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Titel
Troplowitz. Porträt eines Unternehmerpaares


Autor(en)
Albrecht, Henning
Erschienen
Göttingen 2020: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
488 S.
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Arndt Neumann, Historisches Institut, Fernuniversität in Hagen

Im Jahr 2007 erschien anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung der erste Band der Reihe „Mäzene für Wissenschaft“. Seitdem sind mehr als 20 Biographien über Stifter und Kuratoriumsmitglieder der Gründungsgeneration publiziert worden, vom Reeder Albert Ballin bis hin zum „Diamantenkönig“ und Weggefährten Cecil Rhodes‘ Alfred Beit.[1] Während der konzeptionelle Schwerpunkt auf der „große[n] Tradition bürgerlichen Engagements für die Wissenschaften in Hamburg“ (S. 7) liegt, werden andere Entwicklungsstränge wie die Bedeutung des Kolonialismus für den Reichtum der Hafenstadt und die Herausforderung der Kaufmannsrepublik durch das Erstarken der Sozialdemokratie eher am Rande behandelt.

Als zweiter Band der vom Wallstein Verlag herausgebrachten Neuen Folge ist im Jahr 2020 Henning Albrechts Doppelbiographie „Troplowitz. Porträt eines Unternehmerpaares“ veröffentlicht worden. Darin zeichnet Albrecht den Lebensweg des Hamburger Industriellen Oscar Troplowitz (1863–1918) nach, der in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg noch heute bekannte Markenprodukte wie Leukoplast, Labello und Nivea entwickelte und mit Beiersdorf einen der führenden Pharmahersteller aufbaute. Das eigentliche Interesse gilt jedoch dessen umfangreichem Mäzenatentum für Soziales, Kunst und Wissenschaft. Seine Frau Gertrud Troplowitz (1869–1920) spielt in der Darstellung zunächst nur eine Nebenrolle. Erst in dem Kapitel, welches die zwei Jahre nach seinem frühen Tod behandelt, rückt sie in den Vordergrund. In diese Zeit fallen auch die großzügigen Spenden an die Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung.

Mit seiner Doppelbiographie wendet sich Albrecht einem Unternehmerpaar zu, über das trotz der unbestrittenen Bedeutung relativ wenig bekannt ist.[2] Als ein grundsätzliches Problem erweist sich dabei die schwierige Quellenlage. Da die persönlichen Nachlässe nicht erhalten sind, liegen nur wenige Ego-Dokumente vor. Zwar gelingt es Albrecht, vor allem durch den Rückgriff auf das Unternehmensarchiv, zahlreiche neue Erkenntnisse über das mäzenatische Wirken zusammenzutragen. Doch bleiben die persönlichen Motive vielfach im Dunkeln. Deswegen fasst Albrecht seine Ausführungen einschränkend als „Lebensskizzen“ (S. 17).

Zunächst umreißt er „Herkunft und Prägung“ (S. 19). Ebenso wie seine spätere Frau Gertrud Mankiewicz sei auch Oscar Troplowitz in einer bürgerlich-jüdischen Familie in Preußen aufgewachsen, sie in Posen, er in Breslau. Nach dem Besuch des Gymnasiums habe er eine Lehre als Apotheker abgeschlossen und an der Universität Heidelberg im Fach Chemie promoviert. Aber erst mit seinem Umzug nach Hamburg und der Übernahme eines von Paul Carl Beiersdorf gegründeten kleinen Pharmaherstellers im Jahr 1890 habe der Aufstieg zu einem bedeutenden Industriellen begonnen. Zunächst Guttaperchapflastermulle, und danach zahlreiche weitere pharmazeutische Markenprodukte, hätten den Weg vom „Laboratorium zum globalen Unternehmen“ (S. 63) geebnet. Schon frühzeitig habe Troplowitz dabei die Bedeutung der Werbung erkannt. Zudem habe sich das Lizenz-Geschäft mit den USA als äußerst lukrativ erwiesen. In dem Werdegang von Oscar Troplowitz, so legt Albrecht nahe, verdichteten sich zentrale wirtschaftliche Umbrüche des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, vom Wachstum der auf Wissenschaft beruhenden neuen Industriezweige über den zunehmenden Stellenwert des Konsums bis hin zur kolonialen Globalisierung. Dass für Beiersdorf der Erste Weltkrieg einen tiefen Einschnitt darstellte, fügt sich ins Bild.

Maßgeblich für Troplowitz‘ unternehmerische Tätigkeit seien auch die sozialpolitischen Maßnahmen zugunsten der eigenen Belegschaft gewesen. Dies kennzeichne ihn als „soziale[n] Unternehmer“ (S. 123). Hervorzuheben sei die im Jahr 1916 gegründete Stiftung für betriebliche Altersversorgung, TROMA, die neben Angestellten auch Arbeiterinnen und Arbeiter unterstützt habe. Grundlegendes Merkmal sei dabei die Ambivalenz zwischen Mitbestimmung der Beschäftigten und patriarchaler Bevormundung. So seien Vertreter und Vertreterinnen der Belegschaft in die Vorstandsarbeit einbezogen worden, allerdings nicht gewählt, sondern nur ernannt. Zudem habe die Satzung anfänglich ein Vetorecht des Unternehmens vorgesehen. Ein ähnlicher Zwiespalt zeige sich auch bei Troplowitz‘ politischem Engagement. Als Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft habe er im Jahr 1906 der gegen die Sozialdemokratie gerichteten Verfassungsänderung, dem „Wahlrechtsraub“, zugestimmt. Demgegenüber habe er drei Jahre später einen im „Berliner Tageblatt“ veröffentlichten Aufruf zur Wahlrechtsreform in Preußen unterzeichnet.

Auch über das eigene Unternehmen hinaus habe sich Troplowitz, zusammen mit seiner Frau, für soziale Anliegen eingesetzt. Seinen Ausdruck gefunden habe dies in zahlreichen Vereinsmitgliedschaften und Spenden. Besonders der Kinderfürsorge habe ihre Unterstützung gegolten. Ein weiterer mäzenatischer Schwerpunkt des Unternehmerpaares sei die Kunst gewesen. Davon zeuge die 1909 fertiggestellte Villa Troplowitz an der Außenalster. Entworfen und mit barocken Anklängen versehen habe sie der Berliner Reformarchitekt William Müller. In den repräsentativen Räumlichkeiten habe eine umfangreiche Kunstsammlung Platz gefunden. Neben Bildern des 17. und 18. Jahrhundert habe diese auch zeitgenössische Kunst umfasst, darunter impressionistische Gemälde von Pierre-Auguste Renoir und Max Liebermann sowie ein frühes Werk von Pablo Picasso. Zudem habe Troplowitz eine enge Freundschaft mit dem Hamburger Oberbaudirektor Fritz Schumacher verbunden. Nach dem frühen Tod ihres Mannes habe Gertrud Troplowitz diese Aktivitäten alleine fortgesetzt. Insbesondere gelte dies für die Spenden an die Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung sowie für die testamentarisch verfügte Schenkung des bedeutenden Teils der Gemäldesammlung an die Hamburger Kunsthalle.

Gegenüber dem Großteil des Buches, das sich eng an dem Lebensweg des Unternehmerpaares orientiert, hebt sich das Kapitel „Mit offener Hand – Bürger und Jude.“ (S. 223) mit seinem analytischen Zugang ab. Hier schließt Albrecht an die geschichtswissenschaftlichen Forschungsdebatten über Bürgerlichkeit und Mäzenatentum an. Sein besonderes Interesse gilt dabei der Bedeutung von jüdischen Mäzenen. In kritischer Abgrenzung gegenüber Michael Werner, der in seiner Monographie „Stiftungsstadt und Bürgertum“ Troplowitz‘ Mäzenatentum als Ausdruck eines „großbürgerlichen Habitus“[3] deutet, den dieser im Zuge seines wirtschaftlichen Aufstiegs in Hamburg übernommen habe, betont Albrecht, dass bereits für die bürgerlich-jüdischen Herkunftsfamilien in Breslau und Posen Wohltätigkeit eine wichtige Rolle gespielt habe. Dass religiöse Motive für das Unternehmerpaar selbst von größerer Bedeutung gewesen wären, kann Albrecht jedoch nicht zeigen. Entsprechende Äußerungen sind nicht überliefert. Den gegenteiligen Schluss lässt zu, dass sie sowohl vor als auch nach ihrer Konversion zum Christentum religiöse Einrichtungen nur in relativ geringem Umfang unterstützten und dass sie kaum Kunstwerke mit religiösen Darstellungen förderten. Selbst das von Fritz Schumacher für Oscar Troplowitz entworfene Grabmal nahm vor allem auf die griechische Mythologie Bezug.

Auch für die von Albrecht im Hinblick auf die Kunstsammlung konstatierte „Hinwendung zur Moderne“ (S. 185) erweisen sich die fehlenden Ego-Dokumente als Hindernis für weitergehende Einsichten. Neben dem Sammlungsschwerpunkt auf Werke des 17. und 18. Jahrhunderts deutet das Fehlen expressionischer Bilder darauf hin, dass Oscar und Gertrud Troplowitz nicht zu den entschiedenen Befürwortern der künstlerischen Avantgarde gehörten. Welche Bedeutung sie den von ihnen erworbenen Kunstwerken selbst zuschrieben und wie sie sich dabei im Spannungsfeld von Tradition und Moderne verorteten, bleibt jedoch ungeklärt.

Schließlich wäre eine systematischere Auseinandersetzung mit dem Verhältnis des Unternehmerpaares zum Kolonialismus wünschenswert gewesen. Über den Text verstreut finden sich mehrere Hinweise, von dem kolonialen Rohstoff Guttapercha, der für den Aufstieg des Pharmaunternehmens Beiersdorf von zentraler Bedeutung war, über die Förderung der Deutschen Zentral-Afrika-Expedition von 1910/11 bis hin zur Mitgliedschaft in der Deutschen Kolonialgesellschaft. Gleichzeitig führt dies zurück zu den eingangs erwähnten anderen Mäzenen der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung, deren Lebenswege ebenfalls eng mit der kolonialen Globalisierung des späten 19. und frühen 20. Jahrhundert verflochten waren.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Henning Albrecht, Alfred Beit. Hamburger und Diamantenkönig, 2. überarb. Aufl., Hamburg 2015; Johannes Gerhardt, Albert Ballin, Hamburg 2010.
[2] Vgl. Leonie Beiersdorf / Christine Claussen (Hrsg.), Oscar Troplowitz. Ein Leben für Hamburg, Ostfildern 2013; Ekkehard Kaum, Oscar Troplowitz. Forscher, Unternehmer, Bürger. Eine Monographie, Hamburg 1982.
[3] Michael Werner, Stiftungsstadt und Bürgertum. Hamburgs Stiftungskultur vom Kaiserreich bis in den Nationalsozialismus, München 2011, S. 117.

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Veröffentlicht am
30.08.2021
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