C. Henrich-Franke u.a. (Hrsg.): Grenzüberschreitende institutionalisierte Zusammenarbeit von der Antike bis zur Gegenwart

Cover
Titel
Grenzüberschreitende institutionalisierte Zusammenarbeit von der Antike bis zur Gegenwart.


Herausgeber
Henrich-Franke, Christian; Hiepel, Claudia; Thiemeyer, Guido; Türk, Henning
Reihe
Historische Dimensionen Europäischer Integration
Erschienen
Baden-Baden 2019: Nomos Verlag
Anzahl Seiten
448 S.
Preis
€ 89,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Brüll, Luxembourg

Der vorliegende Band, der auf eine Tagung der AG Internationale Geschichte im Verband der Historikerinnen und Historiker Deutschlands aus dem Jahr 2017 zurückgeht, nimmt verschiedene seit mehreren Jahren diskutierte historiographische Fäden auf[1], die zu einer Weiterentwicklung der „Internationalen Geschichte“ beitragen sollen.

In ihrer ausführlichen Einleitung entwickeln die Herausgeber/innen zunächst ihre Konzeption von „Grenzüberschreitender institutionalisierte Zusammenarbeit“. Sie möchten mit dem Begriff zwei Perspektiven eröffnen (S. 12): Zum einen ermögliche er eine Darstellung und Analyse von „Außenbeziehungen“ (im Sinne Hillard von Thiessens), die sich nicht auf die Neuzeit beschränkt, sondern auch vormoderne Kooperationsformen in den Blick nehmen möchte; zum anderen soll damit die häufig anzutreffende Unterscheidung zwischen Internationaler Geschichte als Repräsentation der staatlichen Ebene und Transnationaler Geschichte als Repräsentation der gesellschaftlichen Ebene aufgehoben werden. Zudem könne „Grenzüberschreitende Zusammenarbeit […] als eine Konstante in den Außenbeziehungen politisch organisierter gesellschaftlicher Einheiten gesehen werden“ (S. 12–13). Die Herausgeber/innen verweisen darauf, dass die überschrittenen Grenzen eben nicht nur staatlicher, sondern ethnischer, kultureller, geografischer oder ökonomischer Natur sein können. Grenzen definierten somit Räume in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen. Grenzüberschreitende Zusammenarbeit müsse sich deshalb auch nicht notwendigerweise auf benachbarte Einheiten oder Regionen beziehen. Damit entwickeln die Herausgeber/innen eine offenere räumliche Definition grenzüberschreitender Zusammenarbeit als etwa die Forschung zur territorialen Zusammenarbeit in Europa seit 1945[2] oder klassische grenzgeschichtliche Ansätze. Als Kriterium für grenzüberschreitende Zusammenarbeit fügen Christian Henrich-Franke, Claudia Hiepel, Guido Thiemeyer und Henning Türk die Institutionalisierung an, die als „notwendiges Regulativ“ und als „Brennpunkt von Netzwerken“ (Matthias Schulz, zitiert von den Herausgeber/innen, S. 14) wirke. Es komme dabei nicht darauf an, dass es sich bei den Akteuren um staatliche oder zivilgesellschaftliche Vertreter handele, allerdings gehöre die Analyse von deren Zusammenwirken zu den Kernfragen der Forschung.

Um die so definierte „grenzüberschreitende institutionalisierte Zusammenarbeit“ analytisch zu fassen, rekurrieren die Herausgeber/innen auf die Governance-Forschung, deren politik- und sozialwissenschaftlichen Ansätzen sie einen geschichtswissenschaftlichen Ansatz an die Seite stellen, der neben einer Perspektive der langen Dauer kulturelle und räumliche Komponenten beinhaltet (S. 15–17, S. 19–20). Der Nutzen des Governance-Ansatzes liegt dabei auf drei Ebenen: Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit wird als nicht-hierarchisch betrachtet; es rücken nicht nur formelle, sondern auch informelle Strukturen in den Blick; und der Fokus liegt nicht nur auf Strukturen, sondern auch auf Prozessen.

Der Band ist in fünf Teile gegliedert, die aus jeweils drei Beiträgen bestehen: Aufbau und Rückbau von Grenzen (I), Infrastrukturen als Motor der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit (II), Institutionalisierung als Konfliktregelung (III), Institutionalisierung grenzüberschreitender ökonomischer Beziehungen (IV), Transnationale Expertenkooperation (V). Aus Platzgründen können die Beiträge nicht im Einzelnen gewürdigt werden, weshalb der Rezensent sich auf einige allgemeine Beobachtungen beschränkt.

Aufbau und Fragestellungen der einzelnen Beiträge artikulieren sich um die von den Herausgeber/innen vorgegebenen Leitfragen, auch wenn der analytische Mehrwert des Governance-Ansatzes nicht für alle Aufsätze in gleichem Maße erkennbar ist, was allerdings auch an der schwierigen Quellenlage gerade für informelle Strukturen der Kooperation liegen kann. Positiv hervorzuheben ist die gegenseitige Bezugnahme der Beiträge. Dies sorgt nicht zuletzt für Kohärenz, wo bei der Vielfalt der dargestellten Beispiele Beliebigkeit gedroht hätte.

Es ist doch bemerkenswert, welche Vielzahl von Themen, Akteuren, Motivationen und Formen von grenzüberschreitender institutioneller Zusammenarbeit hier erfasst wurden. Der Band ist auch geografisch recht weit gespannt und bringt Fallbeispiele aus sehr verschiedenen europäischen Regionen. Einen ebenso überraschenden wie aufschlussreichen Beitrag zur grenzüberschreitenden Kooperation in Zeiten des Kalten Kriegs bietet beispielsweise Saskia Geisler mit ihrer Darstellung der Übernahme staatlicher Aufgaben durch ein finnisches Bauunternehmen in der UdSSR. Das einzige nichteuropäische Exempel führt Sabrina Kirschner mit ihrem Aufsatz zur grenzüberschreitenden Regelung der (Ab-)Wasserproblematik São Paulos vor.

Besonders herauszuheben ist ebenfalls, dass der Band nicht nur den – in der Natur der Sache liegenden – Schwierigkeiten, sondern auch der Möglichkeit des Scheiterns von Kooperationsformen über Grenzen hinweg angemessenen Platz einräumt – vor allem im Bereich der Expertenkooperation (epistemic communities) kommt dies zum Tragen. Insbesondere Jonathan Voges' Beitrag über die „institutionalisierte intellektuelle Zusammenarbeit im Rahmen des Völkerbundes“ überzeugt hier durch eine sehr nuancierte Argumentation.

Sehr erhellend sind die Beiträge, die – wie besonders in Teil II – die Auswirkungen der Verschiebungen politisch-administrativer Grenzen auf bereits bestehende grenzüberschreitende Netzwerke untersuchen. In seinem Beitrag zum Verein deutscher Eisenbahnverwaltungen vor und nach der Reichseinigung von 1870/71 kommt Christian Henrich-Franke dabei zu dem Schluss, dass hier eine hohe Kontinuität gegeben war. Durchgängig deutlich wird die Bedeutung von Vertrauensbildung auf personaler Ebene als Vorteil bei der Etablierung institutionalisierter Kooperationsformen. Neben Nicola Jahns Beitrag zur deutsch-niederländischen Telegraphengesellschaft zeigen dies gerade die wenigen (3 von 15) Beiträge, die sich mit vormodernen Beispielen beschäftigen, wie etwa Sebastian Scharffs Überlegungen zur Präsenz griechischer Gesandter in fremden Poleis im 5. Jahrhundert v.Chr.

Etwas zu kurz kommt die Diskussion der Bedeutung von Institutionen bei der Herausbildung und Festigung von grenzüberschreitenden regionalen Identitäten, nicht zuletzt für die Beispiele aus der Zeit nach 1945. Gerade die von Claudia Hiepel aufgeworfene Frage, inwiefern die Multi-Level-Governance bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zwischen benachbarten Regionen insbesondere auch über europäische Fördermittel wie Interreg zu einer Ökonomisierung und zu einer Schwächung von ideellen Motivationen der Beziehungen zwischen Einheiten führt oder nicht, verdient weitere empirische Bearbeitung.

Nicht berührt wird schließlich die Problematik von Sprachen und Mehrsprachigkeit in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Hier liegt zweifellos noch Forschungspotenzial, das gerade auch für gegenwärtige Kooperationsformen von hoher Relevanz ist.

Der Band enthält keine Schlussbetrachtungen oder Zusammenfassung der Ergebnisse – wohl, weil viele dafür relevante Elemente sich bereits in der Einleitung finden. Insgesamt handelt es sich um einen gelungenen und anregenden Beitrag, der aktuelle Entwicklungen auf dem Feld der Internationalen Geschichte – zumindest in Deutschland – aufzeigt und mit dem titelgebenden Konzept neue Fragen nicht nur aufwirft, sondern mit empirischen und auf hohem Niveau argumentierenden Aufsätzen auch zu deren Beantwortung beiträgt. Auch zur Einlösung des Anspruchs der Herausgeber/innen, zu einer Problematisierung des „methodologischen Nationalismus“ beizutragen, der sowohl in der Internationalen als auch in der Transnationalen Geschichte der „Modellierung von Untersuchungskategorien und Analyseeinheiten“ zugrunde liege (S. 10), liefert der Band einen gewichtigen Anstoß. Zu einer Systematisierung dieser Perspektive müsste dann jedoch wahrscheinlich auch die Forschung grenzüberschreitend(er) sein. Angesichts der Masse der Publikationen mit grenzgeschichtlichem Bezug bieten die hier gewonnenen Einsichten jedenfalls willkommene Orientierung.

Anmerkungen:
[1] Für die deutschsprachige Geschichtswissenschaft siehe z.B. Barbara Haider-Wilson / William D. Godsey / Wolfgang Müller (Hrsg.), Internationale Geschichte in Theorie und Praxis, Wien 2017; Jost Dülffer / Wilfried Loth (Hrsg.), Dimensionen internationaler Geschichte, München 2012; Wilfried Loth / Jürgen Osterhammel (Hrsg.), Internationale Geschichte. Themen – Ergebnisse – Aussichten, München 2000.
[2] Birte Wassenberg / Bernard Reitel / Jean Peyrony, Territoriale Zusammenarbeit in Europa. Eine historische Perspektive, Luxemburg 2015, S. 6: „Wir benutzen den Ausdruck der 'grenzüberschreitenden Zusammenarbeit' insbesondere für Nachbarschaftsbeziehungen (über geringe Entfernungen) zwischen dies- und jenseits einer Grenze befindlichen Körperschaften angrenzender Gebiete.“