F. Hatje u.a. (Hrsg.): Ferdinand Beneke, Tagebücher II (1802-1810)

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Titel
Die Tagebücher II (1802–1810).


Autor(en)
Beneke, Ferdinand
Erschienen
Göttingen 2019: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
7 Bde., 3876 S.
Preis
€ 128,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Holger Böning, Deutsche Presseforschung, Universität Bremen

Erlebte der Leser dieser außergewöhnlichen Tagebuchedition den gebürtigen Bremer Ferdinand Beneke in der ersten Abteilung der Jahre 1792 bis 1801 als begeisterten Anhänger der Französischen Revolution, den selbst die emsigen Guillotinen nicht abschrecken können und der sich nach dem Studium als Jurist in die aufklärerischen Netzwerke Hamburgs einfügt – zentral insbesondere 1797 die Mitgliedschaft in der Patriotischen Gesellschaft und die aktive Teilnahme an deren Projekt einer Allgemeinen Armenanstalt als Armenpfleger –, so zeigte die dritte Abteilung der Jahre 1811 bis 1816 ihn als verheirateten Hamburger Bürger mit Kindern, der seinen festen Platz in der Hansestadt gefunden hat und dabei intensive Kontakte zur bürgerlichen Elite Bremens pflegt. Die nun erschienene zweite Abteilung lässt an den entscheidenden Zwischenschritten vom jugendlichen Despotenhasser zum Napoleon verabscheuenden Kämpfer für die Befreiung seiner Heimatstadt von französischer Besatzung teilhaben. Wiederum ist das Tagebuch verzahnt mit instruktiven Beilagen und Briefen, die, umfangreicher als die Tagebücher selbst, die täglichen Aufzeichnungen vertiefen, erweitern und ergänzen, ja manchmal erst recht verständlich machen. Hinzu kommt ein hilfreicher, den Leser orientierender Begleitband mit einer Zeitleiste 1741–1816, anhand derer wesentliche Informationen zur persönlichen Entwicklung Benekes ebenso wie solche zu politischen, kulturellen und literarischen Eckdaten geboten werden, sowie ein knapp 150 Druckseiten umfassendes Personen-, Sach- und geographisches Register, das die Tagebücher erschließt. Endlich fehlt auch ein 500 Seiten umfassender Begleitband unter dem Titel „Krieg und Frieden“ nicht, in dem Frank Hatje mit stupenden Kenntnissen und aufschlussreichen Details die Geschichte jener historisch-politischen Entwicklungen nachzeichnet, die sich in Hamburg und damit in den Tagebüchern Benekes in ihrer ganz eigenen Gestalt spiegeln. Bereits in der Rezension der beiden anderen Abteilungen ist darauf hingewiesen worden, welche ganz ungewöhnliche und staunenswert reichhaltige Quelle zur Geschichte des deutschen und hanseatischen Bürgertums diese Tagebücher darstellen, und dass sie neben einem außerordentlichen Leseerlebnis ein intimes Eintauchen nicht nur in das alltägliche Leben eines intelligent-reflektierten und aufmerksam beobachtenden Autors, sondern auch in die gesellschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen einer bedeutsamen historischen Zeitspanne und zugleich in die gesamte Kultur und Lebenswelt des Bürgertums ermöglichen. Wiederum haben die Editoren einen erheblichen Aufwand getrieben und mit größter Sorgfalt die Texte Benekes dargeboten.

Die Jahre 1802 bis zum Kennenlernen seiner künftigen Frau im Jahre 1806 zeigen Beneke eingewoben in eine „Werther“-ähnliche Dreiecksgeschichte; er liebt die Verlobte und Ehefrau seines besten Freundes; in selbstquälerischen Tagebucheinträgen thematisiert er das Verhältnis zu ihnen, starke Stimmungsschwankungen gehen mit Schlaflosigkeit und depressiv-zermürbenden Selbstzweifeln einher. Beim Lesen des Goethe‘schen Werkes fallen ihm die „frappanten Gleichheiten [das letzte Wort im Original unterstrichen – HG] zwischen W’s, u. meinem Schicksal auf“ (Bd. II, 1, S. 368). Beschäftigt ihn gerade einmal die von ihm empfundene tiefe Tragik seiner unerfüllten Liebe nicht, so schildert er Vorzüge und weniger erfreuliche Eigenschaften jener Frauen, denen er bei seinen jahraus, jahrein stattfindenden tausenden Besuchen in den Häusern der Hamburger bürgerlichen Oberschicht begegnet. Diese Einträge sind eine erstrangige Quelle für das Verhältnis von Mann und Frau sowie für die zeitgenössischen Frauen- und Männerbilder. Adligen Gemüts müsse die Frau sein, die Beneke gefällt, „der sanfte Reiz einer ächtweibl. Schönheit“ sollte ihr Gesicht schmücken, Überspanntheit als Folge des „RomanenLesens“ missfalle ihm, ein „ganz reiner Frohsinn“ entzücke ihn ebenso wie „das immer lachende kindliche Herz“ in einem „hübschen Gesichtchen“, „frohe Laune“, „kindliche Bescheidenheit“ und ein „schuldloses Herz“. Kurz: er ist auf der Suche nach einer guten, sanften und treuen Gefährtin und genießt die Worte seiner siebzehnjährigen Verlobten Caroline: „Sie können noch alles aus mir machen!“ Dies geschieht dann auch; allwöchentlich wird eine Academia Carolina notiert, das allgemeinen Beifall findende Auftreten seiner Frau in der Hamburger und Bremer Gesellschaft kommentiert Beneke mit den Worten: „Ich freue mich dann heimlich darüber, wie sich ungefähr der Vater freuen muß über sein wohlgerathenes Kind.“ Wichtig ist ihm, dass der Geist seiner Frau „nicht untersinke in dem einseitigen Wesen einer Haushälterin, oder KinderWärterin“ (Bd. II, 1, S. 28; II, 2, 48, 206, 286, 476; II, 3, 11, 165).

Überaus staunenswert ist, welch großartige Quelle für das Alltagsleben auch diese Jahrgänge des Tagebuchs sind. Ein typischer Werktag beginnt stets mit zahlreichen Besuchen, meist von Klienten, bis zu 30 oder gar 40 an einem einzigen Morgen; auch ist der Vormittag Gängen zum Rathaus oder Gericht vorbehalten. Die Kommunikation mit seinen Klienten erfolgt darüber hinaus durch Billete, von denen er selbst im Jahr dreieinhalbtausend expediert (Bd. II, 2, S. 68). Es folgt ein Spaziergang, der das Mittagessen bei irgendeiner Familie, oft im Restaurant und später auch in der Börsenhalle vorbereitet. Im Sommer klagt Beneke stets über „eine so exceßive Hitze, daß sie Portugiesen, und Kalabresen zur Last wird“ im Winter nervt ihn kaltes, nebliges und regnerisches Wetter, das ihn aber nicht von seinen täglichen Wanderungen, oft um den gesamten Wall, abhalten kann. Im kalten Mai 1805 macht ihn die Witterung besorgt, „daß die Natur der Erde sich verändert hat“ (Bd. II, 1, S. 116; II, 2, S. 67, siehe auch S. 366, wo von Professoren die Rede ist, die das Erlöschen der Sonne prophezeien). Notiert werden auch mittägliche große Dinner „für Armenfreunde“ (Bd. II, 1, S. 200). Regelmäßig werden Kaffeehäuser und die Börsenhalle besucht, hier dominieren die dort typischen Gespräche „reducirt von Krieg, u. Frieden“, im Herbst 1806 liest er in der Börsenhalle die „französ. Vergiftungsblätter (Zeitungen)“. Mit ihrer Eröffnung im Jahre 1804 wird die Börsenhalle zum wichtigsten gesellschaftlichen Treffpunkt in Hamburg, die „Vollständigkeit des ZeitungenEnsembles ist wirklich bewundernswürdig“ (Bd. II, 1, S. 631, 470; 2, 369; Beilagen 1804, Nr. 1). Abends endet eine Gesellschaft gerne mit einer L’hombre-Partie, selbst wenn Beneke in finanziellen Schwierigkeiten ist, nimmt er Spielverluste hin, die durchaus auch einmal 200 Mark betragen können (Bd. II, 1, S. 184). Erstaunlich ist die Zahl der Besuche, die sich die Bürger der Hamburger Oberschicht untereinander abstatten; seit „14. Tagen der erste Abend unter uns“, lautet 1804 ein Seufzer im Tagebuch (Bd. II, 1, S. 523). Bemerkenswert auch die späten Zeiten, zu denen Mittag- und Abendessen eingenommen werden, ebenso, dass im Tagebuch jegliche Hinweise darauf fehlen, was da an Lebensmitteln auf den Tisch kommt. Selbstverständlich ist in den Kreisen, in denen Beneke sich bewegt, dass man Diener, Köchin und Kinderfrau beschäftigt. Oft arbeitet er bis 21 Uhr, dann folgt die Musikstunde, um 22 Uhr dann ein „Souper parlant“ entweder auswärts als Gast oder zuhause mit Gästen. Ein solcher, oft hohe Kosten verursachender Abend kann selbst während der Woche auch mal bis 2 Uhr dauern: „oft überfällt mich ein Grauen, wenn ich eine Einladung vernehme; und doch muß der Geschäftsmann nothwendig in den Strudel wenn er nicht auf den Strand will.“ (Bd. II, 3, S. 94, 200)

Bürgerstolz und hanseatisches Selbstbewusstsein, so lautet die Devise Benekes. Verächtlich ist ihm ein Bremer Syndikus als dieser mit „Freyherr“ unterschreibt: „Wenn ers auch der Geburt nach ist, so überhebt ihn ja die Würde eines Brem. Syndikus der Nothwendigkeit, diesen römischen gelben Lappen zu tragen“ (Bd. II, 1, S. 138). Überhaupt bietet das Tagebuch immer wieder aufschlussreiche Beobachtungen zur hansestädtischen Mentalität und den Unterschieden, die dabei etwa zwischen Bremen und Hamburg zu finden sind. Meint Beneke, in der Weserstadt „freywillige Bürger von geborenem Adel“ zu erkennen, so sieht er in Hamburg „fast lauter für Geld geadelte Kaufleute“, die eine Politik betreiben, die zur „Zeit der Ruhe unverantwortlich sorglos, zur Zeit der Noth unverständlich feige“ ist. Kaum der Engländer könne soviel Eigendünkel besitzen wie der Hamburger in der Regel, die Liberalität der Hamburger im Geben und Helfen sei unter den guten Zügen der beste, dem stehe aber ihre „kaufmännische Niederträchtigkeit im Nehmen (was man Prellen nennt, ist fast allen Ständen in H. gemein) ihre Grobheit, Tadelsucht, Kälte, GeistesPlattheit, u. ihr Hang zur Pralerey“ zur Seite (Bd. II, 1, S. 517, 591, 618). Vergnügen bereiten immer wieder Bemerkungen wie „Ich glaube, man würde hier in Hamburg viel mehr Geist spüren, wenn nicht so entsetzlich viel gegeßen würde“. Genau beobachtet Beneke das politische Personal in der Hansestadt, darunter auch den französischen Gesandten Reinhard[t]. Abscheu erregt ihm „jene Gattung von Oberalten, Zuckerbäckern“, in deren Geschäftsverhältnissen „ihr aus Stierheit, u. schreyender Selbstsucht, oder Habsucht zus.gesetzter GrundCharakter erregt wird“. Wenig hält er von den Hamburger Medizinern, die keinen Sinn für die wissenschaftliche Naturkunde hätten: „Merkantilische Uebertreibung der ErwerbsThätigkeit wegen der kostbaren Subsistenz, und vieles Eßen stumpfen in der Regel den hiesigen Arzt für die höhere Wißenschaft ab. Doch ist dies noch viel ärger bey den Juristen.“ (Bd. II, 1, S. 84, II, 2, 100; II, 3 306, 156) Häufig denkt der Jurist über den Sinn von Strafen nach, an Verbrechen interessieren ihn die Motive der Täter und die Verwerfungen, denen diese ausgesetzt sind, er sinniert über die öffentliche Hinrichtung eines Diebs (Bd. II, 1, S. 350, 354; 2, 239). Wenig nur bietet das Tagebuch zu den Details der täglichen Berufsarbeit, über ökomische Angelegenheiten wird vor allem geklagt, nur einmal findet sich 1808 in einem Brief die konkrete Information Benekes, er „erwerbe in der Regel jährlich biß 8000 Mk., verzehre 6400“ und zahle mit dem Überschuss seine Schulden ab (Beilagen 1808, Nr. 84, S. 187).

Für seine Ziele nutzt Beneke häufig seine guten Beziehungen zur Presse, je nach Zweck Intelligenzblätter, Zeitungen oder verschiedene Zeitschriften. Ein Beispiel am 14. Juni 1803 ist ein anonym erscheinender Artikel im „Hamburgischen Correspondenten“, der das Verhältnis des bremischen Senats zu Frankreich thematisiert. Am 24.12.1804 erscheint in den „Hamburgischen Addreß-Comptoir-Nachrichten“ ein Artikel „Ueber das deutsche Schauspiel in Hamburg“ (Beilagen 1805, Nr. 56, u. 1806, Nr. 14), 1804 und 1805 publiziert er im „Freimütigen“ August Kotzebues und Garlieb Merkels, auch in den Hamburger „Nordischen Miszellen“ oder im „Nieder Elbischen Merkur“. Auf Bremer Bitten kann er dafür sorgen, dass im „Correspondenten“ wie im „Altonaischen Mercur“ über Verwerfungen in der Schwesterstadt geschwiegen wird (Bd. II, 1, S. 582). Es ist nicht ohne Pikanterie, wenn er die Tatsache, dass die Zeitung Bremisches nicht mehr ohne seine Zustimmung aufnimmt, mit den Worten kommentiert: „Wolan, für den Hamb. Correspond. bürge ich, er soll der Wahrheit allein gehören; heißt er doch unpartheyisch.“ Und: „Wegen der N[euen] Z[eitung] könnte Iken wol etwas Aehnliches thun, da er den Red. kennt.“ (Bd. II, 1, S. 582, 617, 619; Beilagen 1803, Nr. 38) 1810 zitiert Beneke, was „unser speichelleckender Korrespondent“ berichtet und spricht von „unserm Zeitungsbuben“ (Bd. II, 3, S. 484).

Die Presse ist ganz selbstverständlicher Teil des Alltagslebens, Hochzeits- und Geburtsanzeigen verkünden erfreuliche Ereignisse (Beilagen 1809, Nr. 7, S. 222). Welch vorzügliche Quelle das Tagebuch für die Pressegeschichte insgesamt ist, zeigt sich jedem, der mit den Periodika der Hansestadt vertraut ist. Unzählige Details lassen das Wirken von Menschen anschaulich werden, wenn man etwa über die Familie der Villaumeschen Verlagsbuchhandlung liest, dass Peter Villaume wohl ein großer Philanthrop sein möge, aber ein schlechter Vater sei, da er seine drei Söhne 1791 gezwungen habe, nach Paris zu gehen und dort für die Republik zu kämpfen, oder wenn eine Notiz zum bisher nicht bekannten Herausgeber der französischsprachigen Hamburger Zeitung „L’Abeille du Nord“ verrät, dieser sei ein „weiland königl. franz. Major Silly“.[1] Auch erfährt man, dass der „alte Leister“ der Gouverneur des Hamburger Correspondenten, Stöver aber nur der Kommandant sei (Bd. II, 1, S. 402, 502f.; 2, S. 98). Für den von Kerner herausgegebenen, bald auf Initiative des französischen Gesandten verbotenen „Nordstern“ wirbt Beneke Abnehmer in Bremen, auch erfährt man in den beigelegten Briefen vom Wirken der Zensur in Hamburg (Beilagen 1802, Nr. 11; 1808, S. 163; 1809, Nr. 29, S. 290). Herbe Kritik übt Beneke in einem Brief an Johann Smidt am Bremer Staatskalender: „ist es noch immer ein großer Skandal, daß das Prädikat Herr allen NichtSenatoren, Doktoren, und andern Oren fehlt. Ich kenne fast alle St. K. von Deutschland. Der bremische ist der einzige [das letzte Wort im Original unterstrichen – HG], der diese abgeschmackte, u. für eine Republik doppelt entehrende Etikette noch enthält.“ Und als in den „Addreß Comtoir Nachrichten“ ein anonymer Unglücklicher „in der großen Stadt“ einen „menschenfreundlichen Retter“ sucht, antwortet Beneke ihm Hilfe anbietend: „sind Sie gut [das letzte Wort im Original unterstrichen – HG], – so bin ich Ihr Bruder.“ (Beilagen 1804, Nr. 11, 49) Beneke selbst liest die Zeitung „bey der Landkarte“ von Karl Ludwig von Le Coq, die er als einziger Hamburger für sehr viel Geld subskribiert hat, auch beobachtet er mit zunehmender Politisierung großes Interesse am Zeitgeschehen: „Selbst die Arbeiter auf den Gassen stehen um einen Zeitungsleser, u. hören mit einem Interesse, als gelte es ihnen selbst“; und endlich wird mit den kriegerischen Ereignissen die Offenbarung Johannis zum Zeitungslexikon (Bd. II, 2, S. 155, 365, 163, 196). 1810 nutzt Beneke drei Nummern der Zeitschrift „Erhebungen“ für seine „Ergüsse, über das jezzige Verhältniß der Religion zu dem Deutschen National-Charakter“, hier fordert er die „Konstituierung einer Christus-Kirche“, in der Konfessionen keine Rolle spielen sollen und in der „Vornehme und Geringe, gebildete und ungebildete Menschen, Katholiken und Protestanten brüderlich neben einander Befriedigung und Erbauung, Erhebung und Rührung“, nicht zuletzt aber auch zu einem neuen Nationalbewusstsein fänden (Beilagen 1809, Nr. 29, S. 264–274, hier 273f.).

Nach der Besetzung Hannovers durch die Franzosen beobachtet Beneke am Himmel, wie die Wolken „einen ungeheuren Drachen“ bilden, der sich „drohend über das hannöversche Land streckte“ (Bd. II, 1, S. 286). Auf einer Reise dort sieht er nichts „als die Soldaten eines fernen, und fremden Volks, deren trauriges Geschäft in der Unterdrückung, und Aussaugung des von ihnen eingenommenen Landes besteht“, aber nachdem er die Grenze zu Preußen überschritten hat, konstatiert er, nun wieder unter Sklaven zu sein, „die bloß dem eignen Herrn zu gehorchen hatten“ (Bd. II, 1, S. 314f.). Immer realer wird auch für die Hansestädte das „SchreckBild franz. Okkup.“ (Bd. II, 1, S. 415). Beneke, der 1799 eine Büste des von ihm verehrten Generals in seinem Zimmer aufgestellt hatte, beginnt 1804 Napoleon Bonaparte zu hassen, „wie ich noch keinen Tyrannen gehaßt habe“: „Weg mit dem herzlosen Tyrannen aus den Jahrbüchern der Menschheit“. Unmittelbarer Anlass ist „Domingo’s Verrat“, unerträglich ist dem Republikaner Beneke, wie Napoleon von „dem erhabensten Platze, den je ein Mensch, unter anderen Menschen inne hatte“, herabsteigt, sich „zu einem Harlekin hinunter“ würdigt und „einen Kayser mehr“ macht: „Verbirg unter den vielen andern gekrönten Häuptern das Deine, damit man den gemeinen Kiesel nicht sehe“. Endgültig ist die Epoche der Revolution an ihr Ende gelangt: „Keiner rettet die Republik, und auf die blutigen Opfer der Freyheit, stürzte sie selbst blutend, und ein neuer Tyrann, schamloser, als alle andre setzte höhnend seinen Fuß auf ihren Nacken, u. demütig liegt das verachtete Frankreich kniend vor dem Korsen“. Oder mit anderen Worten Benekes: „ich bin ein Deutscher [das letzte Wort im Original unterstrichen – HG] geworden, u. sehe mit stillem Ingrimm meine Mitbürger [das letzte Wort im Original unterstrichen – HG] in den Feßeln dieser Fremdlinge –“. 1808 empört ihn, dass fast alle Hamburger Häuser zu Ehren Napoleons illuminiert sind, die Hamburger bieten ihm „das Zerrbild eines entarteten Volks dar, welches feige, kriechend, eitel, charakterlos und kindischen Sinnes verdient, daß statt republikanischer Freyheit, KnechtsGestalt [das letzte Wort im Original unterstrichen – HG] fortan sein Loos werde.“ (Bd. II, 1, S. 499, 530, 557; II, 3, 118) Zugleich sieht er, dass die Deutschen noch längst keine Nation bilden: „O Deutschland! Warum bist Du kein Vaterland!“ (Bd. II, 1, S. 632) „Zum Opfer meines Republikanismus“, so notiert er Anfang 1805, werde er sich an der Erhebung gegen die Franzosen beteiligen, um sodann das Wort „Republikanismus“ [im Original unterstrichen – HG] durch „so glücklichen friedl. Lokalismus“ zu ersetzen: „Aus Franzosenhaß werden wir deutsch [das letzte Wort im Original unterstrichen – HG] werden. Ehe dieses Jahr zu Ende ist, wird der Rhein wieder die Franzosen von uns scheiden“ (Bd. II, 2, S. 9). Nach der Schlacht von Jena und Auerstädt verfasst Beneke anonym seine Schrift „An Preußen“, die er dem preußischen Minister Schulenburg-Kehnert sendet. Ein „schmählicher Frieden“ müsse verhindert werden, er hofft, Preußen zu erneutem Kampf aufrütteln zu können (Beilagen 1806, 75). Die Besetzung Hamburgs am 19. November 1806 beschert auch Beneke Einquartierung, die natürlich sogleich „ausgemietet“ wird, er intensiviert seine publizistische Tätigkeit und beginnt, sich an den Planungen für einen Volksaufstand in Norddeutschland zu beteiligen; ihn erschüttert die Nachricht von der „Resignazion des österreichischen Kaysers auf das römischdeutsche Kayserthum“; mehr und mehr ergreift ihn der „furor teutonicus“: „O daß Du erständest: Herrmann!“. Auch seine Verlobte beträgt sich, „wie ein deutsches Mädchen seyn soll“. Mehr und mehr distanziert sich Beneke von einer Aufklärung, „die zwar das Gute wollte, aber aus Dünkel das belebende, beseelende Princip alles MenschenWerks Religiosität [das letzte Wort im Original unterstrichen – HG] verschmähte“. Noch weiß er, dass die „ehrlichen Menschen aller Nazionen“ Brüder sind, zunehmend aber gewinnen irrationale, deutschtümelnde Züge und das Gerede davon, „Germanien werde ein Volk, wie kein [die beiden letzten Worte im Original unterstrichen – HG] anderes“, an Gewicht; Blut, Religion und Vaterland werden zusammen gedacht, immer häufiger pocht ihm „das Herz vor deutscher Freude“ (Bd. II, 2, S. 339, 345, 373, 390, 394, 439; II, 3, 166, 242). Auch einen Zuwachs an Lebenserfahrung kann man konstatieren, wenn Beneke mehr und mehr skeptisch wird gegenüber Menschen, die sich „auf die allgemeine Humanität“ berufen und bei denen „die allgemeine theoretische MenschenLiebe ein seelenloses abstractum“ bleibt, die sich aber „vor den besondern praktischen Verhältnißen in concreto“ scheuen: „Die lieben die Menschen nur immer in ihrer Einbildung“ (Bd. II, 1, S. 615f.).

Bemerkenswert ist, wie trotz aller vaterländisch-deutscher Bemerkungen im Tagebuch auf fast jeder Seite weiterhin ein Deutsch dominiert, in dem „apointirt“ und „entrirt“ wird, jemand „a la Stulwagen“ fährt oder als „Necessaire“ mitgeht, sich mit Innigkeit „attaschirt“ (Bd. II, 1, S. 533, 535), eine „tour de plaisir“ macht oder einen Fluß „traversirt“, große Hitze Reisende „fatigirt“ (Bd. II, 2, S. 80, 121, 305) usw. usw.

Das deutsche Theater spielt im Alltagsleben Benekes eine so große Rolle wie das französische, selbst von einer Aufführung der Schillerschen „Räuber“ durch eine Sozietät von Tischlergesellen wird berichtet, die zumeist von einfachen Zuschauern verfolgt wird, doch lockt das Spektakel auch „Vornehmere von den benachbarten Gärten“ herbei. Auch wenn das Tagebuch keine ALZ sein will, erfahren wir regelmäßig höchst kritisch von den Hamburger Aufführungen, etwa von Zschokkes „Julius v. Sassen“, „eine stümperhafte Nachahmung des Schillerschen Stückes Kabale u. Liebe“ (Bd. II, 1, S. 99, 121, 633). Missbilligung erfährt Schillers „Braut von Messina“, denn die „Fabel des Stücks beleidigt den Verstand“ und den Zuschauer befällt die „peinlichste Langeweile“. Goethes „natürlicher Tochter“ geht es nicht besser, „ein von Gott verlaßnes, miserables, unterträgl. Stück“ (Bd. II, 1, S. 264f., 352). 1810 betätigt sich Beneke selbst als Theaterautor, wenn er eine Szene zu Friedrich Ludwig Schröders populärem Stück „Die Heurath durch das Wochenblatt“ schreibt (Bd. II, 3, S. 507; Beilagen 1810, Nr. 64). Bemerkenswert, wie sich auch im Theater seit 1804 die Stimmung ändert, wenn jetzt Stücke gespielt werden, welche „die vollständigste Reakzion des deutschen Patriotismus gegen den fatalen RevoluzionsKrieg“ darstellen, „eine von Aristokratism, u. FranzosenHaß strotzende Tirade auf die andre“ (Bd. II, 1, S. 468). Auch an Werktagen finden Aufführungen nachmittags statt, niemand findet etwas dabei, wenn man das Theater bereits nach einem Akt wieder verlässt. In den Alltag integriert ist auch die Auseinandersetzung mit der schönen Literatur, Jean Paul ist der Liebling Benekes, unter seinen Werken hat es ihm das „Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal“ angetan, nichts geht ihm über das „regellose Vonselbsttönen“ dieses Dichters. (Bd. III, 2, S. 47) Umfassend dokumentiert ist im Tagebuch und in zahlreichen Beilagen die Beerdigung des „großen Barden“ Klopstock, an der sich „eine unermeßliche Menge Volks“ beteiligt, „ja sogar zwey Juden folgten dem Sänger des Meßias“ (Bd. II, 1, S. 246).

Eine große Bedeutung hat weiter Benekes Wirken als Armenpfleger im Rahmen der von der Patriotischen Gesellschaft gegründeten Einrichtung. In der Armut beobachtet er immer wieder Personen von erstaunlicher Bildung, einen Schuster beispielsweise, der Bahrdt und andere Philosophen liest (Bd. II, 1, S. 200f.). Begeistert ist er von klugen Gesprächen der „Handwerker, Schiffer, u. Arbeitsleute“, die er an einem gemeinsamen Abtritt am Wasser abhorcht: „jeder ist witzig, u. neben der Preßfreiheit herrscht die zwangloseste Freyheit im Reden“. (Bd. II, 1, S. 277f.) Auch der eigene Abtritt im zugigen Hof ist Thema des Tagebuchs, wenn der fiebrige Kranke fünfmal von seinem Schlafzimmer fröstelnd drei Treppen dorthin zu bewältigen hat (Bd. II, 1, S. 397).

Zahlreich sind nicht immer vorurteilslose, aber aufklärungstypische Einträge zu jüdischen Hamburgern oder auch zu von ihm wahrgenommenen jüdischen Eigenheiten. So äußert sich Beneke etwa, der Jude habe „nur ‚auswendig‘ gelernte Relig. Gebote“ gehabt, „gar keine Begriffe von Liebe, Treue, Großmuth“, erst mit der Aufklärung komme „das Licht an in den finstern Köpfen, u. weckt die edleren Empfindungen in den Gemüthern – der Jude vermenschlicht und entjudet sich“ (Bd. II, 1, S. 426, siehe auch II, 2, S. 17, 29, 50, 65, 69f., 154, 157, 173, 282, 413; II, 3, 45, 95, 125f., 157, 244, 305, 307f., 329, 333, 462). Auch zu „Zigeunern“ hat er eine dezidierte Meinung: „Man sollte doch Ernst brauchen, um diese Menschen zu zähmen. Sie sind unsre Wilden, – und gewiß schädlicher (sich, und andern) als man gewöhnlich glaubt“ (Bd. II, 1, S. 580; siehe auch II, 2, S. 178).

Literarische Glanzpunkte bieten die anschaulichen und unterhaltsamen Reisebeschreibungen in den Tagebüchern, mehrere davon publiziert Beneke auch in diversen Zeitschriften. Nachdem er 1805 in Merkels und Kotzebues Blatt „Der Freimüthige oder Ernst und Scherz“ einen Reiseplan durch die „reizenden Wesergebirge“ veröffentlicht, begegnen ihm in den folgenden Jahren während wiederholter Reisen durch diese Gegenden immer wieder Rezipienten in Form von Reisegruppen, die sich seinen Plan zu eigen gemacht haben (Beilagen 1805, 7). Um von Hamburg in lieblichere Gegenden zu kommen, muss er regelmäßig die grässliche Heide durchqueren, nicht allein die öde Landschaft nervt ihn: „und welches Machwerk von Menschen in dieser Heyde! Welche Leiber! welche Erica Physiognomien! welches Torf Kolorit, und welche Heydschnucken Grazie!“ „Sieht hier die Erde nicht aus, wie ein räudiger Hund, oder wie ein Grind und GlatzKopf“? Auf jeder Reise entsetzt ihn der „Jammer der Pferde“, er denkt an eine „Volksschrift“, die beitragen soll zur „Milderung des unbeschreiblichunglückseligen Looses, unter dem diese schönen, nützlichen, frommen Thiere leiden“ (Bd. II, 3, S. 55, 88).

Das Tagebuch schließt wie diese Rezension im Dezember 1810 mit der „Schreckens Kunde unserer politischen Vernichtung“ [im Original unterstrichen – HG], Hamburg wird „kayserlichfranzösische Provinz“; ein Federstrich macht „unsrer 600jährigen Freyheit ein Ende“; „Bestürzung und Schmerz allgemein“, doch der Hamburger beklagt, wie Beneke bemerkt, lediglich „seine verlorenen Vortheile“; aber „die edlere Trauer unterdrückter Vaterlandsliebe [...] verkündigt sich fast nirgends“ (Bd. II, 3, S. 509).

Anmerkung:
[1] Siehe Holger Böning (Hrsg.), Deutsche Presse. Biobibliographische Handbücher zur Geschichte der deutschsprachigen periodischen Presse von den Anfängen bis 1815. Kommentierte Bibliographie der Zeitungen, Zeitschriften, Intelligenzblätter, Kalender und Almanache sowie biographische Hinweise zu Herausgebern, Verlegern und Druckern periodischer Schriften. Bd. 1.1, 1.2, 1.3: Holger Böning, Emmy Moepps (Bearb.), Hamburg, Stuttgart/Bad Cannstatt 1996, Titel-Nr. 861. Siehe jetzt auch Holger Böning, Geschichte der Hamburger und Altonaer Presse. Von den Anfängen bis zum Ende des Alten Reichs, Bd. 1: Periodische Presse und der Weg zur Aufklärung; Bd. 2: Periodische Presse, Kommunikation und Aufklärung, Bremen 2020.

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31.10.2019
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