I. Gildenhard u.a. (Hrsg.): Augustus and the Destruction of History

Cover
Titel
Augustus and the Destruction of History. The politics of the past in early imperial Rome


Herausgeber
Gildenhard, Ingo; Gotter, Ulrich; Havener, Wolfgang; Hodgson, Louise
Reihe
Cambridge Classical Journal Supplements
Erschienen
Cambridge 2019: Oxbow Books
Anzahl Seiten
VII, 367 S.
Preis
£ 60,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Lambrecht, Institut für Geschichte, Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz

Der neben einer Einführung der Herausgeber/innen aus zehn Beiträgen bestehende Sammelband widmet sich den mit dem Verfassungswechsel von der späten römischen Republik zum augusteischen Prinzipat verbundenen politischen Veränderungen im Verhältnis zur Zeit und damit zur Geschichte: Titel und Untertitel sprechen von „destruction of history“ und „politics of the past“, die Einleitung des Bandes von „ideology of timelessness“ (S. 3). Die Neuausrichtung des Verhältnisses zur Zeit und damit zur Vergangenheit (aber auch zur Gegenwart und Zukunft) im Imperium Romanum hatte Folgen für den Umgang mit – der eigenen – Geschichte. Daher erscheint es konsequent und lohnend, aus dieser Periode des Umbruchs in Diskurs und Praxis Ansichten über die Vergangenheit zusammenzustellen, um den Veränderungen beim Umgang mit vergangenem Geschehen, etwa in der Erinnerungskultur und der Geschichtsschreibung, nachzugehen und daran wichtige Elemente der Neuausrichtung des römischen Staates im Interesse der von Augustus begründeten Monarchie aufzuzeigen.

Die Beiträge, die allesamt im Grunde spezielle Fallstudien darstellen, sind zu fünf Themen gruppiert, die unterschiedliche Aspekte römischer Vergangenheitspolitik im Zusammenhang mit der Errichtung des augusteischen Prinzipats ansprechen. Unter dem Titel „(One Possible) Order out of Chaos“ beschäftigen sich zwei Aufsätze mit Folgen der Ermordung Caesars. Louise Hodgson lenkt mit „Libera Res Publica: The Road Not Taken“ die Aufmerksamkeit auf eine Redewendung, in der sie „a discursive reaction to the very recent past when the Roman res publica had not been free“ (S. 42) sieht und deren Implikationen sie in Gegenüberstellung mit dem Begriff res publica ohne das signifikante Adjektiv untersucht. Dabei qualifiziert sie die libera res publica als frei vom dominierenden Einfluss eines einzelnen oder einer Gruppe (S. 53), während sie die unfreie res publica als Beute des Bürgerkriegssiegers ansieht (S. 57). Allerdings geht Hodgson hier nicht so weit, den Begriff libertas und dessen Gegenteil als Versatzstücke der politischen Sprache dieser Bürgerkriegsjahre in ihrer Wertigkeit im Rahmen der res publica zu untersuchen. In ihrem Beitrag „History Wars: Who Avenged Caesar and Why Does It Matter?“ nimmt sich Kathryn Welch mit methodischem Impetus der Rolle des Antonius als Rächer Caesars an, die aus tagespolitischen Gründen (Cicero) und infolge der Einflussnahme des politischen Siegers (Octavian) auch in späteren erzählenden Quellen (Plutarch und Appian) nicht angemessen hervortrete und daher unterschätzt werde.

Im Abschnitt „Augustan Plots“ betrachten Ulrich Gotter und zwei seiner Schüler den Umgang mit der Vergangenheit in augusteischer Zeit: Zunächst untersucht Benjamin Biesinger „Rupture and Repair: Patterning Time in Discourse and Practice (from Sallust to Augustus and Beyond)“. Vor dem Hintergrund der durch Sallust historiographisch evozierten Niedergangsszenarien entwickelt er anhand der ludi saeculares von 17 v.Chr. und des Statuenprogramms auf dem Forum Augustum sowie der ihnen inhärenten Aspekte sowohl des Bruchs mit der Vergangenheit wie auch gewisser Kontinuitätslinien als Alternative das neue augusteische Zeit- und Selbstverständnis, das durch harmonisierende Vereinnahmung einer kanalisierten Sicht auf die römische Geschichte das Wort redet, mit deren Hilfe der julischen Familiengeschichte ein Kulminationspunkt gesetzt wird. Gotter selbst widmet sich „The Succession of Empires and the Augustan Res Publica“ und damit der Bedeutung der Konzeption einer translatio imperii für den augusteischen Staat; als ausschlaggebend hierfür sieht er die Erweiterung des Imperium-Begriffs seit der späten römischen Republik um eine territoriale Komponente an, die römische Expansionspolitik als positiv aufgefassten und mit dem Prinzipat ihren Höhepunkt erreichenden Prozess zu verstehen half. Schließlich äußert sich Wolfgang Havener zu „Augustus and the End of ‚Triumphalist History‘“. In diesem Beitrag leitet er im wesentlichen aus dem Vergleich der Selbstdarstellung des M. Fulvius Nobilior und des Augustus – in zugespitzter Form – ab, dass unter der Voraussetzung funktionierender Kontrollinstanzen der römischen Republik es dem einzelnen nicht möglich gewesen sei, mit eigenen Verdiensten der „triumphalist history“ einen Höhe- und Endpunkt zu setzen, vielmehr habe sich dies unter für die Memorialpraxis grundlegend veränderten Bedingungen erst Augustus leisten können. Als wesentliches Vergleichsmoment dienen Havener für diese Feststellung die auf private Initiative zurückgehenden Fasten des Fulvius Nobilior sowie die auf Senatsbeschluss am Partherbogen des Augustus angebrachten abgeschlossenen Fasti triumphales und die fortsetzungsfähigen Fasti consulares.

Zwei weitere Fallstudien gelten dem Thema „The Histories of Empowered Subalterns“. Mit „Family History in Augustan Rome“ stellt Josiah Osgood heraus, wie sich die Bedingungen für die Berücksichtigung familiengeschichtlicher Aspekte im Prinzipat änderten. An die Stelle des aristokratischen Wettbewerbs trat mehr und mehr die Zusammenarbeit mit dem Prinzeps. Unter diesen Bedingungen konnten sich auch Aufsteiger gut positionieren, so dass Velleius Paterculus neue und alte Familien denselben moralischen Kriterien wie gravitas oder industria unterwerfe und so die überkommenen Gegensätze zwischen altem Adel und Emporkömmlingen zugunsten Kontinuität herausstellender Gesichtspunkte einebne: „Loyality was what counted“ (S. 149). Amy Russell lenkt in ihrem Beitrag „The Augustan Senate and the Reconfiguration of Time on the Fasti Capitolini“ die Aufmerksamkeit auf Veränderungen im Selbstverständnis des Senats unter den Bedingungen des Prinzipats. Anhand dessen, was die Konsullisten enthalten und was nicht, zieht sie Schlüsse aus der Herausstellung der an Unregelmäßigkeiten erkennbaren Krisenzeiten und der durch Augustus wiedergekehrten Stabilität: Diese lassen den Senat, den Auftraggeber der Fasten, anhand des auf die Konsuln zentrierten Überblicks über die gesamte – auch die jüngste – römische Vergangenheit in Auseinandersetzung mit den Vorgaben eines neuen Zeit- und Geschichtsverständnisses der Öffentlichkeit gegenüber als einen unverzichtbaren Kooperationspartner des Prinzeps auch für die Zukunft erscheinen.

Der zwei Beiträge enthaltende Abschnitt zu „Historical Palimpsests“ ist dem Forum Romanum und – anhand der Aeneis Vergils – der spätrepublikanischen Geschichte als für die Bedürfnisse der augusteischen Zeit umgeschriebenen Erinnerungsorten gewidmet, mit deren Hilfe der neue römische Staat des Augustus die Vergangenheit in den Dienst der eigenen Anliegen zu stellen gedachte. Mit „Flooding the Roman Forum“ arbeitet Hannah Price an verschiedenen Beispielen heraus, dass es Augustus nicht gelingen konnte, diesen mit Memorialversatzstücken unterschiedlichster Art so aufgeladenen Ort ganz für sich und die julische Familie zu besetzen: „the Augustan rewriting of the Forum was only a partial success, open to quiet grumbling, and outright mockery“ (S. 197). Von der Voraussetzung ausgehend, dass Vergil in der Aeneis Ausblicke auf die gesamte römische Geschichte und ihre wichtigsten Repräsentanten bietet und so die sich in diesem Werk spiegelnde augusteische Geschichtskonzeption ergänzt, stellt Dunstan Lowe in seinem Aufsatz „Dust in the Wind: Late Republican History in the Aeneid“ exemplarisch Anspielungen auf Sertorius vor, die sich seines Erachtens in der Hercules-Cacus-Episode (Verg. Aen. 8,189–270) finden; dies sucht er durch Aspekte in anderweitig überlieferten biographischen Einzelheiten über Sertorius zu erhärten, die an Hercules erinnern. Lowe ist sich wohl bewusst, dass Hercules bei Vergil auch für andere Personen der römischen Geschichte stehen kann, und versammelt daher alle Gründe, die für seine Sichtweise sprechen mögen, ohne Gegengründe ganz zu verschweigen. Deutungen auf der Grundlage von Intertextualität sind letztlich nie wirklich zu beweisen; daran ändert auch die Mahnung nichts, „that we should not press Virgil for orthodoxy [...] in his use of historiographic sources“ (S. 238).

Ein „Epilogue“ gilt schließlich dem Thema „Trojan Plots: Conceptions of History in Catullus, Virgil and Tacitus“, gemeinsam verfasst von Johannes Geisthardt und Ingo Gildenhard. Die Autoren gehen dabei der Frage nach, wie sich an der Verarbeitung des Troja-Mythos von der späten Republik über die augusteische bis in die trajanische Zeit Veränderungen im römischen Geschichtsbild aufzeigen lassen. Während sie in den großen Gedichten Catulls, vor allem in carmen 64, anhand des Troja-Themas den Gedanken an Niedergang, Tod und Zerstörung herausstellen, übertrage Vergil in der Aeneis diesen tragisch-schicksalhaften Aspekt auf Karthago, so dass Troja für Rom eine positive Rolle übernehmen könne, mit deren Hilfe der Dichter einen Bogen vom Anfang der römischen Geschichte bis zu deren Ende mit Augustus spanne. Demgegenüber spielt, genau besehen, das Troja-Thema bei Tacitus eigentlich keine prominente Rolle. Dennoch nutzen es beide Autoren in der Deutung der Berichte des Tacitus über Neros Absicht, in den Osten zu reisen, über ein ausschweifendes Festmahl – das alles lasse an Antonius und Kleopatra denken – sowie über den Brand Roms, der Nero angeblich an den Untergang Trojas erinnert habe (Tac. ann. 15,36–39), um aus Tacitus’ Werken im Anschluss an das in Augustus kulminierende Ende der Geschichte bei Vergil mit dem in den Annalen behandelten Niedergang der julisch-claudischen Familie ein angeblich neues Geschichtsbild im bewussten Gegensatz zur Sichtweise der Zeit des Augustus zu extrahieren (S. 276–278). Geisthardt und Gildenhard stellen nämlich als Tacitus’ Absicht die Betonung eines sozusagen „republikanischen“ Neubeginns mit dem Adoptivkaisertum heraus, wobei zwischen der Geschichtsschreibung des Tacitus und der Panegyrik des Plinius (aber auch notwendig panegyrischen Aussagen des Tacitus, wenn dieser auf die eigene Gegenwart zu sprechen kommt) kein Unterschied gemacht wird (S. 268 und 273). Gar nicht thematisiert wird die der politischen Entwicklung nach den flavischen Kaisern entgegengebrachte Skepsis des Tacitus: So formulieren die zu Beginn des Agricola von Tacitus gewählten Worte (Agr. 3) Wunschvorstellungen, keine Tatsachen (und wenn, dann panegyrisch eingefärbt); ferner lässt sich die Behandlung der Adoption Pisos durch Galba in den Historien (hist. 1,12–19) und ihrer Folgen als Spiegelung der Adoption Trajans durch Nerva mittels Bloßstellung der Ideologie von der Auswahl des Besten lesen. Insofern sind starke Zweifel an dem im letzten Beitrag evozierten Eindruck von einem durch Tacitus propagierten neuen Geschichtsbild angebracht. Tacitus ist eben kein Republikaner, sondern ein sich mit dem Prinzipat arrangierender Senator, der um die Grenzen weiß, die ihm als Geschichtsschreiber in diesem System auferlegt sind – und die Brüche macht er eben auf seine Weise sichtbar.

Die Bilanz für den Sammelband fällt daher etwas gemischt aus. Das Anliegen, mit Augustus ein Ende der bisherigen römischen Geschichte deutlich werden zu lassen, wird durchaus nachvollziehbar präsentiert, auch wenn hier und da zur Profilierung von Gegensätzen Dichotomien zu scharf herausgestellt zu sein scheinen. Nicht durchgängig überzeugend wirken daher die Überlegungen, wie sich dennoch Geschichte unter neuen Bedingungen fortsetzt: Hier werden etwa bei Tacitus keine wirklich schlüssigen Akzente gesetzt. Eindeutig ins Zentrum des Sammelband-Themas führen die unter „Augustan Plots“ subsumierten drei Beiträge, im Vergleich zu denen einiges andere eher zu- und beigeordnet wirkt. Ungeachtet dessen passt die Auswahl der vorgestellten Fallbeispiele durchaus, da sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln das Gesamtthema beleuchten und zudem interessante Anregungen bieten, auch wenn es – bedingt durch die exemplarische Verfahrensweise – Mosaiksteine sind, die noch kein vollständiges Bild ergeben. Dieses Anliegen könnte aber vorangebracht werden, indem man sich intensiver noch, als es etwa Russell für ihr Thema bereits leistet (S. 180), und überzeugender als in der Behandlung des Tacitus im letzten Beitrag beim Blick in die Prinzipatszeit mit Brüchen und zugleich Kontinuitätslinien im Umgang mit Vergangenheit befasst, um die Gegensätze von „destruction of history“ und Fortsetzung der Geschichte angesichts einer „ideology of timelessness“ (S. 3) genauer ins Verhältnis zueinander zu setzen.

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06.01.2020
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