I. Lehn u.a.: Schreiben lernen im Sozialismus

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Titel
Schreiben lernen im Sozialismus. Das Institut für Literatur »Johannes R. Becher«


Autor(en)
Lehn, Isabelle; Macht, Sascha; Stopka, Katja
Erschienen
Göttingen 2018: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
600 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gerd Dietrich, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Schreiben lernen? In welcher Gesellschaft auch immer. Wie soll das gehen? Kann man Schriftsteller/in studieren? Bis heute sind diese Fragen offen bzw. werden unterschiedlich beantwortet. Das war auch so in der Geschichte des Instituts für Literatur (IfL) in Leipzig, um das es hier geht. Intellektuelle Ambivalenz und kulturpolitische Widersprüchlichkeit standen schon an seinem Anfang. Am 30. September 1955 unter dem Direktor Alfred Kurella eröffnet, hatte es eine schwierige Entstehungsgeschichte. Zu den Förderern gehörten zwar Walter Ulbricht und seine Berater, aber sie stießen auf eine weit verbreitete Skepsis. Nicht genanntes Vorbild sollte das Maxim-Gorki-Institut in Moskau sein. Schon Anfang 1950 war der Akademie der Künste ein Entwurf zur Bildung eines „Literatur-Erziehungs-Instituts (Internats)“ eingereicht worden und Johannes R. Becher notierte ablehnend: „Im Kampf gegen den Formalismus hyperformalistische Retortenexperimente. ‚Ideologische Durchblutung’ wäre die Aufgabe des Literaten-Seminars, meint der unfreiwillige Spaßmacher“.[1] 1952 schlug Kuba (Kurt Barthel) auf dem III. Schriftstellerkongress Schloss Belvedere in Weimar als Standort vor. Im folgenden Jahr fragte er bei Alfred Kurella an, ob er dessen Leitung übernehme. Der glaubte zunächst, dass die Kandidatur für das Literaturinstitut nur ein taktischer Schachzug sei, um ihn aus der Sowjetunion zurückzuholen. Er aber wolle sich vorwiegend literarischen Arbeiten widmen und habe „einen Horror vor aller Art von – noch so ehrenvollen – Funktionen [...] Das macht mich in 4 bis 5 Monaten schlankweg melancholisch!“, hatte er an Peter Huchel am 25. Oktober 1953 geschrieben.[2] Im Februar 1954 kehrte Kurella in die DDR zurück, Ulbricht kündigte das Institut auf dem SED-Parteitag im April 1954 an, aber Becher sprach sich gegen dessen Ansiedlung in Berlin (Schloss Friedrichsfelde) aus. Mit der Übernahme des Instituts trat Kurella wieder in die „melancholische“ Laufbahn des Funktionärs ein. In seiner Antrittsvorlesung „Von der Lehrbarkeit der literarischen Meisterschaft“ betonte er, dass das Erreichen von Meisterschaft natürlich künstlerische Begabung voraussetze. Diese sei zwar nicht lehrbar, könne aber gefördert und entwickelt werden, einerseits durch allseitige Weiterbildung, andererseits durch vielfältige Kontakte mit der Wirklichkeit.[3] Konkreter stellte er vor den Dozenten sein Konzept vor: „Ziel des Instituts wäre es erst in zweiter Linie, schriftstellerische Kenntnisse zu vermitteln, darum müsse sich jeder Kursant letztlich selbst kümmern. Hauptziel sei, die Studenten zu befähigen, die Beschlüsse der Partei mit den Mitteln der Literatur den Massen nahezubringen“.[4] Das Literaturinstitut war dem 1954 gebildeten Ministerium für Kultur unter Johannes R. Becher unterstellt, der seiner Eröffnung fern blieb, und trug ab 1958 dessen Namen, obwohl er eine solche Institution in Zweifel gestellt hatte.

Isabelle Lehn, Sascha Macht und Katja Stopka haben nun eine umfassende und solide Darstellung der Geschichte des Instituts von 1955 bis zu dessen Schließung 1993 vorgelegt. Sie basiert auf einem intensiven Quellen- und Archivstudium, zahlreichen Gesprächen mit Zeitzeug/innen und der vorhandenen Literatur. In elf Kapiteln, teils chronologisch, teils thematisch orientiert, werden die kultur- und literaturpolitischen Experimente, die literaturpädagogischen Akteur/innen und die Lern- und Schreibprozesse der Studierenden entwickelt. Kapitel I stellt die Gründungsprobleme dar. Kapitel II beschreibt das Wirken der zwei wichtigsten Direktoren: Alfred Kurella und Max Walter Schulz. Kapitel III bietet einen Exkurs zum sozialistischen Realismus an. Kapitel IV stellt prominente Studierende, prominente Dozierende und den ersten Jahrgang vor. Kapitel V beschäftigt sich mit dem Weg Werner Bräunigs zum und sein Wirken am Institut. Kapitel VI behandelt die wechselhaften 1960er-Jahre: Literaturveröffentlichungen und Exmatrikulationswelle. In Kapitel VII begegnet uns der Lyrik-Professor Georg Maurer mit seinen Schüler/innen. Kapitel VIII ist den Lern- und Schreibprozessen und den poetischen Konfessionen der Absolvent/innen gewidmet. Kapitel IX betrachtet das Institut in den 1970er-Jahren zwischen vorsichtigen Liberalisierungstendenzen und erneuter Bevormundung. Kapitel X wirft einen Blick auf den ästhetischen Eigensinn in den undogmatischen 1980er-Jahren. Kapitel XI zeigt die Abwicklung des Instituts bis zur Schließung 1993 und resümiert, „dass am IfL jenseits seiner normativen und ideologischen Verpflichtungen trotzdem Lehrverfahren und künstlerische Ausbildungsziele entwickelt wurden, die der heutigen Ausbildungspraxis durchaus vergleichbar sind“ (S. 549).

Das Literaturinstitut hatte ein komplexes Studienangebot aufgebaut. Es umfasste schließlich ein dreijähriges Direktstudium mit etwa 20 Studierenden, ein ebenfalls dreijähriges Fernstudium mit etwa 60 Teilnehmer/innen und den einjährigen Sonderkurs mit etwa 15 Teilnehmer/innen. Die Lehre umfasste zwei Abteilungen: zum allgemeinbildenden Unterricht gehörten Literaturgeschichte, allgemeine Geschichte, Philosophie und Sprachwissenschaft; zum künstlerisch-schöpferischen Komplex gehörten Seminare in den drei Literaturgattungen. Mehrfach fanden im Studienjahr Werkstattgespräche zu eigenen Arbeiten statt. Obligatorisch war ein mehrwöchiges Praktikum in einem der Braunkohlenwerke um Leipzig. Die Studierenden wurden nur alle drei Jahre immatrikuliert und erhielten je nach Bedarf und Status ein Stipendium zwischen 350 und 600 Mark. Das machte sie für diese Zeit finanziell unabhängig und erhöhte die Attraktivität des IfL ungemein. Das Institut bot eine gute Möglichkeit für junge Schriftsteller/innen, sich der individuellen Weiterbildung und der Arbeit an eigenen Werken zu widmen. Zugleich standen ihnen fachlich ausgewiesene Mentor/innen zur Seite. Freilich wurden die meisten der 990 Absolvent/innen keine literarischen Meister/innen, sondern Journalist/innen, Kulturarbeiter/innen, Lektor/innen oder Propagandist/innen.

Gleichwohl hat eine große Zahl von Schriftsteller/innen aus der DDR über die Jahre an einem dieser Kurse teilgenommen. Besonders aufschlussreich sind die Kennzeichnungen der beiden wichtigsten Direktoren, des hochgebildeten und dogmatisch-stalinistischen Alfred Kurella (von 1955 bis 1957) sowie von Max Walter Schulz (1964 bis 1983), der tolerant und ästhetisch aufgeschlossen war, unter dem sich künstlerisch experimentieren ließ und der zugleich zwei Exmatrikulationswellen zu verantworten hatte. Ebenso interessant ist die Beschreibung des charismatischen Lyrikprofessors Georg Maurer, dessen Name zumeist für das Institut steht. Er wurde gewissermaßen der Nestor der „Sächsischen Dichterschule“ und der Lyrikwelle in der DDR, obwohl seine eigenen Gedichte zuweilen lehrhaft und pathetisch waren. Im Laufe der Zeit lehrten bzw. hielten auch namhafte Autor/innen und Wissenschaftler/innen Gastvorlesungen am IfL, wie Ernst Bloch, Peter Gosse, Wieland Herzfelde, Victor Klemperer, Georg Maurer, Hans Mayer, Trude Richter und Gerhard Rothbauer. Zu den 30 Teilnehmer/innen des ersten Studienjahres gehörten bereits gestandene Schriftsteller/innen aus Ost- und Westdeutschland, unter ihnen Rudolf Bartsch, Adolf Endler, Ralph Giordano, Gotthold Gloger, Erich Loest, Rudolf Weiß und Fred Wander aus Wien. Wichtige Autor/innen wie Katrin Aenhnlich, Werner Bräunig, Heinz Czechowski, Kurt Drawert, Kerstin Hensel, Sarah und Rainer Kirsch, Barbara Köhler, Angela Krauß, Katja Lange-Müller, Thomas Rosenlöcher, Ronald M. Schernikau oder Gerti Tetzner studierten zumindest zeitweise am IfL. Zu den nach dem 11. Plenum bis 1970 Relegierten gehörten Siegmar Faust, Paul Gratzig, Heide Härtl, Gert Neumann, Helga M. Novak, Dieter Mucke, Andreas Reimann und Martin Stade. Neben diesen literarisch anerkannten Autor/innen gingen auch zahlreiche „Parteidichter“ und erfolgreiche DDR-Schriftsteller/innen aus dem Institut hervor, unter ihnen Günter Görlich, Walter Flegel, Gerhard Holtz-Baumert, Werner Lindemann, Helmut Preißler, Fred Rodrian und Max Walter Schulz.

Schließlich war das IfL weder zu einer Parteischule noch zu einer Dichterschmiede geworden. Die Orientierung auf den sozialistischen Realismus widersprach ohnehin dem realen Sozialismus. Als Programm verkümmerte er zu einer Leerformel und Worthülse. Und die staatliche Kontrolle blieb begrenzt. Politische Konflikte wurden zumeist zwischen Institutsleitung und Ministerium ausgefochten. Das Hauptinteresse der Studierenden galt der frei zugänglichen Lektüre aller west- und östlichen Weltliteratur sowie der Gelegenheit zu selbstbestimmtem Schreiben. Angesichts der aufgeführten Namen erübrigt sich eigentlich die Frage, ob Schreiben „lehrbar“ sei. Das IfL hat einen markanten Platz in der deutschen Nachkriegsliteratur eingenommen und aus ihm ist eine wichtige und ästhetisch durchaus heterogene Literatur hervorgegangen. Auch wenn viele der herausragenden Ehemaligen darauf verweisen, dass sie dort nicht „ausgebildet“ worden sind, sondern bestenfalls zusätzlichen Schliff bekommen haben.

Anmerkungen:
[1] Johannes R. Becher, Auf andere Art so große Hoffnung. Tagebuch 1950, Eintragungen 1951, Berlin 1969, S. 25.
[2] Peter Huchel, Wie soll man da Gedichte schreiben. Briefe 1925–1977, Frankfurt am Main 2000, S. 151.
[3] Alfred Kurella, Wofür haben wir gekämpft? Beiträge zur Kultur und Zeitgeschichte, Berlin 1975, S. 296f.
[4] Erich Loest, Durch die Erde ein Riss. Ein Lebenslauf, Leipzig 1981/90, S. 259.

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23.06.2020
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