H. P. Brogiato u.a. (Hrsg.): Koloniale Spuren in den Archiven der Leibniz-Gemeinschaft

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Titel
Koloniale Spuren in den Archiven der Leibniz-Gemeinschaft.


Herausgeber
Brogiato, Heinz Peter; Röschner, Matthias
Erschienen
Halle (Saale) 2020: Mitteldeutscher Verlag
Anzahl Seiten
180 S.
Preis
€ 18,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jonas Ehrsam, Universität Hamburg

Die Spuren des Kolonialismus scheinen zuweilen schwer zu finden, gerade wenn sie zur eigenen Eingangstür führen. Die letzten Jahre weisen eine umfangreiche Beschäftigung verschiedener Institutionen mit ihrer Verbindung zur Geschichte des Kolonialismus vor. Diese Bemühungen sind zweifelsohne auf intensive Impulse öffentlicher Debatten zurückzuführen. Im Fokus standen dabei bislang Museen, deren Sammlungen vielerorts unter dem dringenden Verdacht stehen, innerhalb asymmetrischer Herrschaftsbeziehungen zusammengetragen worden zu sein. Doch das Interesse an Aufarbeitung – also an Freilegung verschütteter Geschichte – reicht über die problematische Herkunft von Sammlungsobjekten hinaus. Es betrifft ebenfalls die Institutionen, deren Vorläufer zur Infrastruktur der kolonialen Apparatur gehörten und so an der Ideologie des Kolonialismus mitwirkten oder materielle Ausbeutung vorbereiteten. Und es berührt den heroischen Nimbus, der früheren Wissenschaftler/innen und Sammler/innen verliehen wurde, ohne den politischen Kontext ihrer Tätigkeit adäquat zu berücksichtigen.

Der im Folgenden besprochene Sammelband Koloniale Spuren in den Archiven der Leibniz-Gemeinschaft zeigt, dass die Aufarbeitung kolonialer Geschichte sehr unterschiedliche Wege gehen kann, gerade wenn es sich um die institutionseigene handelt. Die Leibniz-Gemeinschaft verbindet heute 96 Forschungseinrichtungen unterschiedlicher Fachrichtungen. Diese sind über das gesamte Bundesgebiet verteilt. Fast ebenso vielfältig präsentiert sich der vorliegende Sammelband: 15 Autor/innen aus elf Archiveinrichtungen stellen hier Beispiele ihrer Bestände vor. Auf eine theoretische Einleitung zum Thema verzichtet der Band leider. Die Autor/innen repräsentieren Forschungsinstitutionen, die zu den bedeutenden Wissensfabriken des deutschen Kolonialismus gehörten, beispielsweise das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg. Ebenso finden sich Einrichtungen, die koloniales Wissen verwalteten und archivierten. Ein Beispiel dafür ist das Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL) in Leipzig mit seinen Nachlässen zahlreicher deutscher Forschungsreisender. Als besonders interessant zeigen sich letztlich jedoch die Beiträge von Forschungsstätten, deren Verbindung zum Kolonialismus erst beim genauen Hinsehen deutlich wird.

Dass die Archive der Leibniz-Gemeinschaft geradezu prädestiniert seien, „unterschiedliche, auch außergewöhnliche authentische Zugänge zum Thema ‚Kolonialismus‘ aufzuzeigen“ (S. 8), verspricht das von den Herausgebern vorangestellte Vorwort. Und tatsächlich, die thematische und disziplinäre Diversität des Bandes überzeugt, auch wenn schwerwiegende Kritikpunkte durch diese Perspektivenvielfalt nicht ausgeglichen werden können.

Bei der Suche nach kolonialen Spuren in den Archiven kann man auch zielstrebig auf ausgetretene Pfade zurückkehren. Das zeigt Joachim Scholz‘ Beitrag für die Frankfurter Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung. In seinem Artikel befasst sich der Naturwissenschaftler mit dem Wirken Eduard Rüppells (1794–1884), dem „Humboldt Frankfurts“ (S. 25), wie Scholz zitiert. Die durch Rüppell zusammengetragenen Konvolute bildeten den Grundstock der Objektsammlung des Senckenberg Museums in Frankfurt am Main. Auf vier Afrikareisen sammelte Rüppell vor allem zoologische Objekte und machte durch deren Übereignung das Frankfurter Museum schon in den 1830er-Jahren zu einer der bedeutendsten naturkundlichen Sammlungen Europas. Dass auch human remains und ethnografische Objekte nach Frankfurt gebracht wurden, erwähnt Scholz nur beiläufig. Mehr Beachtung findet Rüppells Biografie: 1794 geboren, erbte dieser ein beachtliches Vermögen aus der Bankierstätigkeit seines Vaters, das ihm zwischen 1817 und 1850 Reisen nach Ägypten, Nubien und Abessinien ermöglichte. Der Beitrag zeigt Rüppell als Exzentriker und Philanthrop. Dabei ist Scholz bedacht, die naturkundlichen Leistungen Rüppells und dessen Rolle als bürgerlichen Kulturstifter in den Vordergrund zu stellen. Die Kontextualisierung seines Wirkens durch koloniale Aspekte bleibt dabei fahrlässig spärlich. Einzelne Passagen verweisen auf Einkäufe auf Sklavenmärkten und den Besitz einer „Lieblingssklavin“, eine Problematisierung findet jedoch nicht statt. Welche Rollen Rüppell als Sammler, dem Senckenberg Museum als Institution und der Zoologie als Disziplin im kolonialen Unrechtskontext zukommen, bleibt ebenfalls unbesprochen. Diese Fragestellungen wären in der Lage, einen kritischen Zugang zu begründen. Die titelgebenden „kolonialen Spuren” bearbeitet Scholz vornehmlich durch Abgrenzungen zur „gegenwärtigen Kontroverse zum Thema Kolonialismus” (S. 35). In der Argumentation Felwine Sarrs und Bénédicte Savoys – diese fungieren als maßgebliche Stimmen der Forderung nach einer Dekolonisierung der Museen – sieht sich Scholz an eine Vorstellung erinnert, nach der „Fremdkontakt […] der Anfang vom Ende einer gesuchten Ursprünglichkeit“ (S. 36) sei.

Auch Heinz Peter Brogiato, Geograph und Mitherausgeber des Sammelbandes, positioniert sich – wenn auch leiser – gegen eine angenommene Vorverurteilung von Forscher/innen durch kolonialgeschichtliche Aufarbeitung. In seinem Beitrag zum Nachlass Hans Meyers (1858–1929) im Leipziger IfL mahnt er qua Zitat des Historikers Ulrich van der Heyden: „Wir sollten heute nicht höhere moralische Ansprüche an sie [die Afrikaforscher] richten, als sie in ihrer Zeit fähig waren zu erkennen […]. Schon gar nicht sollte unser heutiges mit ihrer Hilfe erworbenes Wissen eingesetzt werden, um ihre damaligen Handlungsweisen pauschal zu kritisieren oder zu verurteilen.“ (S. 63) Dass es im Falle Meyers jedoch auch genug schwer trivialisierbare Kritikpunkte gibt, weiß (und formuliert) auch Brogiato, thematisiert sie dann leider jedoch kaum. Meyer trug seinerzeit in erheblichem Maß zur Begründung des Archivs der Vorgängereinrichtung des IfL bei, dem Institut für vergleichende Länderkunde. Er war nicht nur Befürworter des Kolonialismus, sondern auch einer der bedeutendsten Verleger kolonialistischer Literatur in Deutschland. Auch in Fragen der deutschen Sammlungspolitik, speziell hinsichtlich der Verteilung der Objekte aus den Kolonien auf die Museen, mischte sich der Afrikareisende Meyer ein. Letztlich war er ebenfalls Privatsammler und unterstützte das Berliner Völkerkundemuseum bei dessen umfangreichen Ankäufen der 1897 aus dem Königreich Benin geplünderten Kulturobjekte. Ironischerweise erhielt Meyer als Ehrung die durch den Verein für Geographie und Statistik zu Frankfurt am Main verliehene Eduard-Rüppell-Medaille. Andere Träger waren zum Beispiel Paul von Lettow-Vorbeck, Hermann von Wissmann und Adolf Friedrich zu Mecklenburg.

Auch wenn diese Beispiele schlicht bekannte Biografien deutscher Afrikaforscher in leicht erneuerter Form als kolonialgeschichtliche Arbeiten beisteuern, überzeugen andere Aufsätze des Bandes durch innovative Themen und Perspektiven. Diese beweisen sich als lukrative Beiträge zur kolonialgeschichtlichen Forschung und belegen eindrucksvoll den noch auszulotenden Quellen- und Facettenreichtum der hiesigen Kolonialgeschichte.

Dabei seien Matthias Röschner (für das Archiv des Deutschen Museums und ebenfalls Herausgeber der Veröffentlichung) mit seinem Beitrag zu Herman Sörgels Atlantropa-Projekt, Andreas Butter (Leibni-Institut für Raumbezogene Sozialforschung IRS in Erkner) mit seiner Darstellung und Analyse der DDR-Architekturexporte als Teil „antikolonialistischer“ Außenpolitik oder Thomas Urban (Herder Institut für Ostmitteleuropaforschung) mit seiner Untersuchung zur Sammlung Treichel hervorgehoben.

Urban beispielsweise zeigt methodisch überzeugend, wie der in den Kolonien geschulte ethnografische Blick des Tropenarztes Bernhard Hagen sich in dessen späteren fotografischen Arbeiten fortsetzte. Dafür untersucht der Autor die zwischen 1898 und 1900 entstandene Fotosammlung aus dem Nachlass Alexander Treichels, dem Schwiegervater Hagens. Die durch Hagen angefertigten Fotografien entstanden auf Treichels westpreußischem Gut Hochpaleschken und werden von Urban hinsichtlich des (kolonialen) Osteuropadiskurses des Kaiserreichs untersucht. Der Artikel rekonstruiert nicht nur die Entstehung der Sammlung, die sich aus Fotografien aus dem vermeintlichen Alltagsleben der Gutsherrenfamilie und ihrer Untergebenen speist, sondern befasst sich ebenso mit den Techniken der fotografischen Einflussnahme und der Argumentation, warum die darin dokumentierte preußische Gutswirtschaft das Feld der Kolonialismusforschung betrifft. Durch diesen Schritt zeigt Urban nachvollziehbar, dass nicht nur Hagen als Fotograf koloniale Praxen mit zurück nach Europa brachte, wenn er anstelle „der kolonialen Plantagenarbeiter in den Tropen […] die westpreußischen Gutsbediensteten in der Kaschubei“ (S. 176) fotografierte, sondern dass die dortigen Dominanzverhältnisse selbst vielfältige koloniale Prägungen besaßen.

In Gänze offenbart der Sammelband die enorme Bandbreite des Kolonialismus, dessen Strukturen sich in der Geschichte der Naturwissenschaften genauso verfolgen lassen wie in der Bergbau- oder Architekturgeschichte. Auf diese Weise trägt die Publikation der gesellschaftlichen Breite kolonialer Herrschaft Rechnung und gibt einen guten Eindruck über die Verquickung des deutschen Wissenschaftsbetriebes mit dem kolonialen Projekt. Trotz einiger analytischer Schwächen überzeugen fast alle Artikel des Sammelbandes durch Informationsfülle. Hinsichtlich der kolonialen Spurensuche verlieren einige Beiträge das titelgebende Ziel jedoch leider aus den Augen. Nun gibt es keine festgeschriebenen Gütekriterien für kritische Forschung zum Kolonialismus, doch wirft die Lektüre des vorliegenden Bandes die Frage auf, ob es schon Kolonialgeschichtsschreibung ist, wenn die Lebensgeschichten kolonialer Heldenfiguren ohne hinreichend kritische Kontextualisierung noch einmal verfasst werden. Beim Lesen verstärkt sich der Eindruck, dass eine Aufarbeitung aus den Folgeinstitutionen heraus die Arbeit von unabhängigen Forschenden nicht ersetzen kann. Eine Aufarbeitung des Kolonialismus und seiner Konsequenzen wird auch mit dem Sockelsturz, zumindest aber mit der Entheroisierung gewohnter „Heldenfiguren“ verbunden sein.

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Veröffentlicht am
09.04.2021
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