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Titel
Max Weber. Stationen und Impulse einer intellektuellen Biographie


Autor(en)
Hübinger, Gangolf
Erschienen
Tübingen 2019: Mohr Siebeck
Anzahl Seiten
370 S.
Preis
€ 65,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Manfred Hettling, Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Vorliegendes Buch ist keine Biographie. Es bietet einerseits weniger als eine klassische Biographie, die auf das Leben einer Person konzentriert ist, und andererseits mehr, als im lebenslauforientierten biographischen Genre möglich ist. Gangolf Hübinger ist gegenwärtig vermutlich der beste Kenner der Kulturgeschichte der Zeit des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, einer Kulturgeschichte im Sinne einer Geistes-, Ideen- und Intellektuellengeschichte. Also einer Kulturgeschichte im Medium der kulturellen Selbstreflexion der Gebildeten. Das spiegelt sich in seiner Tätigkeit als Herausgeber von Schriften Max Webers und Ernst Troeltschs, zwei der bemerkenswertesten gesellschaftlichen Analytiker und kulturellen Selbstreflektierer jener Zeitspanne, für die uns eigentlich (noch) ein prägender Begriff fehlt, der vergleichbar suggestiv wäre wie der von Reinhart Koselleck für die Zeit um 1800 eingeführte Terminus der "Sattelzeit".

In seiner Einleitung charakterisiert Hübinger das Typische jener "Umbruchszeit", ihre Heterogenität und ihre Kontraste. "Völlig unausgeglichen die Gegensätze ... es ist ein babylonisches Narrenhaus", zitiert er zur Veranschaulichung Robert Musil, den er als Diagnostiker ernst nimmt wie sonst kaum Historiker.[1] Umbruchszeit ist zweifellos aussagekräftiger als ältere Bezeichnungen wie „wilhelminische Zeit“, „Ära des Imperialismus“, oder auch „Hochmoderne“. Als kennzeichnende Merkmale beschreibt er erstens den sich etablierenden „geistigen Massenmarkt“. Sozialhistoriker haben, Hans Rosenberg folgend, zu Recht von einem entstehenden „politischen Massenmarkt“ gesprochen, der auf die Folgen von Demokratisierung und industrieller Massengesellschaft zielte. Erst in den letzten Jahrzehnten ist aber auch dieser geistige Massenmarkt erforscht worden, der die Diskussionsvielfalt, Deutungskonkurrenzen und Orientierungskrisen bedingte, in denen sich die Zeitgenossen bewegten. Und zweitens, so Hübinger, war die Zeit geprägt durch den unaufhaltsamen Sog der Verwissenschaftlichung, das Entstehen neuer innovativer Methoden wissenschaftlicher Selbstbeschreibung für das subjektive Innenleben (Freud) wie das soziale Gefüge (wofür auch Max Weber beispielhaft steht).

Weber war, das macht einen Reiz dieser Studien Hübingers aus, zugleich rationaler Analytiker wie auch leidenschaftlicher Kämpfer in diesen Debatten, Krisen und Konflikten. Was der Aufsatzband damit bietet, ist eine grundsätzliche Einsicht in den Doppelcharakter moderner Gesellschaft an exemplarischen Problemfeldern. Verdeutlichen kann man das mit einer der bekanntesten Definitionen von Kultur, die Clifford Geertz in weberianischer Tradition formuliert hat. Der Mensch sei ein Wesen, das „in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt“ sei, und dieses Bedeutungsgewebe sei „Kultur“.[2] Hübingers Aufsätze zeigen nun Weber als jemanden, der gleichermaßen an diesem Bedeutungsgewebe in der zweiten Hälfte des deutschen Kaiserreiches mitstrickte, aber gleichermaßen auch als einen Analytiker der historisch gewordenen und gegenwärtig prägenden Bedeutungsgewebe. Die Kapitel des Buchs, die veröffentlichte und nicht veröffentliche bzw. erstmals auf deutsch erscheinende Beiträge in überarbeiteter Form darstellen, gliedern sich in fünf Themengruppen: Lebensführung und wissenschaftliche Orientierung, Ideen und Ideenkämpfe, Ordnungen des politischen Wissens, Neuordnung Deutschlands und der Welt, Weberkreis und Wissenschaft.

An zwei Beispielen sei verdeutlicht, welches Potential im Verfahren liegt, den Blick auf Webers wissenschaftliches, wissenschaftspolitisches und politisches Handeln jeweils zu verbinden mit einer mal mehr, mal weniger ausführlichen Analyse seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse. Webers Einsicht in die Unvermeidlichkeit der Intellektualisierung der Welt führte bei ihm nicht zu einer besonderen Überhöhung des Intellektuellen oder des „Fachmenschen“ (was etwas anderes ist). Das wird offensichtlich in seiner Geringschätzung, ja geradezu Verachtung des „Literaten“ oder auch des „Literatenpolitikers“. Diese Kritik findet sich besonders in den politischen Schriften des späten Kaiserreichs, in denen er gegen Stellungnahmen polemisierte, die seiner Meinung nach ohne Sachkenntnis und ohne ein Verständnis politischer Bedingtheiten artikuliert würden. Er wandte sich somit weder gegen den Literaten als Schriftsteller, noch gegen moralische Stellungnahmen, noch gegen den Intellektuellen als öffentlich Position beziehenden Kritiker. Die pejorative Zuschreibung richtete sich aber gegen jene, die zum einen sich und anderen keine Rechenschaft über ihre leitenden Werte abgaben, und die sich zum andern der Unvermeidlichkeit der intellektuellen, was für ihn immer auch bedeutete: der fachlichen, der verwissenschaftlichten, Durchdringung der Welt nicht stellen wollten.

Dem entsprach seine Wertschätzung des "Kampfs", als Habitus der auch intellektuellen Auseinandersetzung, als soziologische Grundkategorie, als welchen er den Kampf beschrieb, und als Grundlage einer politischen Wissenschaft, die empirische Wissenschaft sein wolle. Der Reiz und die intellektuelle Ausstrahlungskraft der Darlegungen Hübingers erweist sich auch darin, dass man beim Lesen immer wieder versucht ist, die ausgebreiteten Fäden der personellen Beziehungen und der Bedeutungsstränge weiter zu verfolgen bzw. nach weiteren Bezugspunkten zu suchen. So könnte man überlegen, ob Webers Vorliebe für den "Kampf" als soziologischer Grundbegriff etwa auch Carl Schmitt als Hörer von Webers Vorlesungen in München inspirierte, dessen Begriff des Politischen ja eine Wahlverwandtschaft zu Webers Vorliebe für Antagonismen aufweist, trotz der unbestreitbaren Unterschiede.

Es ließen sich leicht weitere Beispiele ausbreiten. Für die Qualität des Bandes ausschlaggebend ist, dass die im jeweiligen Einzelfall unternommene Kontextualisierung Webers in den gesellschaftlichen und geistigen Konflikten der "Umbruchszeit" um 1900 einen genuinen Zugang zu den Fragen ermöglicht, die die Zeitgenossen beschäftigt haben. In dieser Kontextualisierung liegt zugleich eine Historisierung Webers, die deutlich ausgeprägter ist, als es die Weberbiographien der letzten Jahre gewollt und gekonnt haben.[3] Das „Weniger“ in Bezug auf den biographischen Zugriff auf Weber ist somit die Bedingung eines „Mehr“ an Einblick in die zeitgenössische Welt des wissenschaftlichen und politischen Deutschland um 1900, in dem Weber sich bewegte und in welchem er bewegen wollte.

Wenn man etwas bemängeln will, dann die Zurückhaltung Hübingers, die Heterogenität und Zerrissenheit der Moderne um 1900, die widersprüchliche Vielfalt der Intellektualisierung, selber stärker zu systematisieren. Die Einleitung bietet hierfür einige reizvolle Ansatzpunkte, etwa mit dem Verweis auf den geistigen Massenmarkt, die Verwissenschaftlichung der Selbstbeschreibungen, dem Begriff des Kulturkampfs. Wollte man eine eigentliche Kulturgeschichte der Weberzeit, um es verkürzend so zu nennen, skizzieren, müsste der biographische Zugang vermutlich stärker eingeschränkt werden, als es Hübingers Intention entsprach. Das „Mehr“, das in dem Band enthalten ist, weist indes deutlich in diese Richtung einer noch zu schreibenden Kulturgeschichte des Umbruchs um 1900.

Anmerkungen:
[1] Robert Musil, Das hilflose Europa oder Reise vom Hundersten ins Tausendste, in: ders., Prosa und Stücke, Reinbek 1978, 1075-1094, hier S. 1087f.
[2] Clifford Geertz, Einleitung, in : ders., Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt am Main 1983, S. 7-44, hier S. 9.
[3] Joachim Radkau, Die Leidenschaft des Denkens, München 2005; Jürgen Kaube, Max Weber. Ein Leben zwischen den Epochen, Berlin 2014; Dirk Kaesler, Max Weber. Eine Biographie, München 2014; Hans-Peter Müller, Max Weber. Eine Spurensuche, Frankfurt am Main 2020.

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Veröffentlicht am
25.01.2021
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