G. Schietinger (Hrsg.): Gnaeus Pompeius Magnus

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Titel
Gnaeus Pompeius Magnus. Ausnahmekarrierist, Netzwerker und Machtstratege. Beiträge der Heidelberger Pompeius-Tagung am 24. September 2014


Herausgeber
Schietinger, Georg-Philipp
Reihe
Pharos
Erschienen
Rahden, Westf. 2019: Verlag Marie Leidorf
Anzahl Seiten
XIX, 229 S.
Preis
€ 42,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Laura Kersten, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Der anzuzeigende Sammelband beschäftigt sich mit einem Klassiker der Alten Geschichte: Gnaeus Pompeius Magnus. Solche personenbezogenen Ansätze haben auch im neuen Jahrtausend nicht an explikativer Relevanz verloren.[1] Der Herausgeber, Georg-Philipp Schietinger, formuliert in der Einleitung die Zielsetzung des Sammelbandes, den „Machtpolitiker Pompeius Magnus – auch als Ausnahmekarrieristen und Netzwerker – zu beleuchten“ (S. XIV). Es werden die Besonderheiten des „Machtpolitikers“ Pompeius im Anschluss an Tacitus (hist. 2,38) im Vergleich zu Sulla und Marius herausgestellt sowie deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede betont. Dabei löst sich der Ansatz des Sammelbandes vom alten Verdikt eines in der Innenpolitik gescheiterten „Überfeldherrn“ und orientiert sich demgegenüber an Positionen, die Pompeius eine auch politische Ausnahmestellung in der römischen Republik zuerkennen (S. IX).[2]

Die Auseinandersetzung mit einem so umrissenen Forschungsinteresse erfolgt durch sechs Aufsätze, die nicht in einzelne Sektionen unterteilt sind. Den Anfang macht Hartmut Blum („Pompeius: Die Niederlage, die aller Berechnung widersprach“). Dieser knüpft an die Einleitung an, indem er das Pompeius-Urteil der Forschung in zwei Ansätze unterteilt: Er unterscheidet zwischen der Sichtweise, Pompeius sei ein außergewöhnlicher Feldherr ohne politisches Talent gewesen, und der Ansicht, die Karriere des Pompeius sei in zwei Phasen zu unterteilen, wobei in der ersten zunächst alles positiv verlief und erst in einer zweiten Phase zu Tage trat, dass Pompeius die nötige politische Gestaltungskraft fehle (S. 5f.). Blum betont im Gegensatz zu diesen beiden Forschungstendenzen, dass Pompeius sein politisches Vorgehen sowohl nachvollziehbar an bestimmten „Lektionen“ (S. 6) orientierte als auch eine Kontinuität und Konsequenz in seinem politischen Handeln bewies. So möchte Blum auch das Jahrzehnt ab 59 v.Chr. nicht als Zeit der politischen Taten- und Orientierungslosigkeit des Pompeius verstehen sowie den Beginn der Bürgerkriege und die späten Rüstungen gegen den Feind nicht als Hinweis auf mangelnde politische Einsicht deuten. Stattdessen betont er, dass Pompeius’ Handlungen in diesen Zusammenhängen durchaus nachvollziehbar seien, weil sie sich an den vorher dargelegten Lektionen orientieren: ab 59 v.Chr. an der Lektion: „Man kann abwarten und irgendwann ergibt sich wieder ein Kommando“ (S. 18) und am Beginn der Bürgerkriege mit der aus seinen „Lektionen“ resultierenden Erwartung, dass die Soldaten Caesar nicht die Treue halten werden. Es sei darüber hinaus zu überlegen, ob Pompeius nicht eine Ordnung angestrebt habe, die eine stärkere Stellung für den Senat vorsah, als dies unter Caesar und Augustus der Fall war.[3]

Der zweite Beitrag von Krešimir Matijević („Der erste Consulat des Pompeius Magnus 70 v.Chr.“) diskutiert die Frage, ob am Ende der 70er-Jahre ein politisches Programm des Pompeius erkennbar ist, ob Pompeius die „sullanische Ordnung“ bewusst zerstört hat und wie sich das Verhältnis zwischen Pompeius und dem Senat darstellt (S. 31). Dabei argumentiert er dahingehend, dass Pompeius den Senat im Vorfeld der Konsulatswahlen nicht durch seine militärische Macht bedrängt[4] und auch keine Politik gegen den Großteil des Senats betrieben habe. Außerdem betont er, dass die Charakterisierung einer Politik als „sullanisch“ keine sinnvolle Zuordnung sei, wie am Beispiel des Pompeius gezeigt werden könne: Er sei zwar zu jenen Personen zu rechnen, die unter Sulla Karriere gemacht haben, es sei ihm aber nicht um die Bewahrung einer „sullanischen Ordnung“, sondern bloß um das Durchsetzen eigener Machtinteressen gegangen. Georg-Philipp Schietinger („Die vereitelte Diktatur. Anmerkungen zu Pompeius’ Rückkehr aus dem Osten 62 v.Chr.“) behandelt den Konflikt rund um die politische Position, die Pompeius nach dem Ende seines Oberbefehls im Osten anstrebte. Dabei untersucht Schietinger, welche Ziele der Volkstribun Metellus Nepos verfolgte, den er als verlängerten Arm des Pompeius deutet. Dabei spricht er sich – explizit entgegen der Meinung Meiers (S. 74–82)[5] – dafür aus, dass es das Ziel gewesen sei, die Diktatur für Pompeius zu erlangen. Pompeius habe von den Plänen jedoch abgelassen, da er dafür keine Rückendeckung im Senat erhielt und davor zurückschreckte, seine Pläne durch Gewaltandrohung durchzusetzen, was letztendlich seinem Ansehen geschadet, einen Bruch mit dem Senat herbeigeführt und dadurch „die Langfristigkeit seines Erfolges und die Beständigkeit seiner politischen Agenda“ (S. 87) gefährdet hätte.

Christian Rollinger („Die kleinen Freunde des großen Pompeius. Amicitiae und Gefolge in der Späten Republik“) widmet sich den Treu- und Nahbeziehungen des Pompeius und kommt zu dem Schluss, dass Pompeius sich nicht an Konventionen der amicitia gehalten, sondern auf seine „erhöhte Stellung“ (S. 132) vertraut habe. Dies macht Rollinger am Beispiel von Pompeius’ Verhältnis zu seinen ehemaligen Legaten und seinem Auftreten als Verteidiger oder Unterstützer vor Gericht deutlich und zeigt am Beispiel Ciceros, dass dessen Entfremdung von Pompeius auch mit der Nichtachtung solcher Normen und mangelndem diplomatischen Geschick erklärt werden kann. Dem historiographischen Werk des Velleius Paterculus widmet sich Nils Steffensen („Pompeius und das Principat. Velleius Paterculus’ Deutung des politischen Systemwandels in Rom“). Sein Beitrag rückt die Darstellung des princeps Tiberius im Geschichtswerk des Zeitgenossen in den Mittelpunkt und hebt dabei eine Parallele zu Pompeius hervor. So fungiere Pompeius im Narrativ als Figur, die aufgrund seines Strebens nach dignitas den Ruin der Republik herbeigeführt habe; Tiberius’ Machtstreben hingegen sei notwendig, um den Staat zu erhalten. Pompeius’ Bautätigkeit auf dem Marsfeld widmet sich schließlich Hilmar Klinkott unter dem Titel „Pompeius und seine ‚Architektur der Macht‘“. Klinkott beschreibt, wie Pompeius ein neues politisches Zentrum errichtet habe, das von Beginn als Einheit geplant und angelegt gewesen sei, um einen „kontrollierbaren Aktionsraum“ (S. 202) zu schaffen. Es konzentrierte sich ganz auf Pompeius und lief quasi architektonisch auf diesen zu, bot aber gleichzeitig auch einen Platz für Senat und Volk. Pompeius sei, wie am Beispiel solch eines baulichen Komplexes deutlich werde, „gedankliche[r] Wegbereiter“ (S. 203) für den Prinzipat gewesen, da seine Baumaßnahmen bereits auf die Kaiserforen hindeuten. Abgerundet wird der Band von einem Namens-, Sach- und Quellenregister.

Insgesamt versammelt der Band sechs interessante Beiträge, die Pompeius’ machtpolitische Bestrebungen bewerten und diskutieren. Dabei weisen vier Beiträge (Blum, Matijević, Schietinger und Klinkott) eine ähnliche Tendenz auf: Sie zeichnen Pompeius als versierten Politiker, der nachvollziehbar, rational und mit politischem Kalkül agierte. Immer wieder wird dabei angesprochen, dass Pompeius es vorzog, den Senat nicht zu brüskieren, sondern im Zweifelsfall einen Ausgleich mit diesem zu suchen; in vielerlei Hinsicht nahm er so augusteische Elemente vorweg. Damit stellen die Autoren sich gegen Forschungspositionen, die Pompeius als außergewöhnlichen Feldherrn beurteilen, der allerdings kein politisches Geschick gehabt habe und darum letztendlich gescheitert sei. Die Beiträge von Steffensen und Rollinger sind etwas anders gelagert: der erste, weil es in ihm um die historiographische Verarbeitung und Pompeius’ Darstellung im frühen Prinzipat geht, der zweite, weil in ihm Rollinger verdeutlicht, dass Pompeius’ Vernachlässigung patronaler Fürsorge gegenüber seinen Freunden ein mangelndes politisches Geschick zeige; Pompeius erscheint hier also nicht als ein durchweg versierter Netzwerker und Machtstratege. Rollingers divergierendes Ergebnis zeigt so, welches Diskussionspotential der Bewertung der Figur des Pompeius weiterhin innewohnt. Den Beiträgen des Bandes, deren Perspektiven auf Pompeius allesamt im Kern stadtrömisch sind, hätten auch noch Aspekte zur Seite gestellt werden können, die sich auf Pompeius’ Politik, Netzwerke und Machtgrundlagen außerhalb Italiens konzentrieren, um somit den Blick auf den „Machtstrategen“ Pompeius, wie es im Untertitel heißt, um andere Perspektiven zu erweitern. Der Sammelband ist damit all denjenigen, die sich insbesondere für die spätrepublikanische Innenpolitik und den Politiker Pompeius interessieren, empfohlen.

Anmerkungen:
[1] Hier sei nur auf einige aktuelle Monographien zu Pompeius Magnus und dessen Rezeption hingewiesen: Pat Southern, Pompey the Great, Stroud 2002; Karl Christ, Pompeius. Der Feldherr Roms, Eine Biographie, München 2004; Ernst Baltrusch, Caesar und Pompeius, Darmstadt 2004; Christian Heller, Sic transit gloria mundi. Das Bild von Pompeius Magnus im Bürgerkrieg. Verzerrung – Stilisierung – historische Realität, St. Katharinen 2006; Matthias Dingmann, Pompeius Magnus. Machtgrundlagen eines spätrepublikanischen Politikers, Rahden/Westf. 2007; Nicole Schemmel, Rhomaíon krátistos. Die Rezeption des Pompeius in der römischen Kaiserzeit, Duisburg 2015; Luca Fezzi, Pompeo. Conquistatore del mondo, difensore della res publica, eroe tragico, Roma 2019.
[2] Eduard Meyer (Eduard Meyer, Caesars Monarchie und der Principat des Pompejus. Innere Geschichte Roms von 66 bis 44 v.Chr., Stuttgart 1918) wird ausdrücklich als Vorreiter einer späteren Entwicklung verstanden.
[3] Damit schließt sich Blum (S. 22) ausdrücklich dem Urteil Gelzers (Matthias Gelzer, Besprechung zu Eduard Meyer, Caesars Monarchie und das Principat des Pompeius, in: ders., Kleine Schriften, Bd. 2, hrsg. von Hermann Strasburger u. Christian Meier, Wiesbaden 1963, S. 190–196, hier S. 193–195) an und lehnt die These Eduard Meyers – der Vorwegnahme der augusteischen Herrschaft – ab.
[4] Damit stellt Matijević sich explizit gegen die überwiegende Forschungsmeinung (S. 32–39 und insbesondere S. 36, Anm. 34.) und vor allem gegen die Auffassung Vervaets: Frederik J. Vervaet, Pompeius’ career from 79 to 70 BCE. Constitutional, political and historical considerations, in: Klio 91 (2009), S. 406–434, hier bes. S. 423–433. Matijević’ Beitrag kann als Replik auf diesen Aufsatz Vervaets gelesen werden.
[5] Christian Meier, Pompeius’ Rückkehr aus dem Mithridatischen Kriege und die Catilinarische Verschwörung, in: Athenaeum 40 (1962), S. 103–125.

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17.02.2020
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