K. Piepenbrink: Die "Rhetorik" des Aristoteles

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Titel
Die "Rhetorik" des Aristoteles und ihr Verhältnis zum historischen Kontext.


Autor(en)
Piepenbrink, Karen
Reihe
Historia. Einzelschriften 261
Erschienen
Stuttgart 2020: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
244 S.
Preis
€ 52,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Denis Walter, Institut für Philosophie, Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Karen Piepenbrink legt mit Ihrer Monographie Die Rhetorik des Aristoteles und ihr Verhältnis zum historischen Kontext die erste systematische Untersuchung der aristotelischen „Rhetorik“ vor, die sich ausschließlich ihrer Beziehung zum historischen, soziopolitischen und rezeptionsästhetischen Kontext widmet. Ihr Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum historischen Umfeld aufzuzeigen und Aristoteles‘ Positionen so mit der Lebensrealität seiner Zeit zu konfrontieren (S. 16). Dieser innovative Ansatz bringt interessante Ergebnisse hervor: Zunächst (Kapitel 2) verortet sie die aristotelische „Rhetorik“ historisch und zeigt, dass Aristoteles sich von der „sophistischen Rhetorik“, der platonischen Rhetorikkritik und von Isokrates abzugrenzen versucht (S. 17). Die Unterscheidung zwischen der Gerichtsrede, die auf das Gerechte abziele, und der deliberativen Rede, die das Nützliche betrachte, finde sich etwa bereits bei Thukydides (3,37–48) sowie in Demosthenes‘ Exordia (S. 28). Anschließend (Kapitel 3) untersucht sie die von Aristoteles verarbeiteten Handlungsmotivationen und führt beispielsweise die Erwähnung der „Ehre“ (timê) auf das soziopolitische Umfeld zurück, dem sie entspringe (S. 59). Während sie bei der Behandlung „nicht-artifizieller“ Beweismittel (Kapitel 4) zeigt, wie Aristoteles in zahlreichen Punkten im Einklang mit der Gerichtspraxis steht, unterstreicht sie in der Auseinandersetzung mit der Evokation von Emotionen (Kapitel 5), dass der Stagirite die Funktion der von ihm behandelten Emotionen nur in ihrer Wirkung auf die Richter behandelt (S. 93). Interessant ist auch, dass Piepenbrink Aristoteles‘ Verständnis von „Mitleid“ als pathos und nicht als aretê auf seine Einbettung in den antiken griechischen Kulturkreis zurückführt (S. 95) und nicht etwa auf philosophische Reflexion. Seine Vorstellung dessen, was Mut sei, sei – ebenfalls im Einklang mit den Ansichten, die durch die Rhetoren vertreten würden – kompatibel mit den zeitgenössischen Einstellungen zu Mut, Ehre und Männlichkeit (S. 103), ebenso wie die Parallelisierung von verminderter körperlicher Leistungsfähigkeit und geistiger Schwäche oder die Charakterisierung der Jugend als übermütig und selbstüberschätzend (S. 112) sowie die Kritik an jungen „Aristokraten“ als hochmütig (S. 117). Piepenbrink argumentiert (Kapitel 6) ferner dafür, dass Aristoteles häufig mit „aristokratisch affizierten Vorstellungen“ arbeitet (S. 127–128). Dies führt sie auf seine Diskussion der eugeneia, und der „ersten Führer“ zurück (S. 127), die auch zu Aristoteles‘ Lebzeiten noch hohes Ansehen genossen, während seine Behandlung „unterer Schichten“ äußerst knapp ausfalle (S. 117). Auch auf kultureller Prägung fuße die Ansicht, dass die Art und Weise, wie Güter akkumuliert würden, äußerst wichtig sei – sie müsse eines Freien „würdig“ sein (S. 130). Im letzten inhaltlichen Kapitel 7 geht sie auf die „[r]ednerische Inszenierung und Gestaltung der Rede“ ein und verweist etwa auf Aristoteles‘ Rat, die Argumentation in der Rede nicht zu komplex aufzubauen (S. 153).

Piepenbrink zeigt ferner, welche Auslassungen Aristoteles von zeitgenössischen Schriften unterscheiden. So fehle bei ihm beispielsweise eine Stellungnahme hinsichtlich der Frage, ob der Redner seine Expertise auf einem bestimmten Gebiet, dem sich die jeweilige Rede widmet, herausstellen soll oder nicht (S. 46); er zeige kein besonderes Interesse an rechtlichen Prozeduren (S. 86); diskutiere nicht ausführlich die Begründung gewalttätiger Handlungen aus dem Affekt des Zornes heraus (S. 93); zeige kein besonderes Interesse an der spezifischen Beschäftigung mit den Anliegen von „Armen“ und nichtprivilegierten Bürgern (S. 117–118) und führe beispielsweise nicht aus, wie Rhetoren auf Zwischenrufe und unspezifische Reaktionen reagieren sollen, obwohl derartige konkrete Problematiken der Rede von hoher Relevanz für die praktische Rhetorik seien (S. 156–157).

Mit dieser Ortsbestimmung der aristotelischen „Rhetorik“ kann Piepenbrink Aristoteles in seiner Zeit positionieren und auf den Konnex verweisen, dem viele Punkte seiner Schrift entspringen. Es wird klar, in welcher Hinsicht er in kritischer Auseinandersetzung mit tradierten Strukturen und konkreten Diskussionsinhalten seiner Zeit selbst Position bezieht.

In einigen Punkten würde der Rezensent eine andere Gewichtung der Argumente vorschlagen als es die Autorin tut: Piepenbrink erklärt, dass sich Aristoteles gegen die platonische Rhetorikkritik abgrenzen möchte (S. 17). Dieser Punkt bedarf der Spezifizierung: Tatsächlich kritisiert Platon die Rhetorik im Dialog Gorgias und beschreibt sie als eine Art Schmeichelei (kolakeia, Gorg. 463b), die keine Kunst sei, da sie sich nur auf Erfahrung gründe. Im selben Dialog befürwortet er aber die Redekunst, die ohne Schmeicheleien gegen sich selbst und gegen andere auskommt (Gorg. 527c) und im Phaidros wird sogar das Modell einer wahren Rhetorik als Kunst vorgestellt, die sich auf die Kenntnis der Wahrheit gründe (Phaidr. 262c). Aristoteles nun führt die korrekte Rhetorik nicht auf die Kenntnis der Wahrheit zurück (was Piepenbrink auch darlegt, S. 13), wie Platon, sondern argumentiert auf der Basis dessen, was meistenteils (hôs epi to poly) zutrifft. Der Grund dafür findet sich im allgemeinen Charakter aller Bereiche seiner praktischen Philosophie, deren Aussagen „in der Regel“ Geltung haben. In der Absicht, sophistische Rhetorik abzulehnen, und dem Versuch der Hinwendung zu einer „echten“ Rhetorik gleicht sein Unterfangen also dem Platons. An einigen Stellen würde sich der Rezensent auch eine genauere Erläuterung wünschen: Ist beispielsweise die „im klassischen Griechenland populäre Zweiteilung in ‚Junge‘ und ‚Alte‘“ (S. 111; vgl. S. 113) deshalb angeführt, da es sich um eine kultur- und zeitspezifische Unterteilung handelt? Man wäre geneigt zu fragen, ob diese Einteilungsart nicht auch heute noch kursiert. Dasselbe gilt für die „gängige Arm-Reich-Antithetik“ (S. 118) oder die „Freund-Feind-Dichotomie“ (S. 62; vgl. S. 134). Der von der Autorin an verschiedenen Stellen hervorgehobene Elitismus des Aristoteles (z.B. S. 105, S. 115, S. 117–118) könnte beispielsweise mit 1355a14–17 infrage und zur Diskussion gestellt werden, wo Aristoteles Menschen ganz allgemein und grundsätzlich bescheinigt, „hinlänglich zur Wahrheit bestimmt“ zu sein und sie meistens zu treffen (Übers. Krapinger). Bei der Beschreibung von „Gütern“ geht die Autorin (S. 126) zurecht auf 1363a7–10 ein, wo Aristoteles diese als das beschreibt, was alle erstreben. Da es sich bei der zitierten Passage aber nur um einen Teil einer langen Auflistung handelt, finden sich dort auch andere Beschreibungen von Gütern; der Rezensent teil deshalb nicht die Einschätzung der Autorin, dass Aristoteles hier keine qualifizierte Minderheit im Auge habe (vgl. 1363a15–17).

An einigen Stellen würde der Rezensent sich ferner Quellenzitate oder Verweise auf Quellen wünschen (anstelle des häufig vorkommenden Verweises auf weiterführende Literatur, bei dem es während der Lektüre nicht immer ersichtlich ist, ob die Autorin die Meinungen der Zitierten teilt oder ablehnt), wie z. B. bei der Feststellung, wo Parallelen zwischen dem Umgang des Aristoteles und der Rhetoren mit Gesetzen zu finden seien (S. 69) oder wo von Isokrates‘ Präferenz einer „zensorischen Gesetzesherrschaft“ die Rede ist. Da Aristoteles seine Verwendung rhetorischer Enthymeme und ihre „Einfachheit“ dadurch begründet, dass sich komplizierte Herleitungen nicht für Rhetorik eignen, diese dennoch die rationale Entscheidung fördern sollen, wäre eine theoretische Eingrenzung der Rolle der kulturellen Prägung für die „Rhetorik“ nach Meinung des Rezensenten nicht unwichtig. Auch wenn die Arbeit explizit den historischen Kontext beleuchten möchte (S. 11, S. 15), wird die Stoßrichtung der aristotelischen Argumente ohne eine Anbindung an seine Theorie nach Meinung des Rezensenten nicht immer deutlich. Welche zeitgenössischen Positionen Aristoteles verarbeitet, ist eine äußerst interessante Frage, die Piepenbrink beantwortet. Ohne auf genuin philosophische Fragen einzugehen und auch zu untersuchen, mit welcher reflektierten Absicht und zu welchem Zweck Aristoteles die Auswahl an Argumenten trifft, die er in der „Rhetorik“ vorstellt, sowie welche systematischen Überlegungen für ihn grundlegend sind, präsentiert sich die „Rhetorik“ jedoch ohne eine ihr eigentümliche Dimension. Nichtsdestoweniger beleuchtet Piepenbrinks Monographie einen der bisher wenig erforschten Aspekte der aristotelischen „Rhetorik“ und zeigt Parallelen und Unterschiede zur zeitgenössischen Redepraxis auf, die interessante Ergebnisse zutage fördert.

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18.01.2021
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