G. Siemoneit (Hrsg.): Johannes Freinsheim. Supplementa in Q. Curtium

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Titel
Johannes Freinsheim, Supplementa in Q. Curtium. Supplemente zu Q. Curtius


Herausgeber
Siemoneit, Gabriel
Reihe
Die neulateinische Bibliothek. Artes Renascentes – Series Germanica 3
Erschienen
Wien 2019: Holzhausen
Anzahl Seiten
384 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sabine Müller, Seminar für Alte Geschichte, Philipps-Universität Marburg

Die vorliegende Publikation steht im Kontext einer noch jungen Richtung in der philologischen und althistorischen Forschung, die sich der Neubewertung des römischen Autors Quintus Curtius Rufus und der Aufwertung seiner Historiae Alexandri Magni als historischer Quelle widmet.[1] Maßgeblich initiiert und vorangetrieben wurde diese Bewegung durch Hartmut Wulfram von der Universität Wien, Experte für antike Alexanderbilder und mittelalterliche Alexanderrezeption.[2] Mit einem in Jahr 2014 veranstalteten Kongress, der sich Curtius Rufus als eigenständigem Literaten vor seinem sozio-kulturellen Hintergrund widmete, gab er den Startschuss für das neue Forschungsinteresse an dem römischen Autor.[3] In diesem akademischen Umfeld entstand auch die von Hartmut Wulfram betreute Dissertation Gabriel Siemoneits über die Ergänzungen des unvollständig überlieferten Texts von Curtius’ Alexandergeschichte durch den frühneuzeitlichen Philologen Johannes Freinsheim (1608–1660).[4] Freinsheim versuchte, die verlorenen Teile von Curtius’ Text in lateinischer Sprache zu rekonstruieren und schuf dabei sein eigenes Alexanderbild.

Der zu besprechende Band ist ein Zusatzertrag aus Siemoneits Dissertation: eine Edition von Freinsheims Supplementen mit deutscher Übersetzung (S. 52–305), die auf gute Lesbarkeit angelegt ist, zugleich aber dem lateinischen Duktus des Originals (auf Basis der Ausgabe Straßburg 1670) folgt (S. 49). Umrahmt sind Text und Übersetzung von einer Einführung (S. 5–46), Anmerkungen (S. 308–318), Bibliographie (S. 319–367), zwei Karten zu erwähnten Städten und Landschaften (S. 368–370) und einem allgemeinen Index (S. 371–384). Die Einführung und der Anmerkungsteil sind knapp, pointiert, kritisch und kenntnisreich. Einleitend gibt Siemoneit informative Abrisse zu antiken literarischen Alexanderbildern (S. 10–12), dem Enigma Curtius (S. 12–14), dem humanistischen Kontext von Freinsheims literarischer Tätigkeit (S. 14–18), seinem Lebenslauf (S. 21–24), zu Supplementen als literarischer „Gattung zweiter Stufe“ (S. 25) und zu Freinsheims Curtius-Imitation (S. 24–46).

In der andauernden Kontroverse um Curtius’ Datierung nennt Siemoneit das 1. Jahrhundert n.Chr. als etablierte Mehrheitsmeinung (S. 9). Besonders interessant und lehrreich sind die Erläuterungen, in welcher Weise Freinsheims Supplemente seinen zeitpolitischen Hintergrund reflektieren: die Zeit des Dreißigjährigen Krieges als „das alles bestimmende Großereignis“ in seinem Leben (S. 23). Siemoneit macht luzide klar, wie sich „Geschichtsschreibung und das Bemühen um politische Krisenbewältigung, aber auch ein subtiles Eintreten für die protestantische Sache im Dreißigjährigen Krieg überlagern“ (S. 9). Demnach sah Freinsheim, der einen Panegyricus auf König Gustav Adolf schrieb, eine Professur für Politik und Rhetorik in Uppsala bekleidete und anschließend von Königin Christina an ihren Hof geholt wurde, in antiker Historiographie einen Spiegel für zeitpolitische Reflexionen. Mit dem Supplement wollte er seinen Zeitgenossen pädagogische Anregungen geben (S. 24).

Siemoneits Hinweis, dass Freinsheim Curtius Rufus zwar in sprachlicher Hinsicht sehr nahe kam, jedoch inhaltlich einen optimus princeps in Anlehnung an sein Idealbild von Gustav Adolf schildern wollte (S. 45f.), ist besonders instruktiv und erhellend. So wird nicht nur die komplexe Problematik von Alexander als Rezeptionsphänomen deutlich, sondern von Rezeptionsgeschichte an sich. Curtius lässt in seiner Verfallsgeschichte Alexanders schon vor dem entscheidenden Wendepunkt nach der Schlacht von Gaugamela – insbesondere markiert durch die Eliminierung von Philotas und Parmenion – immer wieder als foreshadowing Negativeigenschaften offenbaren (etwa die Behandlung des Batis), die dem römischen Publikum anzeigen, dass der Makedone kein optimus princeps sei, der konstant und durchgehend Mäßigung zeige. Insofern wäre es verwunderlich, wenn Curtius Rufus in den fehlenden Teilen einen Alexander beschrieben hätte, wie ihn Freinsheim anhand der Parallelquellen und seiner eigenen Vorstellungen konstruierte. Siemoneits Analyse öffnet Alexanderforschenden, die mit Freinsheims Ergänzungen ihre (berechtigten) Probleme haben mögen, nun die Augen dafür, warum und auf welcher zeitgeschichtlichen Ebene er sie in dieser Weise gestaltete.

Es gibt wenige, kleinere Anmerkungen: In der Terminologie sollte von „Orient“ als geographischer Angabe (S. 10) (spätestens seit Edward Said) abgesehen werden, ebenso wie vom überholten Terminus „(Volks)Stämme“ (S. 48; S. 318, Anm. 100) in der Zeit der Postcolonial Studies. Arrhidaios, den mental retardierten Halbbruder Alexanders, als „schwachsinnig“ zu bezeichnen (S. 312, Anm. 33), ist, selbst wenn es sich um ein Zitat aus der älteren Forschung handelt, politisch nicht korrekt. Zudem reflektiert die These, Olympias sei während Alexanders Abwesenheit in Asien „von der Herrschaft ausgeschlossen“ gewesen und habe sich deswegen gegenüber Antipatros feindselig und konspirativ verhalten (S. 310, Anm. 16), eher antike griechische Topik als den aktuellen Forschungsstand. So wird heute angenommen, dass Alexander Olympias und seine Schwester Kleopatra als Repräsentantinnen seines Hauses mit der Vertretung der argeadischen Interessen während seines Feldzugs betraute. Darauf verweisen sowohl seine Sendungen an sie, auf deren Basis sie im Namen der Dynastie Weihungen und Stiftungen tätigen konnten, als auch die Zeugnisse für politisches Engagement.[5]

Insgesamt handelt es sich um ein sehr übersichtlich und leserfreundlich gestaltetes Buch, dessen Lektüre Freude macht, weil sie lohnend, anregend und ungemein bereichernd ist – gerade für Forschende, die sich mit Alexander und Curtius beschäftigen.

Anmerkungen:
[1] Der vorliegende Band wird künftig, da die Reihe der Neulateinischen Bibliothek den Verlag gewechselt hat, vom Winter Verlag Heidelberg vertrieben werden.
[2] Vgl. Hartmut Wulfram, Der Übergang vom persischen zum makedonischen Weltreich bei Curtius Rufus und Walter von Châtillon, in: Ulrich Mölk (Hrsg.), Herrschaft, Ideologie, Geschichtskonzeption. Alexanderdichtungen im Mittelalter, Göttingen 2002, S. 40–76; Von Alexander lernen. Augustus und die Künste bei Vitruv und Horaz, in: Hermes 141 (2013), S. 263–282; Intertextuality through Translation: the Foundation of Alexandria and Virgil in Julius Valerius’ Alexander Romance, in: Richard Stoneman / Krzysztof Nawotka / Agnieszka Wojciechowska (Hrsg.), The Alexander Romance. History and Literature, Groningen 2018, S. 169–188; Sit tibi terra levis. Eine Grabinschriftenformel in den Epigrammbüchern Martials, in: Cornelia Ritter-Schmalz / Raphael Schwitter (Hrsg.), Antike Texte und ihre Materialität. Alltägliche Präsenz, mediale Semantik, literarische Reflexion, Berlin 2019, S. 45–66, bes. S. 59f.
[3] Die Tagung fand unter dem Titel „Der Römische Alexanderhistoriker Curtius Rufus. Erzähltechnik, Rhetorik, Figurenpsychologie“ an der Universität Wien im April 2014 statt. Vgl. Hartmut Wulfram (Hrsg.), Der Römische Alexanderhistoriker Curtius Rufus. Erzähltechnik, Rhetorik, Figurenpsychologie, Wien 2016.
[4] Gabriel Siemoneit, Curtius Rufus in Straßburg. Imitation und Quellenbenutzung in den Supplementen Johannes Freinsheims, Berlin 2020.
[5] Elizabeth Donnelly Carney, Women and basileia. Legitimacy and Female Political Action in Macedonia, in: Classical Journal 90 (1995), S. 367–391, bes. S. 386; Elizabeth Donnelly Carney, Olympias. Mother of Alexander the Great. New York 2006, S. 49–51 u. 96; Sabine Müller, Das symbolische Kapital von Argeadinnen und Frauen der Diadochen, in: Christiane Kunst (Hrsg.), Matronage. Soziale Netzwerke von Herrscherfrauen im Altertum in diachroner Perspektive, Osnabrück 2013, S. 31–42, bes. S. 35f.; Sabine Müller, Argead Women, in: Elizabeth Donnelly Carney / Sabine Müller (Hrsg.), The Routledge Companion to Women and Monarchy in the Ancient Mediterranean World, New York 2021, S. 294–306.

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Veröffentlicht am
31.05.2021
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