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Titel
La vocazione. Storie di gesuiti tra Cinquecento e Seicento


Autor(en)
Prosperi, Adriano
Reihe
Einaudi storia
Erschienen
Turin 2017: Einaudi
Anzahl Seiten
XIX, 250 S.
Preis
€ 30,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martina Calì, Universität Heidelberg

Adriano Prosperi untersucht das Problem der Berufung von Mitgliedern der Societas Iesu und stützt sich dabei methodisch auf individuelle Fälle und entsprechende Quellen. Zentral ist für Prosperi das Ritual der Berufung, welcher der Jesuit „perinde ac cadaver“ – „als ob er tot wäre“ – folgen musste und das blinden Gehorsam gegenüber den Ordensvorstehern forderte. Laut Prosperi liegt denn auch das Geheimnis des Erfolgs des neuen, in der Zeit der Gegenreformation gegründeten Ordens darin, dass er gegenüber seinen Mitgliedern einen institutionalisierten, radikalen Verzicht auf vergangene soziale Beziehungen forderte, was insbesondere auch Familienmitglieder betraf. Kern der jesuitischen Theologie sei die Hochschätzung des individuellen Verdienstes gewesen. Der Orden habe auf den individuellen Fähigkeiten seiner Mitglieder beruht, die einsam und unabhängig ihre Missionen weltweit erfüllten. Von dieser Prämisse ausgehend, verfolgt Prosperi die Zwecke der Societas Jesu: den Katholizismus zu schützen und zu verbreiten und die Ausbreitung des Protestantismus und anderer reformatorischer Gruppen zu hemmen. Dabei haben die mittelalterlichen Orden mit den Jesuiten nichts gemein, da sich Erstere besondere Regeln auferlegten, die die individuelle Dimension eher uniformierten und lediglich das traditionelle Armuts- und Keuschheitsgelübde forderten. Noch radikaler ist der Unterschied zwischen der jesuitischen und der protestantischen Perspektive in Bezug auf die Wertschätzung ethischen Verhaltens: Denn im Protestantismus ist Verdienst keine Garantie dafür, dass der Mensch seinen Zustand als Sünder verbessert.

Die vielfältigen Talente der Mitglieder der Societas Jesu spiegeln sich in ihren Berichten wider, die Prosperi als Quellen aufnimmt. Die Vocationes Illustres sind selbst verfasste Berichte der Jesuiten, die ursprünglich dazu dienten, eine Geschichte der Gesellschaft Jesu zu verfassen. Dieses Projekt datiert auf das Jahr 1571, als Juan de Polanco, Sekretär des Ordens, begann, eine Biografie des Begründers des Ordens und die Chroniken der Gesellschaft zu schreiben. Zur Historia Societatis fügte Polanco in seinem Werk eine Briefsammlung von Jesuiten aus allen Teilen der Welt hinzu. Ein solches Projekt sollte einen wesentlichen Schritt zum Aufbau des historischen Gedächtnisses der Societas Jesu leisten, die zu diesem Zeitpunkt noch ein sehr junger Orden war und daher eine fundierende Eigengeschichte benötigte.

Die Berichte handeln im Kern von Jesuitenbiographien und vor allem den Reaktionen seitens der Familien der Jesuiten. Sie orientieren sich an folgendem Schema: Entscheidung des Sohnes, in den Jesuitenorden einzutreten – Eintritt ins Kolleg – massiver Widerstand der Familie – Versuch der Eltern, den Sohn in die familiäre Sphäre zurückzuführen – Flucht des Sohnes oder seine Rückkehr ins Elternhaus mit den sich anschließenden negativen Auswirkungen. Der Darstellung dieser Konsequenzen bzw. der Einflüsse des Teufels auf das Leben derjenigen, die ihre Berufung verraten haben, widmet Prosperi ein ganzes Kapitel. Es ist deutlich, dass solche Erzählungen nicht direkt von den Betroffenen, sondern von anderen Mitgliedern verfasst wurden. Die „Berufung“ wird daher zu einer Schwelle zwischen dem alten und neuen Leben. Die Autoren ziehen dabei die Verwendung der dritten Person bei der Verfassung der Berichte vor. Sie wird etwa von Kardinal Bellarmino dadurch gerechtfertigt, dass sich der Jesuit der Prahlerei schäme und eine distanzierte Wiedergabe der Ereignisse dieser Gefahr entgegenwirke. Prosperi betont zu Recht, dass die untersuchten Quellen weder der Idee einer modernen Autobiographie entsprechen, noch der einer klassischen Confessio, als welche sie die ältere Forschung lange verstand. Zudem führt Prosperi aus, dass die Praxis jesuitischen Schreibens einerseits als Antwort auf die protestantische Aufwertung der Legitimation des Einzelnen durch autonome Bibellektüre und -interpretation angesehen werden kann. Andererseits weisen diese Schriften keine Kontinuität zur mittelalterlichen Tradition der Hagiographie auf, da diese ihren Schwerpunkt ausschließlich auf die Beschreibung der wundersamen Dimension im Leben der Heiligen legte. Den Jesuiten ging es dagegen ausschließlich darum, den Lesern zu zeigen, dass die Berufung und der blinde Gehorsam eine Frucht des freien menschlichen Willens seien.

Um diesen Akzent noch schärfer zu betonen, entwickelten die Jesuiten – ganz im Gegensatz zur protestantischen Lehre – auch eine eigene Theologie der Berufung. Die protestantischen Konfessionen legten die „Berufung“ eher pragmatisch als gesellschaftliche Positionierung des Menschen aus, ohne dass eine Möglichkeit zur Rettung durch die sorgfältige Ausübung des eigenen „Berufs“ denkbar gewesen wäre. Demgegenüber antwortete die katholische Theologie mit dem Verständnis von „Berufung“ im Sinne einer individuellen „Einladung“ Gottes zur Verbesserung der eigenen sündigen Natur und zur Übernahme der eigenen Verantwortung bei der Wahl zwischen Gut und Böse, was den Menschen zum Lenker des eigenen Schicksals mache. Um den Willen der Person durch spezifische tägliche Übungen, geistige Meditation, Beten und Prüfen zu orientieren und zu führen, waren besonders die von Ignazio de Loyola 1548 verfassten „Ejercicios spirituales“ geeignet.

Die Umsetzung dieser Praxis offenbart am Ende das Projekt Gottes und die Berufung derjenigen Personen, die sich dieser Übungen unterzogen. Um die theoretische Kohärenz der katholischen Gnadenlehre zu sichern, betont beispielsweise Kardinal Bellarmino die zentrale Bedeutung, welche der Beharrlichkeit des – von Gott erleuchteten – menschlichen Willens zukomme, der sich im Lauf des Lebens immer wieder gegenüber zahlreichen Widrigkeiten zu behaupten habe. Der Jesuit (und der Gläubige allgemein) entgehe nur dank seiner Ausdauer der Gefahr, von seiner Berufung abzufallen. Somit trugen die Jesuiten dazu bei, den Diskurs über die Gnade in der katholischen Perspektive zu verstärken.

Die erste von Prosperi untersuchte „Autobiographie“ ist jene Kardinal Bellarminos, der unter anderem im Prozess gegen Galileo Galilei sowie in dem zur Todesstrafe führenden Verfahren gegen Giordano Bruno eine Rolle spielte. Die Erzählung von Bellarmino wiederholt das oben genannte Schema und setzt den Akzent auf die Spontaneität des Phänomens der „Berufung“, wobei der externe Druck bei einer solchen Entscheidung verschleiert wird.

Dass die behauptete Spontaneität lediglich zum Teil der Wahrheit entsprach, beweist Prosperi im zweiten Teil seines Buches, in dem er die von den Jesuiten angewandten Strategien untersucht, um neue Mitglieder zum Eintritt in die Societas zu überzeugen. Die Pädagogik eines Ordens, der sich auf wenige hochbegabte und talentierte Menschen konzentrierte, die besondere intellektuelle sowie moralische Eigenschaften bewiesen, enthielt bereits insofern die Voraussetzungen zu der beschriebenen Form der „Berufung“, als die Schüler (etwa vierzehnjährige, als Putti bezeichnete Jugendliche) keinem externen Kontakt oder Ablenkungen ausgesetzt waren.

Die Räume zur Ausübung dieser Pädagogik waren die Collegia, die eine hochqualifizierte und kostenlose Bildung anboten. Als Bildungsinstitution wurden sie nie zu offiziellen Universitäten, aber doch zu Einrichtungen, die im Wettbewerb zu diesen standen und die versuchten, neue Studenten mit originellen Studienplänen an sich zu ziehen. Unterrichtet wurden unter anderem lateinische, griechische und hebräische Philologie (neben Philosophie und Theologie, die auch an den Universitäten gelehrt wurden), wobei die alten Sprachen anhand von Originaltexten der Humanisten gelehrt wurden. Die Collegia bildeten also ihre Schüler in den modernsten Fächer der humanae litterae aus. Die Ordensoberhäupter nutzten zudem dieses Angebot, um ihren Wunsch zu verwirklichen, dass auf die Bildung der Schüler eine „spontane“ Berufung folgte.

Im dritten Teil der Publikation wird ausführlich und mit einzelnen Beispielen die Unterwanderung der traditionellen Familienhierarchien als Folge der Berufung untersucht, da die betroffenen jungen Männer ihre Entscheidung sehr häufig gegen den Willen der Eltern („inconsultis vel invitis parentibus“) trafen, und dies familiäre Konflikte auslöste. Prosperi sieht in diesem Widerstand den Ursprung des Antijesuitismus, der sich in den folgenden Jahrzehnten immer mehr verstärkte, bis er Mitte des siebzehnten Jahrhunderts in den Lettres provinciales von Blaise Pascal einen besonders deutlichen Niederschlag fand.

Der Antijesuitismus begann bereits – um nur ein Beispiel zu nennen –, als der Vater von René Ayrault in einem Brief an König Henrich III. von Frankreich die Jesuiten als öffentliche Feinde („publici hostes“) bezeichnete, da sie die traditionelle väterliche Autorität über die Söhne umstürzten; René selbst wurde von seinem Vater wegen seiner Berufung nicht angeklagt, sondern eher als Opfer einer Verführung betrachtet. Prosperi kann demgegenüber mit Blick auf die Praxis zeigen, dass der Konsens der Mutter für den Eintritt des Sohnes in den Orden eine größere Rolle spielte als der Wille des Vaters. Viele Mütter verweigerten allerdings ihre Zustimmung und versuchten, bei ihren Söhnen Schuldgefühle zu wecken, damit diese zum Elternhaus zurückkehrten.

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Veröffentlicht am
07.09.2020
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