Cover
Titel
Zwangswelten. Emotions- und Alltagsgeschichte polnischer 'Zivilarbeiter' in Berlin 1939-1945


Autor(en)
Woniak, Katarzyna
Reihe
Fokus. Neue Studien zur Geschichte Polens und Osteuropas 2
Erschienen
Paderborn 2020: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
424 S.
Preis
€ 68,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Roland Borchers, Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, Berlin

Zum Thema NS-Zwangsarbeit ist in den letzten Jahrzehnten umfassend geforscht und publiziert worden. Man könnte meinen, dass es sich um einen der am besten erforschten Bereiche der NS-Geschichte handelt – zumindest, wenn man von der Anzahl der Publikationen ausgeht. Allerdings sind dies größtenteils lokal- und unternehmensgeschichtliche Arbeiten. Über die Perspektive der Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter, insbesondere ihrer zeitgenössischen Wahrnehmung, ist wenig bekannt. Obwohl in der NS-Zwangsarbeit Polinnen und Polen die zweitgrößte Opfergruppe bildeten, sind ihre Schicksale bislang nicht umfassend untersucht worden. Valentina Stefanski konstatierte im Jahr 2008 sogar, dass sie „von der Forschung stark vernachlässigt wurden“.[1] Diese Feststellung ist zwar etwas zugespitzt, verweist aber auf einen bis heute bestehenden Nachholbedarf.

Die Studie von Katarzyna Woniak, die während ihrer Tätigkeit am Zentrum für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Berlin entstand, basiert ausschließlich auf zeitgenössischen Quellen. Spätere Erinnerungsberichte und Zeitzeugeninterviews sind aus der Rückschau entstanden und zu sehr auf Extremsituationen ausgerichtet, während der Alltag in ihnen keine große Rolle spielt, so Woniak. Neben Briefen und einem Tagebuch hat sie vorwiegend NS-Justizakten ausgewertet – so Vernehmungsprotokolle, Gerichtsurteile und Gnadengesuche. Einerseits bilden diese Quellen einen innovativen Zugang zum Thema NS-Zwangsarbeit, der bei der Bewertung der Arbeit besonders zu würdigen ist. Andererseits ist es eine besondere Herausforderung, aus diesen „erzwungenen Selbstzeugnisse[n]“ (S. 18), die zu den Akten der Täter gehören, die Perspektive der Opfer herauszudestillieren. Frau Woniak problematisiert dieses Dilemma, das sie bei ihrer gesamten Forschung begleitet hat. Die Frage der Repräsentativität ihrer Quellen lässt sie offen.

Während die jüngere Forschung sich oft mit Erinnerung befasst, geht es der Autorin gerade um die Ereignisgeschichte zu jener Zeit, um Alltag und Emotionen. Konzeptionell greift sie dabei auf den „Lebenswelten“-Ansatz zurück, wie er von Heiko Haumann für die historischen Forschung stark gemacht wurde.[2] Woniak will sich von der Betrachtung individueller Schicksale lösen und sie stattdessen im sozialen Umfeld und den politischen Gegebenheiten verorten. Dabei wird deutlich, dass sich die polnischen Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter vorwiegend in einem polnisch geprägten Umfeld bewegten.

Die Untersuchung gliedert sich in neun Abschnitte. Auf die Einleitung folgt eine gelungene Darstellung des historischen Kontextes, der Zwangsarbeit von Polinnen und Polen im Deutschen Reich. Hier hat die Autorin neben der deutschen und polnischen Fachliteratur auch neue Archivquellen aus ihrer Recherchearbeit ausgewertet und im Ergebnis eine hervorragende Synthese erstellt. Den Kern der Arbeit bilden fünf empirische Kapitel: zu den Arbeits- und Lebensbedingungen, der Verbindung mit der Heimat, den Selbstbestimmungsräumen, den sozialen Kontakten sowie den Gefahren jener Zeit. Die Autorin stellt dabei umfassend alle Lebensbereiche und insbesondere die alltäglichen Herausforderungen der Menschen dar. Das achte Kapitel widmet sich der Rückkehr in die Heimat, bevor der letzte Abschnitt die Erkenntnisse zusammenfasst.

Woniak gelangt zu fünf Thesen: Erstens prägte schon die Erfahrung der deutschen Besatzung in Polen die späteren Handlungsmuster der Verschleppten im Deutschen Reich. Zweitens gelang es den Polinnen und Polen, den ihnen zur Verfügung stehenden – wenn auch begrenzten – Handlungsspielraum zu nutzen. Die Autorin greift hier auf das Eigensinn-Konzept von Alf Lüdtke zurück.[3] Daran anknüpfend entwickelten die Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter drittens vielfältige Strategien, um ihr Überleben zu sichern. Viertens ergibt sich gerade durch den Fokus auf Individualquellen die These, dass die betrachtete Gruppe nicht homogen war, wie es in der heutigen Rückschau erscheint, sondern durch eine große Heterogenität geprägt. Fünftens, und diese These steckt schon im Titel, waren die Lebenswelten der Polinnen und Polen vor allem „Zwangswelten“. Ihr Alltag war nicht nur durch den Zwang zur Arbeit geprägt, sondern durch eine Vielzahl anderer Verbote und Gebote.

Die besondere Stärke der Arbeit liegt darin, dass sie nachdrücklich die schwierige Lage und die Verfolgung der polnischen Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter herausarbeitet. Nicht der Zwang zur Arbeit war für die Verschleppten die größte Last, sondern die besondere Diskriminierung der Polinnen und Polen, weit entfernt von ihren sozialen Bindungen in der Heimat. Woniak zeigt anhand zahlreicher Beispiele auf, wie leicht die Menschen in die Fänge der NS-Justiz gelangen konnten. Sie mussten Geldstrafen zahlen, weil sie das Abzeichen „P“ nicht trugen. Sie wurden in „Arbeitserziehungslager“ oder Konzentrationslager eingewiesen, weil der Arbeitgeber mit der Arbeitsleistung nicht zufrieden war. Oder sie erhielten ein Todesurteil, weil sie versuchten, ihren Hunger zu stillen. Besonders deutlich wird dabei die Rolle der Arbeitgeber, denn die Verfolgung ging nicht nur von den NS-Behörden aus, sondern oft auch von den Betrieben. Woniak stellt die Bedeutung der Polenstrafrechtsverordnung heraus, die am 4. Dezember 1941 erlassen worden ist und bislang von der Forschung zu wenig beachtet wurde. Sie implementierte eine besonders rigorose Behandlung der Polinnen und Polen.

In der Praxis hat Woniak vor allem eine Verfolgungsgeschichte geschrieben, in der die Untersuchung von Alltag und Emotionen hinter dem Handeln der NS-Behörden und der Arbeitgeber zurücktritt. Dies resultiert aus den verwendeten Quellen, den NS-Justizakten, denen sie an einigen Stellen noch kritischer hätte gegenübertreten können. Dies mindert nicht den wegweisenden Wert der Forschungsarbeit, die ein neues Licht auf NS-Zwangsarbeit wirft. Sie zeigt, dass Zwangsarbeit viel mehr war als Ausbeutung, sondern ein extrem rassistisches System, das gerade die polnischen Verschleppten verfolgte, noch mehr aber die sowjetischen Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter. Die Studie stärkt die Perspektive der Opfer in der Zwangsarbeitsforschung, die oft nur als graue, unbekannte Masse in Erscheinung treten. Bei Katarzyna Woniak geht es um konkrete Menschen, die stellvertretend für viele andere Schicksale stehen.

Anmerkungen:
[1] Valentina Maria Stefanski, Polnische ZwangsarbeiterInnen in Deutschland. Anmerkungen zum Forschungsstand und zu Perspektiven der Forschung, in: Inter Finitimos. Jahrbuch zur deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte 6 (2008), S. 82–100, hier S. 85.
[2] Heiko Haumann, Lebenswelten und Geschichte. Zur Theorie und Praxis der Forschung, Köln 2012.
[3] Alf Lüdtke, Eigen-Sinn. Fabrikalltag, Arbeitererfahrungen und Politik vom Kaiserreich bis zum Faschismus, Hamburg 1993.

Redaktion
Veröffentlicht am
27.08.2021
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