N. Hansson u.a. (Hrsg.): Explorations in Baltic Medical History, 1850–2010

Cover
Titel
Explorations in Baltic Medical History, 1850–2010.


Herausgeber
Hansson, Nils; Wistrand, Jonatan
Reihe
Rochester Studies in Medical History
Erschienen
Anzahl Seiten
X, 260 S.
Preis
£ 65.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Merle Weßel, Abteilung Ethik in der Medizin, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Der Sammelband „Explorations in Baltic Medical History, 1850–2010“, herausgegeben von Nils Hansson und Jonatan Wistrand, basiert auf den Vorträgen eines gleichnamigen Symposiums, das 2014 an der Universität Lund veranstaltet wurde. Das Ziel der Anthologie ist es, erste Impulse für eine medizinhistorische Betrachtung der Anrainerstaaten der Ostsee sowie von deren Wissenstransfer und -kommunikation im 19. und 20. Jahrhundert zu liefern. Es werden hierbei zwei neue Perspektiven zusammengebracht: zum einen der Ostseeraum als relevanter historischer Forschungsraum, zum anderen die medizinhistorische Sichtweise auf diesen geographischen Raum. Das Buch gliedert sich in zwei Hauptteile mit jeweils fünf Unterkapiteln. In der Einleitung legen Hansson und Wistrand dar, dass eine systematische medizinhistorische Erfassung des Ostseeraums ein Forschungsdesiderat sei. Gleichzeitig problematisieren sie aber auch, dass bereits die Definition ebendieses Ostseeraums eine konzeptionelle Herausforderung darstelle, da es zwar zahlreiche Begriffe gebe, die diese Region beschrieben, wie zum Beispiel „Baltoscandia“, „northeastern Europe“, „northern Europe“ und andere, diese seien aber keinesfalls als Synonyme zu verwenden, da der Ostseeraum keine gemeinsame Geschichte, Machtstruktur, Nationalität oder Religion besitze, sondern durch Pluralität bestimmt sei.

Diese Pluralität spiegelt sich auch in den Kapiteln des vorliegenden Sammelbandes wider. Die Beiträge des ersten Teils, überschrieben mit „Transfers of Medical Knowledge across the Baltic Sea”, beschäftigen sich mit medizinischem Wissen oder medizinischen Praktiken sowie mit deren transnationaler Verbreitung im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Anders Ottosson diskutiert die Entwicklung und Verbreitung von Physiotherapie mithilfe von ersten Fitnessgeräten und legt dar, wie Physiotherapie von einem Oberklasse-Phänomen zu einer etablierten medizinischen Praxis in Schweden wurde. Michaela Malmberg beschäftigt sich mit dem Thema der gynäkologischen Massage in Deutschland, Schweden und Finnland. Sie räumt mit dem oft populärwissenschaftlich geprägten Missverständnis auf, das gynäkologische Massage mit Masturbation in Verbindung bringt, und zeigt, dass insbesondere die ersten weiblichen Gynäkologinnen in Schweden und auch Finnland aktiv in diesem Feld waren. Joanna Nieznanowska deckt ein Forschungsdesiderat in der regionalen Medizingeschichte der Stadt Stettin auf. Sie legt überzeugend dar, dass das Nicht-Erforschen nicht immer gleichbedeutend ist mit der Tatsache, dass nichts passiert ist, und zeigt auf, welche Archivbestände in Stettin noch medizinhistorisch erforscht werden könnten. Motzi Eklöf diskutiert in ihrem Kapitel, wie die Pockenepidemie in Malmö 1932 das Versagen von national führenden schwedischen Ärzten aufzeigte. Besonders interessant in ihrem Beitrag ist die Schilderung der Rolle von dem Mediziner und Leiter des schwedischen Gesundheitsamtes Axel Höjer, dem oftmals eine sehr positive und wenig kritische Diskussion in schwedischer Geschichtsforschung zuteil wird. Ken Kalling und Erki Tammiksaar diskutieren zum Abschluss des letzten Teils, wie sich deutsch-estnische ethnische Konflikte in Estland in der Abstinenzbewegung widerspiegelten und welche Rollen die Biologisierung und medizinische Betrachtung von Alkoholkonsum auf die nationalen Auseinandersetzungen hatten.

Der zweite Teil widmet sich dann Vergleichsstudien, die transnationale Brücken und Verbindungen innerhalb des Ostseeraums schlagen. Axel C. Hüntelmann beschäftigt sich mit den deutsch-skandinavischen Wissenschaftsbeziehungen um 1900 am Beispiel des Immunologen Paul Ehrlich und stellt den regen und oftmals kontroversen Austausch zwischen meist deutschen und dänischen Medizinern dar, der bis nach Polen reichte und so ein weitreichendes Netz über den Ostseeraum spannte. Maike Rotzoll und Frank Grüner widmen sich der Verbreitung des Melancholie-Konzeptes von dem Psychiater Emil Kraepelin an der Universität Tartu und legen dar, wie ein estnischer Bauer zu einem grundlegenden Beispiel der Melancholie-Forschung wurde. Jonatan Wistrand bespricht aus einer literaturwissenschaftlichen Perspektive die Pathografien von Harriet Löwenhjelm und ihren Weg durch verschiedene Sanatorien, bis sie schließlich an Tuberkulose verstarb. Katharina Baier mit ihrem Kapitel zum Biobanking in Schweden, Estland und Deutschland und Martin Gunnarsons empirische Studie zur Interaktion von Patient/innen auf Dialyse-Stationen in Riga und Stockholm bringen das Thema der Medizin und des medizinischen Wissenstransfers im Ostseeraum schließlich in die Gegenwart.

Die Themen und Forschungsfelder der Beiträge des Sammelbandes sind so vielfältig und multidisziplinär wie der Raum, den sie besprechen. Auch wenn der Titel eine Medizingeschichte des Ostseeraums verspricht, zeigt die Zusammenstellung der Kapitel die Inter- und Multidisziplinarität ebendieses Forschungsfeldes auf, zum Beispiel mit dem literaturwissenschaftlichen Kapitel von Jonatan Wistrand oder den sozialwissenschaftlichen Beiträgen von Katharina Baier und Martin Gunnarson. Dies gereicht der Anthologie nicht zum Nachteil, sondern zeigt, dass Medizingeschichte nicht als exkludierende historische Disziplin gesehen werden darf und dass eine Interaktion mit verwandten geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschungsfeldern den Erkenntnisgewinn fördert.

Die Fokussierung des Sammelbandes auf den Ostseeraum als Kulturraum folgt ähnlichen wissenschaftlichen, aber auch geopolitischen und politischen Bestrebungen, die sich in den letzten Jahren bereits gezeigt haben. Allerdings wird hier eine neue Perspektive in die Diskussion eingeführt, die den medizinischen Wissenstransfer und -austausch als ein wichtiges Element im Ostseeraum hervorhebt. Die Autor/innen zeigen alle auf, dass sich trotz der erwähnten Pluralität im Ostseeraum dieser bereits im 19. Jahrhundert als Raum des Wissens und Wissensaustausches darstellte, was mit einem Einfluss sowohl auf medizinische Entwicklungen, wie zum Beispiel gezeigt von Axel C. Hüntemann und Anders Ottosson, oder auch auf die politische Entwicklung, wie im Aufsatz von Ken Kalling und Erki Tammiksaar, einherging. Auch das Fehlen und Verschweigen eines historischen Raumes, wie Joanna Nieznanowska es in ihrem Kapitel zur noch nicht erforschten Geschichte der Medizin in Stettin zeigt, hat Auswirkungen auf den historischen Raum.

Der Sammelband muss als ein Startpunkt für eine neue Perspektive in der medizinhistorischen Forschung gesehen werden. Sicherlich weist er keinen allumfassenden Blick auf die Medizingeschichte des Ostseeraums auf. Zum Beispiel wäre ein eigenes Kapitel zum Einfluss Finnlands wünschenswert gewesen, hatte dieses Land an der Peripherie zwischen Ost und West doch seit jeher ein Problem, sich in den skandinavischen Raum einzuordnen, und waren dessen Verbindungen in den Ostseeraum auch für den medizinischen Wissenstransfer, beispielsweise mit Deutschland oder mit dem Baltikum, prägend. Trotzdem folgt der Band wichtigen Strömungen sowohl in der Geschichtswissenschaft als auch in den Kultur- und Sozialwissenschaften, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs neue Kultur- und Wissensräume entdecken, die sich außerhalb von nationalen oder Ost-West-Perspektiven erstrecken. Des Weiteren zeigt die vorliegende Anthologie, dass ein Verzicht auf diese Perspektive wesentliche Teile der Wissenschafts- und Medizingeschichte vernachlässigen würde. Der Sammelband von Nils Hansson und Jonatan Wistrand ist somit ein gelungener und sehr lesenswerter Auftakt einer Medizingeschichte des Ostseeraumes und sollte als eine Einladung und Anregung zur Ausweitung dieses Forschungsbereiches verstanden werden.

Redaktion
Veröffentlicht am
18.12.2020
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