entweder direkt beiliegen („Sie“) oder separat dazu erhältlich sind („Selbstbestimmt“) – insgesamt liegen so 28 Spiel-, Dokumentar- und Animationsfilme vor, die einen konkreten Einblick in das Schaffen ost- und westdeutscher Regisseurinnen in den vergangenen Jahrzehnten ermöglichen.

In vielen DEFA-Filmen haben starke Frauenfiguren schon von Anfang an eine sehr wichtige Rolle gespielt, meist wurden auch sie von Männern inszeniert. In der Filmproduktion gab es zwar Bereiche, in denen Frauen sehr präsent waren (beispielsweise in der Dramaturgie und vor allem als Schnittmeisterinnen). Die Spielfilmregie blieb jedoch bis zu den 1970er-Jahren eine männliche Domäne, ehe mit Ingrid Reschke, Iris Gusner oder Evelyn Schmidt zumindest ein paar Frauen Spielfilme realisieren konnten. Schenk und Klauß resümieren diese Situation in einem detaillierten Gespräch, das den Band „Sie“ einleitet. Darin zeigen sie historische Entwicklungslinien auf und heben Besonderheiten hervor, zum Beispiel im Hinblick auf die Studiostruktur innerhalb der DEFA. Beim Dokumentar- und populärwissenschaftlichen Film oder im Trickfilmstudio waren deutlich mehr Regisseurinnen tätig als im Spielfilm. Nicht wenige von diesen Frauen sind jedoch in Vergessenheit geraten und tauchen in der Forschung bestenfalls am Rande auf. Um so verdienstvoller erscheint es, dass Schenk und Klauß für den Band alle(!) jemals bei der DEFA beschäftigten Regisseurinnen recherchiert haben und jede von ihnen im Buch mit einem eigenen Essay gewürdigt wird. Über 60 Frauen werden so vorgestellt, ihr Filmschaffen umrissen und durch genaue Angaben in einer Filmografie ergänzt. Die Texte, an denen über 20 Autorinnen und Autoren mitgewirkt haben, sind unterschiedlich ausführlich, weil nicht zu allen Regisseurinnen in gleichem Maße Informationen vorliegen. Einige von ihnen wurden für den Band interviewt, sodass ihre Erinnerungen mit in die Texte einfließen konnten.

Die Lebens- und Werkgeschichten, die „Sie“ vereint, sind vielschichtig und nur schwer auf einen Nenner zu bringen. Aber das muss man auch gar nicht, denn die Vielfalt des künstlerischen Schaffens ist das eigentlich Besondere. Was aber beim Lesen ins Auge springt, sind die Brüche in den Biografien. Nur wenige Regisseurinnen haben ein umfangreiches Œuvre aufzuweisen, viele waren nur kurz bei der DEFA tätig. Manche mussten gegen politische Widerstände ankämpfen, andere wurden von ihren männlichen Kollegen an den Rand gedrängt. Hinzu kommen private Einschnitte – die Geburt der Kinder, Eheschließungen oder Scheidungen –, die ihre Karrierewege nachhaltiger beeinflussen konnten als diejenigen der Männer. Die vielbeschworene Gleichberechtigung der ostdeutschen Frauen im Berufsleben ging – auch bei der DEFA – selten mit einer Gleichberechtigung im familiären Alltag einher. In der Regel mussten ihn die Frauen parallel zum Beruf und alleine meistern. Wie viel künstlerisches Potential dadurch verloren gegangen ist, kann man nur erahnen. Marion Keller – um nur ein Beispiel zu nennen – gehörte zu den Pionierinnen des DEFA-Films. Sie war maßgeblich an der Gründung der Wochenschau „Der Augenzeuge“ beteiligt, wie Günter Jordan in seinem Beitrag schildert (S. 184–189). Ihr Lebenspartner Kurt Maetzig, einer der Mitbegründer der DEFA, wird häufig auch mit der Leitung des „Augenzeugen“ in Verbindung gebracht, de facto leitete Keller jedoch die redaktionelle Arbeit, ehe sie im Dezember 1949 aus politischen Gründen auf die Straße gesetzt wurde und anschließend in den Westen ging. Maetzig, von dem sie sich zuvor getrennt hatte, galt in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) als „Übervater“ des Kinos. An Marion Keller erinnerte dagegen niemand mehr.

Dass die Arbeit von Regisseurinnen in der Filmgeschichtsforschung bis heute unterbelichtet ist, mag auch daran liegen, dass in der Forschung lange Zeit überwiegend männliche Blicke dominierten. Die Arbeiten von Regisseurinnen wurden nicht selten als „Frauenfilme“ klassifiziert – eine Kategorie, die indirekt eine Abweichung von der Norm signalisierte, wie unter anderem Gabriele Dietze in ihrem Beitrag in „Selbstbestimmt“ zeigt (S. 16–45). Dietzes Text unterstreicht, dass es den weiblichen Filmemacherinnen in der Bundesrepublik, die im Zuge der Frauenbewegung in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren ihre ersten Filme realisierte, in erster Linie um einen unabhängigen, selbstbestimmten Blick ging. Eine verbindliche „weibliche Ästhetik“ lasse sich nicht beschreiben, wohl aber die Suche nach einer alternativen Filmästhetik, die zu einem veränderten Frauenbild in der Gesellschaft beitragen konnte.

Die anderen Beiträge in „Selbstbestimmt“ vertiefen diese Perspektive, zum Beispiel mit sehr lesenswerten Studien zu einzelnen Filmen aus der Bundesrepublik und der DDR (unter anderem von Sherry Hormann über „Zur Sache, Schätzchen“ von May Spils oder von Eva Trobisch zu „Die Taube auf dem Dach“ von Iris Gusner). Hinzu kommen Detailbetrachtungen zu Motiven und Figuren (wie zum Beispiel die „Flaneurin“) oder narrativen Schwerpunkten (etwa die Darstellung der Arbeitswelt) in Filmen von Regisseurinnen. Die Beiträge zeigen die Vielschichtigkeit weiblichen Filmemachens auf und lassen zugleich den thematischen Sonderstatus fraglich erscheinen: Es wäre viel erreicht, wenn die Filme in Zukunft nicht mehr nur wahrgenommen würden, weil sie von Frauen gemacht wurden, sondern schlicht wegen ihrer künstlerischen Qualität.

Eine Voraussetzung dafür ist, dass die Filme überhaupt sichtbar sind (und bleiben) – auch jenseits von Retrospektiven auf Festivals. Daher sind die DVD-Editionen zu beiden Büchern mindestens ebenso wichtig wie die Publikationen selbst. Sie eröffnen einem interessierten Publikum die Möglichkeit, anhand der Filme bestehende Gesellschaftsbilder zu hinterfragen und neue Perspektiven zu entdecken. Das ästhetische und inhaltliche Spektrum ist groß und es mangelt nicht an Überraschungen, wie zum Beispiel im Fall von Ingrid Reschkes ungewöhnlichem DEFA-Film „Kennen Sie Urban?“. Reschke erzählt darin die Geschichte eines eher „untypischen“ Jugendlichen in der DDR, der nach einem Gefängnisaufenthalt seinen Weg zurück in die Gesellschaft sucht. Oder „Heim“ von Petra Tschörtner und Angelika Andrees, ein unvollständig gebliebener Dokumentarfilm, der einen Einblick in den Alltag von Heimkindern und deren zerrüttete Familienverhältnisse bietet. Oder „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann“ von Helke Misselwitz, ein behutsamer Porträtfilm über die Arbeiter/innen in einem Kohlehandel in Ost-Berlin, kurz vor dem Fall der Mauer.

Dass Filme wie diese in digital restaurierten Fassungen zur Verfügung stehen, ist ein großer Verdienst der Retrospektive der Berlinale und von den beteiligten Partnern. Und dass das filmische Werk von Regisseurinnen – auch in der Forschung – stärkere Beachtung finden sollte, steht ohnehin außer Frage. Viele spannende Themen reißen auch die vorliegenden Publikationen nur an. Das betrifft sowohl die politischen Hintergründe der Filmproduktion als auch deren langfristige Wirkung auf den gesellschaftlich-sozialen Wandel und die Gleichberechtigung von Frauen in einer noch immer sehr männlich dominierten Filmwelt. Hier schlummert noch viel Potential für die filmhistorische Forschung.

Redaktion
Veröffentlicht am
14.04.2021
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