J. Rohbeck: Integrative Geschichtsphilosophie in Zeiten der Globalisierung

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Titel
Integrative Geschichtsphilosophie in Zeiten der Globalisierung.


Autor(en)
Rohbeck, Johannes
Erschienen
Berlin 2020: de Gruyter
Anzahl Seiten
XIV, 266 S.
Preis
€ 99,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan Kerkmann, Philosophisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

In seiner Monographie „Integrative Geschichtsphilosophie“ widmet sich der Dresdner Philosophieprofessor Johannes Rohbeck drei aufeinander aufbauenden Erkenntniszielen, die sich analog in der Architektur der Arbeit dokumentieren. Zum ersten soll die geläufige These einer Unvereinbarkeit der drei Theorieformationen der Geschichtsphilosophie, des Historismus und des Posthistoire zur Disposition gestellt werden. Zum zweiten verfolgt der Verfasser die Intention, die wechselseitige Verflechtung zwischen der materialen Geschichtsphilosophie und der formalen Geschichtslogik aufzuweisen. Zum dritten optiert Rohbeck für den Methodenvorrang einer funktionalen Erklärung, um auf inhaltlicher Ebene die Kontingenz der Geschichte bekräftigen zu können. Dergestalt sollen die Möglichkeiten menschlicher Handlungsspielräume gegen die Ohnmachtsimplikationen einer deterministischen Logik verteidigt werden. In der Verbindung dieser drei Einzelziele wird eine angemessene Klärung des Schlüsselterminus der „weltgeschichtliche[n] Gerechtigkeit“ (S. 227) angestrebt, die in Zeiten der Globalisierung zur normativen und praktisch-zukunftsethischen Bezugsgröße avancieren soll.

Der erste Teil (Integration geschichtsphilosophischer Denktypen) wendet sich dem Versuch einer Synthese zwischen der materialen Geschichtsphilosophie, dem Historismus und dem Posthistoire zu. In diesem Zusammenhang wählt der Verfasser ein überzeugendes Verfahren, indem er die konstitutiven Grundelemente jedes Denktypus in den Tiefenschichten der scheinbar antagonistischen Instanzen aufspürt. Als ausgezeichnete Merkmale der klassischen Geschichtsphilosophie, die von der französischen Aufklärung (Turgot, Condorcet, Montesquieu) über Kant bis zu Hegel reicht, werden der universalgeschichtliche Ausgriff, die Fortschrittsidee und die Teleologie der Geschichte benannt.

Im Hinblick auf die erklärende Historiographie zeigt der Verfasser auf, dass sich die materiale Geschichtsphilosophie der Aufklärung einerseits an dem emblematischen Erkenntnisparadigma der „zeitgenössischen Naturwissenschaften“ (S. 33) orientiert, insofern die „Ursachen historischer Veränderungen“ (S. 34) bestimmt werden sollen. Andererseits werden dabei nicht nur lineare Kausalketten nachverfolgt. Autoren wie Montesquieu nehmen nämlich zunehmend soziale und ökonomische Faktoren in den Blick, die sich als notwendige Bedingungen für die Übergänge in neue Gesellschaftssysteme enthüllen.

Auf dieser Basis richtet sich Rohbeck gegen die verbreitete Auffassung, in der teleologischen Betrachtung hypostasiere die Geschichtsphilosophie den Fortschritt zu einem lenkenden Kollektivsubjekt. Vielmehr spiegle sich in der Bezugnahme auf scheinbar opake Handlungsentitäten wie „das Genie“ (Turgot), „die Naturabsicht“ (Kant) oder „der Weltgeist“ (Hegel) der metaphorische Status einer heuristischen Ordnungsabsicht wider (vgl. S. 35). Zudem müsse die vielschichtige Verzweigung des Telos-Postulats in die narrative (retrospektive Erschließung zentraler Entwicklungslinien unter der Ägide des Gegenwartszustandes), erklärende (selektive Beleuchtung der Voraussetzungen, unter denen sich antizipierte Zwecke erfüllen lassen), normative (Bewertung vergangener Handlungen unter dem Gesichtspunkt eines erwarteten Ziels) und genuin geschichtsphilosophische Funktion (Untermauerung der anthropologischen Unplanbarkeit des Weltlaufs) berücksichtigt werden.

Im Gegensatz dazu ist der Historismus prima facie durch die anti-spekulative Verabschiedung der Fortschrittsidee geprägt. Gleichwohl verdeutlicht Rohbeck, dass die hervorstechenden Denker des Historismus (Droysen, Dilthey, Troeltsch) trotz des methodisch-formalen Primats respektive der Beschränkung auf den hermeneutischen Nachvollzug menschlicher Willensbekundungen innerhalb von Kultursystemen durchaus sachhaltige Aussagen über die wesentlichen Triebkräfte und die Gesamtdynamik der Geschichte treffen. Während der Historismus in seiner dezidierten Historisierung sämtlicher Lebensfacetten an die Vorgaben der Geschichtsphilosophie anknüpfe, überschneide er sich in der Zivilisationsskepsis und in der Ablehnung metaphysisch fundierter Großerzählungen mit dem Posthistoire (vgl. S. 51).

Das Posthistoire beruht auf der prominent von unterschiedlichen Denkern wie Gehlen, Lyotard und Fukuyama verfochtenen These eines Endes der Geschichte. Rohbeck zufolge teilt das Posthistoire die weltumschließende Ausrichtung mit der materialen Geschichtsphilosophie und orientiert sich wie diese vornehmlich an der Temporalstruktur der Zukunft (vgl. S. 29). In seiner Auseinandersetzung mit dem Posthistoire kritisiert Rohbeck dessen Seismogramm eines doppelten Sinnverlusts, der sich anhand der monolithischen Ausbreitung der technischen Zivilisation in der Moderne sowie in der Destabilisierung des „lebensweltlich verwurzelte[n] Sinn[es] früherer Kulturen“ (S. 45) äußere. Im Rekurs auf die Kategorien „des Potenzials und des Umschlags“ (S. 202) kann Rohbeck im Gegenzug dafür votieren, dass sich durch den technologisch geleiteten Globalisierungsprozess emanzipatorische Innovationen herausbilden könnten, die sich derzeit „in der transnationalen Produktion“ und in der „Entstehung supranationaler Institutionen“ (S. 203) anbahnten.

Im zweiten Teil (Rettende Kritik der Geschichtsphilosophie) intendiert der Verfasser den Plausibilitätsnachweis, dass bereits die traditionelle Geschichtsphilosophie ihren Forschungsgegenstand methodologisch reflektiert habe. Auf diese Weise sollen die klassischen Einwände entkräftet werden. Gemäß diesen Gravamina müsse die Geschichtsphilosophie als „pure Ideologie“ (S. 85) dekuvriert werden, welche den Facettenreichtum historischer Ereignisse in ein theoretisch willkürliches Schema einbette und in diesem generalisierenden Zugriff einem „ungerechtfertigte[n] Substantialismus“ (S. 84) huldige.

Es erweist sich als glückliche Entscheidung, zum Zwecke einer Kontrastierung zunächst auf Kant als Hauptgesprächspartner zurückzugreifen. Kant begnüge sich mit der „Untersuchung einzelner Aspekte“ (S. 87), inauguriere eine pragmatische Wendung der Geschichtsphilosophie und arbeite die epistemischen Ermöglichungsgründe historischer Erfahrung heraus. In einem weiteren Schritt wird die anhand der Kantischen Schriften Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784) und Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte (1786) geleistete Rehabilitierung einer vorsichtigen Geschichtsphilosophie auf das „enfant terrible“ Hegel übertragen (S. 102). Dergestalt soll Marxens Kritik an Hegels vermeintlich wirklichkeitsfremdem, idealistisch zugespitztem Geschichtsdenken abgemildert werden.

Neben Kant, Hegel und Marx, deren Theorien chronologisch in den ersten drei Kapiteln des zweiten Teils erörtert werden, thematisiert Rohbeck das von Ortega y Gasset stammende Konzept einer Historiologie. Nach Maßgabe eines „gemäßigten Hegelianismus“ (S. 157) hält Ortega an der konstruktiven Durchdringung vergangener Ereignisse fest. Diese soll sich der Methode einer diachronen Erzählung bedienen, ohne die konkrete Beschaffenheit der empirischen Fakten zu ignorieren. Anschließend befasst sich Rohbeck differenziert mit Kosellecks semantisch-begriffsgeschichtlicher Ergründung eines im 18. Jahrhundert lokalisierten Erscheinens des Kollektivsingulars „der Fortschritt“ (vgl. S. 160).

Der dritte Teil (Praktische Philosophie der Geschichte) lotet die praktische Bedeutsamkeit der Geschichtsphilosophie in der Epoche der Globalisierung aus. Die Globalisierung wird als mehrere Stadien umfassender, „historische[r] Prozess“ präsentiert (S. 197). Die spezifische Erscheinungsform der Globalisierung lasse sich daher weder in indifferent-zeitloser Strukturanalogie bereits in der Antike registrieren noch erschöpfe sie sich in einem „homogene[n] Kontinuum“ (S. 198) quantitativer Steigerungen. Stattdessen befürwortet Rohbeck eine dritte Position, in der die Globalisierung als qualitativ neuartiges Phänomen gewürdigt wird. Dies manifestiere sich in der Genese „globale[r] Netzwerke“ (ebd.) und in der Herauskristallisation eines weltumspannenden Verantwortungsethos. An diesem Punkt stellt Rohbeck die wichtige Frage, auf welche ethischen Grundsätze sich die Forderung einer sukzessiven Verringerung der sozioökonomischen Asymmetrien zwischen Industrie- und Entwicklungsländern stützen könne. Stringent plädiert der Verfasser für das Modell der „Korrektur“ (S. 211), das die gestaltlose Anonymitätstendenz einer universalistischen Hilfspflicht vermeidet. Gegen den Historismus ruft Rohbeck die allgemeine Fortschrittssicht der Geschichtsphilosophie auf, um mit Nachdruck für das Recht der bislang benachteiligten Staaten auf eine „nachholende[n] Entwicklung“ zu argumentieren (S. 229).

Insgesamt ist hervorzuheben, dass die bemerkenswerte Detailkenntnis sowie das sensible Gespür für verborgene Parallelen von der jahrzehntelangen und intensiven Beschäftigung des Verfassers mit der traditionellen Geschichtsphilosophie zeugen. Rohbeck wirbt luzide für die fruchtbringende Wiederentdeckung einer undogmatischen, um die inhaltlichen Komponenten der Ökonomie, Politik und Kultur angereicherten Geschichtsphilosophie. In ihrer integrativen Version nimmt diese erstens die methodologischen Impulse des Historismus auf. Zweitens honoriert sie die im Zuge des Posthistoire entfaltete Diagnose einer Verdrängung pluralisierter Einzelerzählungen, die der eurozentrische Diskurs in seinem Anspruch auf Kontingenzbewältigung befördert habe. Dennoch willigt die integrative Geschichtsphilosophie nicht in den fatalistischen Verzicht auf eine aktive Zukunftsgestaltung ein. Vielmehr begegnet sie der Herausforderung der ökologischen Krise mit der verheißungsvollen „Chance, andere Wege der Modernisierung einzuschlagen“ (S. 231).

Redaktion
Veröffentlicht am
02.10.2020
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