F. G. Mildenberger: Sexualgeschichte

Cover
Titel
Sexualgeschichte. Überblick – Problemfelder – Entwicklungen


Autor(en)
Mildenberger, Florian G.
Erschienen
Wiesbaden 2020: Springer
Anzahl Seiten
IX, 51 S.
Preis
€ 14,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfgang Burgdorf, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

Florian G. Mildenberger, Professor am Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart, ist ein Experte für „Sexualgeschichte“ oder besser für die Geschichte der Sexualitäten. Seit seiner Münchener Magisterarbeit Die Münchner Schwulenbewegung 1969 bis 1996[1] hat er sich immer wieder mit einschlägigen Themen beschäftigt. Mildenberger ist somit die richtige Person, um in der Reihe „essentials“ des Springer Verlags einen konzisen Überblick zu geben. Die „essentials“ wollen „aktuelles Wissen in konzentrierter Form, die Essenz dessen, worauf es als ‚State-of-the-Art‘ in der gegenwärtigen Fachdiskussion oder in der Praxis ankommt“, liefern, „schnell, unkompliziert und verständlich“. Die Bücher erscheinen in elektronischer und gedruckter Form und bringen Expert/innenwissen kompakt zur Darstellung. Sie sollen besonders für die Nutzung als eBook auf Tablet-PCs, eBook-Readern und Smartphones geeignet sein.

Eigentlich sind es aber nur Broschüren. Es ist beeindruckend, was Florian Mildenberger auf 51 Seiten leistet. Damit ist das Werk eine schnelle Alternative zu den umfangreichen Arbeiten von Franz X. Eder Kultur der Begierde und Eros, Wollust, Sünde.[2] Nach einer Einleitung beschreibt Mildenberger die Geschichte der Sexualitäten im Wandel der Zeit von der Antike über das europäische Mittelalter, von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert, „zwischen Befreiung und Begrenzung (1850 bis 2000)“, in (Nord-)Amerika, Afrika, Asien und Ozeanien, bis zur „neosexuellen Gegenwart“.

Die Absicht des Autors besteht darin, ein Angebot für ein Forschungsgebiet zu unterbreiten, das „zwar Teil vieler Fächer und Studiengänge“ ist, „aber nicht eigenständig studiert werden“ kann (S. VII). Zielgruppen sind Lehrende und Studierende in den Fachgebieten Natur-, Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften, Medizinhistoriker/innen sowie an Medizingeschichte Interessierte. Bedauerlicherweise werden Forschungskontroversen allerdings nicht geschildert, auch die Entwicklung und der Stand der Forschung werden nur bedingt erörtert, was jedoch dadurch abgemildert wird, dass auf die wichtigste weiterführende Literatur zu den einzelnen Bereichen verwiesen wird, wo sich dergleichen findet.

Eine besondere Stärke ist, dass Florian Mildenberger zeigt, wie sich politische und medizinische Großereignisse, wie die Unabhängigkeit der USA, der Zusammenbruch des Ostblocks, die Einführung von Antibiotika oder der Antibabypille auf die Auslebbarkeit von Sexualitäten auswirkte. Gerne hätte man auch erfahren, welche Folgen das Aufkommen des Walzers oder des Rock ‘n‘ Roll hatten. „Die Entkopplung von sexuellem Genuss und Reproduktion begünstigte gesamtgesellschaftliche Emanzipationsprozesse.“ (S. 25) Für die Vormoderne könnte man hinzufügen, dass diese Entkopplung – damals allein durch alternative Sexualpraktiken – die individuelle Emanzipation erlaubte.

Auf dem äußerst begrenzten Raum erfahren die Lesenden sehr viel Interessantes. Schon in der Antike gab es Rezepte zur Empfängnisverhütung (S. 3f., S. 6). Im Mittelalter leistete das Verbot der Empfängnisverhütung dem Kindesmord Vorschub (S. 11). Strenge Sexualmoralen dienten nicht nur bei den Jüdinnen und Juden, nach der lutherischen Reformation, während der Tugenddiktatur der englischen Puritaner oder des kommunistischen Tugendterrors in der chinesischen Kulturrevolution, sondern immer dazu, „den Sondercharakter der eigenen Existenz herauszustellen“ (S. 3). Es geht und ging unausgesetzt um wir und die anderen, um Inklusion und Exklusion. Bis heute wird der Verstoß gegen die sexuellen Normen „als Verbrechen gegen die göttlichen Vorgaben“ dargestellt (S. 15). Jeder Sündenfall eines einzelnen Gemeindemitglieds kann angeblich die gesamte Gemeinschaft ins Verderben stürzen (S. 30). Nicht nur klerikale Hierarchien, auch religiöse Laien- und Sittlichkeitsvereinigungen verneinten und verneinen dadurch die Vielfalt der „göttlichen Schöpfung“. Dem Kirchenvater Augustinus galt gar der Orgasmus als „Erinnerung an die Ursünde“ (S. 7). Im Byzantinischen Reich mussten sich Ehefrauen verschleiern (S. 7). Mit zunehmender Säkularisierung dienten sexuelle Normen auch der Abgrenzung zum Ausland (S. 20). „Sexuelle Variationen“ wurden zudem „pathologisiert und kriminalisiert“ (S. 24). Im China der 1980er-Jahre wurden parallel zur offiziellen Ein-Kind-Politik sexuelle Variationen jedoch entkriminalisiert und die Abtreibung freigegeben (S. 36). Stets war „die Kontrolle der Sexualitäten ein zentrales Herrschaftsinstrument“ (S. 40). Nicht zuzustimmen ist jedoch der Aussage, die Französische Revolution habe zur „Einführung von Bürgerrechten für alle Einwohner eines Landes“ geführt (S. 16). Gerade für Frauen verschlechterte sich die rechtliche Situation vielerorts. Gleichgeschlechtliche Sexualkontakte wurden jedoch unter dem Einfluss der revolutionären französischen Kodifikation in weiten Teilen Europa entkriminalisiert (S. 17).

Zeitlos ist Florian Mildenbergers Feststellung: „Jede Gesellschaft, jede Zeit, prägt ihre eigenen sexuellen Kulturen. Einflüsse aus anderen Sphären sind zwar gegeben, aber eine völlige Übernahme findet niemals statt.“ (S. 2) Es handelt sich dabei stets um ein multikausales komplexes Agglomerat aus sozialen, religiösen und kulturellen Verhaltensweisen, wobei die Gewichtung der einzelnen Komplexe variiert. Weit beängstigender als alle sexuellen Variationen und Minderheiten für den Fortbestand unserer Gesellschaften ist ein heute angeblich von den USA ausgehender, aber auch in anderen Ländern und Kulturen (z.B. Japan, Korea) greifbarer Trend: „die Entsexualisierung der Jugend“ (S. 44). Soll das wirklich die „neosexuelle Gegenwart“ sein?

Anmerkungen:
[1] Florian G. Mildenberger, Die Münchner Schwulenbewegung 1969 bis 1996. Eine Fallstudie über die zweite deutsche Schwulenbewegung, Bochum 1999.
[2] Franz X. Eder, Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität, München 2002 (2., erw. Aufl. 2009); ders., Eros, Wollust, Sünde. Sexualität in Europa von der Antike bis in die Frühe Neuzeit, Frankfurt am Main 2018.

Redaktion
Veröffentlicht am
12.10.2020
Redaktionell betreut durch