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Titel
Krebs fühlen. Eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts


Autor(en)
Hitzer, Bettina
Erschienen
Stuttgart 2020: Klett-Cotta
Anzahl Seiten
540 S.
Preis
€ 28,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Henning Tümmers, Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Eberhard Karls Universität Tübingen

Der Titel ist eingängig, allerdings etwas irreführend. Wer Bettina Hitzers Habilitationsschrift in Händen hält, darf eine anregende Studie erwarten, die jedoch – anders als „Krebs fühlen“ suggerieren mag – in der Hauptsache nicht darauf zielt, Einblicke in die Emotionswelt von Krebspatient/innen zu geben. Vielmehr fokussiert die Historikerin, deren Arbeit den diesjährigen Leipziger Buchpreis in der Kategorie Sachbuch/Essayistik erhielt, auf die „Haltung zum Gefühl“ beziehungsweise auf in Medizin und Gesellschaft dominierende „Gefühlsregime“ (S. 28). Hierfür richtet die Untersuchung, die auf einer Vielzahl von Quellen aus Bundes-, Landes- und Universitätsarchiven basiert, den Blick auf Deutschland, und zwar zwischen dem ausgehenden 19. Jahrhundert, als das Thema Krebs die Öffentlichkeit erreichte, und den 1990er-Jahren, die Hitzer zum Ausgangspunkt eines „neuen Krebsregimes“ (S. 19) erklärt. Abgesehen von Erkenntnissen über den Umgang mit der nach wie vor existenziellen Bedrohung Krebs, mag Leser/innen noch etwas anderes zur Lektüre bewegen, nämlich die Frage: Wie schreibt man eine „Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts“?

Um die Entwicklung normativer Gefühlsregime und Konjunkturen bestimmter Gefühle wie Angst, Hoffnung und Ekel im Kontext der Krankheit zu analysieren, definiert die Autorin vier „Räume“, in denen Menschen Krebs begegneten („Räume des Forschens“, „Räume der Früherkennung“, „Räume der Diagnosemitteilung“, „Räume der Behandlung, des Weiterlebens oder Sterbens“, S. 22). Diese Einteilung bestimmt gleichzeitig die Gliederung der Studie, deren Ausgangspunkt die Annahme bildet, dass „Unsicherheit“ (vgl. S. 19ff.) ein zentrales Merkmal der Krebsgeschichte nach 1900 gewesen sei und diese die Ätiologie der Krankheit, aber auch individuelle Prognosen beeinflusst habe. Dadurch seien „langwierige Gefühlsnavigationen, -beziehungen und -praktiken in Gang“ gesetzt worden (S. 21). In der Kurzfassung (die Langfassung findet sich auf S. 13) charakterisiert Hitzer Gefühle als „universal (als grundsätzliche Fähigkeit zum Gefühl)“, als „individuell (als bis zu einem gewissen Grad ganz eigene Gefühlsnavigation einer Person)“ und als „historisch (als Ergebnis dieser Navigationsprozesse in der sozialen Kommunikation)“ (S. 14).

Das erste Kapitel fragt, seit wann und warum sich Mediziner/innen für Gefühle im Zusammenhang mit Krebs interessierten, wobei das Augenmerk dem Durchbruch der psychosomatischen Krebsforschung in den 1970er-Jahren gilt. Hitzer zeigt, dass die Rolle von Emotionen für die Entstehung dieser Krankheit bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts wiederkehrend von Mediziner/innen diskutiert worden war – allerdings nicht mit durchschlagendem Erfolg. So interpretierte Georg Groddeck im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts Krebs unter anderem als eine Reaktion des Körpers auf Trauer. Sein Ansatz konnte sich jedoch nicht behaupten, weil seine Befunde nicht gleichzeitig mit einer effizienten Therapie aufwarten konnten. Außerdem waren Groddecks Ergebnisse nicht experimentell nachweisbar. Zwar förderte seit Ende der 1920er-Jahre die Neue Deutsche Heilkunde als Gegenbewegung zu einer naturwissenschaftlich ausgerichteten Schulmedizin die Akzeptanz alternativer Krankheitserklärungen. Durchsetzen konnten sich psychosomatische Konzepte jedoch vollends erst in den 1960er-Jahren, als ihre Vertreter/innen sich empirischer Methoden der internationalen Stressforschung bedienten.

Das zweite Kapitel widmet sich der Rolle von Angst und Hoffnung im Rahmen der Krebsaufklärung, deren Verhältnis von den Verantwortlichen sorgfältig austariert werden musste. Hitzer verweist auf divergierende Auffassungen von Angst innerhalb der Medizin: zum einen Angst als „sinnvolles, da handlungsmotivierendes Gefühl“ (S. 116), das Erkrankte zum Arztbesuch bewegen sollte, zum anderen Angst als paralysierende Emotion, die „die innere Lebensenergie zum Erlöschen“ bringe (S. 117). Ende der 1920er-Jahre seien weitere Angst-Konzepte gefolgt: die „moralische Angst“ (S. 127), die die Verantwortung für die eigene Gesundheit Patient/innen aufgebürdet habe oder eine Angst, die nach 1933 zu einem Indikator für „Minderwertigkeit“ avancierte, nämlich dann, wenn man ihr nicht mit „Mut“ begegnete. Für das geteilte Deutschland identifiziert Hitzer unterschiedliche Gefühlspolitiken: Während in der DDR die Betonung einer „sozialistische[n] Lebensfreude“ (S. 146) keinen Raum für Ängste gelassen habe, habe die Bundesrepublik die Moralisierung von Angst fortgeführt, um die bundesdeutsche Familie als Kernelement der Gesellschaft vor dem Auseinanderbrechen durch den Tod von Angehörigen zu schützen. Spätestens in den 1970er-Jahren sei in Westdeutschland nicht länger eine durch Angst motivierte Krankheitsprävention das Ziel gewesen, sondern eine auf Glücksgefühlen basierende Gesundheitsherstellung (vgl. S. 164f.).

Das dritte Kapitel beschreibt, wie Ärzt/innen ihren Patient/innen die Diagnose Krebs kommunizierten bzw. nicht kommunizierten. Bis in die 1970er-Jahre wurde dieses Untersuchungsergebnis nämlich in deutschen Krankenzimmern tabuisiert, um Betroffenen nicht die als medizinisches „Hilfsmittel“ verstandene Hoffnung (vgl. S. 196) auf Besserung zu nehmen. Dafür verantwortlich, dass sich im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts etwas an dieser Praxis änderte, sei eine Rechtsprechung gewesen, die seit Ende der 1950er-Jahre auf die Pflicht zur Aufklärung und das Selbstbestimmungsrecht des/der Kranken pochte sowie Berichte mit Aussagen bekannter Krebspatient/innen, darunter der US-Außenminister John Foster Dulles, die offenbarten, wie wichtig für Betroffene die wahrheitsgemäße Aufklärung über ihren Gesundheitszustand sei. Aber auch der „Psychoboom“ in den 1970er-Jahren, das verstärkte Aufkommen psychotherapeutischer Ansätze, habe die Praxis einer transparenten Aufklärung zementiert und psychosomatisch hergeleiteten Erklärungen von Krebs den Weg geebnet.

Das vierte Kapitel analysiert die sich aufgrund innovativer medizinischer Techniken „immer wieder veränderte Architektur des Erfahrungsraums Krebskrankheit […], um danach zu fragen, wie dessen dynamische Struktur die Erfahrungen und Gefühle von an Krebs erkrankten Menschen und deren Angehörigen veränderte, aber auch ihrerseits durch die Gefühle und gedeutete Erfahrung der Menschen umgestaltet wurde, die sich in diesem Raum bewegten“ (S. 280). Tatsächlich jedoch erfährt man nur wenig über die Gefühle von Erkrankten: „Mit welchen Gedanken und Gefühlen sich Patienten in den chirurgischen Stationen der Kliniken einfanden“, erläutert die Autorin, „darüber gibt es für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts fast gar keine Aufzeichnungen aus deren eigener Hand“ (S. 290). Stattdessen informiert sie ausführlich über die Operationspraxis nach 1900 oder den Alltag in einem „Siechenhaus“. An manchen Stellen wird dabei auf Emotionen verwiesen, etwa auf die Hoffnung von Betroffenen, in speziellen Häusern für unheilbar Kranke doch noch geheilt zu werden. Die Analyse drei neuer „Erfahrungsräume“ nach 1945 (Nachsorgekrankenhäuser, Bestrahlungsräume und Räume der Chemotherapie) rückt Gefühle dann wieder stärker in den Fokus. So sei mit der Chemotherapie eine den Tod aufschiebende „Remission“ einhergegangen: ein neuer, mit Hoffnung verbundener „Lebenszustand zwischen Gesundheit und Krankheit“ (S. 389).

Insgesamt hat Bettina Hitzer eine voluminöse Geschichte der Krebserkrankung vorgelegt, die von vielen Fallbeispielen lebt, einfühlsam verfasst ist und sich allein deshalb nur schwer beiseitelegen lässt. Wer medizinhistorisch nicht bewandert ist, wird zudem, über das eigentliche Thema hinaus, Einblicke in Theorien und Aktionsräume der modernen „Heilkunst“ gewinnen. An manchen Stellen hätte man sich allerdings etwas weniger davon, dafür etwas mehr an Begriffserläuterungen gewünscht: Was ist mit „Gewand der Gefühle“ (S. 11) gemeint? Wie verhalten sich „Gefühle“ und die im vierten Kapitel untersuchte „Erfahrung“ zueinander? Ist „Hoffnung“ eine Emotion? Aber auch die Charakteristika der von Hitzer konstatierten Zäsur in den 1990er-Jahren hätten an einer Stelle gebündelt diskutiert werden können. Dazu kommt, dass ausführliche Kontextualisierungen (vgl. das dritte und vierte Kapitel) dazu führen, dass – wie Hitzer in ihrem Fazit einräumt – der „rote Faden“ der Darstellung ab und zu verblasst (S. 393). Daher präsentiert sie am Ende ausführlich ihre emotionshistorischen Ergebnisse: im Sinne einer klassischen Zusammenfassung der vier Kapitel, in Form einer konzentrierten Analyse der jeweils zeitgenössischen Relevanz dreier Emotionen (Angst, Hoffnung und Ekel), und vor dem Hintergrund der Frage nach Rationalisierungs-/Verwissenschaftlichungsprozessen von Emotionen im 20. Jahrhundert. Hierbei werden nicht nur die seitenlangen Kontextualisierungen legitimiert, sondern es wird zugleich die hier eingangs aufgeworfene Frage beantwortet, wie heutzutage eine Geschichte der Gefühle geschrieben werden kann: „Die Textur der Emotionsgeschichte ist angewiesen auf viele andersfarbige Fäden. Die historische Gestalt der Gefühle kann weder aus sich selbst heraus verstanden, noch können ihre Effekte auf Praktiken, Wissensbestände, Räume und Dinge einzig aus der Wirksamkeit der Gefühle heraus erklärt werden.“ (S. 394)

Redaktion
Veröffentlicht am
05.10.2020
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