: Scritti Giornalistici. Volume Terzo. «Facciamo storia, non moralismo». 1989–1996. Mailand  2019. ISBN 9788879844949

Perfetti, Francesco (Hrsg.): Renzo De Felice. La storia come ricerca. Florenz  2017. ISBN 978-88-596-1815-7

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Pascal Oswald, Historisches Institut, Universität des Saarlandes

Als Renzo De Felice am 25. Mai 1996 nach langjähriger Krankheit starb, war ihm nicht vergönnt, sein Lebenswerk zu vollenden. Der letzte Band der monumentalen Mussolini-Biographie, der unter dem Titel La Guerra Civile 1943–45 das von Resistenza und Repubblica Sociale geprägte Bürgerkriegsbiennium behandelt, blieb Torso.[1] Noch heute scheint die italienische Zeitgeschichtsforschung in defeliciani, antidefeliciani und eine konformistische Strömung gespalten.[2] Der römische Historiker, der das bis dato bestehende Deutungsmonopol der antifaschistischen Geschichtsschreibung massiv angriff, bleibt eine umstrittene Figur. Während fast alle Historiker das Verdienst De Felices würdigen, eine Unmenge neuer Quellen erschlossen zu haben, ist die Zunft sich weniger einig darüber, wie sein Werk insgesamt zu beurteilen ist. Den einen gilt De Felice als größter Faschismusforscher aller Zeiten, den anderen als Vertreter eines fragwürdigen Revisionismus. Insbesondere die deutschsprachige Faschismusforschung begegnet De Felice eher mit Skepsis, da er den Faschismus zu milde dargestellt habe.[3]

Die römische Fondazione Ugo Spirito (seit 2011: Fondazione Ugo Spirito e Renzo De Felice), deren Vorsitz De Felice 1992–1996 innehatte, hat unter ihrem Präsidenten Giuseppe Parlato die Edition der weit verstreuten journalistischen Schriften De Felices in Angriff genommen, deren erster Band 2016 erschien. Der dritte Band folgte pünktlich im 90. Geburtsjahr des Historikers und umfasst die Jahre 1989–1996. Wie die vorherigen Bände bietet er keine vollständige Sammlung, sondern eine repräsentative Auswahl.[4] Insbesondere die Zeitungsartikel, die mit der Genese des letzten Bandes der Mussolini-Biografie zusammenhängen, hat Giuliana Podda bei ihrer Zusammenstellung bewusst ausgeblendet. Wie Parlato in der Einführung feststellt, hat die Zahl der journalistischen Beiträge in den letzten Lebensjahren De Felices noch einmal zugenommen. Dessen Pressebeiträge erschienen 1989–1996 in den großen Tages- und Wochenzeitungen des Landes: in „Il Giornale“, „La Stampa“, „Corriere della Sera“ und „Panorama“. Mit 80 Prozent überproportional stark vertreten sind in diesem Zeitraum Interviews – eine Form der Darstellung, mit der De Felice seit jeher das größte Aufsehen erlangte. Mit den Interviews löste er die drei großen Auseinandersetzungen um seine Person aus: 1975 um den mit Michael Ledeen geführten „Intervista sul fascismo“; zur Jahreswende 1987/88 um ein mit dem Journalisten Giuliano Ferrara geführtes Doppelinterview, in dem er die Aufhebung des antifaschistischen Paradigmas forderte, und schließlich 1995 mit dem Interviewbuch „Rosso e Nero“, in dem er seine Forschungen zum Biennium 1943–1945 öffentlichkeitswirksam vorwegnahm und polemisch zuspitzte.[5]

Der dritte Band der „Scritti giornalistici“ beginnt mit einem Beitrag De Felices anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der antijüdischen Rassengesetze vom November 1938 und schließt mit einem Kommentar zum Buch „Le Passé d’une illusion. Essai sur l’idée communiste au XXe siècle“ seines Historikerkollegen François Furet. Als interessant erweist sich, dass De Felice, der 1980 selbst eine – alles andere als kritische – Edition der Tagebücher Galeazzo Cianos herausgegeben hat, bereits Zweifel an deren Zuverlässigkeit äußerte (S. 28). Tobias Hof gelang 2012 der Nachweis, dass die Tagebücher teilweise vom Außenminister und Schwiegersohn des „Duce“ sowie seiner Ehefrau Edda manipuliert wurden.[6]

Abgedruckt sind auch die 1993 in der Turiner „La Stampa“ mit Gian Enrico Rusconi geführten Diskussionen um den Ort der Resistenza in der jüngsten Geschichte Italiens und insbesondere um den 8. September 1943, den Tag der Bekanntwerdung des Waffenstillstands der Regierung Badoglio mit den Alliierten, auf den der Einmarsch der Wehrmacht und der Zusammenbruch der italienischen Armee folgte. Nach De Felice unterminierten diese traumatischen Ereignisse langfristig das italienische Nationalgefühl – später sprachen Ernesto Galli della Loggia und er gar vom „Tod des Vaterlandes“. Im 8. September sieht De Felice „ein Meisterwerk des Ungeschicks und der militärischen, politischen und zivilen Nichtverantwortung“ (S. 158). Zwar teilt er nicht die von Sergio Romano postulierte Analogie zwischen dem Italien von 1943 und dem vom Tangentopoli-Korruptionsskandal gebeutelten Italien des Jahres 1993. Doch habe die „ethisch-politische Schwäche der italienischen politischen Klasse“ (S. 156) heute wie damals bestanden.

Francesco Perfetti stellt die These auf, De Felice habe sich in Wahrheit durchaus gerne und mit großem Einsatz an politischen und gesellschaftlichen Debatten seiner Zeit beteiligt.[7] Dies bestätigen Artikel wie „De Felice risponde ai pacifisti: ‚Ragazzi sono soltanto slogan‘“ (S. 74–76), in dem er seine – von einigen Studenten der Sapienza heftig kritisierte – Unterzeichnung des Aufrufs Indro Montanellis zur Verteidigung der italienischen Mission im zweiten Golfkrieg rechtfertigte, oder „Né con Fini né con Rutelli“ (S. 186), in dem De Felice bei der Stichwahl des Bürgermeisters von Rom 1993 weder dem „grünen“ noch dem neofaschistischen Kandidaten seine Unterstützung aussprach.

Der von Perfetti herausgegebene Sammelband enthält die Akten der Tagung, welche die Fondazione Biblioteche Cassa Risparmio Firenze am 25. Mai 2016, dem 20. Todestag De Felices, organisiert hat. Festzustellen ist vorab, dass dieser Band von der defelicianischen Sichtweise geprägt ist: Neben dem Herausgeber, der De Felice 1990 kennenlernte und ein enges freundschaftliches Verhältnis zu ihm aufbaute, hat etwa auch der prominente De Felice-Schüler Giovanni Sabbatucci einen längeren Aufsatz zum Thema „De Felice e le origini del fascismo“ beigetragen. Außer seinen persönlichen Bezug zu De Felice zu schildern, nimmt der Herausgeber in der „Presentazione“ (S. 7–12) eine kurze Charakterisierung des Historikers vor, der im Unterschied zu vielen anderen italienischen Professoren eine aktive Beteiligung in der Politik stets gemieden hat. Das Werk De Felices, von den frühen Forschungen zu den Jakobinern bis hin zur Mussolini-Biografie, sieht Perfetti durch ein gemeinsames inhaltliches Element verbunden. Immer sei es um Themen der Nation oder Demokratie gegangen. Als Historiker, der vom Primat der Politikgeschichte überzeugt gewesen sei, ordnet Perfetti ihn der Gruppe zu, der auch Federico Chabod, Rosario Romeo und Giovanni Spadolini angehörten.

Der inhaltliche Aufbau des Sammelbandes in drei Sektionen, der sich dem Rezensenten nicht erschließt, wird nicht erklärt. Ebenso vermisst man eine kurze Zusammenfassung der insgesamt 13 Beiträge, von denen hier nur drei weitere näher besprochen werden. Perfettis zweiter Beitrag „La lezione storiografica ed etico-politica di Renzo De Felice“ (S. 23–36) bietet einen guten Überblick über die wichtigsten Aspekte insbesondere des Faschismus-Werks De Felices. Perfetti betont, dass De Felice der erste gewesen sei, der die Dokumente des Faschismus selbst studiert habe, nachdem diese Epoche zuvor apriorisch mit einer „antihistorischen Mentalität“ (S. 26) in die reine Negativität verbannt worden sei. Er erwähnt sämtliche wichtige Thesen De Felices wie diejenige der „Jahre des Konsenses“, der zufolge der Faschismus 1929–1936 auf einem breiten Konsens aufgebaut habe, oder der These von der „breiten Grauzone“, nach der 1943–1945 die Mehrheit der Italiener eine Entscheidung im Bürgerkrieg vermieden und sich stattdessen ums bloße Überleben gekümmert habe. Bisweilen erweist sich seine Darstellung jedoch als einseitige Apologie. Wenn Perfetti erklärt, die Präzisierung der von De Felice so stark hervorgehobenen Differenzen zwischen Nationalsozialismus und italienischem Faschismus seien nunmehr unbestrittener Teil der internationalen Historiografie (S. 34), muss ihm klar widersprochen werden. Insbesondere in der deutschen Geschichtswissenschaft geht der Trend inzwischen klar zur Betonung der Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Regimen.[8] Anders als die übrigen Beiträger des Sammelbandes hat Perfetti es zudem sogar bei direkten Zitaten versäumt, einen bibliografischen Nachweis zu liefern.

Als vergleichsweise De Felice-kritisch erweist sich der kurze Aufsatz von Gian Enrico Rusconi, der unter dem Titel „Renzo De Felice, la Resistenza, la Costituzione“ (S. 83–92) einige Überlegungen zur Gültigkeit und zu den Grenzen der Thesen De Felices zur italienischen Widerstandsbewegung anstellt. Rusconi gibt zunächst die Meinungsverschiedenheiten wieder, die in einem Gespräch De Felices mit Norberto Bobbio 1995 zu Tage traten. Während für De Felice wie gesagt der 8. September 1943 das tragische Datum für die Nation darstellt, war es für Bobbio der 10. Juni 1940, der Tag des italienischen Kriegseintritts.[9] Anschließend versieht Rusconi unter Betrachtung des antifaschistischen Florentiner Rechtsprofessors Piero Calamandrei, dessen Rolle in der verfassungsgebenden Versammlung De Felice nicht mehr verfolgt habe, die pessimistische Interpretation des römischen Historikers mit einem Fragezeichen. Hatte De Felice wirklich mit seiner Behauptung Recht, dass die Resistenza nicht in der Lage war, die Nation wiederzubeleben? Wenn Calamandrei im Unterschied zu De Felice den Mythos von der aus der Resistenza geborenen Verfassung für überzeugend hielt, ging dann aus der Widerstandsbewegung mit der Nachkriegsdemokratie nicht etwas Positives hervor?

Giorgio Petracchi zeichnet in „Renzo De Felice, la politica estera e le guerre del duce“ (S. 149–170) die Interpretation De Felices von der Außenpolitik des faschistischen Italiens bis zu dessen Kriegseintritt nach, laut Meinung des Rezensenten jedoch allzu unkritisch. Die These De Felices, dass die ersten zehn Jahre der faschistischen Außenpolitik insgesamt „vorsichtig und vernünftig“ gewesen seien, hätte man nicht nur mit dem Überfall Italiens auf Korfu 1923, sondern auch mit einem Blick auf den Krieg in Libyen relativieren können. Dieser erreichte mit einer groß angelegten Enteignung der libyschen Bevölkerung bereits kurz nach der Machtübernahme Mussolinis eine neue Dimension und artete 1929–1934 in der Cyrenaika gar zu einem Genozid aus. Dies bleibt jedoch ebenso unerwähnt wie die Tatsache, dass De Felice den brutalen Einsatz von Giftgas in Libyen und Abessinien auf den rund 8.000 Seiten seines Mammutwerks kaum anspricht. Zu seiner Entschuldigung muss gesagt sein, dass der endgültige Nachweis dafür – auch wegen der späten Öffnung der Kolonialarchive – tatsächlich erst 1988 geliefert wurde.[10] Gleichwohl sollte ein solcher Hinweis bei einer modernen Besprechung dieses Teilaspekts seines Werks nicht fehlen.

Wenn De Felice den Abessinienkrieg als „politisches Meisterwerk Mussolinis“ bezeichnet, so mag das zwar insofern zutreffen, als Mussolini mit der Ausrufung des impero 1936 den Höhepunkt der Zustimmung zu seinem Regime erlangte. Angesichts der brutalen Methoden der Kriegsführung erscheint diese Formulierung aber zumindest unglücklich. Auch die These De Felices, Italien habe in den 1930er-Jahren das entscheidende Gewicht auf der Waagschale („peso determinante“) zwischen den Machtblöcken gebildet[11], ist lange nicht so unumstritten wie es in Petracchis Darstellung scheint: Laut Wolfgang Schieder, MacGregor Knox und Jens Petersen suchte das Italien Mussolinis schon länger dezidiert und auch aus ideologischen Gründen den Schulterschluss mit Deutschland. Spätestens 1936 mit der Beteiligung am Spanischen Bürgerkrieg und der Ausrufung der „Achse Berlin-Rom“ sei die Politik des peso determinante daher aufgegeben worden.[12] Nach De Felice hingegen spielte diese Politik in der Vorstellung Mussolinis sogar noch über den Stahlpakt und die Erklärung der non-belligeranza hinaus eine gewisse Rolle. Wahr scheint, dass Mussolini, wie die beiden Gentleman’s Agreements vom Januar 1937 und April 1938 belegen, offenbar noch ein freundschaftliches Verhältnis zu Großbritannien suchte. Gleichfalls richtig scheint aber auch, dass sich Italiens Handlungsspielraum ab 1936 – auch aus wirtschaftlichen Gründen – stark verengte.

Dass allein wegen der reichhaltigen Dokumentation niemand, der sich ernsthaft mit dem italienischen Faschismus beschäftigt, am Werk De Felices vorbeikommt, betonen zahlreiche Historiker zu Recht. Umso wichtiger scheint es, mehr als 20 Jahre nach dem Tod des römischen Faschismusforschers eine sachliche und differenzierte Beurteilung seines Werks zu etablieren. Es ist an der Zeit, De Felice selbst der Revision zu unterziehen, die er als die Aufgabe eines jeden Historikers bezeichnete. In diese Richtung macht der hier besprochene Sammelband jedoch nur einen ersten, kleinen Schritt.

Anmerkungen:
[1] Diesen Band stellten De Felices Schüler aus seinem Nachlass zusammen, er erschien posthum: Renzo De Felice, Mussolini l’alleato, Bd. 2: La guerra civile 1943–1945, Turin 1997.
[2] Donatello Aramini, Renzo De Felice e la recente storiografia italiana, in: Studi Storici 55 (2014), S. 335–348.
[3] Vgl. etwa Wolfgang Schieder, Die Verdrängung der faschistischen Tätervergangenheit im Nachkriegsitalien, in: Asfa-Wossen Asserate / Aram Mattioli (Hrsg.), Der erste faschistische Vernichtungskrieg. Die italienische Aggression gegen Äthiopien 1935–1941, Köln 2006, S. 177–197.
[4] Die nach wie vor umfassendste Bibliografie bietet Fiorenza Fiorentino, Bibliografia di e su Renzo De Felice, in: Luigi Goglia / Renato Moro (Hrsg.), Renzo De Felice. Studi e testimonianze, Rom 2002, S. 333–506.
[5] Vgl. Renzo De Felice, Der Faschismus. Ein Interview von Michael A. Ledeen. Mit einem Nachwort von Jens Petersen, Stuttgart 1977 (ital. Original 1975). Die Interviews von 1987/88 sind wieder abgedruckt in Jader Jacobelli (Hrsg.), Il fascismo e gli storici oggi, Rom / Bari 1998, S. 3–11; vgl. zudem Renzo De Felice, Rosso e Nero, Pasquale Chessa (Hrsg.), Mailand 1995.
[6] Tobias Hof, Die Tagebücher von Galeazzo Ciano, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 60 (2012), S. 507–527.
[7] Vgl. den hier besprochenen Tagungsband, S. 11.
[8] Vgl. bereits die diesbezügliche Kritik an De Felice bei Wolfgang Schieder, Faschismus als Vergangenheit. Streit der Historiker in Italien und Deutschland, in: Walter H. Pehle (Hrsg.), Der historische Ort des Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1990, S. 135–154; vgl. auch Thomas Schlemmer / Hans Woller, Politischer Deutungskampf und wissenschaftliche Deutungsmacht. Konjunkturen der Faschismusforschung, in: Dies. (Hrsg.), Der Faschismus in Europa. Wege der Forschung, München 2014, S. 7–16. Verwiesen sei auch auf die Arbeiten Patrick Bernhards.
[9] Das Gespräch erschien 1996 in Buchform: Norberto Bobbio / Renzo De Felice / Gian Enrico Rusconi (Hrsg.), Italiani, amici nemici, Mailand 1996.
[10] Vgl. Giorgio Rochat, L’impiego dei gas nella guerra d’Etiopia 1935–36, in: Rivista di Storia contemporanea 1 (1988), S. 74–109.
[11] Der Begriff stammt ursprünglich von Dino Grandi, der zunächst Unterstaatssekretär und von 1929–32 Außenminister war. Vgl. auch Renzo De Felice, Beobachtungen zu Mussolinis Außenpolitik, in: Saeculum. Jahrbuch für Universalgeschichte 24 (1973), S. 314–327.
[12] Vgl. Wolfgang Schieder, Der italienische Faschismus, München 2010, S. 55; Jens Petersen, Die Stunde der Entscheidung. Das faschistische Italien zwischen Mittelmeerimperium und neutralistischem Niedergang, in: Helmut Altrichter / Josef Becker (Hrsg.), Kriegsausbruch 1939. Beteiligte, Betroffene, Neutrale, München 1989, S. 131–152; MacGregor Knox, Common destiny. Dictatorship, foreign policy, and war in Fascist Italy and Nazi Germany, Cambridge 2000, S. 116.

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06.01.2021
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