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Titel
Karl Lamprecht. Das Leben eines deutschen Historikers (1856–1915). Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Sabine vom Bruch und Roger Chickering


Autor(en)
Chickering, Roger
Erschienen
Stuttgart 2021: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
689 S., 33 SW-Abb.
Preis
€ 89,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gangolf Hübinger, Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder)

„Karl Lamprecht war der berühmteste und interessanteste Historiker Deutschlands in der Wilhelminischen Ära“. Zugleich, und das macht für den Biographen Chickering den ganz besonderen Reiz aus, müssen wir uns Lamprecht als den „umstrittensten Historiker seiner Zeit“ vor Augen führen. Aus dieser Doppelperspektive hat sich Chickering in seiner 1993 auf Englisch erschienenen Lamprecht-Biographie[1] der Herausforderung gestellt, individuelle Lebensgeschichte, allgemeine Geschichte der Geschichtsschreibung und Geschichte des Kaiserreichs an der großen Kulturschwelle um 1900 originell und methodisch anspruchsvoll zu verknüpfen. Die Aufgabe hat Chickering souverän gemeistert, und das rechtfertigt die nun erschienene deutsche Ausgabe. Sie bereichert die Debatte zum rechten Zeitpunkt, so wie sich die Geschichte der Geschichtswissenschaft aktuell „in einer ungewöhnlichen Forschungskonjunktur“ sieht.[2]

Roger Chickering, der bis zu seiner Emeritierung 2010 an der Georgetown University in Washington lehrte, zählt zu den renommiertesten Historikern des Kaiserreichs und des Ersten Weltkriegs. Mit Monographien zur Deutschen Friedensbewegung einerseits und zum nationalistischen Alldeutschen Verband andererseits erfasst er die eigenartigen Spannungen in der politischen Kultur der Kaiserzeit, in die Lamprechts Lebensgeschichte hineingestellt werden muss. Mit Studien zu politischen Historikern wie Dietrich Schäfer sezierte er das dominierende Paradigma eines staatszentrierten Historismus, gegen das sich Lamprecht mit seiner „neuen Kulturgeschichte“ so vehement abarbeitete. Im Anschluss an seine Biographie schrieb Chickering eine Geschichte Freiburgs im Ersten Weltkrieg als eine „histoire totale“, von Lamprecht inspiriert, aber ohne die geschichtstheoretischen Kurzschlüsse, die Lamprecht seinerzeit in die „Verbannung“ führten (Kapitel 8).

Es lohnt sich, zu Beginn die beiden Vorworte zu vergleichen. Das amerikanische Vorwort von 1992 empfahl eine psychologisch sensibilisierte Lektüre mit der Hilfe von Georg Lukács und dessen romantheoretischen Annahmen einer Biographie als „Wanderung des problematischen Individuums zu sich selbst“. Übermächtig für den „Zusammenhang zwischen den Kindheitserfahrungen und dem Verhalten des erwachsenen Historikers“ (S. 29) sei der autoritäre Vater gewesen, ein protestantischer Pfarrer, der den jungen Karl stets und drangsalierend mit dem früh verstorbenen älteren Bruder Georg verglich. Im Vorwort zur deutschen Auflage verschiebt Chickering nunmehr mit Bourdieus Kritik an kohärenten Lebenserzählungen die Leseperspektive und empfiehlt, konstruktivistischer Lamprechts Lebensgeschichte als „künstlich-künstlerischen Akt […] von außen her“ zu akzentuieren.

Auf „drei Themenkomplexe“ lenkt Chickering jetzt den Blick, um unser Interesse an Lamprecht neu zu wecken. Das ist zuallererst der mit dem Namen Lamprecht identifizierte große Methodenstreit zur Jahrhundertwende um die „neue Kulturgeschichte“; das sind zweitens die institutionellen Innovationen und internationalen Verbindungen, für die Lamprecht wie kein anderer Kaiserzeit-Historiker stand; das ist drittens das Konzept einer interdisziplinären und vergleichenden Weltgeschichte, das Lamprecht an der Universität Leipzig entwickelte, und wovon sich Linien bis in die Gegenwart ausziehen lassen. Wenn wir bedenken, wie hoch heute die Ansprüche an eine globalisierte Erfahrungs- und Vergleichsgeschichte sind und wie diffus gleichzeitig unsere methodenkritischen Reflexionen mäandrieren, dann erteilt uns Chickering eine wissenschaftsgeschichtlich mustergültige Lektion, wie intensiv in Lamprechts Epoche um die theoretischen Grundlagen der Geschichtswissenschaften gerungen wurde.

Lamprecht studierte Geschichte in Göttingen, Leipzig und München im goldenen Zeitalter des Historismus, als sich das Fach den eigenständigen „Rang einer Wissenschaft“ (Johann Gustav Droysen) erkämpft und nach der Reichsgründung von 1871 seine Stellung als politische Orientierungsmacht behauptet hatte. Chickering schildert Lamprechts „schillernde Intellektualität“, rastlos, begierig nach Anerkennung, hochmütig, kompromisslos. Seine Leitsterne fand er in seinem nationalökonomischen Lehrer Wilhelm Roscher und in Jacob Burckhardt. In der Verbindung von beiden visierte der aufstrebende Historiker nicht weniger als eine „Totalgeschichte“ an, in der „Kunst, Kultur, Politik und materielle Zustände sich alle gegenseitig beeinflußten, indem sie gemeinsame historische Entwicklungsstufen durchliefen“ (S. 112). Unter dem Stichwort „Neue Kulturgeschichte“ wurde es sein Lebensprojekt. So lange Lamprecht quellengestützt zur Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters arbeitete, stand seiner Karriere wenig im Wege. 1885 wurde er außerordentlicher Professor in Bonn, 1890 wechselte er nach Marburg, und schon 1891 erhielt er den Ruf nach Leipzig, die Wirkungsstätte bis zu seinem Tod. Hier nahm „meine Lebensaufgabe“, die zwölfbändige „Deutsche Geschichte“ von den germanischen Stämmen bis zur Gegenwart (1891-1909) Fahrt auf. Den jahrelangen Methodenstreit, der sich daran festbiss, rekonstruiert Chickering akribisch unter der Überschrift „Der Ruin des Historikers“ („The Destruction of the Historian“). Vordergründig war es ein Streit um den Primat von Politikgeschichte oder Kulturgeschichte und um den „Staat“ als Triebkraft aller Geschichte. Lamprechts Eigenart, „erfinderisch, aber schlampig“ große Synthesen zu konstruieren, brachte unter dem Wortführer Georg von Below die gesamte Zunft gegen ihn auf. Seine Oberflächlichkeit diskreditierte das berechtigte Anliegen der historischen Kultur- und Sozialwissenschaften, das Wissensfeld gegenüber einer staatszentrierten und neo-rankeanischen Politikgeschichte prinzipiell zu erweitern.

Denn um einheitliche und besser begründete Erkenntnisprinzipien der historisch verfahrenden Kultur- und Sozialwissenschaften, für welche die Nationalökonomie paradigmatisch und die Soziologie noch nicht verankert war, drehte sich der Methodenstreit in seinem Kern, wie Chickering präzise herausarbeitet. Kann Geschichte eine entwicklungslogische Gesetzeswissenschaft sein, wie sie Lamprecht postulierte und den Deutschen ihre Vergangenheit ganz „naturalistisch“ in fünf Kulturzeitaltern vorführte als „Symbolismus, Typismus, Konventionalismus, Individualismus, Subjektivismus“? Jede Entwicklungsstufe folge einer eigenen psychischen Disposition, dem „Diapason“. Oder verlangt „volle historische Kulturerkenntnis“ nicht vielmehr die Vorarbeit sorgfältigster Begriffsdefinitionen und Reflexion auf die eigene Wertposition, weil im Denkstil Kants rein logisch eine unendliche Menge von Wertgesichtspunkten mit einer ebenso unendlichen Menge „historischer Tatsachen“ verknüpft werden kann? Das war die radikale Gegenposition, mit der Max Weber in die Grundsatzkontroverse eingriff und sie in seinen methodologischen Schriften auf eine neue Ebene hob. Durch Lamprechts erkenntnistheoretischen „Dilettantismus“ sah vor allem Weber das gemeinsame Anliegen einer Methodenreform der historischen Wissenschaften diskreditiert. Nicht zufällig bezeichnete er 1904 seine „Protestantische Ethik“ ganz in der Semantik des Methodenstreits als „kulturgeschichtlichen Aufsatz“, um unter anderem zu zeigen, wie „‚Ideen‘ in der Geschichte wirksam werden“.

Lamprecht brachte solche Kritik nicht von seinem Kurs ab. Er festigte seine Stellung im eigenen Leipziger Milieu, dem „Positivistenkränzchen“ mit dem Nationalökonomen Karl Bücher, dem Experimental- und Völkerpsychologen Wilhelm Wundt, dem Chemiker Wilhelm Ostwald und dem Geographen Friedrich Ratzel. Die interdisziplinäre Konstellation dieser Koryphäen, die sich alle als „Systembauer“ auch zu makrohistorischen Entwicklungsstufen äußerten, bestärkte ihn, die Verbannung aus der eigenen Zunft zu ignorieren und seine Theorie einer „biogenetischen“, „evolutionistischen“ und deshalb „neuen“ Kulturgeschichte umso offensiver zu verfechten.[3] In heutiger Zeit, in der wir erneut die Tragfähigkeit naturwissenschaftlicher Brückenschläge zur Kulturgeschichte austesten[4], lohnt es, von Chickering geleitet, uns den heftigsten Methodenstreit in den modernen Geschichtswissenschaften frisch vor Augen zu führen.

Der zweite Themenkomplex zu Lamprechts erfolgreicher Hochschulpolitik und der dritte zu seinem Griff nach der Weltgeschichte sind im Schlussteil der Biographie eng miteinander verwoben. Der Name dafür ist das „Königlich-Sächsische Institut für Kultur- und Universalgeschichte bei der Universität Leipzig“. Die Gründung 1909 zählt zu Lamprechts „glücklichsten Momenten“. In diesem einmaligen Institut wollte er den Beweis antreten, dass seine „in der Entwicklung der deutschen Volksgemeinschaft entdeckten seelischen Entwicklungsstufen von Zeitaltern […] schlechthin allgemein gültig sind und sich in der Entwicklung aller Völker des Erdballs ohne Ausnahme wiederfinden“. Die Mehrheit spottete über einen solchen sektiererischen Abweg. Nur eine Minderheit begrüßte die transnationale Horizonterweiterung, mit der der nationale Außenseiter international recht erfolgreich wurde. Die Freundschaft zu Henri Pirenne ging daraus hervor, die Pioniere der französischen Annales-Schule studierten seine Verknüpfung von Geographie und Wirtschaftsentwicklung[5], Leipzig geriet zum „Mekka für ausländische Studierende“. Als Rektor im akademischen Jahr 1910 richteten sich Lamprechts Ambitionen auf eine „Überflügelung der Berliner Universität“ durch weitere und gründlich reformierte geisteswissenschaftliche Forschungsinstitute.

Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn aktivierte Lamprecht den klassischen Historikeranspruch des 19. Jahrhunderts, Vordenker der aktuellen Politik zu sein. Nach seiner Abkehr vom „Alldeutschen Verband“ und der Hinwendung zur Friedensbewegung, die ihn in den Vorstand des „Verbandes für internationale Verständigung“ geführt hatte, beriet er Reichskanzler Bethmann Hollweg, dreißig Jahre zuvor ein Gefährte am Elitegymnasium von Schulpforta, in Fragen auswärtiger Kulturpolitik. Unterschwellig beherrschte ihn weiterhin die missionarische Idee, aus der Geschichte eine hegemoniale deutsche Kulturpolitik ableiten zu können. Im Ersten Weltkrieg formte er daraus ein Kriegsziel. Der Mitunterzeichner des fatalen „Aufrufs der 93“ eröffnete die Aussicht auf eine deutsche Weltherrschaft, nachdem England besiegt und ein Bündnis von der Türkei bis China geschlossen worden sei. Biograph Chickering scheint aufgeatmet zu haben, als Lamprecht im April 1915 starb, bevor er mit dieser imperialen Zukunftsvision in den öffentlichen Überbietungswettbewerb der deutschen Gelehrten und Intellektuellen eintreten konnte.

Die Epoche um 1900 gilt als die revolutionäre Umbruchzeit, in der das dynamisch industrialisierte Deutsche Reich experimentell seinen Weg in die Moderne suchte. In diesem Laboratorium wissenschaftlicher Selbstbeschreibungen und historischer Selbstverortungen zählte Lamprecht zu den zentralen Akteuren. Es ist gut und geboten, das für die Forschungen zur „Kulturschwelle um 1900“ in der vorzüglichen Biographie von Roger Chickering wieder konkret im Blickfeld zu haben. Denn die Auswirkungen reichen bis in die Gegenwart. Neue Quellenfunde seit der amerikanischen Erstausgabe sind systematisch eingearbeitet, neue Literatur dann, wenn es nötig erschien.

Anmerkungen:
[1] Roger Chickering, Karl Lamprecht. A German Academic Life (1856–1915), New Jersey 1993.
[2] Matthias Berg / Helmut Neuhaus (Hrsg.), Briefkultur(en) in der deutschen Geschichtswissenschaft zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert, Göttingen 2021, Einleitung der Herausgeber, S. 9. Der Band enthält zahlreiche Belege zu Lamprechts Bedeutung für die Bildung internationaler Netzwerke um 1900.
[3] Karl Lamprecht, Neue Kulturgeschichte, in: David Sarason (Hrsg.), Das Jahr 1913. Ein Gesamtbild der Kulturentwicklung, Leipzig 1913, S. 449–464, hier S. 460.
[4] Aufschlussreich hierfür Dieter Langewiesche / Niels Birbaumer, Neurohistorie. Ein neuer Wissenschaftszweig? (Reihe Pamphletliteratur, Bd. 6), Berlin 2017.
[5] Vgl. Peter Schöttler, Die „Annales“-Historiker und die deutsche Geschichtswissenschaft, Tübingen 2015.

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Veröffentlicht am
29.03.2021
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