J. Sanborn: Drafting the Russian Nation

Cover
Titel
Drafting the Russian Nation. Military Conscription, Total War, and Mass Politics, 1905-1925


Autor(en)
Sanborn, Joshua A.
Anzahl Seiten
288 S.
Preis
$ 40.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Gumb, Osteuropa-Insitut, Freie Universität Berlin

Die Interpretation der letzten Jahre des russischen Zarenreiches und der ersten Jahre des Sowjetstaates ist in Bewegung. Neuere Forschungen lassen keinen Zweifel: Die Mär von den „Zehn Tagen, die die Welt erschütterten“, die auch Generationen westlicher Historiker fortschrieben, hat endgültig ausgedient. Der Mythos von der glatten, streng dem Handbuch marxistischer Historiosophen folgenden Machtübernahme durch die proletarische Revolution weicht dem Bild eines Imperiums, das entlang vieler Bruchlinien - ethnischer, kultureller und sozialer - zerfiel und in einer apokalyptischen, sich über Jahre hinziehenden Orgie der Gewalt unterging. Peter Holquist hat für die Jahre von 1914 bis 1921 jüngst einen einprägsamen Begriff gewählt: Er spricht für diesen Zeitraum von Russlands „continuum of crisis“ [1].

Diese Periodisierung macht klar: Die Oktoberrevolution und der anschließende Bürgerkrieg werden hier nicht mehr isoliert betrachtet. Eine Reihe neuer Untersuchungen interpretiert sie als Folgen gesamteuropäischer Modernisierungsbestrebungen, die unter der Oberfläche der alten Reiche gärten, sich im Ersten Weltkrieg schlagartig entluden und in den Gewaltexzessen der 1930er-Jahre ihre Höhepunkte fanden.[2] Joshua Sanborns Monografie ist ebenfalls in diesem Interpretationsschema anzusiedeln. Dies geht schon aus ihrem ersten Satz hervor: “The story of Russia’s murderous twentieth century properly begins on New Year’s Day, 1874.” (S. 3) Es war dies der Tag, an dem im zarischen Vielvölkerreich die allgemeine Wehrpflicht in Kraft trat.

Sanborns Buch handelt vom Projekt der „Russischen Nation“, dem sich die Reformer unter den zarischen Militärs verschrieben hatten, und den unvorhergesehenen, katastrophalen Folgen, die dieses für das Imperium und seine Bewohner mit sich brachte. Es ist, die Erzählung von einem historischen Irrtum. Sanborn schildert, wie eine zur Rettung des Zarenreiches ersonnene Institution, die allgemeine Wehrpflicht, in einer „Great Transformation“ einen Wandel in der Tiefenstruktur dieser Gesellschaft und ihrer Individuen auslöste, der zu deren Untergang führte.

Es war wie schon 1855/56 eine militärische Niederlage, die den so genannten „aufgeklärten Eliten“ die Notwendigkeit von Reformen vor Augen führte: Das katastrophale Auftreten der russischen Armee im russisch-japanischen Krieg hatte ihrer Meinung nach seine Ursachen vor allem in der mangelhaften Vorbereitung der russischen Gesellschaft für den Kriegsfall. Sanborns erstes Kapitel („Forming the National Compact“) zeichnet nach, wie sich die Bemühungen um eine umfassende Militarisierung der Gesellschaft in einer schrittweisen Verschärfung der Konskriptionsgesetze niederschlugen.

Dass das Bestreben der zarischen Generäle, den Kreis potenzieller Rekruten auf nahezu alle Bevölkerungsgruppen des Imperiums auszudehnen, zwangsläufig mit dessen multiethnischer Realität kollidieren musste, ist der Gegenstand des zweiten Abschnittes. Die Armeeführung bekam nun schrittweise die Auswirkungen des „Dilemmas der Differenz“ zu spüren (Kap. 2): Als sie im Ersten Weltkrieg nach den gewaltigen russischen Verlusten auf Bevölkerungsgruppen zurückgreifen wollte, die nach ethnischen Kriterien bisher vom Wehrdienst ausgenommen waren, zündete sie damit einen Sprengsatz, von dessen Auswirkungen sich das Zarenreich nicht mehr erholen sollte. In Zentralasien beispielsweise kam es 1916 zu Aufständen gegen die Einberufung, die zehntausende von Menschenleben kosteten und alleine 14 Bataillone und 33 Kosakenhundertschaften erforderten, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen (S. 36). Nach der Revolution führte die Übernahme rassistischer und essentialistischer Kategorien aus dem Zarenreich dazu, so argumentiert Sanborn, dass sich die ländliche Bevölkerungsmehrheit in der Roten Armee ausgeschlossen fühlte und gegen die Bewohner der Städte zusammenschloss (S. 94).

Parallel dazu versuchte die Armeeführung, dieses Dilemma durch eine „Ideologie der Einheit“ zu überwinden (Kap. 3: „The Nation and the Challenge of Unity“). Mit einer Rhetorik, die sich auf positiv besetzte Begriffe wie „Land“, „Familie“ und „Brüderlichkeit“ stützte, sollten gesellschaftliche Bruchstellen überformt werden. Den Worten folgten oftmals auch Taten: Den Erfolg der Bolschewiki im Bürgerkrieg führt Sanborn nicht zuletzt darauf zurück, dass es ihnen durch die Unterstützung der Angehörigen von Soldaten gelang, die Moral der Rotarmisten zu heben (S. 109). Diesen inklusiven Strategien entsprach aber gleichzeitig auch eine Politik der systematischen Exklusion. Die Verfolgung von nationalen Pariahs, allen voran der Juden, und die hysterische Verfolgung von Ausländern als feindlichen Spionen und Agenten war eine gemeinsame Tradition der zarischen, „weißen“ und „roten“ Armeen.

Der Erfolg nationalistischer Massenpolitik rührt nicht zuletzt daher, dass diese die verschiedensten Diskurse kontaminieren und sie „national“ transformieren kann. Am Beispiel der Kategorie „gender“ beschreibt Sanborn, wie vor allem über die Institutionen des „print-capitalism“ und der Pädagogik maskuline Ideale in den Körpern und Köpfen der russischen und sowjetischen Individuen installiert werden konnten (Kap. 4: „The Nationalization of Masculinity“). Hier kommt er zu dem Ergebnis, dass sich zwischen dem Jahre 1905 und der Stalinzeit eine „massive gender revolution“ ereignete, die vor allem von den militärischen Eliten vorangetrieben wurde, und in ihren Idealen den von George L. Mosse für Westeuropa beschriebenen Phänomenen ähnelte.[3]

Das Zugehörigkeitsgefühl zu einem nationalen Kollektiv erforderte aber mehr als nur die Definition und Zuschreibung von Kategorien. Einer der Vorzüge von „Drafting the Russian Nation“ ist, dass es sich nicht auf die Analyse von Diskursen beschränkt. Gerade in seinem letzten Kapitel („Violence and the Nation“) widmet sich Sanborn Gewaltpraktiken, mit denen der Einzelne ein (nationales) Zugehörigkeitsgefühl performativ nachvollziehen konnte (S. 165). Auch hier sah sich der Staat einem Dilemma ausgesetzt: Auf der einen Seite bestand die Notwendigkeit, einen Teil seiner Bürger in der Ausübung von Gewalt zu trainieren. Deren destruktive Auswirkungen auf die eigene Gesellschaft mussten aber eingedämmt werden (S. 166). Anhand der militärischen Grundausbildung beschreibt Sanborn, wie junge Männer in der russischen Armee auf extreme Gewaltakte vorbereitet wurden. Gewalt wurde dabei als virtuoser und effektiver Akt der Problemlösung vorgestellt und mit Männlichkeit und einem politischen Gemeinschaftsgefühl verbunden (S. 170). Die Früchte dieser Ausbildung zeigten sich dann im Ersten Weltkrieg: Von Kriegsbeginn an richteten sich Aggressionen nicht nur gegen den äußeren Feind. Gewalt entlud sich auch gegen die „nationale Pariahs“, gegen nationale Minderheiten und die Juden des Ansiedlungsrayons. 1917 dann brachen die letzten Dämme, welche die brutalisierten Truppen bisher noch im Zaum halten konnten: Bewaffnete Banden von Deserteuren, aber auch reguläre Truppen besetzten ganze Landstriche, terrorisierten die Bevölkerung, mordeten und brandschatzten, wie es ihnen gefiel (S. 173). Die Bolschewiki ihrerseits taten ihr Bestes, um diese Lage zusätzlich anzuheizen: In ihrer Sicht war extreme physische Gewalt eine notwendige und legitime Maßnahme der politischen Auseinandersetzung (S. 175).

Joshua Sanborn hat ein pointiertes, methodisch innovatives und vor allem gut geschriebenes Buch vorgelegt. Eines seiner Verdienste ist es zweifellos, einen Bereich russischer Geschichte, der lange nur aus ereignis-, politik- und sozialgeschichtlichen Perspektiven betrachtet wurde, mit zeitgenössischen Methoden neu untersucht zu haben. Sanborns grundlegendes Argument, das man mit Eugène Weber auf die Formel „Peasants into Russians“ bringen könnte, wirkt, gerade vor dem Hintergrund neuerer Lokalstudien aus der Bürgerkriegszeit, zweifelhaft.[4] Sanborn wagt große Thesen. Ob sie in einer solch zugespitzten Form haltbar sind, müssen Fallstudien erst erweisen.

Anmerkungen:
[1] Holquist, Peter, Making War, Forging Revolution. Russia's Continuum of Crisis, 1914-1921, Cambridge 2002.
[2] Vgl. die zusammenfassenden Bemerkungen David Hoffmanns, in: Ders. (Hg.), Stalinism. The Essential Readings, Malden 2003, S. 129-132.
[3] Mosse, George L., The Image of Man. The Creation of Modern Masculinity, New York 1996.
[4] So beispielsweise: Raleigh, Donald J., Experiencing Russia's Civil War. Politics, Society and Revolutionary Culture in Saratov, 1917-1922. Princeton 2002; Narski, Igor, Schisn w katastrofe. Budni naselenija Urala w 1917-1922, Moskau 2001.

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Veröffentlicht am
26.02.2004
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