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Titel
Wikipedia im Geschichtsunterricht.


Autor(en)
Hodel, Jan
Reihe
Kleine Reihe – Geschichte
Erschienen
Frankfurt an Main 2020: Wochenschau-Verlag
Anzahl Seiten
80 S.
Preis
€ 12,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jessica Kreutz, Seminar für Didaktik der Geschichte, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Es wird schnell klar: Wikipedia hält – aus geschichtsdidaktischer Perspektive – mehr als nur Material zur Informationsentnahme bereit. Die Studie zeigt anschaulich, dass eine analytische und diskursive Nutzung von Wikipedia für eine differenzierte Auseinandersetzung mit Geschichte zweckdienlich ist. Jan Hodel komplementiert damit theoretisch und empirisch angelegte Untersuchungen zu Wikipedia (S. 8f.), indem er nicht nur bereits formulierte Umsetzungsideen bündelt (S. 14), sondern seine eigenen Umsetzungsideen kompakt zusammenfasst und damit ein konkretes Handwerkszeug zum Umgang mit diesem Medium im Geschichtsunterricht vorlegt. In der Konsequenz hätte gerade deshalb eine konzeptionelle Orientierung entweder an das von Hodel kurz erwähnte domänenspezifische Medienmodell von Daniel Bernsen, Alexander König und Thomas Spahn oder an das fachunabhängige Medienmodell von Dieter Baacke diese Studie im theoretischen Diskurs anschlussfähiger gemacht (S. 9). Hodel hat sich bei der Struktur des Bandes jedoch bewusst an den potenziellen Möglichkeiten beim Umgang mit Wikipedia orientiert (S. 9).

Einen absoluten Mehrwert stellen die Anwendungsideen dar, die konsequent und übersichtlich nach jedem Unterkapitel zu finden sind. Sie bilden das eigentliche Hilfsmittel für die Planung von Geschichtsunterricht mit Wikipedia: anvisierte Ziele, vorformulierte Aufgaben, benötigte Materialien sowie zu fördernde Kompetenzen werden benannt. Dass Hodel dabei sowohl auf die Kompetenzen nach Gautschi als auch der Gruppe „FUER Geschichtsbewusstsein“ zurückgreift (S. 10), ist im Hinblick auf die unterschiedliche Verwendung von Kompetenzmodellen im nationalen und internationalen Kontext überaus zielführend. Allerdings zeigt sich bei der Identifikation der zu fördernden Kompetenzen Optimierungspotenzial. In einer Gesamtschau aller Anwendungsideen bleibt unklar, warum mit dieser Studie alle Kompetenzen nach Peter Gautschi, aus dem FUER-Modell jedoch ausschließlich die Methodenkompetenz gefördert werden können (S. 13). So verschieden die Kompetenzmodelle auch sind, weisen sie dennoch inhaltliche Überschneidungen auf. Zwangsläufig müssen die ausgewählten Kompetenzen zuweilen in einem Widerspruch zueinander stehen. Mehr noch: Dass die Anwendungsideen in Bezug auf das FUER-Modell konsequent auf die Förderung der Methodenkompetenz abzielen, offenbart die eigentliche Zielsetzung beim Umgang mit Wikipedia im Geschichtsunterricht: die Rekonstruktion und Dekonstruktion von Wikipedia im fluiden Verständnis von Quelle und Darstellung. Daher ist es nur folgerichtig, dass Hodel am Ende der Studie auch wiederholt den Anschluss an die Geschichtskultur sucht. Um hier Redundanzen bezüglich der Methodenkompetenz (beziehungsweise historischen Erkenntnisverfahren) einerseits sowie der Erschließungs- und Interpretationskompetenz andererseits zu vermeiden, wäre eine dahingehende konzeptionelle Ausrichtung der Studie denkbar gewesen.

Auf der inhaltlichen Ebene gibt die Identifikation von Kompetenzen an wenigen Stellen Grund zur Diskussion. So legt die Zielsetzung „Die Schüler/innen sollen in der Lage sein, Kritik an Wikipedia anhand von Kriterien einzuordnen und zu bewerten und in einer Diskussion begründet eine Haltung zu den Kritikpunkten einzunehmen, Reaktionen der Wikipedia zu beurteilen und konkrete eigene Handlungsmaximen zu formulieren“ (S. 28) neben der Förderung der Wahrnehmungskompetenz vor allem auch die Förderung der Orientierungskompetenz nahe. In einem anderen Fall wird von Hodel gar kein Anschluss an geschichtsdidaktische Kompetenzen angedacht, obwohl die Leitfragen „Wie wird ein neuer Artikel erstellt? Wer wählt die Inhalte aus? Wer entscheidet, ob ein Text publiziert wird? Wie werden Fehler festgestellt, wer darf diese korrigieren?“ (S. 19f.) eine potenzielle Förderung der Methodenkompetenz erlauben respektive die Durchführung einer äußeren (nicht „externen“, zum Beispiel S. 28) Quellenkritik ermöglichen. Auf der konzeptionellen Ebene fällt auf, dass zuweilen ausführliche Begründungen zu den gewählten Kompetenzen (S. 38) geliefert werden, zuweilen die gewählte Kompetenz lediglich genannt wird (S. 47). Ebenso bleibt unterrichtspraktisch zu erproben, wie mit einer einzigen Anwendungsidee bestehend aus zwei Aufgaben zugleich vier Kompetenzen gefördert werden können (S. 19).

Durch die Zuordnung von unterrichtsmethodischen Prinzipien als Art und Weise, wie Themen und Inhalte dargestellt werden, hätten die Anwendungsideen komplementiert werden können. Der analytische Umgang mit Wikipedia legt vor allem das Prinzip der Wissenschaftsorientierung nahe. Aber auch das Prinzip der Multiperspektivität spiegelt sich etwa beim Vergleich der französischen, englischen und deutschen Version des Wikipedia-Eintrages zu „Napoleon“ wider (S. 48ff.) und das Prinzip der Alterität zum Beispiel beim Umgang mit dem eurozentristisch ausgerichteten Wikipedia-Eintrag zu „Christoph Kolumbus“ (S. 52f.).

Einige Formulierungen lassen erahnen, dass die Anwendungsideen einen hohen Anspruch an die Lernenden haben (S. 29). Hier wären weitere Hinweise wünschenswert gewesen: Welche Differenzierungsmöglichkeiten hält Wikipedia bereit? Gibt es Aufgaben, die für lernschwache oder für lernstarke Schüler/innen geeignet sind? Für welche Schulstufen oder Schularten sind welche Lernziele empfehlenswert? Hier wäre ein kurzer Verweis auf Grundschul-Wiki denkbar gewesen, der sich auch für untere Sekundarstufenklassen beziehungsweise für lernschwächere Schüler/innen eignet. Da Hodel aus dem Bereich der Gesellschaftswissenschaften kommt, wäre nicht zuletzt ein kurzer Ausblick auf die Politikdidaktik denkbar gewesen – gerade im Hinblick auf den kritischen Umgang mit Wikipedia als Teil der Geschichtskultur.

Solche konkreten Anwendungsbeispiele, wie in dieser Studie vorgelegt, sind enorm wichtig, um daraus wiederum Forschungsdesiderate beziehungsweise Handlungsbedarfe abzuleiten. Der Umgang mit diesem Medium zeigt einmal mehr, dass beim digitalen Lernen andere Operatoren notwendig sind (S. 13), wie zum Beispiel recherchieren. Auch regen diese wertvollen Ideen dazu an, weitere methodische Überlegungen anzustellen, wie beispielsweise Wikipedia-Einträge nicht nur mit Fachpublikationen, sondern auch mit Darstellungstexten in Schulbüchern zu vergleichen.

Auch bei Wikipedia ist das Ende entscheidend! Hodel packt den Stier erfolgreich an den Hörnern: Diese Studie macht Wikipedia nun endgültig für historisches Lernen im Geschichtsunterricht salonfähig. Als Handreichung für Geschichtslehrkräfte gehört dieser Band daher zwingend in jede Fachbibliothek einer Schule – gerade jetzt, wo die Forderung nach digitalem Lernen durch die pandemiebedingte Aussetzung des Unterrichts erneute Dringlichkeit erhält.

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Veröffentlicht am
18.09.2020
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