Cover
Titel
Der Blick der Staatssicherheit. Fotografien aus dem Archiv des MfS. Herausgegeben vom Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik


Autor(en)
Springer, Philipp
Erschienen
Dresden 2020: Sandstein Verlag
Anzahl Seiten
328 S., 335 teils farbige Abb.
Preis
€ 29,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Axel Doßmann, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Nur noch rasch ins neue Fachbuch reinblättern – und sich nach 20 Minuten immer noch in Bildbetrachtungen vertiefen: Es muss etwas gelungen sein, wenn ein kommentiertes Fotobuch einen solchen Sog ausübt. Die historischen Perspektiven, Rahmungen und Gegenstände lassen eigenartige Einstellungen zur Welt vermuten. Viel Street Photography scheint dabei zu sein; andere Sujets deuten auf private Fotoalben, auf Stadtplanung und volkskundliche Studien hin: das Auto als Fetisch, Schöner Wohnen, Gestaltung von Gemeinschaftsräumen? Tatsächlich handelt es sich um Aufnahmen aus dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR: eine Auswahl von lediglich 335 Fotografien aus einem Bestand von weit mehr als 2 Millionen Bildern, die heute in der BStU lagern – das besondere Archiv dieser „Firma“.

Ein Foto porträtiert einen Bürotisch mit Rädern an den Beinen (S. 87). Dies ist kein Tatort-Foto, eher eine stolze Bestandsaufnahme. Der fahrbare Tisch mit Schreibmaschine erhöhte die „rationelle Gestaltung der Arbeitsprozesse“ in Kartei- und Archivräumen des MfS in Dresden. Die Räder am Tisch waren Ergebnis eines „Neuerervorschlags“, prämiert mit 300 Mark. Selbst im vergleichsweise privilegierten MfS gab es offenbar Not und Prämienanreize, die erfinderisch machten. Fototechnik indes kaufte der Geheimdienst auch aus dem „kapitalistischen Ausland“ an, wenn es Vorteile versprach: Polaroid-Kameras etwa für geheime Wohnungsdurchsuchungen. Die Sofortbilder in fremden Wohnungen vor Beginn der Wühlarbeit erlaubten es den MfS-Akteuren, die verstellten Gegenstände später wieder so zu arrangieren, wie sie von der überwachten Person zurückgelassen worden waren.

Erst Kontextwissen und methodisch orientierte Befragung erschließen alte und neue Bedeutungen dieser Fotografien. Von einem (unscharf bleibenden) Zaungeflecht zurückgehalten, muss ein MfS-Fotograf sein Objektiv scharf gestellt haben auf die dahinterliegenden Fußstapfen im Schnee. Ein „hilflos wirkender Blick durch den Grenzzaun“, wie Philipp Springer schreibt (S. 182). Vor unsere Augen tritt ein unfreiwilliges Bild von der Ohnmacht des MfS, im Winter 1986 von einem Leutnant aufgenommen. Er fixierte die letzten Spuren eines jungen Thüringers auf seiner erfolgreichen Flucht in den „Westen“. Heute, im kognitiven und emotionalen Echoraum dieses Fotos, hallen assoziativ wohl auch Maschinengewehr-Schüsse, die andere, weniger glückliche Flüchtende trafen. Auf MfS-Fotos von Toten verzichtet der vorliegende Band.[1]

Beim ersten Hinsehen geben viele Bilder Rätsel auf, weil der konkrete Anlass für die Fotos unklar bleibt. Selten etwa tritt uns der gesuchte „Feind“ mit einem Gesicht vor Augen, vielmehr kommt der „Möglichkeitssinn“ von Fotos zur Geltung. Oft genug lenkten der Verdacht und der Wahn von der „lückenlosen Kontrolle“ die Kameraobjektive (u.a. S. 114f., S. 144f., S. 168f.). Insofern bricht sich in den Fotos häufig ein denunziatorischer Grundgestus Bahn. Doch das eigentliche Skandalon bleibt solange unbegreiflich, bis man dank Springers fundierten Kurzkommentaren den vom MfS gemeinten Sinn und Zweck ergründen kann. Dafür hat der Historiker aus der Forschungsabteilung der BStU viele Akten ausgewertet. So schützt er uns vor wilden Geschichtsfantasien, bietet Chancen für reflektiertes Geschichtsbewusstsein.

Die letzte wissenschaftliche Monographie zur MfS-Fotografie erschien vor 16 Jahren.[2] Seit Karin Hartewigs verdienstvoller kulturgeschichtlicher Studie hat sich leider niemand mehr intensiver ihren starken Thesen angenommen; Fotografen wie Jens Klein oder Filmregisseure wie Gerd Kroske oder Holger Kulick waren es, die konzeptionell und politisch anregenden Umgang mit dem MfS-Material fanden. Die Fotografin Tina Bara hatte zuletzt Anlass, als Künstlerin kritisch gegen fahrlässigen Gebrauch von (privaten) Fotos aus dem MfS-Arkanum zu intervenieren.[3] Dass sich der überwiegend illustrative Gebrauch von MfS-Fotos auch in der historisch-politischen Bildung fortsetzte, ärgerte Springer. Mit seiner „Edition“ möchte er die bislang forcierte Aufmerksamkeit für Überwachungsfotografie, Grenzräume und rekonstruierte Fälle von Prominenten korrigieren.

Das ist ihm mit seiner Bildauswahl gelungen. Der Band forciert dabei auf gute Weise keine eindeutige Botschaft, sondern öffnet über bekanntere und veröffentlichte MfS-Fotografien hinaus die Augen und stiftet Neugierde. Die Vision des MfS, dass mit der Kamera „in Sekundenschnelle operativ bedeutsame Erscheinungen […] genau und dauerhaft“ fixiert werden könnten, ließ die Fotografie als „Mittel zur Gewinnung von wahren, objektiven Informationen“ zum „unersetzlichen Arbeitsmittel“ werden, so im O-Ton einige der MfS-„Theoretiker“ (S. 19ff.). Dem hohen Selbstanspruch zum Trotz gab es keine professionell ausgebildeten Lehrenden im MfS. Springer bietet in seiner Einleitung (S. 6-31) auch biographische Skizzen einzelner Fotografen und stellt Überlegungen zu „fehlenden“ Bildmotiven und Bildikonen an.

Der Autor begründet dort eine eigene Typenbildung, die die verschiedenen Funktionen von Fotos für die MfS-Praxis kenntlicher macht. Zu diesen „Typen“ zählt Springer unter anderem Tatort-Dokumentationen, Wohnungsdurchsuchungen, Observationen, Fotos zur Arbeits- und Lebenswelt des MfS sowie konfiszierte private Aufnahmen von Bürgern, die Fotografier-Verbote ignoriert hatten. Der Historiker räumt zu Recht ein, dass sich etliche Fotos gar nicht eindeutig diesen Typen zuordnen lassen. Die sieben Buchkapitel, in denen die ausgewählten Fallbeispiele jeweils chronologisch (von 1951 bis 1989) präsentiert und kontextualisiert werden, folgen dann auch anderen Stichwörtern, die eher analytische Perspektiven auf die Fotos empfehlen: „Innenansichten“, „Der heimliche Blick“, „Grenzräume“, „Einsichten“, „Feind-Bilder“, „Im ‚Operationsgebiet‘“ und „Verbotene Bilder“.

Aufschlussreich sind etwa bislang wenig bekannte Fälle von „DDR-feindlichem“ Verhalten: Hakenkreuze, SS-Runen und völkisch-nationale Sprüche an Häuserwänden, aber auch Solidarisierungen mit „Prag 1968“ und der Gewerkschaftsbewegung in Polen. In der Deutung hält sich Springer zurück; der Band soll „Einblicke […] gewähren“ in die „Bilderwelt des MfS“ und „Hilfe bei der Entschlüsselung der präsentierten Fotografien leisten“ (S. 7f.). Ihn selbst treibt die Frage um, was „den Blick der Staatssicherheit“ eigentlich auszeichnet. Doch was könnte die Frage nach dem singulär gesetzten „Blick“ überraschend Neues über diese Militärbehörde der SED bringen? Zumal sich hier ein foto- bzw. erkenntnistheoretisches Problem andeutet: Das Sehen bzw. der Blick ist nicht einfach gleichzusetzen mit einem entwickelten Fotoabzug als dem Ergebnis eines Bildakts und vielen weiteren Transformationen. Wichtig erscheint mir außerdem eine verstärkte Reflexion auch auf unseren heutigen, voraussetzungsreichen Blick. Wir betrachten die analogen Fotos aus der digitalen Überwachungsgesellschaft heraus, konsumieren sie und produzieren zugleich neuen Sinn für historische Aufklärung, für nachträgliche Empörung oder triumphale Belustigung über die „Krake Stasi“. Warum nicht stärker praxeologische Ansätze verfolgen? Fragen etwa zur Rolle von Fotos in der strukturellen und akuten Gewalt des MfS. Welche Relevanz hatte das Imaginäre und Fantastische der Fotos für (geschlossene) Weltbilder? Welche Vorstellungen entwarfen diese Lichtbilder als Teil geheimdienstlicher SED-Herrschaft von der sozialistischen Gesellschaft und ihrer Zukunft?

Nicht zuletzt muss uns die Frage umtreiben, wie sich die „sensible“ MfS-Foto-Sammlung heute angemessen repräsentieren lässt. Sehr gut, dass hier ein konkreter Ansatz zu diskutieren ist. Die Gestaltung für den Band hat Lisa Wüllner vom Dresdner Sandstein Verlag übernommen. Jedem neuen Bildbeispiel bzw. thematischen Zusammenhang widmet sie eine Doppelseite. Auf der linken Seite stehen ein sachlicher (heutiger) Titel, Orts- und Zeitangabe, Archivsignatur und ein oft lakonisch gehaltener Kommentar. Die rechte Seite ist für die Fotoauswahl reserviert, gelegentlich wird auf überzeugende Weise auch Freiraum links genutzt; sehr groß reproduzierte Bilder aber versinken in der Falz.

Für die Deutung wäre es indes sehr wichtig, Fotografien auch als materielle Objekte in ihrem Überlieferungszusammenhang zu präsentieren. Aus der Einleitung wird zwar klar, dass Abzüge oft in Akten geordnet eingeklebt und Negativstreifen in einem Tütchen den Textbündeln beigelegt sind. Aber diese Sachverhalte bleiben für Betrachter/innen unsichtbar, ebenso wie die originale Größe, beschriftete Rückseiten, die Form – selbst Polaroids werden ästhetisch eingeebnet (S. 261). Die nachträgliche Verpixelung mancher Gesichter bleibt ohne Erklärung, die ethisch-rechtlichen Kriterien erschließen sich nicht für alle Eingriffe von allein. Ist eine Serie oder ein Konvolut von Fotos zu einem „Fall“ oder „Phänomen“ überliefert, dann wird eine Auswahl dieser Bilder reproduziert. Springers umsichtige Beschreibungen können nur andeuten, was eine strenge historische Foto-Edition zumindest exemplarisch hätte sehen lassen müssen: wie das MfS über Montagen und visuelle Narrative „Sicherheit und Ordnung“ wiederherzustellen versuchte. Beispiele aus dem unverzichtbaren Schriftmaterial könnten ebenfalls das Zusammenspiel von Bild und Text vor Augen führen und interdisziplinäre Analysen anregen. Vorbildlich ist dagegen, dass farbige Vorlagen auch konsequent farbig gedruckt wurden: Oft sind es im „Feindesland“ gemachte Fotos oder Schnappschüsse von Feiern und Auszeichnungen in der „Firma“. Auch der Müll der Warenwelt West-Berlins, der gegen Devisen auf DDR-Gebiet getürmt wurde, erscheint bunt (S. 228). Für solche Zwecke hatte die Stasi nicht „den Farbfilm vergessen“ (Nina Hagen).

Trotz der genannten Einwände: Philipp Springer hat mit dem Band die Vielfalt von Fotografien aus der MfS-Praxis anhand einer breiten Auswahl sichtbar gemacht, vorstrukturiert und historisch kontextualisiert. Diese Leistung motiviert, mit Augensinn und Fototheorie das BStU-Archiv zu nutzen, um die Fotografie (und die Filme) des DDR-Geheimdienstes als Teil der visuellen Kultur des deutschen Kommunismus zu begreifen. Sie mit Geheimdienst-Fotografie aus Demokratien vergleichen zu können, wäre ein weiteres lohnendes Vorhaben für kritische Selbstaufklärung.

Anmerkungen:
[1] Dazu aber der Künstler Arwed Messmer, Reenactment MfS, Ostfildern 2014.
[2] Karin Hartewig, Das Auge der Partei. Fotografie und Staatssicherheit, Berlin 2004.
[3] Alba D'Urbano / Tina Bara, Covergirl: Wespen-Akte. Geschichte(n) eines Bildes, eine Erzählung, Leipzig 2019.