C. López-Ruiz u.a. (Hrsg.): The Oxford Handbook of the Phoenician and Punic Mediterranean

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Titel
The Oxford Handbook of the Phoenician and Punic Mediterranean.


Herausgeber
López-Ruiz, Carolina; Doak, Brian R.
Reihe
Oxford Handbooks
Erschienen
Anzahl Seiten
XVI, 768 S.
Preis
£ 97.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Sommer, Institut für Geschichte, Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

„The Phoenicians created the Mediterranean as we know it“. Mit dieser steilen These beginnt die Einleitung der Herausgeber/innen (S. 3). Als „third party“ neben Griechen und Römern, die das Mittelmeer, das wir kennen, begründete, würden die Phönizier in der Forschung systematisch unterschätzt („underrated“), ja ausgegrenzt („marginalised“). So jedenfalls sehen es López-Ruiz und Doak und sie greifen, um ihrem Narrativ von der Ausgrenzung der Phönizier durch eine der Siegergeschichte aufsitzende Altertumswissenschaft den nötigen Nachdruck zu verleihen, zu einer Sprache von apodiktischer Wucht.

Ganz so dramatisch freilich kann die Vernachlässigung von Phöniziern und Karthagern durch die moderne Forschung nicht sein, schließlich wäre sonst das von López-Ruiz und Doak herausgegebene, hier anzuzeigende Kompendium sehr viel schmaler ausgefallen. Ausgehend von Italien und, seit dem Ende der Franco-Diktatur 1975, Spanien investiert die Altertumswissenschaft heute beträchtliche Ressourcen in die Erforschung der neben Griechen und Römern dritten das Mittelmeer prägenden Präsenz: eben Phöniziern und Karthagern. Bereits 1988 hat eine weithin rezipierte Ausstellung im Palazzo Grassi das Panorama dieser die griechisch-römische sozusagen spiegelnden Doppelzivilisation einer breiten Öffentlichkeit vor Augen geführt.[1] Und wenige Jahre später, 1994, hat ein umfassendes Handbuch das Wissen über Phönizier und Karthager für die Fachwelt synthetisiert.[2]

Daneben ist von althistorischer, archäologischer und philologischer Seite eine solche Fülle von einschlägigen Detailstudien publiziert worden, dass selbst die wichtigsten hier aufzuführen unmöglich wäre. Erinnert sei nur an die Arbeiten zur phönizischen Kolonisation von Hans Georg Niemeyer[3], an die deutsch-niederländische Feldforschung in Karthago[4] und an die jüngste, sehr originelle Dekonstruktion der Phönizier als Ethnie aus der Feder der Oxforder Althistorikerin Josephine Quinn.[5]

Von einer Ausgrenzung der dritten Präsenz im Mittelmeerraum durch die Forschung der Gegenwart kann deshalb kaum die Rede sein. Sehr wohl aber gibt es eine Geschichte des Kleinredens und der Nichtbeachtung dieser Präsenz unter eurozentrischem und „rassischem“ Vorzeichen in der euro-amerikanischen Forschungsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Diese Geschichte nahm mit dem Aufstieg der Sprachwissenschaft als Leitdisziplin und der Etablierung eines „rassengeschichtlichen“ Blicks auf die Antike im 19. Jahrhundert ihren Anfang[6], wurde dann fortgesetzt durch die tatsächliche Marginalisierung der Phönizier durch seriöse Gelehrte wie Karl Julius Beloch[7] und kulminierte schließlich in dem von dem Tübinger Althistoriker Josef Vogt 1943 herausgegebenen Sammelband „Rom und Karthago“, der die Frucht eines groß angelegten „rassegeschichtlichen“ Forschungsprojekts des „Kriegseinsatzes der deutschen Geisteswissenschaft“ war, der sogenannten „Aktion Ritterbusch“.[8]

Dass diese Ausgrenzungsgeschichte durch die Altertumswissenschaft bis 1945 und teilweise darüber hinaus in dem von López-Ruiz und Doak herausgegebenen Oxford Handbook nur ganz am Rande und nur unter knappem Verweis auf den Begründer der Rassentheorie, Arthur de Gobineau, stattfindet (S. 703), die eigentliche Forschungsgeschichte aber erst mit der Wiederentdeckung der dritten Präsenz durch den tatsächlich bedeutenden italienischen Philologen Sabatino Moscati – und damit in der Nachkriegszeit – ansetzt, ist wohl das größte Versäumnis dieses sonst sehr klug disponierten und durchweg mit großer Sorgfalt verfassten Sammelbandes. Die Liste der Beiträger liest sich wie ein Who’s who der internationalen Phönizierforschung: María Eugenia Aubet (Kolonien) und Guy Bunnens (Eisenzeit) sitzen ebenso im Boot wie Corinne Bonnet (Hellenismus), Helène Sader (Archäologie Phöniziens), Dexter Hoyos (Karthago), Maria Giulia Amadasi (Sprache), Roald Docter (Wohnarchitektur), Gunnar Lehmann (Phönizier in der Levante), Paolo Xella (Religion), Josephine Quinn (Nachleben in der griechischen und lateinischen Literatur) und Peter van Dommelen (Nachleben in Tunesien).

Das durch die insgesamt 48 Kapitel abgeschrittene Panoptikum ist weniger systematisch gegliedert als in dem von Véronique Krings herausgegebenen Vorgängerwerk von 1994, besticht aber durch seine enorme Breite und nicht zu verachtende Originalität: Neben im engeren Sinne historischen und archäologischen Beiträgen stehen Area-Studies und Querschnittstudien zu Sprache, Literatur, Religion und materieller Kultur sowie, als besonders willkommenes Bonusmaterial, Ausflüge in die diversen rezeptionsgeschichtlichen Dimensionen des Themas: das Alte Testament, die antike Literatur und den „Neophönizismus“ im römischen Imperium, die neuzeitliche Tradition und schließlich die Bedeutung von Phöniziern und Karthagern für die modernen Nationalstaaten Libanon und Tunesien.

Die allermeisten der kurzen Kapitel sind faktengesättigt und konzentrieren sich auf das Wesentliche. Wer das Buch zur Hand nimmt, erhält schnell und ohne Übersättigung mit Details einen Überblick auf der Höhe des Forschungsstandes. Bei den archäologischen Kapiteln fällt die sparsame Bebilderung des Bandes etwas unangenehm auf, hier hätten Fotos und vor allem Pläne sehr zur Veranschaulichung beigetragen. Meist zu knapp geraten und sehr auf angelsächsische Forschungsliteratur konzentriert sind die Bibliographien. Für Fachleute lohnt sich nach wie vor, neben dem neuen Handbuch auch das Sammelwerk von Krings heranzuziehen, das hier und da doch deutlich mehr in die Tiefe geht, wenn auch auf dem Forschungsstand der 1990er-Jahre. Anfängern erleichtert das Oxford Handbook trotz einer übersichtlichen Anzahl leichter Schönheitsfehler sehr den Einstieg in die komplizierte und noch immer mit dem Touch des Arkanen versehene Materie. Es wird seine Nützlichkeit gerade auch im Hörsaal unter Beweis stellen können.

Anmerkungen:
[1] Ausstellungskatalog: Sabatino Moscati (Hrsg.), I fenici, Milano 1988.
[2] Véronique Krings (Hrsg.), La civilisation phénicienne et punique. Manuel de recherche, Leiden 1995.
[3] Hans Georg Niemeyer (Hrsg.), Phönizier im Westen, Mainz am Rhein 1982; ders. Das frühe Karthago und die phönizische Expansion im Mittelmeerraum, Göttingen 1989; ders., Die phönizischen Niederlassungen im Mittelmeerraum, in: U. Gehrig / H.G. Niemeyer (Hrsg.), Die Phönizier im Zeitalter Homers, Mainz 1990, 45-64; ders., The Phoenicians in the Mediterranean. A non-Greek model for expansion and settlement in Antiquity, in: J.-P. Descoeudres (Hrsg.), Greek colonists and native populations. Proceedings of the First Australian Congress of Classical Archaeology held in honour of Emeritus Professor A.D. Trendall, Sydney 9 – 14 July 1985, Canberra 1990, S. 469–489; ders., Phoenician or Greek: is there a reasonable way out of the Al Mina debate?, Ancient West & East 3 (2004), 1, S. 38–50.
[4] Hans Georg Niemeyer / Roald Docter / Karin Schmidt (Hrsg.), Karthago. Die Ergebnisse der Hamburger Grabung unter dem Decumanus Maximus, Mainz 2007.
[5] Josephine Crawley Quinn, In search of the Phoenicians, Princeton 2017.
[6] Arthur Comte de Gobineau, Essai sur l’inégalité des races humaines, Paris 1853–55; Houston Stewart Chamberlain, Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, München 1901.
[7] Karl Julius Beloch, Die Phoeniker am aegeischen Meer, Rheinisches Museum für Philologie, Neue Folge 49 (1894), S. 111–131.
[8] Josef Vogt (Hrsg.), Rom und Karthago. Ein Gemeinschaftswerk, Leipzig 1943. Zur forschungsgeschichtlichen Bedeutung dieses Sammelwerks: Michael Sommer/Tassilo Schmitt (Hrsg.), Von Hannibal zu Hitler. „Rom und Karthago“ 1943 und die deutsche Altertumswissenschaft im Nationalsozialismus, Darmstadt 2019.