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Titel
Spuren der Arbeit. Von der Manufaktur zur Serverfarm


Autor(en)
Keller, Stefan
Erschienen
Zürich 2020: Rotpunktverlag
Anzahl Seiten
232 S.
Preis
CHF 38.00
Bernard Degen, Departement Geschichte, Universität Basel

Anlässlich des hundertjährigen Bestehens des Amtes für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Thurgau legt Stefan Keller einen Band mit zehn "Reportagen" zu verschiedenen Aspekten der Erwerbsarbeit vor. Der zeitliche Rahmen reicht von der Konstituierung des Kantons 1798 bis zum Datenzentrum des belgischen Finanzdienstleisters SWIFT im Städtchen Diessenhofen am Hochrhein. Geographisch kommen fast ausschliesslich Aspekte der Industrialisierung des Thurgaus zur Sprache, der entgegen einem verbreiteten Bild nicht als Landwirtschaftskanton, sondern als von industriellen Betrieben geprägte Region beschrieben wird. Eine Kommission erfasste 1868 dort 17 Webereien, sechs Spinnereien, sechs Rotfärbereien, vier mechanische Stickereien sowie Textildruckereien, Pferdehaarfabriken, eine Kunstwollefabrik, eine Kardenfabrik (für Spinnerei), eine Gerberei, eine Schuhfabrik, zwei Eisengiessereien, zwei mechanische Werkstätten, zwei Teigwarenfabriken, drei Tabakfabriken, eine Spielkartenfabrik, eine chemische Fabrik, eine Papierfabrik, Zündholzfabriken sowie eine fabrikmässige Holzsägerei.

Den Anfang macht ein Bericht über Hauptwil an der Grenze zum Kanton St. Gallen. Dorthin hatte die St. Galler Kaufmannsfamilie Gonzenbach, um die Zunftvorschriften ihrer Heimatstadt zu umgehen, im 17. Jahrhundert ihr Leinwandgeschäft verlegt und dieses später auf Baumwollprodukte umgestellt. So entstand ein frühindustrielles Musterdorf mit Kaufhaus, Walke, Mange, Färbereien, Wohnhäusern mit Webkellern, Kosthaus, Bleichen, regulierten Bächen und Weihern, dessen Struktur zum Teil noch heute erkennbar ist. Es zeigt sich schon hier die Vorgehensweise des Autors, der zeitgenössische Berichte zum Ausgangspunkt seiner «Reportagen» nimmt. Im Falle von Hauptwil tritt unter andern Friedrich Hölderlin auf, der 1801 für kurze Zeit bei den Gonzenbachs als Hauslehrer wirkte.

Die letzte schwere Hungersnot in der Schweiz, ausgelöst durch den Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien und die darauffolgenden anhaltenden Fröste, Schneefälle, Gewitter und Dauerregen und die dadurch verrotteten und verdorbenen Lebensmittel traf die Bevölkerung nicht zuletzt in der Ostschweiz hart. Im Thurgau wurde sie überlagert durch eine Krise in der Baumwollindustrie, verursacht durch billiges britisches Garn.

Kinderarbeit blieb im 19. Jahrhundert ein Dauerthema. Im Thurgau kollidierte sie seit 1810 mit der Schulpflicht von allerdings nur wenigen Wochenstunden. Versuche, die müden Kinder nach Arbeitsschluss im feuchten Webkeller zu Hause oder in der Fabrik zu unterrichten, scheiterten. Anschauliche Berichte zeigen, dass nicht nur Fabrikanten, sondern auch Eltern die Schule sabotierten.

Die Schweiz blieb bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein Auswanderungsland. Am Thurgauer Beispiel lassen sich unterschiedliche Motive erkennen. Ärmere dienten in der niederländischen Kolonialarmee oder zogen meist endgültig nach Amerika, wobei offenbar die Thurgauer Behörden Auswanderung aus sozialen Gründen nicht finanziell unterstützten. Geschäftsleute reisten Richtung Südostasien, wo sie Absatzmärkte für die Industrie erschlossen oder gar eigene Handelshäuser gründeten, die etwa in der Firma Diethelm Keller Siber Hegner AG bis heute existieren.

Ein typischer Industriezweig der Ostschweiz war die Stickerei, vor allem nach Erfindung der Stickmaschine 1828. Im Thurgau standen 1890 3.595 Handstickmaschinen, wobei der Sticker meist ein Mann war, dem Frau und Kinder zuarbeiteten, indem sie etwa die Hunderten von Nadeln einfädelten. Auch die Produktion von Stickmaschinen erfolgte im Kanton, etwa bei Saurer in Arbon.

Wie überall beschäftigten Landwirtschaft und Haushalte massenhaft Dienstboten und nicht zuletzt Dienstbotinnen. Keller zitiert anschauliche Berichte zu ihrer Situation. Unter dem etwas irritierenden Titel "Wanderarbeiter" werden auch wandernde Handwerksgesellen und Hausierer vorgestellt. Immigranten konnten bei den Einheimischen durchaus auf Ablehnung stossen, wie etwa der sogenannte Italienerkrawall 1902 in Arbon zeigt. Man versuchte Wandergesellen von Bettlern abzugrenzen, unter anderem durch die Einrichtung einer "Naturalverpflegung". Schliesslich rekrutierten Textilindustrielle junge Italienerinnen, die sie in Mädchenheimen von Nonnen betreuen liessen.

Die Verhältnisse zwischen Arbeiterschaft und Unternehmern blieben nicht immer ungetrübt. Die Gegend um Arbon gehörte – gemessen an der Bevölkerung – vor dem Ersten Weltkrieg zu den streikanfälligsten der Schweiz. Dies wird ausführlich anhand der Streiks in der grossen Stickereifabrik Heine in Arbon gezeigt. Zur Bearbeitung der sozialen Probleme der Arbeiterschaft richtete der Thurgau als einer der letzten Kantone 1921 ein Arbeitsamt ein.

Die "Reportagen" enthalten keine direkten Literaturnachweise, dafür jeweils eine kurze kommentierte Bibliographie mit Hinweisen auf die wichtigsten Quellen. Die Texte werden ergänzt durch 32 Seiten mit Illustrationen, grösstenteils aus dem im Textteil zu kurz gekommenen 20. Jahrhundert. Sie zeigen Aspekte der Landwirtschaft, Fabriken – nebst einigen Fotos vor allem Briefköpfe, in denen Unternehmer ihre Betriebe jeweils stolz darstellen liessen –, Arbeitnehmer, die auf Fotos in der Regel in ihren besseren Kleidern posierten und nicht in den zerschlissenen bei der Arbeit sowie im Rahmen ihrer Organisationen oder bei Streiks. Gesamthaft bieten die "Reportagen" einen facettenreichen Einblick in ein wenig bekanntes Industriegebiet. Eine vertiefende Einordnung liegt allerdings nicht im Konzept des Buches, und Einschübe mit Beispielen tauchen im Text gelegentlich etwas unvermittelt auf.

Redaktion
Veröffentlicht am
05.02.2021
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/