M. Schwartz: Homosexuelle, Seilschaften, Verrat

Cover
Titel
Homosexuelle, Seilschaften, Verrat. Ein transnationales Stereotyp im 20. Jahrhundert


Autor(en)
Schwartz, Michael
Reihe
Schriftenreihe der Vierteiljahrshefte für Zeitgeschichte 118
Erschienen
Anzahl Seiten
XII, 376 S.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Klaus Storkmann, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr

Auf dem Buchcover zu sehen sind Philipp Fürst zu Eulenburg, ein preußischer Diplomat und enger Vertrauter Wilhelms II., der österreichische Oberst Alfred Redl und der Stabschef der SA Ernst Röhm. Ihre Namen stehen für die Geschichte eines Vorurteils und der mit ihm verbundenen Skandale. Homosexuellen wurde lange Zeit ein Hang zu Seilschaften und Verrat unterstellt, bis hin zum Hoch- und Landesverrat; Geheimdienste begegneten ihnen mit Misstrauen. Tatsächliche Skandale schienen den Vorwurf zu bestätigen und gaben ihm neue Nahrung. Michael Schwartz blickt in seiner Studie nicht nur auf die schon ziemlich gut durchleuchteten Skandale selbst. Viel mehr interessieren ihn deren zeitgenössische und spätere mediale, öffentliche und historiographische Wahrnehmung. Dabei durchmisst er ein volles Jahrhundert und mit Deutschland, Österreich, Frankreich, Großbritannien, den USA und der Sowjetunion eine Vielzahl von Ländern, Epochen und Herrschaftssystemen. Dadurch gelingt Schwartz der Nachweis, dass das homophobe Stereotyp keine Besonderheit deutscher Geschichte war, auch keine nationalsozialistische, kommunistische oder westliche, sondern „quer zu Systemgrenzen, Staaten und Gesellschaftsordnungen“ viele europäische und transatlantische Vernetzungen und Wechselwirkungen aufweist (S. 5–7). Beispiele für die Langlebigkeit des Stereotyps findet Schwartz unter anderem in der britischen Jagd auf tatsächliche oder angebliche Homosexuelle als deutsche Agenten („German perversion“) 1916 (S. 154–157) sowie der bundesrepublikanischen Diskussion um Landesverrat im Kontext der „Roten Kapelle“, in deren Zuge die Verwandtschaft des 1942 hingerichteten Mitglieds dieser Gruppe Libertas Schulze-Boysen mit dem 1907 verfemten Philipp Fürst zu Eulenburg thematisiert wurde (S. 74).

Schwartz bezieht sich in seiner Geschichte der Vorurteile gegenüber Homosexuellen auf Gisela Bleibtreu-Ehrenberg.[1] Den Ursprung des Stereotyps verortet er an der Epochenschwelle zur Renaissance, als statt der religiös-mittelalterlichen Verteufelung der Homosexualität nun der Staat als Strafender an Stelle der Kirche trat und begann, nach größeren Gruppen von „sexuellen Abweichlern“ zu fahnden. In der Gesellschaft sollten „sexuelle Abweichler“ hinter der Norm eines heterosexuellen Männerbildes diszipliniert werden. „Politisch diente die […] Skandalisierung der Homosexualität der Festigung nationalistischer Kollektiv-Identitäten“ und nach 1945 „bipolarer Feindbilder im globalen Kalten Krieg“ (S. 12). Für Schwartz ist die Geschichte des „homophoben Stereotyps von gefährlich-verräterischen homosexuellen Seilschaften auch die Geschichte der modernen Medien-Öffentlichkeit“, die von „schwulen Schurken“ wie Redl und Röhm zugleich abgestoßen wie fasziniert wurde. Dabei schwankte die Rolle der Presse zwischen „Skandalisierung der Homosexualität und entgegengesetzter Skandalisierung der Skandalisierung“ (S. 8). So wurde der 1913 als russischer Agent enttarnte vormalige Vizechef des österreichischen Nachrichtendienstes Redl als Günstling eines „mächtigen Schwulenrings“ (S. 128) in Wien porträtiert, dem er seinen Aufstieg zu verdanken habe, und nach 1918 gern und häufig als „Totengräber“ Österreich-Ungarns, eine Art Generalschuldiger, für die Niederlage im Ersten Weltkrieg verantwortlich gemacht (S. 141). „Der homosexuelle Sündenbock musste die Schuld für das Versagen einer ganzen imperialen Elite auf sich nehmen“ (S. 116). Ähnlich, wenn auch mit entgegengesetzter Argumentationsführung, behaupteten die Aktivisten der Schwulenbewegung wie Magnus Hirschfeld, die Verfolgung der Homosexualität habe mitgeholfen, das Grab der Mittelmächte zu schaufeln: „Beinahe könnte man sagen, der Weltkrieg sei durch den Paragraphen 175 verloren worden.“[2] Kontrafaktisch bedauerte 1933 auch der Urheber des Eulenburg-Skandals von 1907, Maximilian von Harden, das politische Ende des von ihm verfemten Fürsten und Diplomaten. Mit Eulenburg als „Träger der Versöhnungs- und Friedenspolitik mit Frankreich“ statt Bülow als Reichskanzler oder zumindest Außenminister hätte der (Erste) Weltkrieg „höchstwahrscheinlich nicht stattgefunden“ (S. 110).

Im Fall des 1934 entmachteten und ermordeten Ernst Röhm nimmt Schwartz im Gegensatz zur bisherigen, auf Zielkonflikte und Machtkämpfe in der nationalsozialistischen Spitze blickenden Geschichtsschreibung dessen Homosexualität als Politikum ernst. So habe Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht im April 1933 von einer „homosexuellen Clique“ um Röhm gesprochen und ihr große personalpolitische Macht unterstellt. Noch 1950 (!) bezeichnete der vormalige Chef der Präsidialkanzlei Hindenburgs, Staatssekretär Otto Meissner, Röhm „und seine üble Clique“ als „Schandfleck und Gefahr für das öffentliche Leben“.[3] Röhm selbst habe aus seiner sexuellen Orientierung nie einen Hehl gemacht und sei sogar auf deren Skandalisierung in den frühen 1930er-Jahren stolz gewesen. Auch wenn es Schwartz so nicht formuliert, in Röhm könnte durchaus ein früher und mutiger Vorkämpfer des gay pride gesehen werden. Schwartz selbst bringt es auf den so noch niemals formulierten Punkt, wenn er Röhm als den ersten Minister einer deutschen Regierung (ab Dezember 1933) bezeichnet, der trotz öffentlicher Skandalisierung als Homosexueller Minister wurde (S. 177). Auf der anderen Seite standen nicht nur die alten konservativen Eliten um Hindenburg und von Papen, sondern auch die Sozialdemokraten. Deren parteieigene Zeitungen fuhren zwischen 1931 und 1933 mehrfach regelrechte Kampagnen gegen die angebliche Homosexuellen-Clique an der Spitze der SA: „Warme Brüder im Braunen Haus“ (S. 169). Damit sollten Hitler und die NS-Bewegung an einer ausgemachten vermeintlichen moralischen Schwachstelle getroffen werden, doch warfen die Journalisten und deren Verleger zugleich die Ideale der SPD um Kampf gegen die Diskriminierung Homosexueller über Bord. Auch die KPD-Zeitung „Rote Fahne“ stimmte in den Chor ein und attackierte Röhm als „Jugendverführer“. Nur wenige Linke, wie Kurt Tucholsky, distanzierten sich von der öffentlichen Bloßstellung Röhms. Ähnlich doppelgesichtig hatten die SPD und ihre Parteizeitung „Vorwärts“ schon 1902 agiert, als sie Friedrich Alfred Krupp zum Zwecke politischer Ziele als schwul outeten – übrigens unter der Ägide des Redakteurs und späteren Revolutionärs Kurt Eisner. Elf Jahre nach der Ermordung Röhms betrauerte Joseph Goebbels im August 1944, wohl nicht von ungefähr nach dem Aufstand der Offiziere des 20. Juli, dass der SA-Chef seine „im Grunde richtigen Ziele“ wegen seiner „unseligen Veranlagung“ nicht verwirklichen konnte. Kurz vor dem Ende, am 28. März 1945, habe Goebbels noch einmal fruchtlos lamentiert, „das, was Röhm wollte, war an sich richtig, nur konnte es von einem Homosexuellen und Anarchisten nicht durchgeführt werden. Wäre Röhm eine integre und erstklassige Persönlichkeit gewesen, so wären wahrscheinlich am 30. Juni [1934] eher einige hundert Generäle als einige hundert SA-Führer erschossen worden.“[4] Schwartz erinnert an ähnliche Lamenti wegen Eulenburg und Redl und spitzt zu, „Röhms Mörder machten im Vorgefühl ihres eigenen Untergangs dessen Homosexualität dafür verantwortlich, dass sie den Zweiten Weltkrieg verloren“ (S. 208).

In einem großen historischen Bogen untersucht Schwartz angebliche „homosexuelle Geheimclubs und Spionagegruppen“ im Kalten Krieg; solche wurden von Geheimdiensten in Ost und West gejagt. Wieder vermischten sich Stereotype mit realen Skandalen: Mit Guy Burgess, Anthony Blunt und Donald Maclean sollen als drei der später als Cambridge Five bekannt gewordenen sowjetischen Agenten im britischen Geheimdienst homo- oder bisexuell gewesen sein. Spionagefälle einzelner Homo- oder Bisexueller wurden von der Presse, von Regierungen und Geheimdiensten als „Spitze eines gewaltigen, aber unsichtbaren Eisberges einer viel größeren homosexuellen Verschwörung“ gedeutet (S. 14).

Auch die Bundeswehr und der Militärische Abschirmdienst hatten ihren großen Skandal. General Günter Kießling fehlt aber in der auf dem Cover zu sehenden Herrenriege. Gut so, denn nach allem, was persönliche Zeugnisse und seine Freunde aussagen, war der General keineswegs homosexuell, fehlte den Vorwürfen gegen ihn von Anfang an jede Basis. Der von Schwartz auf Basis zumeist älterer Literatur skizzierte (bislang) größte Skandal der Bundeswehrgeschichte stand im Zentrum mehrerer anderer Forschungsarbeiten[5], sodass sich Schwartz entsprechend seiner Fragestellung auf dessen Perzeptionsgeschichte fokussiert. Der Kießling-Skandal sei nicht nur eine Fortschreibung des Stereotyps gewesen, sondern habe im Gegenzug die alten „homophoben Denkmuster öffentlich in Frage gestellt“ (S. 15). So gelingt es auch hier, ein Stück bundesrepublikanische Geschichte durch das Prisma eines Skandals zu beleuchten.

Schwartz‘ Ansatz, trotz klarer fallbezogener Gliederung mittels Querverweisen auf andere, an anderer Stelle ausführlich analysierte Skandale Verbindungslinien und Kausalitäten aufzuzeigen, ist spannend. Nur führt dies immer wieder zu Redundanzen, die den interessierten und aufmerksamen Leser zunehmend stören. Dessen ungeachtet: Schwartz schreibt mit flotter, spitzer Feder. Sein Buch ist trotz komplexer wissenschaftlicher Fragestellung gut und leicht lesbar und im besten Sinne unterhaltsam kurzweilig.

Anmerkungen:
[1] Gisela Bleibtreu-Ehrenberg, Homosexualität. Die Geschichte eines Vorurteils, Frankfurt am Main 1978.
[2] Magnus Hirschfeld / Andreas Gaspar, Sittengeschichte des Weltkrieges, Leipzig und Wien 1930, hier Bd. 2, S. 109f.
[3] Otto Meissner, Staatssekretär unter Ebert – Hindenburg – Hitler, Hamburg 1950, S. 361, S. 372, S. 374.
[4] Tagebücher Joseph Goebbels, Teil II, Bd. 15, München 1995, S. 614, S. 617; zit. nach Schwartz, S. 207f.
[5] Heiner Möllers, Die Affäre Kießling. Der größte Skandal der Bundeswehr, Berlin 2019; zuvor bereits Klaus Storkmann, Cui bono? Entscheidungen und Hintergründe des Wörner-Kießling-Skandals 1983/84 im Spiegel neuer Forschungen, in: Österreichische Militärische Zeitschrift 6 (2014), S. 716–721; ders, Der Generalverdacht. Wie das Bundesverteidigungsministerium 1983/84 einen General verfolgte, dem Homosexualität nachgesagt worden war, in: Gewalt und Geschlecht. Männlicher Krieg – Weiblicher Frieden? Essayband zum Ausstellungkatalog der Sonderausstellung im Militärhistorischen Museum, Dresden 2018, S. 294–307.

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Veröffentlicht am
03.02.2020
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