A. Ecker u.a. (Hrsg.): Historisches Lernen im Museum

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Titel
Historisches Lernen im Museum = Historical learning in the museum.


Herausgeber
Ecker, Alois; Paireder, Bettina; Breitfuß, Judith; Schild, Isabella; Hellmuth, Thomas
Reihe
Europäische Studien zur Geschichtsdidaktik. European Studies in Didactics of History
Erschienen
Frankfurt am Main 2018: Wochenschau-Verlag
Anzahl Seiten
270 S.
Preis
€ 32,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hannes Liebrandt, Didaktik der Geschichte und Public History, Ludwig-Maximilians-Universität München

Längst ist die Bedeutung Historischen Lernens außerhalb der Institution „Schule“ von der Geschichtsdidaktik erkannt worden und so wundert es nicht, dass Veröffentlichungen, Tagungen und Forschungen im Bereich der Museen im geschichtsdidaktischen Diskurs fest etabliert sind. Die einzelne Auflistung ausgewählter Publikationen erscheint vor dem Hintergrund der regen Forschungstätigkeit wenig zielführend.[1] Ein eigener Arbeitskreis unter dem Dachverband der „Konferenz für Geschichtsdidaktik“ widmet sich dem breiten Spektrum der musealen Darstellung (und Inszenierung) von Geschichte. Und die Museen selbst, bei denen Geschichtsmuseen oder historische Museen natürlich nur einen Teil abbilden, sind mehrheitlich in einem nationalen Dachverband (ICOM Deutschland e.V.) integriert, der ebenso Forschungs- und Publikationstätigkeiten anregt.

Der vorliegende Sammelband „Historisches Lernen im Museum“ ergänzt somit das eben skizzierte Forschungsfeld und bildet zugleich den Auftakt der neuen Reihe „Europäische Studien zur Geschichtsdidaktik“ des Wochenschau-Verlages. Grundlegend für die Veröffentlichung des Bandes war ein Symposium vom 26. auf den 27. September 2014 in Wien, welches sich zum Ziel setzte, „das Potential der Museumsarbeit für das Historische Lernen sichtbar zu machen“ und durch den Einbezug unterschiedlicher Fachexpertisen „Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Schulen und Museen aufzuzeigen“ (S. 19). Beiträge aus anderen Symposien der „Gesellschaft für Geschichtsdidaktik Österreich“ (GDÖ) komplettieren die Publikation. Drei Teilbereiche gliedern den Band thematisch. Teil 1 „Aktuelle Diskurse zur Museumsdidaktik“ (S. 31–106) bündelt „vergleichende und konzeptive Beiträge, sowie aktuelle Forschungsberichte“ (S. 20). Diese thematische und begriffliche Unbestimmtheit zeigt sich auch in der Auswahl der Beiträge, ist jedoch für wissenschaftliche Sammelbände, die auf einem Symposium beruhen, nicht unüblich. Die Beiträge dieses Teilbereichs eröffnen interessante Forschungsfragen, können jedoch dem selbst formulierten Anspruch nur bedingt gerecht werden. Falk Pingel analysiert die Bedeutung des Militärischen bzw. die Darstellung des Krieges in einem westeuropäisch-ostasiatischen Vergleich. Die Auswahl der Museen und das dahinter stehende Forschungsinteresse erscheinen nachvollziehbar, die Methode der vergleichenden Analyse hinterlässt jedoch Fragen hinsichtlich der Analyseebenen. Das methodische Design konzentriert sich „auf die Art der ausgestellten Gegenstände, deren Rahmung durch Platzierung, Erläuterungen und die mediale Interpretation sowie die architektonische Gestaltung von Ausstellung und Museum“ (S. 35). Die angekündigte Analyse gleicht jedoch eher einer Beschreibung der Museen. Der Fokus Pingels liegt auf der jeweiligen Entstehungsgeschichte und der grundlegend äußeren Gestaltung des Museums. Eine fachdidaktisch geleitete Studie anhand exemplarischer Dekonstruktionsebenen (z.B. Hauptnarrative der Ausstellung, Verhältnis von Sach-, Bild- und Textquellen, Positionierung und Platzierung der Exponate, Leitfragen der Ausstellung), die Rückschlüsse auf die Möglichkeit Historischen Lernens vor Ort bilden könnten, ist nicht erkennbar und kann in Anbetracht der Vielzahl der untersuchten Museen (Frankreich, England, Österreich, Deutschland, China, Japan, Südkorea) auch in diesem Rahmen kaum geleistet werden.

Die weiteren Beiträge stellen unterschiedliche (empirische) Projekte vor, weshalb sie in exemplarischer Weise gut in die übergeordnete Kategorie des ersten Teils passen. Besonders hervorzuheben ist dabei das Kooperationsprojekt von Alois Ecker und Ralph Gleis, das sich zum Ziel setzte, „bereits während der Ausbildungsphase die zukünftigen Geschichtslehrer/innen an die potentielle Zusammenarbeit mit Museen heranzuführen, und den Lehramtsstudierenden exemplarisch Möglichkeiten der Arbeit mit dem bzw. im außerschulischen Lernort Museum aufzuzeigen“ (S. 66). Ziel, Ablauf und Reflexion des Projekts werden genau beschrieben und allgemein ist zu begrüßen, wenn eine Einbindung außerschulischer Lernorte und allgemein der Geschichtskultur bereits in der ersten Ausbildungsphase des Lehramtsstudiums verstärkt erfolgt.

Im Gegenzug dazu kommt der Beitrag Susanne Schillings nicht über eine reine und höchstens skizzenhafte Projektpräsentation hinaus. Im letzten Beitrag des ersten Teils zeigen Christian Matzka und Helene Miklas Ergebnisse eines „empirischen Projekts zur Wahrnehmung von Gedenkstättenpädagogik durch Schüler/innen“ (S. 94) in der Gedenkstätte Mauthausen. Auch wenn die genaue empirische Methode nicht sichtbar wird, gelangen die Autoren zu relevanten, wenn auch meist allgemeinen Schlussfolgerungen, die im geschichtsdidaktischen und erinnerungskulturellen Diskurs seit geraumer Zeit diskutiert werden (S.103–104). Insbesondere die relativ deutliche Forderung nach Ent-Emotionalisierung der Schulexkursion und die klare Ablehnung, „moralisierenden Druck mit erhobenem Zeigefinger“ (S. 103) auszuüben, ist hierbei zu begrüßen. Das angedeutete Spannungsfeld zwischen ratio und emotio rekurriert auf eine Grundsatzfrage der Geschichtsdidaktik und Menschenrechtspädagogik und ist für ehemalige Opfer- sowie Täterorte gleichermaßen bedeutend. Die anfänglich dargestellte Problematik, inwiefern Gedenkstättenbesuche auch in niedrigeren Jahrgangsstufen oder gar in der Primarstufe zielführend sind, wird leider nicht weiter thematisiert.

Der zweite Teil des Sammelbandes bleibt hinsichtlich der Beiträge ebenso heterogen wie der erste Teil. Sie umfassen Lokal- und Regionalbeispiele einzelner Museen und Ausstellungen, wobei die Auswahl ausschließlich auf den deutschsprachigen Raum begrenzt bleibt. Martina Affenzeller diskutiert Ausstellungen im Urgeschichtemuseum MAMUZ im Schloss Asparn, eine Wikinger-Ausstellung auf der Schallaburg sowie die Dauerausstellung im Heeresgeschichtlichen Museum Wien. Angelika Wuszow stellt das „Mobile Museum: Wasser. Dinge. Geschichten“ des Ruhr Museums vor, das seit 2007 insbesondere an Schulen gezeigt wird. Weitere Vorstellungen umfassen das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven (Simone Blaschka-Eick), das oberösterreichische Landesmuseum in Linz (Manuel Heinl, Sandra Kratochwill, Sandra Malez), den Archäologischen Park Carnuntum (Marion Großmann, Harald Beier) und das Kunsthistorische Museum samt Kaiserforum in Wien (Barbara Dmytrasz, Friedrich Öhl).

Hier wäre eine stärkere Öffnung wünschenswert und sogar notwendig gewesen, auch um dem eigenen Anspruch einer europäischen Studie gerecht zu werden. Man könnte sogar die Einordnung in die wissenschaftliche Reihe des Verlages hinterfragen, da sich diese zum Ziel setzt, „den Diskurs zwischen den Geschichtsdidaktikerinnen und Geschichtsdidaktikern aus verschiedenen Ländern und Regionen Europas [zu] fördern“ (S. 7).

Anscheinend wurde dieses Defizit auch von den Herausgeber/innen erkannt, weshalb im dritten Teil durch zwei englischsprachige Aufsätze in der chinesischen Fachzeitschrift „History Teaching and Research“ (Mu Tao, Wang Side, Yang Biao) und im „Forum of Slavic Cultures“ (Andreja Rihter) eine internationale Perspektive eröffnet wurde. Nur befassen sich weder die beiden englischsprachigen Zeitschriftenartikel noch die Beiträge Bärbel Völkels und Josef Nussbaumers mit der Thematik „Historisches Lernen im Museum“. Bärbel Völkel öffnet in ihrem Beitrag die Kompetenzdebatte entlang der Bedeutung Historischen Lernens in pluralen Gesellschaften und Josef Nussbaumer stellt ein Planspiel zur Globalisierung vor. Die kurzen englischsprachigen Artikel sind nichts weiter als eine Tätigkeitsbeschreibung der dahinter stehenden Journale und Organisationen und zeigen keinerlei inhaltliche Verbindung zum Sammelband. Sinn und Zweck eines solchen Forums kann nun kontrovers diskutiert werden, in der vorliegenden Form bleibt der Mehrwert für den Sammelband auf jeden Fall sehr überschaubar.

Damit festigt sich der Eindruck, dass der Sammelband durch fehlende thematische Strukturierung und inhaltliche Vertiefungen dem selbstformulierten Anspruch eines transnationalen und interdisziplinären Werkes nur selten gerecht wird. Der Begriff „Historisches Lernen“ wird höchstens als Label des Sammelbandes verwendet, ohne diese Kategorie als fachdidaktisches Relevanzkriterium und somit als „roten Faden“ in den einzelnen Beiträgen einzubinden. Möchte man eine durchgängige Struktur bzw. eine Leitfrage im Sammelband suchen, so findet man diese in der relativ konsequenten Praxisorientierung, die auch prinzipiell zu begrüßen ist. Diese Ausrichtung geht jedoch zumeist auf Kosten theoretischer Konzepte. Es wäre wünschenswert gewesen, zunächst den Museumsbegriff für das eigene Vorgehen zu definieren. Eine Verortung beispielsweise von Gedenkstätten (und Dokumentationszentren) in die „traditionelle“ Museumslandschaft ist trotz gewiss vorhandener musealer Darstellungskonzepte schwieriger als gemeinhin gedacht.

Je nachdem, ob man diesen Begriff weit oder eng definiert, ergeben sich neue Perspektiven und damit auch weitere potentielle außerschulische Lernorte. Solche Problemfragen werden leider nicht erörtert, weshalb auch die Auswahl der Orte und damit der Beiträge nicht konklusiv erscheinen. Ohne diesen theoretischen Unterbau und ohne thematische und gegebenenfalls zeitliche Rahmung des Forschungsinteresses erscheint das Untersuchungsfeld vielleicht zu groß für ein Symposium und damit auch für einen derartigen Sammelband.

Anmerkung:
[1] Zahlreiche Symposien wurden im deutschsprachigen Raum zum Themenkomplex Museen und Historisches Lernen abgehalten, aus denen ebenso Tagungsbände erschienen sind. Bereits etwas älter, aber thematisch relevant: Olaf Hartung (Hrsg.), Museum und Geschichtskultur. Ästhetik, Politik, Wissenschaft, Bielefeld 2006. Einen ähnlichen Ansatz mit exemplarischen lokalen Fallbeispielen verfolgen ebenso Michele Barricelli / Tabea Golgath (Hrsg.), Historische Museen heute, Schwalbach am Taunus 2014.

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Veröffentlicht am
28.09.2020
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