M. Meier: Von Notstand und Wohlstand

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Titel
Von Notstand und Wohlstand. Die Basler Lebensmittelversorgung im Krieg, 1914–1918


Autor(en)
Meier, Maria
Reihe
Die Schweiz im Ersten Weltkrieg 6
Erschienen
Zürich 2020: Chronos Verlag
Anzahl Seiten
349 S.
Preis
€ 58,00
Béatrice Ziegler, Zentrum Politische Bildung und Geschichtsdidaktik am ZDA, Pädagogische Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz

Im Rahmen des interuniversitären Forschungsprojekts „Die Schweiz im Ersten Weltkrieg: Transnationale Perspektiven auf einen Kleinstaat im totalen Krieg“ ist eine Reihe von Arbeiten entstanden, die auf die dynamischen Veränderungen der Erfahrungen und Erwartungshorizonte fokussieren und mit einem vernetzungsgeschichtlichen Ansatz den Austausch- und Interaktionsprozess zwischen der Schweiz und den kriegsführenden Ländern neu beleuchten.[1] Eine davon ist Maria Meiers Fallstudie Von Notstand und Wohlstand, die die Lebensmittelversorgung in der Stadt Basel während des Ersten Weltkrieges untersucht. Seine Relevanz gewinnt das Thema gemäß der Autorin aus der Perspektive des „totalen Kriegs“, in der auch vermeintlich vom Kriegsgeschehen verschonte Aspekte des zivilgesellschaftlichen Lebens deutliche Auswirkungen und Ausprägungen der kriegerischen Auseinandersetzung zeigen. Zum andern geht Meier von der Globalität des Krieges aus, da zum einen auch Neutrale zunehmend unter den Druck kriegführender gegnerischer Mächte gerieten, zum andern, weil die transnationale wirtschaftliche Vernetzung weitreichende Versorgungsabhängigkeiten nach sich ziehen konnte. Auch wenn eine städtische Lebensmittelversorgung im Krieg als mikrohistorische Untersuchung gewertet werden kann, wie Meier selbst festhält, zeigt sie sich dank dieser Untersuchung als vielfach vernetztes lokales Geschehen.

Der Basler Lebensmittelmarkt der Vorkriegszeit war bereits zu wesentlichen Teilen globalisiert. Internationale und regionale Versorgungsbeziehungen griffen ineinander und funktionierten in gegenseitiger Abhängigkeit. Auch wenn diese Situation für die gesamte Schweiz festgestellt werden kann, verschärfte die Grenzlage der Stadt Basel und deren geringes ländliches Umfeld im Kanton die Versorgungssituation im Ersten Weltkrieg, als Grenzen geschlossen und die Warenein- und -ausfuhr national – bzw. auch von den Agenturen der Entente und Deutschlands – und lokal kontrolliert wurden. Deshalb sieht die Autorin ihren Untersuchungsgegenstand angesiedelt an einer „Schnittstelle zwischen Weltgeschehen, dem Bedürfnis der lokalen Bevölkerung und den politischen Maßnahmen der neutralen Landesregierung“ (S. 25).

Die Autorin untersucht die Lebensmittelversorgung entlang dreier zentraler Themen. Diese repräsentieren den jeweiligen politischen Blick auf die Möglichkeiten, wie die Versorgung der Bevölkerung aufrechterhalten und sichergestellt werden sollte: Zum einen behandelt sie das Beschaffungswesen, zu dem die Kontrolle des Abflusses von Lebensmitteln durch den Grenzverkehr – des „Wuchers“ (insbesondere des spekulativen Zwischenhandels) und des Schmuggels – sowie die Hebung der Nahrungsmittelproduktion durch Pflanzgärtenförderung und Anbaulenkungen für die Landwirtschaft gehörten. Das zweite Thema betrifft den Lebensmittelmarkt, seine Beobachtung und die Lenkungsmaßnahmen über Preispolitik, Verteilpolitik, Rationierung und Bekämpfung des Schwarzmarktes. Dabei widmet Meier ein Unterkapitel den Grundlagen dieser Politik, dem Wissen aus den bereits in der Vorkriegszeit begonnenen statistischen Arbeiten, die im Krieg eine deutliche Aufwertung erfuhren. Im Rahmen des dritten Themas behandelt die Autorin die Fürsorgemaßnahmen, die bestanden im Wesentlichen aus den Massenspeisungen (Volksküchen) und die durch den Bund mitfinanzierte Notstandsaktion bestanden. In der Darstellung dieser konkreten Maßnahmen erweitert sie die Kenntnisse über die Aktivitäten von Kommunen zur Sicherung der Lebensmittelversorgung und zur Linderung kriegsbedingter Mangelernährung und Hungersnot.[2]

Meier bezog ihr reiches Quellenmaterial insbesondere aus dem Staatsarchiv Basel, daneben nutzte sie Bestände des Schweizerischen Wirtschaftsarchivs, des Bundesarchivs in Bern sowie weiterer Archive und Bibliotheken. Das Korpus setzt sich im Wesentlichen aus Verwaltungsakten zusammen, umfasst punktuell aber auch Nachlässe, Zeitungsmaterial, Foto- und Erinnerungsalben. Sie arbeitete mit einer klassischen qualitativ hermeneutischen Methode.

Neben der beschreibenden Erarbeitung der Versorgungssituation der Basler Bevölkerung und deren Einflussfaktoren ging es der Autorin auch darum, die Entwicklung derselben und der städtischen Politiken hinsichtlich der Lebensmittelversorgung zu erfassen und in Phasen zu gliedern. Sie ging dabei von der von Roman Rossfeld und Tobias Straumann vorgeschlagenen Periodisierung aus, die für die eigentlichen Kriegsjahre drei Phasen des Wirtschaftsgeschehens ausmacht, und jener von Juri Auderset und Peter Moser, die aufgrund der anschließenden „Ernährungskrise“ für 1918 von einer vierten Phase ausgehen.[3] Meier hält in ihren Schlussbemerkungen fest, dass sich die Periodisierung von Auderset/Moser grundsätzlich für Basel bestätigen lasse: Der kurzen Phase nach Kriegsbeginn sei eine längere Phase der Kriegskonjunktur gefolgt, die dann von einer Zeit der Wende in der Lebensmittelpolitik, einsetzend im Winter 1916/17, abgelöst worden sei. Die Schlussphase des Krieges sei schließlich von einer tiefgreifenden Versorgungs- und Ernährungskrise beherrscht gewesen (S. 315).

Von diesen Phasen abweichend hätten sich allerdings, so Meier, die Krisenwahrnehmung der Bevölkerung und die Lebensmittelpolitik entwickelt. Anfänglich habe es lange gedauert, bis der Kanton Basel-Stadt und der Bund ein Eingreifen als notwendig einschätzten und schließlich zu (effektiveren) Maßnahmen griffen. Als Hinderungsgründe für eine raschere Reaktion sieht sie die föderalistische Struktur in Befugnissen, die den kantonalen Bedürfnissen entsprechende Maßnahmen verzögerten, sowie die „Klassengesellschaft“ (S. 316). Diese sei gestützt worden durch das Notrecht, in dem nur wenige Kreise überhaupt in politische Prozesse einbezogen waren. Insbesondere betont sie den nachhaltigen Ausschluss der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften. Erst mit der deutlichen Verschlechterung der Versorgungssituation im Winter 1916/17 habe der Bundesrat – allerdings „chaotisch und unkoordiniert“ (S. 316) – Schritte in Richtung Sozial- und Fürsorgestaat unternommen, die dann in die Kontingentierung und die Notstandsaktion mündeten. Die nun getroffenen Entscheidungen bedeuteten gleichzeitig aber auch eine Einengung des Handlungsspielraums von Kanton und Stadt, die nun eher zu Vollzugsorganen des Bundes wurden. Nicht unwesentlich für behördliche Schritte sei die jeweils krisenhaft sich verschärfende soziale Unrast gewesen.

Meiers Arbeit eröffnet Einsichten in unterschiedlichster Hinsicht, die hier zwar nicht alle, aber zumindest vereinzelt kurz beleuchtet werden sollen. So berichtet sie etwa davon, dass und wie sich die mangelhafte Lebensmittelversorgung in der körperlichen Verfassung der Bevölkerung niederschlug: so in den Durchschnittswerten für das Geburtsgewicht, im Wachstum von Knaben und der Größe der Erwachsenen. Sie zeigt aber auch, dass die Entbehrungen das städtische Zusammenleben strapazierten, sodass es auch zu Feindbildproduktionen kam, etwa einer „Wucherpsychose“, die auch einen antisemitischen Einschlag hatte (S. 218–225). Außerdem diskutiert sie im Schlussteil die Frage, inwiefern die ungenügende Lebensmittelversorgung ein Faktor für den Landesstreik war – eine Frage, die durchaus kontrovers diskutiert wird. Dafür fragt sie nach den schichtspezifischen Auswirkungen. Sie stellt fest, dass die ärmsten Teile der Bevölkerung zwar Mangel litten, aber auch am kontinuierlichsten unterstützt wurden. Es sei insbesondere der Mittelstand gewesen, der lange keine Unterstützungsberechtigungen und gleichzeitig Abstiegsängste besaß, was ihn verunsicherte und mit seiner Existenz grundlegend unzufrieden werden ließ.

Die vielschichtig interpretierten Ergebnisse machen die Studie für ganz unterschiedliche Fragestellungen interessant und anregend. Meier hat mit einem klar strukturierenden Blick die Thematik in einen überzeugenden Aufbau überführt. Es entsteht ein reichhaltiges und vielseitig interpretiertes Bild der Lebensmittelpolitik im Kräftefeld unterschiedlichster Interessen und einer durch die Kriegsverhältnisse stark belasteten Bevölkerung.

Anmerkungen:
[1] Vgl. „Die Schweiz im Ersten Weltkrieg: Transnationale Perspektiven auf einen Kleinstaat im totalen Krieg. Sinergia 141906“, in: P3, SNF-Forschungsdatenbank: <http://p3.snf.ch/Project-141906> (10.06.2017). Aus diesem Projekt sind weitere fünf Dissertationsschriften entstanden, vgl. die Reihe: Die Schweiz im Ersten Weltkrieg <https://www.chronos-verlag.ch/reihen/2302> (besucht am 05.08.2021).
[2] Für Zürich erschienen u.a. Ismael Albertin, Die Massnahmen des Zürcher Stadtrats zur Verbesserung der Lebensmittelversorgung 1914–1921, in: Daniel Krämer / Christian Pfister / Daniel Marc Segesser (Hrsg.), „Woche für Woche neue Preisaufschläge“. Nahrungsmittel-, Energie- und Ressourcenkonflikte in der Schweiz des Ersten Weltkrieges, Basel 2016, S. 211–233; Gertrud Schmid-Weiss, Schweizer Kriegsnothilfe im Ersten Weltkrieg. Eine Mikrogeschichte des materiellen Überlebens mit besonderer Sicht auf Stadt und Kanton Zürich, Köln 2019 (Zürcher Beiträge zur Geschichtswissenschaft, Bd. 10).
[3] Roman Rossfeld / Tobias Straumann, Zwischen den Fronten oder an allen Fronten? Eine Einführung, in: Dies. (Hrsg.), Der vergessene Wirtschaftskrieg. Schweizer Unternehmen im Ersten Weltkrieg, Zürich 2008, S. 11–59, hier S. 23–2; Juri Auderset / Peter Moser, Die Agrarfrage in der Industriegesellschaft. Wissenskulturen, Machtverhältnisse und natürliche Ressourcen in der agrarisch-industriellen Wissensgesellschaft (1850–1950), Wien 2018, hier S. 134–136.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.09.2021
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/
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